Schlechte Ernte und die Bitte um Aufschub – Brief von 1778


Stellt euch vor, ihr geht auf einen Trödelmarkt und seht einen hübschen, alten Brief mit Siegel und beschließt, ihn zu kaufen.

… und dann bietet euch der Verkäufer an, aus mehreren zu wählen.

… und hat auch noch andere Schriftstücke zur Auswahl.

… und ihr stellt fest, daß es sich um den kompletten Schriftverkehr einer Braunschweiger Gutsbesitzer-Familie handelt.

Würdet ihr dann nicht auch die gesamte Klappbox mit hunderten Schriftstücken nach ausgiebigem Feilschen zu einem verhältnismäßig geringen Preis kaufen? Könnt ihr aber nicht, weil ich es schon getan habe.

Mein erster Sortier-Versuchvon Damm

Zu hause angekommen fing dann die Sichtung an. Es gibt Rechnungshefte in denen Einnahmen und Ausgaben akribisch notiert sind, Briefe an und von Notaren, Assessoren und Bauern, Pacht-Verträge, Lehns-Listen, Quittungen, Rechnungen aus den Jahren 1694 bis in die 1920er Jahre.

Viele werden fragen: „Wozu?“ Ich sage: „Nur so!“

Ich werde immer mal wieder das eine oder andere Stück hier vorstellen.

Heute beginne ich mit einem Brief der Bauern der Gemeinde Pabstorf in Sachsen-Anhalt, die kurioserweise früher teilweise zum Herzogtum Braunschweig und zur anderen Hälfte zu Preußen gehörte. Man kann deutlich sehen, daß es im Dorf nur wenige gab, die lesen und schreiben konnten. Einer von ihnen wurde zum Briefeschreiber bestimmt und hat hier nach bestem Können losgeschrieben. Oftmals verliert er sich in Sätzen, die kein Ende finden.

Hier der Brief, darunter die Transkription.

Anschrift auf dem Briefumschlag: Dem Hoch Wohlgeb und Hoch zu Ehrend Herren Herren (ja, es steht hier doppelt). Dam á Braunschweig – Franco Cito (ihr seht am Ende von „Wohlgeb“ und „Ehrend“ eine kleine Linie nach unten – sie bedeutet jeweils eine Wortendung, die eh bekannt ist „wohlgeborener“ „ehrender“ usw.)

von Damm Anfrage

Ich  habe fehlende Buchstaben in Klammern eingefügt um die Lesbarkeit etwas zu erleichtern. Sofern über manchen Buchstaben ein Strich steht, bedeutete das früher eine Buchstaben-Verdoppelung. Aus m wurde mm – z.B. in der 5. Textzeile hier)

von Damm

Hoch Wohlgeborne Herrn
und
hoch zu Ehrende Herrn v. Dam(m)

Hoch Wohlgeborne Herrn, da sie ein Schreiben an die Gemeinde Pabstorf haben ergehen laßen und wir selbiges am 22ten Julli erhalten haben von wegen des Someringer Zehnt Pachtung daß nemlich Ihro Hoch Wohlgeborhne Herrn den Qu(a)ntum (?) des Pacht Geldes jährlich zu 215 Thaler bestimmt und fest gesetzet haben dar(a)uf wir Geschworne der Gemeinde solches vorgelesen haben was sie dazu sagten darauf wir antwort erhilten es wäre nach jetzigen Korn Preiß Schwer genug aber was wolte es sagen wen Ihro Hoch Wohlgeborne Herrn v. Dam(m) nicht anders wol(l)ten so wol(l)ten sie es den(n)och für dieses mal anoch wagen und auf 6 nach ein ander folgende Jahre einen neuen Contract auf selbige wieder

von Damm Anfrage

auf richten wen(n) Ihro Hoch Wohlgeb’n solches haben wollen sie herine nicht zu wiedern sein.

Wir hoffen auf Gott das er die Zeiten wieder endert und auch den beforstehenden Krig auch ändern wolle nach seinem gnädigen Erbarmen.
Nun wäre hierzu Großnöthig daß wir Vorstehers der Gemeinde Pabstorf zu Ihro Hoch Wohlgeb komen und eine Neuen Contract wieder bestätigten in Nammen der Gantzen Gemeinde. Aber da die Zeit hin gelaufen und die Erndte angekomen ist also bitten wir Ihro Hoch Wohlgeboh. Herrns v Dam uns nicht übel nehmen wen(n) wir nach geendigter eiliger Ernte arbeit herüber komen und solches in Gottes nahmen den(n) Verichten dabey versichern wir aber in Nahmen der Gantzen Gemeinde daß wir an unser Seite so dieses halten als wen würcklich und Wahr ein neuer Contract bestätiget wäre. Von uns also Bitten wir sämtliche Vorstehers uns von Ihro Hoch Wohlgeb aus unns doch wieder antwort schreiben, daß wir

von Damm Anfrage

dennen iheren Zehnten aus den Someringer Felde mit den v. Günneckeschen einfahren kön(n)en weil wir denselben auf 6 ein ander folgende Jahre gepachtet haben und den 30ten dieses den Contract erhalten haben auch bitten wir noch wan den nun auch von Ihro Hoch Wohlgeb bestimt werden möchte ein termin nach der Ernte in ihren Schreiben wan wir herüber komen sollen und den Contract bestätigen zu dem ende bitten wir uns von Ihro Hoch Wohlgeb eine baldige antwort aus und ___________ Hochachtung gegen Sie geneiget und bereit willigste Vorstehers der Gemeinde Pabstorf d 31ten Julli 1778

Henning Joachim Zabel
Hanß Curdt Harfing                      } zeitige Bauermeisters
Christoph Salzmann

Wer Informationen zu dem erwähnten „bevorstehenden Krieg“ beisteuern kann, möge einen Kommentar hinterlassen.

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Eine Antwort zu “Schlechte Ernte und die Bitte um Aufschub – Brief von 1778

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