Wo man singt, da laß‘ Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder – Liederbuch der HJ *


* Sollte sich jemand durch diesen Artikel oder die Beschreibung persönlich, ethnisch oder in sonstiger Weise getroffen fühlen, bitte ich, sich mit mir in Verbindung zu setzen um die Angelegenheit zu klären.

Wer dem in der Überschrift zitierten Lied von Johann Gottfried Seume in den 1930er Jahren Glauben geschenkt hat, wird auf seinem Weg durch die Straßen Deutschlands schnell eines Besseren belehrt worden sein. Egal, welcher politischen Strömung man sich zugehörig fühlte, Kommunisten oder Nationalsozialisten, beide hatten aggressive Lieder und beide haben ausgiebig von Gewalt gegen Andersdenkende Gebrauch gemacht.

Bei der Gelegenheit, lest euch mal den Wikipedia-Artikel zum Begriff Nazi durch. Es kam die Überlegung, ob sie nicht korrekt Nasos hätten heißen müssen, da habe ich mal nachgeschaut: „Nazi“ war ursprünglich eine Koseform des Vornamens Ignaz, der in Bayern und Österreich häufig war. Abwertend gebraucht wurde der Begriff für eine einfältige, törichte Person und für Deutsch-Österreicher und Deutsch-Böhmen. Wie recht sie hatten. Der komplette Artikel ist hier zu finden.

Zurück zum Artikel des Tages. Zwei kleine Heftchen von ca. 1936 und 1937/38 in „undeutscher“ Sütterlin-Schrift, die im Normalschrifterlass Martin Bormanns 1941 zum 1. September desselben Jahres verboten wurde. Aus heutiger Sicht ist es mir ganz recht, daß die Schrift nicht mehr für jeden Deppen lesbar ist.

Wir schreiten über die Straßen – Lieder der Hitlerjugend – Heft 2

Herausgegeben im Auftrag des Gebiets der Hitlerjugend in Württemberg

Heft 3 sieht genauso aus, ist aber rot.

Ich darf euch mal ein paar Strophen aus dem blauen Heftchen wiedergeben. Stellt euch dabei einen Haufen 14 bis 18-jähriger vor, die Jüngeren himmeln die Älteren an, aber alle singen begeistert mit, weil der Text in der ländlichen Theorie so stolz und ein bißchen völkisch klingt. Drei bis sechs Jahre später war wahrscheinlich die Hälfte von ihnen tot, verwundet oder doch zumindest traumatisiert.

  • 1.   Auf, deutsche Schmiede, hämmert
  • stahlhart das deutsche Herz,
  • blutrot der Morgen dämmert,
  • rings starrt die Welt in Erz.
  • Drum, Brüder, reicht die Hand.
  • Gott, Freiheit, Vaterland.
  • Drum, Brüder, reicht die Hand.
  • Gott, Freiheit, Vaterland!
  • 3. Laßt euch die Wege weisen
  • zur Weichsel und zum Rhein.
  • Und eure Faust sei Eisen
  • und euer Herz sei Stein.
  • Die Feinde überrannt:
  • Gott, Freiheit, Vaterland!
  • 4.  Brecht durch nach allen Seiten
  • rings wie ein brausend Meer!
  • Und unsre Ahnen schreiten
  • im Sturme vor uns her!
  • Drum lodre, Weltenbrand:
  • Gott, Freiheit, Vaterland!

oder „Das letzte Aufgebot“:

  • 1.   Wenn einst von allen Bergen die Freiheitsfeuer glühn,
  • Wenn durch die deutschen Gauen die braunen Scharen ziehn,
  • Dann wisse du Novemberstaat, wir sind bereit zur Opfertat,
  • Wir sind der deutschen Freiheit letztes Aufgebot!
  • 2.   Wenn einst durch deutsche Lande der Ruf nach Rache gellt,
  • Durch unsrer Schritte Dröhnen, was morsch, in Trümmer fällt,
  • Dann wisse …

„Der Tod“

  • 1.    Wir traben, wir traben ins rote Turnei
  • wir fliegen an Gräben und Hecken vorbei.
  • Die Sonne verloht, das Käuzlein ruft hell,
  • und der Tod, der Tod ist unser Gesell.
  • 3. Du daheim mir geblieben, du Mägdelein schlank,
  • die Augen, deine lieben, was schaun sie so bang!
  • Die Blümelein rot verwehen im Wald,
  • und der Tod, der Tod küßt den Reitersmann bald.

Ich habe ein wenig herumgegoogelt und festgestellt, daß die meisten dieser Lieder heute – zu Recht – vergessen sind. „Schwarztbraun ist die Haselnuß“ und „Im Frühtau zu Berge“ sind auch enthalten, die kennt man noch.

Das rote Heft wartet durch weitere unschöne Lieder auf.

„Vorwärts! Vorwärts!“, das erste Lied, wird vielen unter diesem Titel nichts sagen, weil sich der Beginn des Refrains dieses von Baldur von Schirach geschriebenen Liedes als Titel eingeprägt hat, wie weitere „Vorzeige-Lieder“ der Nazis: Unsre Fahne flattert uns voran.

Weiter hinten

  • 1.  Wir heben unsre Hände aus tiefster bittrer Not.
  • Herr Gott, den Führer sende, der unsern Kummer wende mit mächtigem Gebot, mit mächtigem Gebot!
  • 2.  Erwecke uns den Helden, den seines Volks erbarm,
  • des Volks, das nachtbeladen, verkauft ist und verraten in unsrer Feinde Arm!
  • 3.   Erwecke uns den Helden, der stark in aller Not,
  • sein Deutschland mächtig rühret, dein Deutschland gläubig führet ins junge Morgenrot!
  • 4.  Wir weihen Wehr und Waffen und Herz und Mund und Hand!
  • Laß nicht zu Schanden werden dein liebstes Volk auf Erden und meiner Mutter Land!
  • Ernst Leibl, 1917

Wenn man die Lieder aus heutiger Sicht betrachtet, haben sie ja alles geschafft, was sie besungen hatten: „eure Faust sei Eisen und euer Herz sei Stein“, „Weltenbrand“, „der Tod ist unser Gesell“ und „wir sind bereit zur Opfertat“.

Also, hört zukünftig genau hin, wenn gesungen wird und habt ruhig den Mut, Missklänge aufzuzeigen und mit einer krächzenden Tröte dazwischen zu tuten!

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Über moopenheimer

Sammler, Bewahrer, Wissender, Verreiser, Genießer, Chaot

5 Antworten zu “Wo man singt, da laß‘ Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder – Liederbuch der HJ *

    • immer diese vorauseilenden Entschuldigungen….Entschuldigung dass ich eine Meinung habe, Entschuldigung dass ich atme…:-) Hast Du schon ein einziges Mal in einem Buch über Geschichte gelesen, dass sich der Auto dafür entschuldigt, über eine Ära zu erzählen ?

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