Mein rechter, rechter Platz ist leer. Karten bei Tisch


Bei Kindergeburtstagen wurde es (früher) so gehandhabt, aber auch wer zum Dîner lud, platzierte Gäste so, daß sich harmonisierende Sitznachbarn fanden, die den Abend in gelöster Heiterkeit miteinander verbringen würden. Das war nicht einfach. Herr X konnte keinesfalls neben Frau Y sitzen. Diese allerdings auch nicht zu weit entfernt vom Kopf der Tafel, mindestens aber vor Herrn Z. Eine Aufgabe, die durchaus ein wenig Fingerspitzengefühl und logistisches Talent erforderte.

Hatte der Gastgeber schließlich die Sitzordnung festgelegt, wurden auf die gedeckte Tafel Namenskärtchen gelegt.

Für einen Kindergeburtstag im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts sah das zum Beispiel so aus. Robert und Andrée waren eingeladen. So wie es aussieht, hat das Geburtstagskind, das entweder noch recht klein oder – wie ich – unfähig war, mit der Schere umzugehen, die Kärtchen selbst ausgeschnitten.Chromo Einladung

 

Zum Geburtstag von dem die nächsten Karten stammen, wurden auch Mama und Papa eingeladen.

Menu

 

Bei den Erwachsenen sah das schon etwas hübscher aus. Hier seht ihr vier Karten der Firma Liebig, die noch unbenutzt sind, worüber ich wiederum sehr froh bin. Sie stammen aus dem Jahr 1893 und wenn ihr hier klickt, wisst ihr, wieso es mich freut, daß keine Gastgeberin draufgeschrieben hat.

 

Benutzte Platzkärtchen kommen hier. Am 12. Januar 1869 fand ein Dîner statt, bei dem unter anderem Mademoiselle Devonge, Monsieur Allard sowie der unvergessene Monsieur Frederic Bex teilnahmen.

 

Auf manchen Karten wurde die Rückseite dazu verwendet, die Speisenfolge aufzuschreiben. Bei diesem Essen wäre ich gern dabei gewesen. Ich kann zwar kaum etwas davon verstehen, aber die Menge der Gänge lässt die Gourmet-Abteilung meines Gehirns Freudenhormone ausschütten. Es beginnt mit einer Suppe (Potage) gefolgt von drei mir unbekannten Gängen, geht über Poulet (Huhn), Canards (Ente) und Dinde truffé (Putentrüffel) zum Salat über, Haricots verts (grüne Bohnen) und petite pois (Erbsen) beschließen die Hauptgänge. Gegen Ende wurde eine Bombe glacée (Eisbombe), Crêmes aus Café und Schokolade, Dessert, Café und Liqueur gereicht. Und dann war auch schon Schluß.

 

Legte der Gastgeber mehr Augenmerk auf eine schöne Speisekarte, hat er / sie vermutlich statt der Rückseite eines Namenskärtchens eine schön gedruckte Menü-Karte an jeden Platz positioniert.

 

Die war vermutlich vor geschätzten 130 Jahren noch nicht so fleckig, aber der Zahn der Zeit hat diesen Karten doch etwas ihrer Jungfräulichkeit genommen.

 

Einige sehen besser aus, manche schlechter. Speziell die Karten der Firma Liebig Fleischextrakt sind heute etwas schwieriger zu finden als andere. Das spiegelt sich bedauerlicherweise mitunter in den Preisen wider.

 

Sehr abgelebte Karten bekommt man auf dem Trödelmarkt für ein paar Euro:

 

Wohingegen die besser erhaltenen nur mit etwas Glück auf dem Flohmarkt gefunden werden (dann auch nur in Frankreich). Fündig wird man da bei einschlägigen Händlern, die einem die Sucharbeit auf Marktebene abnehmen.

 

Ab einem bestimmten Grad, ist selbst die Erhaltung nicht mehr ganz so wichtig. Und ob sie beschrieben sind oder nicht ist hier nicht wertentscheidend. So habe ich nach dem Kauf dieser drei Karten zu einem Preis, den ich euch nicht verrate, den ganzen Tag lang über beide Ohren gelacht.

Auf diesem Bild die linke Karte von 1897 findet ihr auch hier.

 

Und eine dieser beiden findet ihr hier. (ich hab sogar zwei – was sich bei dem angegebenen Einzelkarten-Preis noch viel schöner anfühlt)

 mmh… Beef Tea

Findet man irgendwo zwei Karten einer Serie, die selbst der Händler seinerzeit noch nicht hatte und sind die dann auch noch in einem Top-Zustand trotz einer Form, die regelrecht nach abgerissenen Köpfen schreit, dann kann man auf diesen Preis pro Karte noch locker einiges draufschlagen. Mein bestes Angebot war bisher den gezeigten Preis mit 3 multipliziert. Pro Karte !!!

 

Inzwischen hat der Gute sie auch gefunden, aber garantiert viel mehr dafür bezahlt als ich.

 

Das war’s für heute. Ein kleiner Ausflug in die Welt des schön gedeckten Tisches. Mehr Artikel zum Thema Liebig findet ihr hier (Haushaltungs-Kalender) oder hier (alles Mögliche zu Liebig)

 

 

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Über moopenheimer

Sammler, Bewahrer, Wissender, Verreiser, Genießer, Chaot

Eine Antwort zu “Mein rechter, rechter Platz ist leer. Karten bei Tisch

  1. Nick Bolton

    Vielen Dank für Deine Berichte über Sammelbilder. Ich bin selbst Sammler von frühen (1872-1920), deutschsprachigen Kaufmannsbildern und habe inzwischen ca. 100.000 Exemplare! Falls Du an weitere Bilder interessiert bist, habe ich eine Menge Doubletten, die ich gern tausche oder verkaufe – ich suche auch viele Bilder noch. Man wird nie komplett! Ich habe auch im Jahr 2011 einen Kaufmannsbilder Katalog herausgegeben mit Infos über 370 deutschsprachige Firmen und 20 Druckanstalten. Wie Du siehst, bin ich verrückt nach den kleinen Bildchen!
    Weiterhin wünsche ich Dir viel Spaß mit Deiner wunderbaren Website und ein Ephemera-reiches 2015!

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