Deutschen Kindern deutsche Namen! – Vornamenbuch von 1912


Sage mir, wie Du heißt und ich sage Dir, welche Bildung Deine Eltern haben!

 

Wer glaubt, daß es Diskussionen über scheinbar alberne, unpassende und unpatriotische Namen erst seit unseren Tagen gibt, der irrt. Dieses Thema verdanken wir aber auch nicht erst den braunen Hütern der weißen Rasse.

Heute möchte ich euch einen Beweis liefern, daß der „gute, alte, deutsche Vorname“ auch schon 1912 Grundlage für Empfehlungen und patriotische Schriften war.

Direktor E. Kluth vom Städtischen Lyceum zu Lichtenberg hat unsere Ausgabe mit dem Untertitel „Deutschen Kindern deutsche Namen!“ verfaßt. 

 

Wer mag, kann sich das Inhaltsverzeichnis durchlesen. Bemerkenswert ist die um 1912 gebräuchliche Formulierung, z.B. „Warum sollen wir unsern Kindern deutsche Vornamen beilegen?“. 

 

Daß die Saat für die dunkle Ernte des cholerischen Österreichers und seines hinkenden Märchenonkels (nicht meine Wortschöpfung, sondern die meiner Großeltern. Schön ist auch die Bezeichnung „Klumpfüßchens Märchenstunde“ für seine Radio-Reden.), daß also diese hetzerische Saat schon mindestens 20 Jahre eher ausgebracht wurde, möchte ich euch an einigen Passagen aus dem ersten Kapitel vorführen. Für all diejenigen, die der Fraktur-Schrift nur mit Mühe mächtig sind, transkribiere ich es hier. Der Hinweis für alle Nazophilen, daß sie auf diesem Blog nicht erwünscht sind, ist wahrscheinlich sinnlos, weil sie so viel Text bis hierher gar nicht schaffen: „Die wachsende Teilnahme für die germanische Kulturgeschichte hat auch auf die Namensforschung und die weitere Verbreitung der deutschen Personennamen einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt. Die Segnungen der germanischen Wissenschaft werden von Jahr zu Jahr deutlicher. Wir bewegen uns auf einer aufwärtssteigenden Bahn hinsichtlich völkisch=kultureller Entwicklung und zahlreiche Neugestaltungen in Handel und Wandel, Sitte und Recht lassen uns hoffen, daß der völkische Aufschwung auch der breiten Massen sich annimmt.“

und weiter im zweiten Absatz:

„Je frischer im Volke der alles belebende Quell volkstümlichen Denkens fließt, desto reiner und von fremdem Gute freier ist seine Sprache.“ … „Uns Deutschen ist diese traurige Erfahrung leider zu keiner Zeit fremd geblieben. Zahlreiche Teile unseres Volkes sind im Laufe der Jahrhunderte zuerst sprachlich, dann politisch abgesplittert und nutzlos für die Gesamtheit in fremden Völkern verschwunden.“ … „So haben wir auch unseren eigenen überaus reichen und herrlichen Namensschatz Romanen und Slawen überlassen und von diesen und von Römern, Griechen und Semiten viel Unschöneres dafür eingetauscht.“

 

Wenn man davon ausgeht, daß das in etwa die salonfähige Ansicht der Zeit war, versteht man, daß die braunen Ideen durchaus auf fruchtbaren Boden fielen, als sie nach dem verlorenen Weltkrieg und den damit einhergehenden Reparationszahlungen auf Grundlage des Versailler Vertrages von Hitler und seinen Putschkameraden proklamiert wurden.

Amüsant hingegen ist das kleine Gedicht, das auch heute noch genauso aktuell ist, wie vor 102 Jahren.

 

  • Rinaldo Meyer
  • In Hamburg saßen in einem Lokale
  •  Ein Dutzend Männer beim festlichen Mahle.
  •  Sie ehrten durch eine Abschiedsfeier
  • Herrn Friedrich Jakob Reinhold Meyer.
  •  Ein tüchtiger Kaufmann war er von je,
  • Er machte seit Jahren in Zimmt und Tee.
  •  Jetzt wollt er hinaus und die Welt besehn:
  • Paris, Neuyork, Madrid, Athen!
  •  Sie priesen in Reden bei Braten und Bier
  • Herrn Meyer als deutschen „Kulturpionier“.
  •  Am andern Morgen ging es dann fort,
  • Bald bracht ihn das Schiff zum fremden Port.
  • Hei! sperrt er da Augen auf und Nasen,
  • Die Fremde gefiel ihm über die Maßen.
  •  Viel feiner und besser hier alles fand er,
  • Viel „origineller“ und „interessanter“.
  •  So eilt er durch neun, zehn Länder im Trab,
  • Und alle – färbten sie an ihm ab.
  •  Die einen am Kleide, am Namen jene,
  • Und an seiner Sprache alle zehne.
  •  Kurz, als er wieder die Heimat gewann,
  • Da war er ein fixer, fertiger Mann. –
  •  Und wieder saßen in einem Lokale
  •  Ein Dutzend Männer beim festlichen Male.
  • Sie ehrten durch eine Begrüßungsfeier
  • Herrn Frédéric James Rinaldo Meyer.
  •  Das war ein Kerl! Nach englischer Art
  • Trug Hut er und Hosen; französisch den Bart,
  • Sein Mantel war spanisch, faltig und weit,
  • Er volapükte: Non! Si! All right!
  • „Der Mann“, so sagten die Freunde gerührt,
  • „Hat draußen gewaltig profitiert!“
  •  Er lächelte still und dachte: „Dat stimmt!“
  • Und handelte weiter in Tee und Zimmt.
  •  Exotisch wie seiner Geschäfte Verzweigung
  • War auch seines Herzens zartere Neigung.
  • Und als eine Herrin er gab seinem Hause,
  • Da hieß sie: Fräulein Dolores Krause.
  • (Die Eltern gaben ihr diesen Namen,
  • Weil sie Rosinen aus Cadiz bekamen.)
  • Die Kinder glichen dem stolzen Paare,
  • Sie waren keine gewöhnliche Ware;
  • Vom Auslandsdufte gleichsam betaut:
  • Joconda, Inez, Pedro, Maud,
  • Und er, der besonders den Eltern teuer:
  • Emanuelo Rodrigo Meyer.
  • Er ward, – der Stolz der ganzen Sippe, –
  • Generalkonsul von Schaumburg-Lippe! –
  • Nur einer paßte nicht in den Kram,
  • Er war seines Vaters stiller Gram.
  • Als „Henri“ einst in die Welt gesetzt,
  • Hatte der Junge das nicht geschätzt
  • Und schamlos sich Heinrich Meyer genannt.
  • Dolores kam fast um den Verstand.
  • Ja, schließlich tat er den taktlosen Schritt
  • Und freite ein simples Lieschen Schmidt,
  • Die war aus Vegesack bei Bremen.
  • Die Eltern wollten zu Tode sich schämen.
  • Und als – wie das ja nicht zu vermeiden, –
  • Drei niedliche Kinder beglückten die beiden,
  • Erlaubte er sich den dummen Witz
  • Und nannte sie Minchen, Linchen und Fritz.
  • Da hatten die guten Eltern genug,
  • Und sie gaben ihm brieflich den Fluch. –
  • So hat es noch immer schlecht geendet,
  • Wenn einer den Namen Meyer schändet.

 

Auf den folgenden Seiten wird uns eine Hitliste der Vornamen aller Schülerinnen der Anstalt präsentiert. Gehen wir davon aus, daß die Schüler des Lyceums im Jahr 1912 einen Geburtstag um die Jahrhundertwende hatten, ergibt sich für diese Jahre die Top 5 der Mädchen: Margarete, Charlotte, Gertrud, Elisabeth und Platz 5 teilen sich Elfriede und Erna.

 

Daneben eine Unterteilung der 65 eigenständigen Vornamen in die deutschen Ursprungs (nur 21 =40% der Schülerinnen), griechischen (10 = 24%), lateinischen (12 = 5,6%), hebräischen (8 = 15,2%), französischen (1 Name – Charlotte – bei 43 Schülerinnen = 8,6%), englischen (4 = 2%), russischen und polnischen Ursprungs (3 = 1,6%).

Für alle unter euch, die gerade in guter Hoffnung oder anderen Umständen sind (beides schöne Umschreibungen für das nicht salonfähige, weil so ordinäre Wort „schwanger“) kommt am Ende des Buches eine alphabetische Liste deutscher Jungen- und Mädchennamen nebst ihrer Bedeutung.

Wären nicht so schöne Namen Erwine (die Heer-Freundin), Fridegunt (die Friedens-Kämpferin) oder Gerfrida (die mit dem Ger – dem Wurfspieß nach dem wir Ger-Mannen benannt sind – Frieden stiftet) der Hit in der Kita, im Job-Center oder vor dem Traualtar?

 

Aber auch Sigberta (die Sieg-Glänzende), Swangart (die Schwan-Wächterin), Theodolfa (die Volks-Wölfin) und Trudberta (die Glanz-Zauberin) wären im Klassenbuch nicht sehr oft vertreten.

 

Für die Jungs öffnen sich ganz neue Karrierewege, stellen sie sich als Dagwin (lichter Freund), Dedo (kleiner Volksfürst), Dietgrim (der Volks-Helm und nicht zu verwechseln mit Diethelm, was Volks-Schirm bedeutet) oder Edbert (der Besitz-Glänzende) vor. Natürlich sollte dem Namen unmittelbar die Erläuterung folgen.

 

Und noch einige Namen aus der H-Kategorie: Hademund (der Kampf-Schützer), Heinrich (der Gehöfte-Fürst) oder Helmnot (der  Schützer in Kriegsnot).

 

Und nun ab und losgezeugt. Sofern euch meine Vorschläge nicht gefallen haben und ihr andere Anfangsbuchstaben bevorzugt, hinterlasst einen Kommentar.

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