Puppenköchin Anna – 1886


Heute Abend kommt das Christkindchen zu all den kleinen, herzigen Mädchen, welche gern Lesen, Schreiben und Stricken lernen und ganz folgsam sind.

Erkennt sich eine meiner Leserinnen wieder? Falls ja, Glück gehabt. Ansonsten sehe ich schwarz für sie.

Falls ihr euch fragt, was der Herr Museumswärter zu sich genommen hat, um solchen Unfug zu schreiben, kann ich euch beruhigen: nichts, das ich nicht sonst auch zu mir nehme. Diese Textpassagen stammen aus einem Kochbuch für Kinder aus dem Jahr 1886.

Puppenköchin Anna ist ein „Praktisches Kochbuch“ von Henriette Davidis, der berühmtesten Kochbuch-Herausgeberin Deutschlands seit 1845 bis weit nach ihrem Tod (1876) in die 1900er Jahre.

Wikipedia hat diesem kleinen Büchlein sogar einen eigenen Abschnitt gewidmet, den ihr hier findet.

Als ich anläßlich dieses Artikels mal im ZVAB geschaut habe, was das Buch denn in etwa für einen Marktwert hat, war ich überrascht. Derzeit sind eine Sechste Auflage und fünf Achte Auflagen im Angebot. Ich habe die Siebente dazwischen und in ähnlicher Erhaltung, so daß sich der Preis in diesem Rahmen bewegen dürfte. Wer mag, klickt hier.

Dieses Buch, obwohl ja eigentlich als Kinderbuch aufgelegt, beinhaltet nur ein einziges Bild. Diese Chromolithographie auf der ersten Seite ist dafür aber wirklich schön und in allen 9 Auflagen wurde es wiederverwendet.

Für welches Alter das Buch gedacht ist, kann ich nur vermuten. Damals gab es keinen Aufdruck „Erstes Lesealter“, „Leselöwe“ oder „5-14“ auf dem Buchumschlag. Ich vermute, es richtete sich an Kinder, denen ihre Gouvernante, Oma oder Mutter vorgelesen hat bis zu denen, die bereits selbst lesen und die Rezepte selbständig nachkochen konnten. Und da die alten Mädchen etwas länger Kind waren als unsere heutigen, kann ich mir gut vorstellen, daß das Buch auch noch bei 14-jährigen Teenies Verwendung gefunden hat.

Für den Text der Einleitung oder des Vorworts muß man aber definitiv ein Mädchen sein. Mir als Junge drehen sich beim Lesen schon die Augäpfel nach innen. Aber für diejenigen unter euch, die der Frakturschrift (noch immer) nicht mächtig sind, habe ich es abgeschrieben:

 Vorwort zur sechsten und siebenten Auflage.

 Die Verfasserin dieses Kochbüchleins, die gute Henriette Davidis, welche alle artigen kleinen Mädchen so gern hatte, ist nun schon lange gestorben, wie ihr es gewiß auch schon von eurer lieben Mama gehört habt. Da waren dann nun alle die kleinen Puppenkochbücher verbraucht, aber noch viele kleine Mädchen, die keines besaßen, wünschten sich eins zum Geschenk vom Christkindchen oder zum Geburtstag. Es mußte daher das Kochbüchlein aufs neue zum Druck vorbereitet und manches darin verbessert werden. Auch verschiedene neue Kochrezepte sind hinein gekommen, und damit Ihr, liebe kleine Mädchen, auch lernt, wie die Gerichte zusammen passen und ihr euch beim Kochenspielen nicht etwa den Magen verderbt, so ist eine Speisekarte sowohl für festliche Gelegenheiten, als auch von einfacheren Gerichten zum gewöhnlichen Kochenspielen, und auch noch eine Anordnung für Kinderkaffeegesellschaften dazu gekommen.

Nehmt denn das also verbesserte und vermehrte Kochbüchlein hin, ihr lieben Kleinen, und wenn es euch gefällt und auch dazu beitragen sollte, euren Sinn für häusliche Thätigkeit zu wecken, so würde sich die von Herzen darüber freuen, die nichts so gern hat, als gute und fröhliche Kinder.        Theodore Trainer.

 Vorwort an die kleinen Mädchen, die dies Puppenkochbuch zum Geschenk erhalten haben.

 Für kleine, herzige Mädchen, welche gern Lesen, Schreiben und Stricken lernen und ganz folgsam sind, ist dies Puppenkochbuch bestimmt; und da wollen wir hoffen, daß es viele giebt, denen das liebe Christkindchen oder die Mutter zum Geburtstage es bringen werde.

 Zuerst werden die lieben Mädchen sich denn Mühe geben lesen zu lernen, um ihr Kochbuch gebrauchen zu können, und dann geht’s in den Spielstunden, wenn die Mama es erlaubt, flink ans kochen. O, welche Lust wird das sein!

 Wer aber dieses Kochbuch erhält, muß befolgen, was die Puppenköchin Anna lehrt; hört aufmerksam zu, wie sie es machte. Sie plagte die Mutter niemals, ihr allerlei Näschereien zum Kochen zu geben, nein, sie nahm freundlich und

 dankend hin, was ihr gegeben wurde. Fehlten ihr die bestimmten Teile, welche zu dem Gericht, daß sie zu machen wünschte, gehören, so wählte sie sogleich ein anderes, ohne ein unfreundliches oder gar ein weinerliches Gesicht zu machen. Überhaupt war die kleine Puppenköchin ein so recht zufriedenes kleines Mädchen, auch dann, wenn die Mutter ihr die Bitte abschlug, auf dem Puppenherd zu kochen, und zu ihr sagte: “ Jetzt nicht, liebes Kind, heute mach‘ nun einmal Gerichte für die Puppe ohne Feuer.“ Anna ging dann freundlich hin, holte Blätter und Blumen herbei und machte daraus die schönsten Speisen, wie Ihr es in der zweiten Abteilung dieses Werkchens – die „Blumenküche“ finden werdet.

O, Ihr könnt es euch gar nicht denken, meine kleinen Mädchen, was für eine allerliebste Köchin unsere Anna war! Stets waren Kleider, Gesicht und Hände rein und ebenso rein und ordentlich ihre Kochgeschirre. Sie kochte nicht ohne Küchenschürze und Streifärmel, um das Kleid vor Flecken zu bewahren.

Und so geht es weiter und weiter, bis Frau Davidis schließlich auf Seite 15 mit den Worten schließt:

 Nun wollen wir hoffen, daß ihr, meine lieben Mädchen, oft und gern an unsere Köchin Anna denken und ihr folgen werdet. Und wie würde das Christkindchen, und die Mama, und der Papa Euch lieb haben, und wie würde sich die daran erfreuen welche das Puppenkochbuch nur für artige Mädchen geschrieben hat!       Die Verfasserin.

Das würde heute kein noch so artiges, kleines Mädchen über sich ergehen lassen.

Dann aber geht es los. Erste Abteilung – Speisen, welche auf dem Puppenherd gemacht werden.

Genau, wie die großen Kochbücher von Frau Davidis, unterteilen sich die Rezepte in Kategorien: Suppen (z.B. 1. Fleischsuppe, 5. Griesmehl-Suppe mit Korinthen oder 12. Milchsuppe mit Schaumklößchen),  Gemüse= und Kartoffelspeisen (z.B. 1. Spinat, 2. Melde, 3. Junge Erbsen oder 13. Bandkartoffeln), Salate und einige Eier=Gerichte, Reisspeisen und Nudeln, Fleischspeisen, Saucen, Puddings nebst anderen süßen Speisen usw.

 Die Bandkartoffeln möchte ich euch nicht vorenthalten:

13. Bandkartoffeln

 Nachdem Ihr die Kartoffeln, welche alle hübsch von einer Größe sein müssen, recht klar gewaschen habt, schält von jeder in der Mitte, ganz glatt und fein, ein fingerbreites Streifchen, so daß es aussieht, als hätten die Kartoffeln ein Gürtelchen um. Dann werden Sie nochmals abgespült und in kochendem Wasser gerade so gekocht, wie geschälte Kartoffeln. Sind Sie nun ganz weich geworden, so bittet eine gütige Hand, das Wasser davon abzuschütten. Das Töpfchen wird dann noch einige Minuten wieder aufs Feuer gestellt, damit das Wasser rein abdampft, dann etwas geschüttelt und die Kartoffeln rasch in Euer Schüsselchen gethan und zugedeckt, damit sie recht heiß auf eurer Tafel kommen. Die Bandkartoffeln werden mit etwas Butter gegessen; möchtet Ihr ein Stückchen Hering dazu bekommen können, so paßte dieses, nebst einem Täßchen Kinderthee, ganz besonders dazu.

Zum Suppenfleisch gibt es noch einen Hinweis in Versform:  Ich rate aber, das Fleisch der Miezekatze zu geben, es ist sehr ausgekocht und zähe und für Euch schädlich.

  •  Nicht wahr? Ihr sprecht in eurem Sinn –
  •  Miezekatze, nimm es hin!
  •  Beiß es aber recht entzwei,
  • Daß es dir nicht schädlich sei.

Im hinteren Kapitel der „echten“ Küche – Backwerk und Pfannkuchen finden wir zwei Rezepte für Kuchen von Reis und Äpfeln bzw. Kuchen von Schwarzbrot und Äpfeln, ies durchaus einfach geschrieben sind und ziemlich lecker klingen. Vielleicht suche ich mir ja mal eine Puppenköchin Anna, die mir auf ihrem winzigen Herd diesen Kuchen, den ich auch Auflauf nennen kann, bäckt.

Kompott

Kaffeegesellschaften und der Übergang zur Zweiten Abteilung, der Blumenküche.

Die Blumenküche ist eine Rezeptsammlung zur Zubereitung von Puppen-Mahlzeiten:

 Nun, meine lieben Mädchen, werde ich euch damit bekannt machen, wie unsere Köchin Anna auch ohne Eßwaren schöne Gerichte bereitete; denn nicht immer hat die Mama Lust, den Kindern ihre Küche zu versorgen –  es würde doch auch zu lästig und kostbar werden. So hört denn zuerst, wie Anna den Puppentisch verzierte. Sie legte rings umher grüne Blätter so, daß diese eine schöne Guirlande bildeten, dann legte sie einige große frische Blätter, welche ihre Schüsseln sein sollten, auf verschiedene Stellen des Tisches und richtete dann die Blumenspeisen so wunderschön darauf an, dass nicht nur die Puppen, sondern auch Erwachsene sich daran erfreuten; selbst Puddings und ausgezackte Kuchen fehlten auf dem Puppentische nicht.

Wie wäre es, liebe, kleine Mädchen, wenn ihr euch die Zeit, bis das Christkindchen kommt, damit vertreibt, indem ihr die hier gezeigte „Kalteschale“ aus allerlei Blumenblättchen, einem Stück von einer Rübe oder gelben Möhre und Wasser zubereitet und euch dann mit den Puppen an den Puppentisch setzt „und thut gerade so, als wenn Ihr äßet.“

Wenn ihr das schafft, kommt nachher auch der Weihnachtsmann oder das Christkindchen zu euch.

Mahlzeit!

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