Wenn Du zum Einkauf gehst, vergiß die Karten nicht! – Lebensmittelkarten


In früheren Beiträgen habe ich euch schon einiges über Lebensmittelkarten und Metallsammlungen berichtet. Das waren meist außergewöhnliche Dinge.

Zur Erinnerung: Im Krieg war es üblich, aufgrund von Lebensmittelknappheit den Schwarzmarkthandel zu unterbinden. Dies funktionierte am einfachsten, indem die Lebensmittel oder andere Waren des täglichen Gebrauchs je nach Anzahl der Bedürftigen auf die entsprechenden Orte verteilt wurden. Jeder Bürger hatte sich beim Amt zu melden und bekam Lebensmittelmarken. Damit konnte dann beim örtlichen Händler eine vorgegebene Menge gekauft werden. Da nicht immer alles von allem verfügbar war, konnte es passieren, daß man statt Milch, Quark oder Käse bekam.

Heute kommt nun das unentbehrliche Zeug für den Einkauf in den frühen 1940er Jahren und die Zeit um das Ende des Zweiten Weltkrieges dazu. Nein, es ist kein Einkaufsbeutel, sondern die Lebensmittelkarte.

Wie aber lief das ab?

Zuerst hatte man sich beim Einwohneramt zu melden um eine Kundenkarte zu bekommen. Die sah so aus:

 

Dazu noch den Haushalts-Ausweis vom Ernährungsamt:

 

 

und den Haushalts-Paß für gewerbliche Erzeugnisse:

Familie Schöne, bestehend aus Vater Karl (* 1894), Mutter Maria (* 1899), Tochter Crista (* 1931), Tochter Ursula (* 1934) und Frau Gertrud Kursawe (* 1880), vielleicht die Mutter der Ehefrau.

Beachtet auf der Mittelseite die Liste der gekauften eintragungspflichtigen Waren: eine Kerze und vier Konserven-Gläser kann ich entziffern.

 

Und schon konnte es losgehen. Also, nicht der Einkauf. Nun konnte man für sich und seine Familie die Lebensmittelkarten besorgen.

Familie Schöne hat für mich und euch dankenswerterweise ihre benutzten Lebensmittelkarten ab März 1941 aufgehoben. Je nach Art des Lebensmittels gab es die Karten mit einer unterschiedlich langen Geltungsdauer.

Beginnen wir mit der meistgebrauchtesten Kategorie: der Reichsfettkarte

 

Auf den Rückseiten finden sich gelegentlich Rezepte oder Tipps – hier z.B. das Turmkochen.

 

Ebenso zahlreich wie die Reichsfettkarten waren die Nährmittelkarten (übrigens im Unterschied zu den REICHSfettkarten kamen diese ohne Reich aus).

 

Die wenigsten Menschen wissen heute noch, was unter dem Begriff Nährmittel zu verstehen ist. Wikipedia erklärt: Oberbegriff für Trockenerzeugnisse aus Getreide, Stärke oder Hülsenfrüchten. Als Nährmittel gelten Lebensmittel, die üblicherweise nicht zur Herstellung von Brot und Feinen Backwaren verwendet werden. Heute könnte man wohl einen Teil unter dem Oberbegriff Cerealien finden.

 

Die Abkürzungen „Jgd“ und „K“ stehen übrigens für die Karten der beiden Mädchen.

 

Das waren die wichtigsten Kartenarten. Damit aber nicht genug. Im folgenden bekommt ihr die komplette Ausstattung der vierköpfigen Familie in den letzten Kriegsjahren.

Reichsfleischkarte (Jugend)

 

Reichsmilchkarte:

 

Reichskarte für Marmelade (wahlweise Zucker):

 

Reichseierkarte:

 

Reichszuckerkarte:

auf der roten Karte steht übrigens: Im Rahmen der vorhandenen Bestände können an Stelle von 100g Zucker bezogen werden:

  • 125g Kunsthonig
  • oder 125g Zuckersirup
  • oder 150g Obstsirup
  • oder 200g Mischsirup mit 50% Zuckergehalt
  • oder 400g Mischsirup mit 25% Zuckergehalt.

 

Bezugsausweis für entrahmte Frischmilch:

 

Bezugsausweis für Speisekartoffeln:

 

Verteilerkontrollkarte für Gemüse und Obst (inklusive Marken für Sonderzuteilungen):

 

mit dem Hinweis auf der Rückseite:

Verbraucher! Bedenke,

  • daß die Obst- und Gemüseernte vom Wetter abhängig ist,
  • daß, was heute überreichlich da ist, morgen schon knapp sein kann,
  • daß die Anlieferungen an den Märkten niemals so hoch sind, um alle Verbraucher gleichzeitig zu beliefern,
  • daß kriegsbedingte Maßnahmen (z.B. Konservieren und Trocknen für die Wehrmacht, Marmeladen- und Sauerkrautherstellung) zeitweise die Frischmarktanlieferung verringern,
  • daß einzelne Obstarten im Kriege garnicht in Erscheinung treten (z.B. Pfirsiche).

Darum fordere nicht zur unrechten Zeit die Artikel, die Du Dir gerade wünschst,

sondern verbrauche das, was Dir Dein Kleinverteiler verkaufen kann. – Bei reichlichem Anfall treibe Vorratswirtschaft.

 

Fischkarte (ohne Reich):

 

Reichsbrotkarte (mit dem Hinweis: Abgelagertes Brot ist ergiebiger und bekömmlicher und An Stelle von je 100g Brot können 75g Weizenmehl bezogen werden.):

 

Stärkeerzeugnisse und Quark (die gehören eigentlich nicht zusammen, aber ich habe die Original-Stecknadel so gelassen, wie sie war):

 

Kontrollkarte für den Einkauf von Tabakwaren und die dazugehörigen Raucherkarten für Männer und Frauen. Während Männer übrigens täglichen Anspruch auf Tabak hatten, durften Frauen nur alle zwei Tage Nachschub kaufen:

 

Bezugskarte für Gemüsekonserven und Trockengemüse:

 

Haushaltsausweis für Vollmilch:

 

Lebensmittel Notversorgung, wenn es mal ganz eng wird:

 

Und selbst Saatgut wurde rationiert:

 

 

Stellt euch nun vor, ihr geht an einem beliebigen Tag im Krieg einkaufen. Ihr müsst von jeder Kartenart die gerade gültige dabei haben. Dann geht ihr los und kauft ein, müsst aber zu jedem Artikel kontrollieren, ob es ihn a) gibt, b) ihr die benötigten Marken in ausreichender Menge dabei habt, c) ihr genug Geld habt und d) die Transportfrage geklärt ist. Kamt ihr zu einem Zeitpunkt der Kartoffellieferung gerade am Laden vorbei, konntet ihr zwei Zentner (100kg) kaufen. Wer wusste, wann es das nächste mal Kartoffeln gibt? Also kaufen. Aber wie transportieren? Und nach dem Transport nach hause ging es schnell zum nächsten Geschäft in der Hoffnung auf Milch, Fleisch, Eier, (gute) Butter usw. Nicht zu vergessen: es war Krieg. War man unterwegs und der Fliegeralarm ging los, hieß es, einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Dort konnte man aber keine großen Taschen mitnehmen. Den Einkauf also draußen stehen lassen und hoffen, ihn später wieder vorzufinden, oder lieber nach hause eilen und hoffen, nicht vom Luftschutzwart entdeckt zu werden und dabei das Leben auf’s Spiel setzen?

Seien wir froh, daß wir heute in den Supermarkt gehen und uns den Einkaufswagen vollladen können!

 

Deutsches Historisches Museum

Wichtig zu wissen ist noch: Hatte man das Glück, als Jude einen arischen Ehepartner zu haben, der dem Druck, sich scheiden zu lassen, widerstand und einem somit oftmals das Leben retten konnte, bekam man Lebensmittelkarten die für Juden konzipiert waren. Hier waren nur Bruchteile der Mengen vorgesehen, die den Nichtjuden zugebilligt wurden. Zusätzlich durften Juden nur innerhalb einer oder zweier Stunden einkaufen gehen.

Das war bei Verbot der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und ohne Erlaubnis, ein Fahrrad zu besitzen nicht einfach. Lag dann diese Einkaufsstunde in der Arbeitszeit, konnte man schlicht und einfach nicht einkaufen gehen.

Sehr schön hat diese Situation Victor Klemperer in seinen Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum Ende“ beschrieben. Er verdankt seiner „arischen“ Frau Eva sein Leben, da der Plan der Nazis vorsah, zuerst rein jüdische Familien „umzusiedeln“ und erst danach die „privilegierten Juden“ aus dem Stadtbild zu entfernen. Sehr lesenswert!

 

Nach dem Krieg ging es übrigens mit den Lebensmittelkarten weiter:

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Über moopenheimer

Sammler, Bewahrer, Wissender, Verreiser, Genießer, Chaot

5 Antworten zu “Wenn Du zum Einkauf gehst, vergiß die Karten nicht! – Lebensmittelkarten

  1. Pia

    Hallo Moopenheimer, ich finde Deine Beiträge super spannend, besonders diesen! Toll, wie viel Mühe und Arbeit dahinter steckt.
    Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg
    Pia http://buchstory.blogspot.de/

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Rotplombe – Puddinge und Süßspeisen aus der DDR | Moopenheimer's Museum

  3. So typisch deutsch mit diesen vielen Market – warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht! Ich bedanke mich, dass Du bei meinem Beagle Blog vorbei geschaut hast u. Dir mein Beitrag ueber die englischen Essensmarken gefallen hat. Das englische System scheint mir viel einfacher als das deutsche. Du gibst Dir wirklich sehr viel Muehe hier, es so anschaulich wie moeglich fuer uns Nachkriegskinder zu machen. Vielen Dank.

    Gefällt mir

    • Danke für das Lob, Inspektor Beagle! Meine Mühe ist in der Tat eine solche, da ich ja selbst sehr nachkriegskindlich bin und mich nur auf Erzählungen meiner Oma, Mutter, Tanten stütze. Selbst wenn ich uralt wäre, meine Briefe etc. aus dem frühen und späten 19. Jahrhundert wären noch immer vor meiner und der Geburt jedes derzeit lebenden Menschen geschrieben worden.
      Nächste Woche geht es weiter im Blog. Die Regale sind voll, allein die Recherchezeit ist knapp.

      Gefällt 1 Person

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