Stuhlkarten – Ticket du chaise


Was ist denn das? Der Herr Museumsdirektor möchte euch heute, nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub, etwas vorstellen, von dem bestimmt noch niemand gehört hat. Gleichzeitig lernt ihr meine kleinste Sammlung kennen.

Stellt euch vor, ihr seid im Paris des Jahres 1880 und geht gemeinsam mit eurer Familie in eines der großen Kaufhäuser, die damals die Art und Weise, wie man einkaufte grundlegend veränderten. Anders als bisher musste man nicht mehr von Geschäft zu Geschäft eilen um Stoffe hier, Dekorationen da und Kleidung oder Spielzeug dort zu kaufen. Alles war unter einem Dach erhältlich. Das war praktisch.

Allerdings nahm es Zeit in Anspruch. Wollte da der Besitzer des Kaufhauses Gefahr laufen, daß die erschöpfte Kundin nach hause fuhr? Nein. Was also tun?

Eine Idee war geboren: In einem Wintergarten in oder auf dem Platz vor dem Kaufhaus wurden Bänke und Sofas aufgestellt. Kunden konnten sich ausruhen und anschließend erfrischt weitershoppen.

Aber ebenso schnell wie die Bänke da waren, kamen auch Menschen, die zwar keine Kunden waren, aber die Sitzplätze belegten. Was tun?

Platzkarten – oder besser, Stuhlkarten wurden gedruckt und verkauft.

Von vorn sehen sie aus, wie tausende andere Chromolithographien aus meiner Sammlung. Aber entscheidend ist die Rückseite:

Konzessionäre kontrollierten die Sitzenden. Konnte man keine Karte vorzeigen, wurde man gebeten eine zu kaufen oder den Platz frei zu machen. Hatte man eine Karte, wurde diese entwertet und man durfte sitzen bleiben, bis der Kontrolleur das nächste Mal vorbei kam.

Die ganz frühen Versionen dieser Karten wurden noch gelocht, vergleichbar wie früher die Fahrkarten in der Bahn.

Und das macht die Sache interessant, denn wer hebt schon eine Karte mit einem Loch auf? Kaum jemand! Das Ergebnis ist, daß man für diese gelochten Karten heute mitunter um die 100 Euro pro Stück bezahlt. Manchmal sogar noch mehr, wenn man sie denn überhaupt findet.

Wie immer gibt die Rückseite Aufschluß über den Ort des Verkaufs.

Die Kaufhäuser Au Printemps, A La Place Clichy, de Ricqles und A La Grande Maison sind einige Beispiele. Es wurden aber auch Stuhlkarten für Gärten und Parks verkauft. Ein schönes und altes Beispiel ist die Karte, deren Vorder- und Rückseite ihr auf den ersten beiden Fotos, jeweils oben rechts, sehen könnt. Die Exposition Internationale de Sciences Appliquées a L’Industrie aus dem Jahr 1879 hat ebenfalls ihre Sitzplätze gewinnbringend vermietet. Ihr könnt diese Ausstellung mit einer Weltausstellung der Industrie vergleichen.

Die Preise waren weitgehend gleich. Man zahlte 5 bis 10 Centimes. Gelegentlich wurde auf den Plätzen, in Gärten oder Parks noch Musik dargeboten. Dann betrug der Preis 20 Centimes.

Es gab ganz wenige dieser Tickets, auf denen das komplette Musikprogramm einer Vorstellung aufgedruckt war und die dann im A4-Format daherkamen. Ratet, wer eins hat! Genau. Aber das kommt später.

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4 Antworten zu “Stuhlkarten – Ticket du chaise

  1. Ein sehr interessanter Museumsbesuch.😄

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  2. Danke und viele liebe Grüße in den Norden!

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  3. Pingback: Kaffee-Zusatz-Essenz – Teil 1 | Moopenheimer's Museum

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