Zeugnisheft 1917-23


Als meine Omi noch Kind war, musste sie selbstverständlich auch zur Schule gehen. Der Ernst des Lebens begann für sie Ostern 1917, mitten im Ersten Weltkrieg.

Damals dauerte ein Schulhalbjahr noch von Ostern bis Michaelis, bzw. von Michaelis bis Ostern, es war somit am kirchlichen Kalender ausgerichtet. Das war bis in die Mitte der 1930-er Jahre so. Und wieso begann das Schulhalbjahr erst Ende September? Ganz einfach: vorher musste die Ernte eingefahren werden und jedes Familienmitglied wurde gebraucht. Da gab es keine Zeit für den Besuch der Schule.

 

Interessant, was damals im Zensurenbuch alles vermerkt wurde:

  • Tochter des: Apothekers Herrn Gustav Lange (von der Mutter ist keine Rede)
  • geboren am (das gibt man auch heute noch überall an), getauft am: (das liest man heute eher selten), geimpft am: (das war eine prima Idee und ein wichtiges Detail zum Schüler).

Weiter geht es mit dem Zensuren-Teil. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, daß meine Oma in die 10. Klasse eingeschult wurde.

 

Früher wurden die Klassenstufen rückwärts nummeriert. Man begann in der X. Klasse und arbeitete sich langsam nach oben. Die letzte Klasse Oberprima, die dreizehnte, wurde schließlich von den Primanern (Primus – der Erste) besucht. Diesen Begriff kennt man heute noch, oder?

 

 

Die ersten beiden Zeugnisse hat die Mutter Käthe unterschrieben, danach hat Papa gegengezeichnet – hier oben sogar mit seinem Beruf anstelle des Vornamens: Apotheker Lange.

Nun ja, …

 

Wenn ich mir die Zensuren so anschaue, hat sich meine Oma schon zu Beginn ihrer Schulkarriere nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert. Und in der Tat, ich habe sie auf ihre alten Tage weder singen gehört, noch turnen gesehen.

 

Und weiter ging es langsam in Richtung der 3-er Noten. Deutsch, Schreiben, Singen, Turnen, Handarbeit, Naturkunde, Geschichte: genügend. Omi, Omi!

Im 2. Halbjahr der 7b dann der Schock: Singen 4

 

Ich kann meinen Uropa, ihren Vater förmlich hören, wie er gesagt haben wird: „Na, dann singt sie eben nicht!“

Wenigstens das Betragen war „lobenswert“. Damit kommt man weit im Leben. Stille sitzen, Öhrchen spitzen, Händchen falten, Mündchen halten.

 

Nachdem sie gut die Hälfte ihrer Schulzeit geschafft hatte, endet das Zensurenbuch mit dieser Einlegeseite. Ab da ging es in der Höheren Töchter-Schule weiter, leider haben die Zeugnisse aus dieser Zeit nicht überlebt.

 

Auch, wenn sie nicht zu den Klassenbesten gehörte, sondern nur in der B-Klasse war (eine Erklärung zur damaligen Klassenaufteilung findet sich links unten auf der 2. Seite des Zensurenbuches – siehe oben), hat sie es trotzdem zu einer guten alleinerziehenden Mutter dreier Kinder geschafft, fuhr mit dem Auto in der Gegend herum (siehe hier) und war eine prima Omi.

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Über moopenheimer

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