Und diese Biene die ich meine, war ein Nazi …


Wie bitte? Den Anfang des Liedes kenne ich doch. Die Biene Maja hat mir meine Kindheit versüßt, ohne dass sie jemals Honig gesammelt hat. Und nun so eine Behauptung …

Nein, Biene Maja war natürlich kein Nazi. Allerdings ist sie der Feder eines bekennenden und einschleimenden Nazis entsprungen – Waldemar Bonsels.

Geboren 1880, wuchs er in Schleswig-Holstein auf und erlebte im blühenden Alter seiner Mittdreißiger Jahre den Ersten Weltkrieg. Als Namensgeber des 1904 gegründeten E.W.Bonsels-Verlages, in dem er sein erfolgreichstes Werk, das bis heute bekannte Buch „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“ verlegte, war er prädestiniert zur Rolle des Kriegsberichterstatters.

Aus dieser Zeit stammt das erste heute vorgestellte und weitestgehend unbekannte, da der Bücherverbrennung anheim gefallene Buch:

In gerade einmal einer der großen Bibliotheken ist es vorhanden – der Weltkriegssammlung in der Deutschen Bücherei Leipzig.

Das Buch selbst enthält 18 weitestgehend flache Erlebnisse. Resignierende Geschichten und Beschreibungen der Heimkehrer zu den Grausamkeiten auf den Schlachtfeldern und der Ungerechtigkeit des Krieges.

Nehmen wir die Geschichte „Die Mundharmonika“: Auf 8 Seiten wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, das eines morgens das Fenster öffnet und ungeübt eine Melodie spielt. Ihr Freund fragt, ob er die Mundharmonika haben dürfte, und sie schenkt sie ihm. Am selben Tag muss er in den Krieg ziehen und kurz nach Abfahrt des Zuges verschenkt er das Instrument an einen Mitreisenden Soldaten, weil er eigentlich gar nicht spielen kann. (Warum, fragen wir uns, wollte er sie dann überhaupt mitnehmen, wenn nicht als Andenken an seine Liebste?) Der neue Besitzer spielt die ganze Zugfahrt über und alle Soldaten fangen durch die schöne Musik an zu träumen. Beim Aussteigen schenkt dieser Soldat die Mundharmonika an einen anderen, jungen Soldaten. (Ein Handlungsstrang ist nicht zu erkennen.) Der Junge spielt die Mundharmonika und wird tödlich getroffen. Die Geschichte endet wie folgt: „Das ist ja der Michael, der gespielt hat …“ „Wo hat er denn die Mundharmonika?“ fragte einer, aber ein anderer meinte, die müsse man ihm lassen. So ließ man sie ihm und sie kam mit dem Toten unter den Rasen. Schließlich versagte ja ohnehin ein Ton, wenn es auch einer von den tiefen war, die man bei den alltäglichen Melodien für gewöhnlich nicht braucht.

Und das war’s. Vollkommen unspannend.

Ich finde allerdings die Tatsache erwähnenswert, dass dieses Buch bereits zu Beginn und zur Mitte des Krieges erschienene Geschichten enthält, also noch vor der großen Resignation. Dieser Umstand und die Tatsache, dass viele Bücher aus Bonsels Feder sexistische Tendenzen aufwiesen, dürften ihn auf die Liste der Autoren gebracht haben, deren Bücher den Feuertod sterben mussten. Drei Ausnahmen gab es jedoch. „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“, deren Fortsetzung „Himmelsvolk“ und „Indienfahrt“ waren aufgrund des Erfolges ausgenommen.

Ein zweites, ebenfalls recht unbekanntes Buch aus der Feder Waldemar Bonsels‘ möchte ich euch noch vorstellen. Ich habe es für ein paar Euros auf dem Flohmarkt gekauft und nun fertig restauriert.

1941, als dieses Buch erschien, war der – ich erwähnte es schon – glühende Antisemit und Anhänger des Nationalsozialismus bereits in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen worden. Wie genau er es angestellt hat, vom Schriftsteller sexistisch eingeordneter und zu vernichtender Bücher zu einem großen Nazi-Freund zu werden, kann ich nur mutmaßen. Ein Auszug aus dem Wikipedia-Artikel: Nach den studentischen Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 publizierten die Zeitungen einen ihnen vom Propagandaministerium zugeschickten Artikel Bonsels’, NSDAP und Judentum. Darin begrüßte er, dass nun der „überhandnehmende Einfluß jüdischen Wesens“ auch in der Kultur beendet werde. „Der Jude ist anders als wir“, bemerkte er. Juden stellten ein „penetrantes Element der Einwirkung“ dar. Sie verbreiteten „Gift“. Ihr Einfluss sei als „tödlicher Feind“ „unserer Bewegung“ wie der Volksgemeinschaft insgesamt zu werten. Gerade auch für Kunst und Kultur gelte das, es seien Juden gewesen, die darüber entschieden hätten, welche Schriftsteller und Dichter erfolgreich gewesen seien. Bonsels erfuhr im Nationalsozialismus keinerlei Einschränkungen seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

Sven Hanuschek, Literaturwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bezeichnete ihn anlässlich der 100-Jahre-Biene-Maja-Feier als „lausigen Autor“ (das habe ich euch oben schon unter Beweis gestellt) und „für viele“ „damals schon eher eine Witzfigur“. Gottfried Benn nannte ihn einen „dieser guten deutschen Volksschriftsteller.“ Franz Blei verglich ihn in seinem „Großen Bestiarium der modernen Literatur“ mit einem schmierigen Windhund: „Das Bonsels, englische, sehr bewegliche Windhundrasse, die nur männlich aber mit starken weiblichen Eigenschaften vorkommt. Dem ölig glatten Fell entspricht eine ebensolche Gangart. Elsterhafte Vorliebe für glänzende Gegenstände. Die Gattung wird wegen starker Blutleere nicht alt.“

Soviel zum Erfinder der lieblichen Biene Maja.

Wer mag, kann hier den Anfang der Geschichte lesen:

Es gibt zahlreiche Illustrationen. Hier z.B. die alte Hexe Ermelinde,

die auf einen Baum klettern muß, um Ritter Knorrherz zu besuchen.

Ein Stück weiter in der Geschichte, legt sich Knorrherz auf die Lauer um eine Kutsche zu überfallen und auszurauben. „Knorrherz schritt gelassen heran, öffnete den Wagenschlag und erblickte auf den Rücksitzen ein blondes und schönes junges Fräulein, neben dem ein erschrockener Onkel in den Polstern saß. Er tötete den Onkel und vergrum ihn am Wegrand in einem sandigen Heidefleck, ein wenig in Verlegenheit, was er nun mit diesem jungen Ding beginnen sollte, das im Wagen zurückgelieben war.“

Es stellt sich heraus, dass die junge Maid dankbar ist, den Onkel los zu sein und gern mit bei Knorrherz wohnen würde, weil sie sonst an einen Grafen verheiratet worden wäre. Der alte Zausel faßt die Gelegenheit beim Schopfe und nimmt die Schöne mit in seine Höhle, verliebt sich in sie und zeigt ihr die angehäuften Schätze.

Wieso er sich in sie verliebt? Seht, hier, was er sah:

Alles klar, Herr Räuber!

Ermelinde braut einen Trank, gibt ihn dem alten Räuber und am nächsten Morgen, ihr werdet es nicht glauben, …

Um noch einmal auf die Biene Maja zurückzukommen: Wusstet ihr, dass das Kapitel, das den zweiten Angriff der Hornissen auf den Bienenstock behandelt, Parallelen zur Rede Kaiser Wilhelms II. vom 27. Juli 1900, der sogenannten Hunnenrede enthält?

Hier der Auszug aus der Rede: „Kommt ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!

Und die Bienenkönigin: … „Im Namen eines ewigen Rechts und im Namen der Königin: Verteidigt das Reich!“

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