Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

Opel-Fahrräder und ein Brillant-Ring


Am 4.4.1928 schrieb Herr Carl Zacher aus Eisenach, dem „Kurbad am Fuße der romantischen Wartburg“ an den Hofjuwelier Arthur Tresselt:

Beachtet bitte, daß die Firma Larenz Generalvertreter für Opel war, allerdings nicht für Autos, sondern für Fahrräder. In den Jahren 1886 bis 1940 war Opel eine der bekanntesten Fahrradmarken Deutschlands. Mehr dazu lest ihr hier.

Bedauerlicherweise hat Herr Zacher seine Meinung einige Tage später geändert und wollte nun doch keinen Brillant-Ring mehr haben.

Darüber war Herr Tresselt einigermaßen unerfreut und schrieb eine Postkarte an Herrn Zacher, deren Inhalt uns nicht bekannt ist. Allerdings deutet einiges darauf hin, daß der Brillant-Ring bereits bestellt war und zur Abholung bereit lag.

Die Antwort von Herrn Zacher fiel dann im Brief vom 2.5. wie folgt aus:

Herrn Arth. Tresselt, Arnstadt.

Durch Ihre Postkarte vom 2.5.wodurch Sie mich auf einer Postkarte öffentlich mahnen, die natürlich meine Wirtin laß & Ihn diese Ton,  muß ich Ihnen definitiv meine

Freundschaft kündigen. Sie müßten doch wissen, daß ich Ihnen nichts schuldig geblieben bin. – Ich wäre am Samstag 5/ter nach A. gekommen und hätte es Ihnen bezahlt.

Bezüglich des Ringes können Sie Ihr Anliegen direkt bei Herrn Larenz vorbringen. Die 6,- gingen am ?? früh ab p.P. per Postanweisung.

Hochachtend Carl Zacher Kfm.

So war das. Wieder ein Freund weniger. Aber auf der gestern vorgestellten Karte aus Dresden ließ er im November desselben Jahres schon wieder Grüße ausrichten. Es scheint sich also alles wieder geklärt zu haben.

Frauenkirche Dresden


Am 3. Tag der Themenwoche zeige ich euch eine alte Postkarte aus Dresden. Sie zeigt die Frauenkirche in Dresden noch in ihrer alten Pracht vor der Zerstörung während des zweiten Weltkrieges.

 

Ich kenne mich nicht gut genug in Dresden aus um zu wissen, ob das Ensemble drum herum genau so wieder aufgebaut wurde, wie auf der Karte. Auf jeden Fall hatten sie einen schönen Springbrunnen, der ebenso schwarz angelaufen war, wie der Sandstein der Frauenkirche. Bis es wieder soweit ist, muß noch ein wenig Schmutz durch die Luft wehen. Oder lag das an der Oxidation?

Vielleicht kann man es auf der Webseite der Frauenkirche nachlesen. Wusstet ihr, das für das Hauptgesims und die Attika genau 666 der aus den Trümmern der Ruine geborgenen 1.110 Steine wiederverwendet wurden?

Die Karte wurde von einem Herrn Zacher an Adolph Tresselt geschickt.

Dresden, 2.11.28 Dürerstr. 9 II

Lieber Herr & Frau Tresselt, Sende Ihnen aus „Elb Florenz“ die besten Grüße. Hier ist es wunderschön!

 

Mehr zu Herrn Zacher gibt es morgen.

Blattsilber


Teil 2 dieser Themenwoche mit dem Thema „Zettelkram“ zwischen den Seiten des Geschäftsbuches des Arnstädter Goldschmieds Adolph Tresselt soll heute ein relativ unspektakuläres Blättchen Silber sein.

 

Es kam mir bei der Sichtung des Geschäftsbuches entgegengeflattert und ich wollte es eigentlich schon wegwerfen, da ich es für Reste von Einwickelpapier hielt.

Blattsilber ist nichts weiter, als plattgewalztes Silber. Es wurde verwendet, um Metallwaren nachträglich zu versilbern. Allerdings dürfte die Verwendung von Blattsilber nur für Gegenstände praktikabel gewesen sein, die keiner großen Belastung ausgesetzt waren, also Bilderrahmen, Lampen, Statuen etc. Für Gebrauchsgegenstände wie Besteck dürfte Blattsilber nicht haltbar genug gewesen sein.

Ob es sich beim oben gezeigten Blatt tatsächlich um Blattsilber oder um die preiswerteren Alternativen Blattstanniol oder eine Zinn-Zink-Legierung handelt, kann man übrigens recht einfach feststellen, indem man das Metall der Luft aussetzt und gegebenenfalls etwas an der Oberfläche schabt. Unter Einwirkung von Sauerstoff färbt sich das Silber dann schwarz. Um dies zu vermeiden wurde Blattsilber früher mit einer hauchdünnen Wachsschicht überzogen.

Ich habe das nicht gemacht. Stattdessen habe ich die beiden Pergaminblätter wieder an ihren Platz gerückt und das Blatt an seinen alten Wohnort im Buch gelegt. Die Materialprüfung kann dann in 100 Jahren jemand anderes übernehmen.

Boxkämpfe


Es gibt wieder eine Themenwoche. Diese Woche stelle ich euch jeden Tag eines von sieben Ausstellungsstücken vor,  deren Gemeinsamkeit darin besteht, ihr Dasein der letzten 80 bis 100 Jahre zwischen den Seiten des bereits vor einigen Monaten vorgestellten Geschäftsbuches des Arnstädter Goldschmieds Adolph Tresselt gefristet zu haben.

Ich beginne mit einem Programmzettel für eine Boxveranstaltung. Datiert auf den 24. November 1928 wurden neun Boxkämpfe aller gängigen Gewichtsklassen angekündigt.

 

Lediglich ein Ergebnis wurde verzeichnet. Im Bantamgewicht siegte Herr Walter von der Boxabteilung Sport-Verein Arnstadt e.V. (A) gegen Herrn Gerlach von der Boxvereinigung Heros Nordhausen (N).

Möglicherweise ein Freund des Herrn Goldschmieds.

Mit Gott – Geschäftsbuch eines Goldschmieds – 1905 bis 1931


Vor zehn Wochen habe ich euch versprochen, zum Tagebuch des Goldschmieds Adolph Tresselt auch das zweite seiner Geschäftsbücher nachzureichen. Das passiert heute.

Der Grund, warum ich so lange damit gezögert habe ist der wesentlich größere Umfang, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

 

Damals üblich, heute vermutlich höchstens noch in Bayern möglich, wurde das Buch mit einer schönen Vignette und dem Aufruf „Mit Gott!“ eingeleitet.

 

 

Das Format der Einträge ist recht einfach nachzuvollziehen. Zu Beginn gibt es einige Seiten, die jeweils einem Geschäftspartner gewidmet sind. Den Einträgen zufolge hat unser Herr Tresselt Aufträge anderer Geschäftsleute, wahrscheinlich Juweliere ausgeführt. Ich zeige euch die Einträge für Herrn Christoph Becker, einen Goldwarengroßhändler aus Dresden, Wilsdrufferstraße 9.

 

 

Als sparsamer und gewissenhafter Geschäftsmann nutzte man jedes Stück freie Seite aus – wie z.B. nach Erlöschen der Geschäftspartnerschaft mit Firma Becker und fertigte auf der übrigen halben Seite Kopien von abgesandten Briefen an. Hier zwei Briefe von 1917, also 9 Jahre später.

 

Versicherungen:

 

Detail:

 

Wie weit die Gewissenhaftigkeit ging, sehen wir auf dieser Seite, die ich euch im Anschluß abgeschrieben habe:

Mutter hat an Wäsche erhalten:

14. Juni – 7 weiße Taschentücher, 1 rotes, 1 grünes Taschentuch, 4 Tricothemden, 1 graue Hose, (irgendwelche) Kragen

Raggs Waschanstalt:

23. August 1920: 3 Stück Bettücher, 2 “ Bettbezüge, 3 “ Kopfkissenbezüge, 1 “ Steppdeckenlaken, 1 Oberhem mit Piqué-Einsatz

zurück erhalten am 3. September 1920, Betrag Mk 10,05

 

 

Hier beginnt das eigentliche Kassenbuch:

Im Januar 1921 wurden Ausgaben verzeichnet, wie z.B. am 1. Januar eine Rückzahlung über Mk 50,- an die uns schon bekannte Tante Toni und eine Ausgabe für Pneumatik an ihren Ehemann Rudolf.

Am 4. wurde ein Brod für 4,70 gekauft.

Am 11. (rot unterstrichen) musste ein neuer Glühstrumpf gekauft werden. Was das ist? Seht hier.

Milch, Bückling, Semmeln, Zucker, Brötchen, Nudeln, Fett, 2 Pfund Marmelade, Butter – er hat wirklich alles aufgeschrieben.

 

Februar 1921

Schaut euch mal die Rechnung am linken Rand an. Kann jemand herausfinden, was dort addiert wurde? Es sind fast die Beträge aus den rechten Spalten, aber eben nur fast.

 

März 1922 – Die Preise fingen im Schlepptau der Reparationszahlung nach den verlorenen Ersten Weltkrieg an zu steigen.

 

Springen wir zum November desselben Jahres, sehen wir, wie die ersten vier Wochen der beginnenden Hyperinflation sprichwörtlich zu Buche schlugen. Innerhalb der letzten 12 Monate war der Wert der Mark auf ein Zehntel gefallen. Eine Mark war somit nur noch 10 Pfennige wert.

 

Der Dezember brachte erneut eine Verdopplung der Einnahmen und die Spalte am linken Rand begann eng zu werden. Am 13. und 18. 12. war ein Brod noch für 252 Mark zu haben.

 

 

Januar 1923 – Brod 266 bis 450 Mark, auch hier ging es an’s Eingemachte. Am 9. amerik. Dollar für 8800 Mark eingetauscht, am 26. zwei Krönungstaler auf dem Postamt für 9000 Mark eingewechselt.

 

 

Februar 1923 – Brod 550, ein Brathering 500, Chocolade 2000 und zwölf Pfannkuchen 1200 Mark

 

Mai 1923 – Brod 690 und 760 Mark

 

 

Im Juni 1923 wurden die Nullen in den Preisen nochmals mehr, Brod 2280 bis 2620 Mark

 

 

Juli 1923 – Brod 3720, 2 Semmeln, 2000 Mark

 

Irgendwann war die Inflation überstanden, es gab neues Geld und das Leben ging weiter. Allerdings pegelten sich die Aufträge auf niedrigerem Niveau ein. 1927 reichte eine Seite schon für zwei Monate.

 

 

Zwischen den Seiten findet sich hier und da so manche Notiz.

Da mein Schreiben vom 26. Juni bis jetzt unbeantwortet blieb, erlaube ich mir Ihnen einliegend 1 Tratto (Abschnitt) über mein Guthaben per Ende Februar 07 nach Abzug von 10 % auf brutto Mk 190,30 netto per 31.7.07 zu geben & bitte mir dieselbe mit Ihrem Receipt versehen baldigst retournieren zu wollen.

Hochachtend gez Steinwehr

Weiter hinten habe ich noch eine Geschäftspartner-Seite mit Eintragungen von 1906 gefunden. Ob eine Spazierstock-Fabrik heute noch florieren würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Das neuesten Einträge, die sich seltsamerweise nicht am Ende des Buches befinden, sind vom April 1931. Das hier jedoch als letztes eingetragen wurde, lässt das Löschblatt erahnen.

Weit hinten im Buch weitere Geschäftspartner:

Das Privat-Conto mit Unmengen von Vergleichspreisen. Wer sich dafür interessiert, wird hier fündig. 4. Mai 1921, 1 Brod 50 Pfennige

Weitere Ausgaben – man beachte am 14. Dezember 1916 Außergewöhnliches 1/3 Anteil für 6 Mk. Das dürfte ein Drittel-Los der Weihnachtslotterie gewesen sein. Am 21. und 31. 12. gibt es den Eintrag „Bad 60 Pfg.“. Hier ist Herr Tresselt wohl in eine Badeanstalt gegangen und hat ein Wannenbad genommen.

Zum Schluß dieses Artikels, obwohl das Buch noch viel mehr zu bieten hat, noch ein Beispiel des größten Desasters, daß einem Geschäftsmann widerfahren kann. Ein Fehlbetrag von Mk 25,06 in der Kasse.

 

Streifband


Gestern habe ich euch meinen Brief eines KZ-Häftlings an seine Eltern vorgestellt. Auf dem Briefumschlag befindet sich der Aufdruck: „Nationalsozialistische Zeitungen sind zugelassen, wenn dieselben unter Streifband direkt vom Verlag geschickt werden.“ Und da dachte ich mir, wo sie gerade hier herumflogen: Zeige ich euch doch gleich noch, was ein Streifband ist.

Die beiden hier gezeigten sind zwar nicht aus der Zeit des Nationalsozialismus, sondern viel älter, nämlich aus den Jahren um 1874/75, oben: Württemberg, 1 Kreuzer bzw. unten Bayern, 3 Pfennige.

 

Diese Bänder wurden um Zeitungen gelegt, zusammengeklebt und anschließend wurde die Adresse des Zeitungs-Abonnenten drauf geschrieben. Nun wurde die Zeitung wie ein gewöhnlicher Brief in die Post gegeben und gelangte zum Leser.

Diese beiden Streifbänder wurden nie beschriftet oder gestempelt. Ich habe keinen Schimmer, wozu sie aber offenbar um irgendwelche Zeitungen gestreift waren. Vielleicht hängt das mit dem späteren Ehemann von Tante Toni Tresselt zusammen. Der arbeitete bei der Bahn. Vielleicht wurden die Streifbänder um die Zeitungen ja auch erst dort adressiert und er hat das an ihn oder seine Liebste gehende Exemplar gleich selbst vorbei gebracht.

 

Tagebuch eines Goldschmieds – 1901 bis 1921


Es gab im weiteren Verwandtenkreis einen Goldschmied über den ich euch früher schon und später noch  Berichte geschrieben habe und schreiben werde. Neulich habe ich auf dem Dachboden seines Hauses ein seit knapp 100 Jahren nicht mehr gesichtetes Tagebuch gefunden. Unter einem Tagebuch eines Geschäftsmannes verstand man seinerzeit übrigens nicht die Aufzeichnungen seines bewegten Lebens. Vielmehr war es ein Verzeichnis aller Aufträge, Tag für Tag notiert und nach Erledigung durchgestrichen. Heute funktioniert das mit dem Computer. Wie sah aber so etwas kurz nach der Jahrhundertwende aus? Auf dem Innendeckel seht ihr ein paar Probestempel des Hof-Lieferanten. Er hat sicher auch an den Hof geliefert, dessen Speiseplan ich euch neulich gezeigt habe. Zwischen den Seiten flogen jede Menge Karten, Notizzettel usw. herum. Die werden später veröffentlicht. Nun aber zu den Tagebucheintragungen. Die sehen so aus: Vom 7. Januar 1901 stammt der erste Eintrag – 1 Chemisett(e)knopf für Herrn M. Winkler – netto Mk 3,75 unmittelbar gefolgt von Frau Wagner jun., die am 17. Januar ein Christ. Kinderbesteck (Christlich? Christallen?) und einen Serviettenring für Mk 17 bestellt und bekommen hat. Alles wurde ordentlich abgestrichen. Wie beliebt Chemisettes – also diese kleinen Hemd-Vorderseiten, die man sich vorn ins Jackett stopfte – waren, erkennt man an der Häufigkeit der Einträge. Herr Huber und Herr Winkler haben auch je einen bestellt, beide verziert mit einem Opal. Ein halbes Dutzend Messer und Gabeln kosteten 28 Mark.   Auf der nächsten Seite hat sich Herr Tresselt schon mehr Mühe gegeben. Seht euch mal seine Skizzen oben links an. Frau Richard Wagner hat einen Auftrag über 13 Chemisetteknöpfe erteilt. 585er Silber, mit Opalen besetzt. Rechts neben dem Namen steht oft „Z. Wahl“. Das bedeutet sehr wahrscheinlich, daß diese Stücke zur Auswahl vorgelegt und zur Anprobe mitgenommen wurden. Die roten Zahlen in der linken Spalte kann ich nicht deuten, vermute aber, daß es etwas mit dem verwendeten Metall – Legierung oder Gewicht – zu tun hat. 15/449, 17/36, 12/279 usw. Frl. Hartmann hat mehrere wertvolle Dinge bestellt: ein Etui mit Fischbesteck (40 MK), dasselbe mit 12 Eislöffeln (38,-), 2 Vasen (á Mk 21,-), 1 Weinkanne, 1 Schaale, 1 Flaschenuntersatz.     Ab und zu werden auch wichtige Notizen eingetragen, die man später daran wieder erkennt, daß sie nicht durchgestrichen sind. Herrn Oberamtmann Liebmann, Domaine Czarnowanz bei Oppeln, Oberschlesien. (hier seht ihr wieder ein Beispiel der Buchstabenverdoppelung durch einen Überstrich, denn eigentlich steht da Oberamtman Liebman mit einem Strich über dem n von Man)   Hier habe ich euch noch eine Seite mit einer besonders schönen Skizze rausgesucht:

Und was wurde gezeichnet? Ich versuche es euch zu transkribieren:

Herr Schlehnhardt Dornheim, d. 27. October, Silberne Hochzeit

Uhr gestohlen

Dieb 26-30 Jahre alt, mittelgroß, Schnurrbart, bekleidet mit grünem, abgetragenen Jakett u. desgl. Hose; grün abgetragener Huth, unter dem Jakett eine blaue, quergestreifte Blouse.

Außen, hintere Deckelseite der Uhr die Wappen eingravirt, welches die Rückseite ziemlich ausfüllt, Wert 170 Mk.

Gelegentlich liegt eine Rechnung zwischen den Seiten.

Sie erhalten zur gefl.(issentlichen) Wahl: 5 goldene Halsketten

Adolph Tresselt, Juwelier – Lager von Juwelen, Gold-, Silber- und Alfenide-Waaren.

Alfenide ist laut Wikipedia eine Kupfer-Nickel-Zink-und/oder-Silber-Legierung und dasselbe wie Alpaka, was ich jetzt für ein Huftier gehalten hätte, aber man lernt ja nie aus.

Je weiter nach hinten man im Buch blättert desto enger und sauberer werden die Einträge. Offenbar florierte das Geschäft, wenn man z.B. die Bestellung von Herrn Arthur Fuß aus Berlin C. Seydelstrasse 23 betrachtet:

Gegen Ende, 1918, werden die Eintragungen bunter, der Rotstift wird angesetzt. Und ein Brief lag auch bei. Ein ehemaliger Feldpostbrief, hier geschickt von Paul Bamberg, Uhrmacher, Stadtilm.

Er schreibt:

Stadtilm, d 25. Sepbr 18

Lieber Vetter! Ich kam in Besitz der mir übersandten Reparaturen und hatte mich sehr darüber gefreut, daß selbige baldigst erledigt wurden, da schon kurz nach Empfang die Sachen abgeholt wurden. Gleichzeitig lege dir 3 M bei. Hoffe doch, daß es nicht verloren geht, sonst mache mir sofort Mitteilung. Das silb. Medaillon hatte so einigermaßen schlussfähig gemacht, auch hatte in die Ringe die Buchstaben selbst eingraviert. Habe die ganze Zeit nun länger arbeiten müssen im Geschäft gibt es immer zu tun; der Verkauf war auch sonst ganz gut. Fast jeden Abend wurde es spät. Wenn wieder Reparaturen vorkommen, werde dann an dich schicken.

 Im übrigen sei du, sowie deine Frau herzlichst gegrüßt auch von meiner Frau. Dein Vetter Paul Bamberg.

Im Jahr 1919 gab es eine Änderung im Geschäft. Die Tochter, Toni Tresselt, half im Laden aus und führte Buch. Die Schrift wurde winzig und sehr ordentlich.

Zusätzlich wurden Einzahlungsquittungen eingeklebt. Das waren die Quittungs-Abschnitte, die man bei der Einzahlung von Schecks bekam.

Von Seite 331 bis 333 gibt es im Tagebuch eine Liste gestohlener Schmuckstücke. Wahrscheinlich wurden die Beschreibungen zwischen Juwelieren untereinander ausgetauscht. Somit konnte ein Dieb oder Hehler dingfest gemacht werden, sobald er versuchte, die Beute zu Geld zu machen.

Die letzten Seiten enthalten Adressen. Ob es sich dabei um Kunden oder Händler handelt, können wir nicht mehr herausfinden.

Wir könnten bei Senor Theodor Fliegner, Villa Thereza (Santa Cruz), Estrado Rio grande do Sul Brazil nachfragen.

Oder auch bei Mrs. Auguste Reiner, 200 E, 71. Strasse, Ecke 3rd Avenue, New York City

Ich finde dieses Buch wahnsinnig interessant. Man kann uralte Modeartikel finden, Bestecke und Zierrath, den es heute nicht mehr so oft gibt und man sieht die damaligen Preise.

Hinten im Buch liegt noch ein Jahresabschluß-Kontoauszug der Privatbank zu Gotha, Filiale Arnstadt.

vorn

hinten

inklusive Vordruck

und Zins-Eträgen

Es gibt noch ein zweites Buch dieser Art. Das habe ich mir noch nicht genau angesehen. Es ist etwas größer und umfangreicher als dieses. Mehr dazu gibt es inzwischen hier.

Armutszeugnis


Kennt ihr den Spruch: „Da stellt er sich aber selbst ein Armutszeugnis aus!“? Was ist ein Armutszeugnis? Ich will es euch erklären.

Wer früher kein Geld hatte, um die Kosten eines Gerichtsprozesses zu bezahlen, der konnte sich vom Amt einen entsprechenden Nachweis ausstellen lassen.

Da der uns schon aus anderen Artikeln bekannte Herr Tresselt ein recht wohlhabender Bürger von Arnstadt war, vermute ich, daß er durch die Erlangung dieses Zeugnisses den Kosten einer Klage aus dem Weg gehen wollte.

Wie sah nun ein Armutszeugnis aus?

 

Antrag auf Ausstellung eines Zeugnisses zur Erlangung des Armenrechts

Arnstadt, den 8. Nov. 1927

Der Goldschmied Arthur Tresselt, hier Schloßplatz 1 beantragt ein Armutszeugnis zur Erlangung des Armenrechts und erklärt:

Ich bin mit der Offenlegung meiner Vermögens-, Einkommens- und Steuerverhältnisse durch die Steuerbehörde gegenüber dem Gericht und der Verwaltungsbehörde einverstanden.

 Ich bin ausdrücklich darauf hingewiesen worden, daß ich gerichtliche Bestrafung wegen Betrug zu gewärtigen habe, falls ich zu den nachstehend aufgeführten Fragen Angaben mache, die der Wahrheit nicht entsprechen.

 

Familienverhältnisse: verheiratet

Kinder: 1. Charlotte, 7 Jahre alt

unvermögend

Bareinkommen monatlich 10,- RM aus Goldwarenreparaturen, Tabakverkauf, Museumsführung

IV. Bareinkommen des Ehegatten: wöchentlich 25,- RM als Buchhalterin in Handschuhfabrik Rottstädt und Hopf, hier

V. Steuerverhältnisse des Antragstellers: Finanzamt Arnstadt, den 8. Jan 1927

Einkommensteuer / Vermögensteuer: 1926 frei veranlagt im Auftrage: gez. Kutzke

 VII. Kurze Bezeichnung des Rechtsstreites: Beleidigungsklage des Antragstellers gegen den Prokuristen Hoffmann, hier, Baumannstraße

Wer alles im Detail lesen möchte, klickt auf die Bilder zum vergrößern.

 

 

und schließlich

 

Antragsteller ist unseres Erachtens nicht in der Lage, die Kosten des Rechtsstreites zu tragen oder einen Beitrag dazu zu leisten.

Arnstadt, den 8. Nov. 1927

Heute gibt es diese Handhabung immer noch, allerdings hat sich der Name geändert. Heute beantragt man kein Armutszeugnis mehr, sondern die Prozesskostenhilfe.

Paketkarte 1895 – von Stockholm nach Arnstadt


Ich habe eine Paketkarte von 1895 zwischen anderem Zeug gefunden. Eine in Zukunft hier häufiger anzutreffende Tante Toni, die mit richtigem Namen Antonie Tresselt hieß, hat den Paketschein aufgehoben. Wahrscheinlich hat ihr jemand sehr nettes ein Paket geschickt. Paket ist aber übertrieben. „1/2 Kilogramm“ können wir unten links lesen. Daneben steht der Preis, den ein Paket damals kostete: 1 Krone, 44 Öre. Die passenden Briefmarken kleben oben.

 

Lustig ist die Anschrift. Froken heißt wohl Fräulein.

Dieser Tante Toni haben übrigens auch diese früher schon einmal vorgestellten Kalender gehört. Dort (vorletztes Bild) kann man in den Post-Tarifen übrigens lesen, daß ein Paket in die umgekehrte Richtung bis zu 3 kg schwer sein durfte und 1,60 Mark gekostet hat.

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