Wandertagebuch – Juli/August 1921


In der kleinen Reihe handgeschriebener Bücher stelle ich euch heute ein Reisetagebuch vor, das die – meinen treuen Besuchern bereits bekannte – Tante Toni während ihrer Wanderung durch Tirol führte.

Den Buchdeckel ziert ein geprägtes Bild. Ich interpretiere es als das Wappen von Tirol: Adler und Eichenlaub. Der Adler hält noch ein kleines Wappen mit Eichblatt und Eichel. Auf dem Wappen sitzt ein Soldatenhut.


 

Wanderung von Kufstein bis Innsbruck vom 21. Juli bis 4. August 1921

Wenn Einer eine Reise tut, dann soll er was erzählen, so wünscht’s die Alpine Vereinigung und es ist auch moralische Pflicht der Glücklichen, die sich Gottes schöne Welt ansehen konnten, Andere ebenfalls an dem Genuß der Schönheiten, an denen sie selbst sich begeistert haben, teilhaben zu lassen.

Ob man freilich etwas erzählen kann, das erzählenswert ist und das Interesse der Zuhörer wach erfüllt, das ist eine andere Sache. Wenn man aber den Ausspruch beherzigt: Laß nur auf dich was rechten Eindruck machen, so wirst du schon den rechten Ausdruck finden, dann wird die Sache schon gehen. Geht man nicht mit ganz abgestumpften Sinnesorganen seines Weges, dann nimmt man ja bei jedem Schritt neue Eindrücke in sich auf, die nicht so schnell wieder verblassen

 

und daheim mit Hilfe des Erinnerungsvermögens sowie der mitgebrachten Ansichtskarten noch einmal recht lebendig werden und mit diesen beiden Hilfsmitteln ich nun versuchen, einen Bericht von unserer diesjährigen Sommerreise, die von Anfang bis zum Ende von dem herrlichsten Hochsommerwetter begünstigt war und über alles Erwarten wunschgemäß verlief, zu geben.

Wenig angenehme Erfahrungen, die auf unseren Reisen in die oberbayerischen Alpen 1918 und 1920 den freudigen Genuß am Wandern stark beeinträchtigt hatten, ließen uns diesmal vorsichtiger sein. Zunächst versuchten wir es mit der Benutzung des Nachtschnellzuges Berlin-München von Jena aus, da wir diesen in Saalfeld stets überfüllt angetroffen und niemals das Glück hatten, einen Sitzplatz zu erwischen und richtig, wir brauchten nicht lange zu suchen sondern fanden bald ein Abteil mit noch 2 Sitzplätzen und im übrigen sehr angenehmen Reisegenossen – in diesem

Falle Schlafkameradinnen, denn jeder versuchte es wenigstens mit der Möglichkeit zu schlafen. In Augsburg stiegen die meisten der Damen um und wir entfalteten nun eine lebhafte Tätigkeit, da diese mit den üblichen unzähligen Handgepäckstücken durch die engen, verrsperrten Gänge nicht zum Ausgang gelangen konnten, indem wir den Damen über ein Dutzend Handkoffer und Taschen, Hutschachteln, Plaidhüllen u.s.w. zum Fenster hinaus bugsirten, hübsch in der Reihenfolge wie sie ausgestiegen waren.

Der Apparat funktionierte tadellos, wie von den Empfängerinnen dankerfüllten Herzens anerkannt wurde. In München trafen wir 9.30 mit ein 1/2stündiger Verspätung ein, diesmal bei herrlichsten Sonnenschein, was wir hier selten erlebt hatten.

Unser erster Gang war nach dem oesterreichischen Consulat, um unsere Pässe visiren zu lassen. Das war eine recht umständliche zeitraubende Sache. Ein Andrang

wie in den schlimmsten Tagen der Hungerjahre bei der Kohlrüben- oder Kartoffelausgabe, nur der Gesichtsausdruck der sich Drängenden war ein anderer.

Die Reisebeschreibung fährt nun mit dem Besuch des Consulats fort. Die Pässe werden abgegeben, und bis 1 Uhr musste gewartet werden, ehe sie wieder ausgehändigt wurden. Tante Toni und ihre Reisegefährtin verbrachten die Zeit bei einem deftigen Mittagessen im Restaurant August(in)er.

Mit den Pässen zurück zum Bahnhof und ab nach Kufstein. Tante Toni schreibt über die herrliche Aussicht vom Zug aus auf den Pendling, einen Berg, der bis vor kurzem noch unbezwinglich war, den nun aber das Kufsteiner Haus krönt. (hier ist die Webseite dazu: pendlinghaus.at)

Bei einbrechender Dunkelheit kamen wir in Kufstein an, passirten ohne Zwischenfall die Zollrevision, mit gutem Gewissen konnten wir die Frage des Beamten beantworten, ob wir mehr als 3000 DM Gold bei uns führten; in Bezug auf Cigarren war das Gewissen nicht ganz so rein, in meiner Jacke eingeschnallt steckte ein Kistchen des kostbaren Krautes in etwas mehr als erlaubter Menge; Ich schmuggelte sie aber glücklich über die Grenze; die Beamten verlangten von uns Touristen keine hochnotpeinliche Untersuchung.

Interessant ist, wie unvorbereitet man damals an einem Urlaubsort erscheinen und um Unterkunft ersuchen konnte:

Nach einigen vergeblichen Fragen nach Nachtquartier bot uns der Hausdiener von den „Drei Königen“ solches an und wir bekamen ein nettes Zimmer. Als uns dann im Gastzimmer die erste Speisekarte vor Augen kam wurden diese groß und immer größer angesichts der Preise für die verschiedenen Speisen und Getränke und wir sagten uns in banger Ahnung, daß der beim Geldwechsel in München uns überschüttende und unversieglich erscheinende Kronensegen bei diesen Preisen bald erschöpft sein würde: 1 Glas Bier 11 Kr., 1 Suppe 15 Kr., 1 Goulasch 80 Kr., 1 Port. Kartoffeln 15 Kr., 1/4l Wein 45 Kr. Wir mußten uns erst an diese hochklingenden Preise gewöhnen und sie in deutsche Mark übersetzen um dahinter zu kommen, daß sie so gar niedrig waren.

nebenbei: Der Umrechnungskurs betrug im Juli 1921  100 Kronen = 12 Mark, die Portion Goulasch kostete also M 9,60, das Viertel Wein M 5,40. Nur unwesentlich später, also ab Oktober 1921 setzte die Inflation ein. (Link) Der Wert der Mark verlor im Vergleich Goldmark-Papiermark vom Januar 1921 (Wert:1GM=30PM), über Oktober 1921 (100), Januar 1922 (200), Oktober 1922 (1000), Januar 1923 (10.000) usw. Tante Toni hatte also das Glück, ihr Geld bei dieser Reise noch gut ausgeben zu können.

Zwei Tage hielten wir uns in Kufstein auf; am 1 Tag, Donnerstag d. 21. Juli unternahmen wir die erste kleine Übungstour nach dem Brentenjoch 1262m. (Link hier) wir machten im Alpengasthof Vorderdux Kaffeerast und gingen dann weiter über Hinterdux bis zur Höhe des Brentenjoch, wo wir die ersten Alpenrosen pflückten und uns mitten in den süß duftenden Wiesenblumen liegend einige Stunden von der Höhensonne bestrahlen ließen, was wir hier vollständig kostenlos haben konnten.

Zurück ins Tal, gut zu Abend gegessen und den Ausflug für morgen geplant – Besteigung des Pendling. Tante Toni beschreibt ihre Wanderungen, ihre Eindrücke, die Aussicht, das Panorama und nicht zuletzt die Unterkünfte auf ihrer Reise. Mal starten Sie aus ihrer Unterkunft zu Tagestouren auf umliegenden Berge und kehren abends wieder zurück. Ein andermal wandern sie mitsamt ihrem Gepäck auf einen Berg und übernachten in einer Hütte. Lest hier:

Wir vergaßen alle Mühsal, als wir das Haus erreicht hatten und erst mal eine kurze Umschau hielten, ehe wir uns die sehr nötige Stärkung und Ruhe gönnten. Unsere erste Frage galt der Unterkunft, denn Sonnabend und Sonntag herrscht Hochbetrieb im Stripsenjoch-Haus, da wallfahrten die Kletterer und solche die es werden wollen aus der näheren und weiteren Umgebung nach dieser Höhe, um von da aus Klettertouren nach dem Totenkirchl (Link hier) zu unternehmen. Für uns ein sehr interessanter Fall, wenn so auch die Schuld trug, daß wir uns mit einem sehr primitiven Matratzenlager begnügen mußten. Nachdem wir uns dieses gesichert hatten, nahmen wir den Nachmittagskaffee in der Glasveranda rein, von der aus man einen herrlichen Ausblick nach dem Totenkirchl, Priestertuhl und hinab zur Griesener Alm genießt.

Eine junge Dame hörten wir erzählen, dass ihre Schwester mit einer zweiten Dame unter Führung eines Herren ihre erste Kletterpartie machten, sie gaben sich Zeichen hinüber und herüber, mit einem Male wurde die Befürchtung laut, daß die drei sich verstiegen haben müßten. Dasselbe Schicksal hatten auch 2 Herren, die wir von einem ganz nahe beim Totenkirchl ragenden Felsgipfel beobachtet hatten, andere junge Leute denen die richtigen Wege bekannt waren, riefen Ihnen zu, wie Sie aus dem so genannten „rosigen Kamin“, von dem aus sie keinen Abstieg finden konnten, in den Führerkamin gelangen konnten. Wir folgten dann ihrem Rückzug ganz gut mit Hilfe des Fernglases und sahen sie unversehrt nach längerer Zeit zurückkommen.

Drei aber fanden an dem Abend den Rückweg nicht mehr; ein einsames Lichtlein hoch oben in einer Felsspalte kündete, daß sie dort Nachtquartier wohl in nicht gerade beneidenswerter Lage bezogen hatten.

Noch spät am Abend, als wir schon längst unser Lager aufgesucht hatten, hörten wir das Jodeln der Wirtin und die antwortenden Stimmen vom Totenkirchl, was mich mit Gruseln erfüllte und mir mein sehr wenig einladendes Matratzenlager als eine herrliche Einrichtung erscheinen ließ.

 

Das Reisetagebuch umfasst 39 Seiten mit Berichten, wie diesen. Am besten gefallen mir die Hintergrundinformationen. Preise, die zeigen, was seinerzeit wofür bezahlt werden musste und Gepflogenheiten bei Urlaubsreisen. Wer kann sich heute noch vorstellen, mit dem Zug an sein Urlaubsziel zu reisen, ohne sich vorher Gedanken über die Unterkunft gemacht zu haben? Oder welche Dame wird heute mit einem Herrn eine Felswand besteigen, ohne ausreichend ortskundige Führer dabei zu haben, um nicht in einer Felsspalte übernachten zu müssen. Heute würde wahrscheinlich der Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen.

Die so mühsam erkämpfte Höhe wollten wir nicht nach kurzer Zeit schon verlassen und benutzten die Rast zu einer Stärkung. Unser Wandergenosse spendirte mir Chocolade zur Belohnung für die beim Aufstieg bewiesene Tapferkeit. In ebensolchen Geröll wie bergauf ging’s auf der anderen Seite wieder bergab aber weniger steil bis zur Epp-Lisl-Alm, wo wir mit prachtvoller Buttermilch gelabt wurden. Dann ging’s immer noch weiter zu Tal am wild rauschenden Gebirgsbach entlang, bis das Tal sich weitet und das freundliche Scharnitz uns Wanderer aufnahm. Beim Neuwirt fanden wir gute und preiswerte Unterkunft, vorzügliches Abendbrot. Schweinebraten 90 Kr., Rindfleisch 50 Kr., Salat 10 Kr., dazu 1/2 Special 70 Kr., alles ausgezeichnet und zu empfehlen. Da leider die schönen Urlaubstage zu Ende gingen, konnten wir diesen sehr gemütlichen Aufenthaltsort nicht länger genießen und fuhren schon am nächsten Morgen, Donnerstag d. 4. Aug. über Garmisch und München ohne weiteren Aufenthalt der Heimat zu, beglückt und zufrieden und reich an schönen Erinnerungen, an denen wir in späteren Jahren, wenn die Kräfte zum Wandern nicht mehr reichen, zehren wollen. Vorläufig aber hoffen wir noch: Auf Wiedersehen du herrliche Bergwelt!

 

Weiter gewandert wurde zumindest in diesem Tagebuch nicht mehr. Ab der nächsten Seite wurde es stattdessen als Haus-Konto Buch für die Jahre 1944-1948 benutzt. In den letzten Kriegsjahren und in den Folgejahren wurden im Haus ausgebombte Familien einquartiert.

Mieteinnahmen links, Rattenbekämpfung und Müllabfuhr rechts.

  1. April – der Russe bekommt für 5 Stunden Gartenarbeit 2 Reichsmark.

 

 

  1. & 2. Dezember – Licht und Heizung im Luftschutzraum (jeder -,70) u. Müllabfuhr (jeder 1,30)

  2. Februar 1945 – Kellerlicht und Heizung für Laufer und Sending (2,50)

 

Und über das Kriegsende hinweg geht es weiter, als wäre nichts geschehen:

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Trauriges Tagebuch meiner Oma


Heute stelle ich euch in der Reihe der kleinen Handschriften-Reihe (die ganze Serie gibt es hier) ein kleines Tagebuch vor, das meine Oma als Jugendliche begonnen hat und nach dem Tod ihres Ehemanns als Erinnerungsbuch weiter geführt hat. Es ist nicht wirklich ein Tagebuch, da es keine fortlaufenden Eintragungen enthält. Vielmehr handelt es sich um ein Buch voller Andenken. Einige davon werde ich euch hier und heute zeigen.

 

Schlägt man das Büchlein auf, stößt man auf einige Bilder, die meiner Oma wohl besonders viel bedeutet haben.

Unter dem wohl von ihm geschriebenen und wahrscheinlich an eine Karte, einem Blumenstrauß oder einem Geschenk befestigten Kärtchen „aus Liebe“ seht ihr meinen Opa als schmucken Mann, darunter als junger Drogist neben seinen Mitlehrlingen oder Angestellten, oben rechts als Soldat im Einsatz an der Ostfront und unten links die beiden Gräber von ihm – gefallen im Alter von 35 Jahren – und seinem besten Freund und bei der Wehrmacht Chef Fritz Stille. Während mein Opa „nur“ Unteroffizier war, schaffte es Freund Fritz bis zum Leutnant.

 

Zwischen den nächsten Seiten hat meine Oma ihr Hochzeitsfoto und ein paar getrocknete Rosenblätter aufbewahrt. Nach ihrem Tod haben wir ein Foto ihres Sarges dazugelegt.

 

Weiter geht es mit einem Foto der beiden Freunde. Ernst und Fritz, der nicht so klein war, wie es scheint, sondern der hier in einem Loch steht.

 

Ein Gedicht aus der Zeit gegen Ende oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Oma hatte 1941 noch ihr viertes Kind (das dritte überlebende – siehe meinen Mutterkreuz-Artikel) – meine Mutter – bekommen. Sie und ihr Vater sollten sich nie kennenlernen. Die Geschichte dazu gab es schon im Artikel über die Ausbombung. Meine Oma lebte 1942 mit ihren Kindern (5, 2 und 1) nach dem Fliegerschaden zuerst beim Bruder in Arnstadt, dann bei den Eltern in Erfurt. Viel Arbeit, viel Not, kein Mann zur Unterstützung.

 

Wir springen ca. 15 Jahre zurück. Zum Ende der Schulzeit – wahrscheinlich am letzten Schultag – gaben sich alle Freundinnen gegenseitig einen guten Spruch mit auf den Weg.

Meine Oma war 16 und ihre Freundinnen haben ihr diese Zettel zukommen lassen. Ich weiß nicht genau, wie man sich das vorstellen kann, denke mir aber, dass jeder dieser Zettel aus zwei Hälften bestand und in einem Block oder Büchlein zusammengebunden war. Alle Blätter hatten eine Herzform, man notierte auf der oberen Hälfte, wem man wann einen Zettel gegeben hatte, schrieb einen Spruch, riß den unteren Teil ab und gab ihn der Freundin.

Hier die Ratschläge der besten Freundinnen, die ebenfalls um die 16 gewesen sein werden. Früher nannte man es das Backfischalter.

Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden. Storm (aus dem Oktoberlied) Denke gern an unsere freudige Jugend! Deine Annemarie Kilian. Erfurt, d. 2.4 27

Einen Mund, der nicht küßt, ein Herz, das nicht geliebt, weiß nicht was für selige Stunden es gibt. Zum Andenken, Cäte (?) Jacobsohn, März 1927

Die Liebe und der Suff, die reiben den Menschen uff. Zum Andenken an Ruth Karlstadt, Erfurt, d. 2.4.27

Wenn der Mond macht seine Runde, ist zum Küssen die beste Stunde. Befolge das! Hilde Kahlert, 2.4.1927

Gibt dir das Schicksal einen Puff so weine keine Träne. Lach dir ’nen Ast und setz dich druf und baumle mit de Beene! Zur Beherzigung! Mops Rottig, den 2.4.27

Liebe und Wein vertragen sich fein, denn Liebe ist ein Blümchen und will begossen sein. Merk‘ dir’s! Deine Margot (?), Erfurt, d. 2.IV.27

 

 

Ein Kuß ist das Zusammenbauzen zweier kleiner Menschenschnauzen! Zur frdl. Erinnerung an unsere schon lustige Schulzeit! Hildegard Krubzig d. II.IV.27

Lieb macht Wasser heiß, doch Wasser niemals Lieb zu kühlen weiß. (Shakespeare) Zur Erinnerung Erna Lautzsch, Erfurt, den 2.4.27

Bescheidenheit ist eine Zier, drum liebe einen und nicht vier! Zur Beherzigung! Hilde Wittsack. Erfurt, den 2.4.1927 (Anmerkung: 53 Jahre später sind die beiden zufällig in Nachbarhäuser umgezogen, haben sich nach zehn oder zwanzig Jahren wiedergetroffen und waren bis zum Tod meiner Oma gute Freundinnen)

Willst du ins Ausland dich verlieben und macht die fremde sprach dir Qual, küssen kannst du hüben so wie drüben, denn der Kuß ist international! Zur Erinnerung an Irmgard Harrigfeld. Erfurt, den 2.4.1927

So nimm denn meine Hände und führe mich, in eine stille Ecke und küsse mich! Zur Erinnerung! Lotte Beer. April 1927.

Erst kommt der Frühling und dann die Liebe. Und dann und dann kommt „Er“. Da lernt man küssen, ja richtig küssen, und hält verliebt sein Schnäuzchen her. Zur Erinnerung an Traudl Roth.

 

Lass deine Liebe nicht ermatten, auch nicht bei 30° im Schatten! Zur Beherzigung! Grete Lösch. Erfurt, d. 2.4.27

Liebe Friedel Du sollst leben und dein Liebster auch daneben, doch vor einem warn‘ ich dich, küsse nicht so fürchterlich! Befolge meine Warnung! Deine Gertrud Pischinski (?) den 2. April 1927.

Schweigen ist Silber, reden ist für Dich Gold. Lotte Arnold. Im Frühling 1927

Eener alleene is nich scheene. Eeene alleene is och nich scheene! Aber eener und eene – und dann alleene – das is scheene! Zur Erinnerung an Elisabeth Saß.

 

Wieder zurück ins Jahr 1941.

Das Foto zeigt meine Großeltern, auf dem Schoß des Opas meine Tante (Jahrgang 37) und mein Onkel (Jg. 40). Da der Bengel ca. ein Jahr alt zu sein scheint und meine Mutter 1941 folgte, dürfte meine Oma hier schon ordentlich schwanger gewesen sein.

Um das Foto habe ich drei Zeitungsausschnitte gelegt, die im Tagebuch auch an dieser Stelle liegen. Oben links eine Ermahnung, die Todesanzeigen in der Tagespresse – 1942 kamen sie schon reichlich – mehr zu würdigen. Daneben die Todesanzeige für den eigenen Mann und unten der Frontbericht, der beschrieb, wo Opa war und dann auch blieb.

 

Noch ein weiterer Bericht.

 

Ein Gedicht zum Heldengedenktag aus der Thüringer Gauzeitung vom 21. März 1943. So ungern man heute über Dinge wie einen Gedenktag zur Ehrung der Helden der Deutschen Wehrmacht reden möchte, hat er seinerzeit meiner Oma viel bedeutet und sie hat bestimmt noch einmal mehr an ihren toten Mann gedacht.

 

Nochmal ein Blütenblatt und zwei getrocknete Edelweiß. Früher fand man die auf Wanderungen noch häufiger.

 

Noch drei Fotos und zwei Notizen:

  • oben links: die beiden Freunde Ernst und Fritz Stille, 1941. Rußland.
  • oben rechts: Mein „Weltenbummler“. bekommen am 28.8.28
  • rechts unten: ein Minifoto meiner beiden Großeltern
  • zwei Notizzettel mit Verabredungen zu (heimlichen?) Treffen:
    • Treffen wir uns um 8 Uhr Ecke Schlößerstraße u. Anger bei Lamm. frdl. bis dahin hoffentlich mit besserer Laune
    • treffen wir uns heute abend   ja? nein?

 

Zwei Fotos, die den Liebsten bei der Arbeit in unserer Drogerie zeigen. Einmal allein, einmal beide gemeinsam.

 

Und zum Schluss noch zwei Fotos in schmucker Pose und bei einem Ausflug mit dem Bruder des Liebsten.

 

Damit endet dieser Artikel, der mich einerseits traurig gestimmt hat, andererseits lebt ein Mensch in den Gedanken an ihn weiter. Das tun meine Oma und mein Opa hier. Mehr zu ihnen findet ihr im Artikel „Briefe von der Front„.

 

 

Kochbuch für Wilhelmine Herr, Gaggenau, 1867


Wilhelmine Herr hat mir ihr 1867 begonnenes Rezeptbuch hinterlassen. Äußerlich nicht sehr hübsch, wurden alle Rezepte nur in ein gewöhnliches Schreibbuch eingetragen.

 

Wilhelmine Herr – von allen offenbar nur Mina gerufen – wird zu Beginn der Aufzeichnungen um die 20 Jahre alt gewesen sein. Die Handschrift mit der die Rezepte eingetragen wurden, erinnern mich an einen ähnlich sauberen und schwungvollen Schreibstil meiner Urgroßtante Toni Tresselt, die schon mehrfach in meinem Museum aufgetaucht ist. Sie hat alle Liebesbriefe, die überliefert sind, in einer sehr ähnlichen Schrift verfasst.

 

Der einfachen Lesbarkeit halber, habe ich das Pfundzeichen ℔ durch das Wort Pfund ersetzt.

Auch dieses Rezeptbuch beginnt mit den Suppen

Krebssuppe und Kärbelsuppe (sic!)

Krebssuppe – Ziehe den Krebsen die Schwänze aus, stelle sie mit Wasser und Salz, lasse sie einige Mahl kochen, dann werden die Schwänze heraus genommen, dann stoße sie mit einem halben Pfund Butter fein, thue sie in eine Pfanne, dämpfe sie mit einem halben Pfund Butter, hebe die Krebsbutter ab und lasse sie durch ein Haarsieb gelaufen, thue Wekschnitten (Weckschnitten = Brötchenhälften) in Fleischbrühe und thue den Krebsbutter. mache beliebig Knöpfchen (ich glaube, das sind so etwas wie Gnocchi) dazu.

 

Reissuppe – Der Reis wird 2mal ablanschirt (abblanchiert?), alsdann kommt ein Stückchen Butter und 1 Zwiebelchen mit Nägelein (Nelken) besteckt hinzu. Fülle es nach und nach mit Fleischbrühe auf und mache ein Teigchen halb aus Mehl und Fleischbrühe daran. Gersten– und Sagosuppe wird auf die nämliche Art zubereitet und wird Beider leicht ablanschirt und das Teigchen von lauter Mehl gemacht.

 

Saucen

Sardellensauce – die Sardellen werden fein gereinigt und mit einem kleinen Stückchen Butter durch ein Haarsieb getrieben alsdann wird eine Sauce von einem Stückchen Butter und Mehl gelb geröstet und vor dem Anrichten die Sardellen mit etwas Sauce zerdrückt und daran gerührt.

Kräutersauce – 3 Eier werden hart gesotten und das Weiße von dem Gelben losgemacht und fein gewiegt, das Gelbe mit 3 Löffel voll Oel fein zerdrückt, dann kommt ein gewiegter Hering einige gewiegte Charlottenzwiebeln, Petersilie, Senft und mit Wein u. Essig gut untereinander gerührt.

Charlottensauce – Butter und Mehl wird in ein Pfännchen gethan und gelb geröstet, alsdann wird ein gehörige Quantum fein gewiegte Charlottenzwiebeln dazu gethan und wenn sie weich sind mit Essig und Fleischbrühe abgelöscht, glatt gerührt und gut aus kochen lassen.

 

Salat

Italienischer Salat – Zung, Kalbsbraten, Schinken, Aepfel, Häring Werden klein wirfelig geschnitten, dann werden Sardellen fein gewiegt und dazu gethan, nebst Senft, Kartoffelsalat und eingemachten Gurken, dieses Alles wird mit Essig und Oel gut untereinander gemacht. Man verziert ihn mit fein gewiegten Rothrüben, Eiern, Gurgen, Kapern, Oliven und Sardellen ganz nach eigenem Geschmack.

 

Gemüse

Rothkraut – das Kraut wird fein geschnitten, in eine Casseroule Fett gethan, das Kraut darauf nebst einigen Aepfelschnitten und einem Schop. Rothwein nebst etwas Essig.

Bairisches Kraut – das Kraut wird fein geschnitten, in eine Casseroule Fett gethan, Eine kleine Zwiebel hinein geschnitten und gieße Wein und Essig darüber und lasse es weich werden.

Weißkraut – das Kraut wird in Salzwasser abgekocht, und nachher feingewiegt wie ein Mus. Dann thue man Butter und fein gewiegte Zwiebel in eine Casseroule und wenn sie gelb sind Mehl dazu, wenn das Letztere angezogen hat mit Fleischbrühe abgelöscht, das Kraut hinein gethan und Pfeffer Muskatnuss etc. dazu gerieben und gut untereinander gefuhrwerkt.

Gelbrüben resp. Galgennägel – Die Gelbr. werden in längliche Stückchen geschnitten. In eine Casseroul thut man Butter und gewiegte Zwiebel, die Gelbrüben darauf gethan nebst Peterlung, Zuker, Salz und Muskatnuß und aufs Feuer gestellt. Wenn sie weich sind mache eine Buttersauce und thue sie hinein.

 

Schwarzwurzel – die Wurzeln werden geputzt und in längliche Stückchen geschnitten, man muss aber in die Schüssel wo sie hinein geputzt werden ein Teigchen von Mehl und Essig machen und dann mit Wasser auffüllen. Alsdann werden sie mit Salzwasser aufs Feuer gestellt. Wenn sie weich sind wird eine Buttersauce gemacht die Wurzeln hinein gethan und vor dem  Anrichten legirt.

Einige Zettel lagen zwischen diesen Seiten.

Bärentazen – ½ Pfund Zucker wird mit 3 großen Eierweiß zu Schnee eine Zeit gerührt, allsdann ½ Pfund geriebene Mandeln, ½ Loth Zimmt, 6 Loth geriebene Chocolade, den Saft und die Schale einer halben Citrone. Man nimmt sich Mandelmehl, Zucker, macht Kügelchen daraus welche man in das Muschelförmchen welches mit Zucker ausgestreut ist einzudrückt.

 

Butterhagen – ¼ Pfund Butter, ½ Pfund Mehl, 6 Loth Zucker, das abgeriebene einer Citrone, Alles dies wird mit 3 Eigelb auf dem Brett gut durcheinander geschafft, Hagen daraus gemacht und mit Eiweiß gestrichen. Wer’s liebt kann sie mit gröblich gestoßenem Zucker oder mit geschnittenen Mandeln bestreuen.

 

Leberknöpfle – Wenn die Leber ganz fein gehakt ist, dann wird sie in eine Schüssel gethan. Zwiebel werden fein geschnitten und mit Butter gebrannt. Weke nach Maß werden in Wasser eingetaucht und wenn sie weich sind ausgedrückt, Majoran, Pfeffer, Mehl, Eier, Salz, Muskatnuß alles dies untereinander gearbeitet. Knöpfeln mit dem Löffel ins Wasser gelegt und wenn sie gekocht sind mit Butter und Reibbbrod abgeschmelzt.

Reis – Der Reis wird zweimal ablangirt und mit Fleischbrühe einem Rosenknöpfchen und Parmasant oder Schweizerkäs weich gekocht. Gewohnlich servirt man Poularden dazu.

 

Kartoffelknöpf – Die Kartoffel werden gekocht, gerieben, nebst 2 in Milch eingetauchte Weke, welche vorher in kleine Würfel geschnitten wurden, alsdann wird Butter und Zwiebel gelb geröstet, nebst Peterling etwas zu einem halben Mäßlein Mehl, Majoran, Muskatnuß, Salz und mit 10 Eier leicht untereinander geschafft, im Salzwasser abgekocht auf eine Platte angerichtet und mit Butter abgeschmelzt.

Schinkennudeln – Die Nudelkuchen werden gemacht wie die andere. Es wird Schinken fein gewiegelt, dann kommt Rahm und Pamesentkas daran. Jetzt kommen zuerst Nudeln in eine Schüssel dann die Hälfte von dem Schinken, eine Lage ist Nudeln die andere Hälfte Schinken und noch eine Lage Nudeln oben, darauf Reibrod (Reibbrot) darauf gestreut und mit etwas Butter im Offen gelb gebaken.

 

Prieschen (Brieschen = Kalbsgehacktes) – Die Prieschen werden in kaltes Wasser gelegt, daß das Heutige (häutige) davon weggeht, alsdann werden sie wie Reis zweimal ablengirt und nehme sie heraus und reinige sie, dann lege sie in eine Caßeroule mit Butter und allem Gewürz und lasse sie weich dämpfen und gebe folgende Sauce dazu: Röste Mehl mit Butter braun, lösche es mit Wein ab und verdünne es mit Fleischbrühe. Man kann auch eine weiße Sauce dazu machen, welche mit Rahm und Eigelb legirt wird.

Hamelbrust (beachtet den Strich über dem m, der eine Verdopplung anzeigt; also Hammelbrust) – Sie wird ausgebeint und in Salzwasser mit etwas Knoblauch weich gekocht, dann im Ei und Weißmehl gedunkt und mit einem Stück Butter gebraten. Man kan (wieder mit Strich über dem n! – im weiteren Text ersetze ich der Lesbarkeit halber den Buchstaben mit Überstrich durch den entsprechenden Doppelbuchstaben) sie auch füllen.

Kalbsfüß und Kopf – wird auf die nämliche Art zubereitet nur wird der Knoblauch weggelassen. In einem gebrühten Teig schmeken sie auch gut nur müssen Sie dann in schwimmendem Schmalz gebacken werden.

 

Wieder lag ein Zettel zwischen den Seiten. Diesmal eine Werbung für Liebig’s selbstthätiges Backmehl mit dem man unter anderem auch Brod backen kann. Mehl, das ohne Hefe aufgeht bekommt man als selbstgehendes Mehl auch heute noch zu kaufen. Es ist besonders in England sehr verbreitet.

Die Schreibweise der Worte Brod, Schaale einer Citrone oder ächt lässt den Zettel auf eine Zeit vor 1901, also vor die Rechtschreibreform datieren.

Die Rückseite wirbt für Liebig’s Puddingpulver um einen vorzüglichen Pudding ohne Eier zum halben Preise und ohne grosse Mühe zu bereiten.

 

 

Wildenten – Die Enten werden ausgenommen mit Pfeffer und Salz ausgerieben und gut abgewaschen. Man stellt sie mit Butter und allem Gewürz aufs Feuer und löscht sie mit Fleischbrühe ab.

Füllet (Filet?) zu kleinen Fleischpastetchen – Charlottenziebel fein gewiegt werden in Butter gedämpft, dann kommt fein gewiegtes Fleisch hinzu nebst Peterling, Muskatnuß, Salz, Kapern und Fleischbrühe lasse es noch ein wenig miteinander dämpfen, fülle die Pastetchen damit und stelle sie noch einmal in den warmen Ofen.

Broschirte (pochierte) Eier – Fülle die Hälfte der Caßeroule mit Wasser, sodann Essig und Salz bis es worschmeckt, thue dann die Eier hinein fallen lassen aber acht geben, daß sie nicht zerfallen, lasse einige Wall darüber kochen, dann sind sie fertig.

 

Stockfische – werden auf dieselbe Art zubereitet (Schellfisch) nur werden sie mit Zwiebel abgeschmeckt und Muskatnuß darauf gerieben.

Gebakene Birsching (?) – wenn sie sauber geputzt sind werden sie tüchtig gesalzen zuerst in Mehl dann in Ei und Reibbrod gedunkt und in Schmalz gebaken.

Gedämpfter Hecht – der Hecht wird geputzt dressirt in eine Pfanne gesetzt, nebst fein gewiegelten Charlottenzwiebel, Butter, Peterling, Muskatnuß, Salz, fein gewiegelten Sardellen, Zitronen, Lorbeerblatt und in den Ofen gestellt, wenn er bald weich ist wird er mit Wein abgelöscht, später kommt noch Rahm und ein wenig Sauce wie zum eingemachten Kalbfleisch mit Kapern dazu. Man kann die Sauce auch hinweglassen.

Salmen – Er wird mit einer Flasche rothen Wein, 4 in Scheiben geschnittenen Zwiebel, etwas ganzer Pfeffer, einige Nelken, 1 Scheibe Zitrone nebst Salz und Pfeffer und bis es darüber geht, lasse es kochen bis er weich ist. Man kann sie hernach mit Schellfisch abschmelzen, 2 kalt geben oder 3 mit einer sauren Sauce.

 

Krebse abzufinden – man zieht Ihnen bloß die Schwänze aus, von denen hängt ihr ganzes Leben. Dann stelle sie mit Wasser, Essig, Salz, Lorbeerblatt, Zitron, Zwiebeln einen Priß Kümmel und einem Stückchen Butter aufs Feuer. Das Wasser muss über die Krebse hinausgehen und einige Wall kochen bevor man sie anrichten kann.

 

Markknöpf (Markklößchen) – Ochsenmark wird ausgelassen und mit einem Stückchen Butter recht schäumig gerührt, dann kommt ein Ei, Reibbrod, einen Priß Salz, Muskatnuß daran. Kugeln daraus gemacht in der Fleischbrühe aufgekocht. Gewöhnlich gibt man sie zu Brodsuppe.

Butterknöpf (Gnocchi) – Ein Viertel Pfund Butter wird weiß gerührt, dann schlagt man ein Ei daran und ein Löffel voll Mehl und so fort bis drei Eier gar sind. Mein reibt Muskatnuß und Salz daran und kocht sie in der Fleischbrühe.

Gezupfte Knöpflein – 3 Milchbrod (Milchbrötchen) wird das Innere herausgezupft, ¼ Pfund Butter weiß gerührt, drei Eier nach einander hinein geschlagen, Salz, Muskatnuß. Das Weiche vom Milchbrod mit diesem überschlagen, rund geformt und in Fleischbrühe gekocht.

 

Ruhmsauce claire (die alte Schreibweise ist eigentlich Rhum) – Ein Schoppen weißen Wein wird ans kochen gebracht mit ungefähr ¼ Pfund Zucker, einer Scheibe Zitron und eine einem Stück ganzen Zimmt, wenn er ziemlich heiß ist, so daß er schäumt, wird der Schaum abgenommen und durch ein feines Sieb geseihet, wo man den Ruhm dann dazu thut. Man rechnet zu einem Schoppen Wein ¼ Schoppen Ruhm doch hängt dieser sehr vom Geschmack ab, ob man ihn stark oder schwach liebt. Die Sauce muß hell und sehr klar sein und wird immer sehr heiß servirt. Nur ist u bemerken, daß sie nicht mehr kochen darf wenn der Ruhm dabei ist.

Weinschetto (Weinchaudeau) – 1 Kochlöffel Mehl wird mit Wasser angerührt, 4 ganze Eier, 4 Eigelb, 1 Schoppen Wein, Zuker bis es süß genug ist, Citrone nach Geschmack. Diese Masse wird auf dem Feuer so lange gestrudelt, bis sie kocht. Man darf sie erst kochen wenn sie dann gleich auf den Tisch kommt.

 

Griespuding (Grießpudding) – ¼ Pfund Gries, ½ Viertel Pfund Butter, ein Schoppen Milch werden miteinander gekocht bis es von der Cahseroule los geht und weich ist, alsdann in eine Schüssel geschüttet und erkalten lassen. Später rühren mit 6 Eigelb, Zitronat, Pomeranzenschale oder geschälte fein gewiegelte Mandeln, Zuker bis es süß genug ist nebst einem Gläschen Rum, und Zitron eine Stunde lang. Schlage das Weiße zu Schnee menge ihn leicht darunter und koche in eine Stunde ununterbrochen fort.

Milchbrodpuding – 3 Milchbrode werden abgerieben und in feine Scheiben geschnitten in eine Pfanne gethan nebst einem ¼ Pfund Butter und einem ½ Schoppen Milch und beständig auf dem Feuer darin gerührt bis es sich von der Pfanne loslößt. Diese Masse wird mit 5-6 Eigelb eine Stunde gerührt. Das Weiße zu Schnee geschlagen darunter gemengt und eine Stunde kochen lassen. Man thut gewöhnlich Rosinen, Zibeben (süddeutsch für Rosinen mit Kernen; wichtige Zutat zum Tokajer Wein) und geschälte fein gewiegte Mandeln oder auch Zitronat und Orangeat hinein.

 

Brodpuding – ¼ Pfund Zucker mit acht Eigelb eine Stunde gerührt, eine schwache Handvoll Zitronat und Pomeranzenschale, 1 Messerspitze Nelken, ein Loth Zimmt, 8 Stück in Rothwein und etwas Rum angefeuchtetes fein gestoßenes Schwarzbrod dazu gethan, das Weiße zu Schnee geschlagen in eine Form gethan und gekocht oder gebaken.

 

Mandelpuding – ¼ Pfund geschälte fein gewiegte Mandeln werden mit 6 Eigelb und einem ¼ Pfund Zucker dick gerührt, alsdann feuchte 2½ Milchbrode mit Rum anund menge es darunter, schlage den Schnee und koch ihn 1 Stunde lang.

 

Wanillcrème – 1½ Schoppen Milch werden mit einem Stückchen Wanill aufgekocht, nebst einem ½ viertel Zuker, dann lässt man 2 Stück Scheladin (Gelatine) aufkochen und schüttet es zu dem Gekochten passiert es durch ein Haarsieb, rührt 10 Eigelb daran, nimmts aufs Feuer, rührt darin bis die Eier angezogen haben, dann rührt man es bis es beinahe kalt ist, schüttet es an die mit süß Mandelöl bestrichene Form und stellt es in Eis so man hat.

 

Apfeltorte – von einem guten Butterteig wird der Boden ausgewallt, und auf eine ein flaches Blech gelegt, es kommen außen zwei Ränder aufeinander und die gekochten Aepfeln hinein, dann Riemen untereinander verschlungen darauf gelegt und nochmals zwei Ränder oben drauf. Der Kuchen wird mit Ei bestrichen und recht schön gebaken.

Linzertorte – ½ Pfund gestoßene ungesüßte Mandeln, ½ Pfund Zucker, ½ Pfund Mehl, ein starker Wieding (?) Butter,¼ Pfund Zitronat und Pommeranzenschalen, das abgeriebene einer Zitrone, ein Stück Zimmt, Messerspitze Nelken, ein Ei, Muskatnuß, ¼ Schoppen Wein auf das Brett genommen und tüchtig durcheinander gearbeitet. Das Drittel der des Teiges wird auf ein Papier ausgewallt und in ein Blech gelegt und mit Confutures (Konfitüre?) überstrichen. Vom anderen Teig Warkel (?) gemacht und aufeinandergelegt wie Figur zeigt und zuletzt mit Eiweiß gestrichen.

 

Die folgenden Seiten transkribiere ich euch auf Wunsch später. Sonst komme ich hier gar nicht mehr zu einem Ende. So viele Rezepte, von denen ich euch nur eine Auswahl gezeigt habe.

 

Die letzten beiden Seiten sind entweder von anderer Hand oder Jahre später von Wilhelmine verfasst worden.

Kalte Puddings

 

Offenbacher Pfeffernüsse

 

Bekommt man da nicht Lust, alte Rezepte neu nachzukochen? Wenn es jemand versucht, schreibt doch einen Kommentar!

Gaudeamus igitur! – fast ein Studentennotizbuch von 1905


Heute kommt Buch Nummer 2 in der Liste meiner Miniserie von handschriftlichen Büchern. Die ganze Serie findet ihr, wenn ihr hier klickt.

Nummer 2

Studenten sind nicht immer fleißig. Daher bleiben viele guten Vorsätze im Ansatz stecken. Mein Urgroßvater hatte während seines Pharmaziestudiums 1905 eine Kladde begonnen, in die er wahrscheinlich jede Menge nützliche Notizen eingetragen hat.

Titel: Einleitung in die Chemie – Ausgearbeitet von G. Lange, stud. pharm. Göttingen, 1905

Über dem Titel prangt der Zirkel seiner Studentenvereinigung Gottinga, über die ich euch hier schon einiges verraten habe.

Was aber tut der mäßig eifrige Student, wenn er ein neues Notizbuch beginnt und die Notizen des alten Buches noch braucht? Abschreiben? Fehlanzeige! Er reißt den halben Buchblock raus und klebt ihn an das neue Notizbuch. Der klägliche Rest sieht dann so aus:

 

Ich glaube, ich weiß sogar, wo der fehlende Teil geblieben ist. Lasst mich mal suchen. Mehr später.

 

Meine Kochrecepte – Rezeptbuch von 1907


Neulich fand ich im Cooking around the World-Blog von Becky einen Artikel zu einem alten, handgeschriebenen Kochbuch aus dem jüdischen Hamburg. Wer den Artikel lesen möchte, klickt hier. Nach der Lektüre kam mir der Gedanke: „Solche Bücher habe ich doch auch!“ Und ein Entschluss war gefasst. Ich habe aus einem Fach meines Regals einen Packen von neun Büchern herausgeholt und den Abend damit verbracht, nachzuschauen, was ich da eigentlich habe, euch einige spannende Seiten zu fotografieren und darin zu lesen. Vorweg: nicht alle neun sind Rezeptbücher, eins hat mich sehr traurig gestimmt, eins nachdenklich, alle kommen in den nächsten Tagen aus dem Dunkel ans Licht.

Nummer 1

Handgeschriebene Kochbücher sind eine tolle Sache. Ich selbst habe zwei, in die ich früher und heute meine zusammengefundenen Rezepte eintragen habe und noch immer eintrage. Scheinbar packt nicht nur mich ein prickelndes Gefühl, wenn mir eines dieser Bücher in die Hände fällt. Dieses Buch habe ich auf einem Flohmarkt mit dazu bekommen. Kaum jemand kann es heute noch lesen. Der Zustand ist restaurierungsbedürftig.

Meine Kochrecepte

 

Das Geleitwort hat mich sofort überzeugt, dass ich es haben muss. Frau A. Hartz aus der Motzstraße 26 in Berlin hat sich dieses Büchlein selbst angelegt. Sie war eine Hausangestellte. Das Geleitwort hat sie allein eingetragen.

  • Was vermißt dein Vater, dein Freund oder Vetter,
  • Daß schreib auf folgende Blätter!
  • Was niemandes Leibgericht,
  • Das schreibe nicht, –
  • Doch hörst du von einem Rezepte fein,
  • Das schreibe ein!
  • Und hörst du von gutem Geschäft oder Kauf,
  • Das schreibe auf!
  • Oder den Lief’ranten u. Preise für dies und das
  • Und Mittel für Haus u. für Küche,
  • Wer weiß nicht was,
  • Was leicht man vergißt,
  • Und doch gern wüßt,
  • Damit du es findest einst wieder
  • Drum schreib es hier nieder! –
  • Berlin am 11. Dezember 1907.
  • Als Andenken an meine erste Stelle
  • Frau A. Hartz
  • Motzstr. 26
  • Berlin

 

Das Büchlein ist bereits in die gängigsten Rezeptkategorien unterteilt. Ich habe euch die jeweils ersten Seiten fotografiert.

Suppen

Was haben wir hier: Einlauf in Brühsuppe, Stachelbeersuppe (Stachelbeerreste mit Zucker und Zimmt aufkochen, pürieren, ein Glas Weißwein dazu, mit Eigelb abziehen und das geschlagene und gezuckerte Eiweiß vor dem Servieren auflegen), Eierklöße für die Suppe, Schokoladensuppe

Gemüse

Frühlingsgemüse (ein Pfund frische Morcheln, ein Pfund Spargel, Krebse – oha, Frühlingsgemüse sieht bei mir etwas gewöhnlicher aus), Apfelgemüse (Äpfel und Rosinen werden in Brühe gekocht, gekochtes Rindfleisch dazugegeben, kräftig durchkochen und mit Zucker und Essig abschmecken)

Fleischspeisen

Rindfleisch mit saurer Sahne (Man schneidet ein Stück Blume in große Würfel. Suppengrünes schneidet man recht fein und dämpft es in Butter an. Nun legt man die mit Salz und Pfeffer bestreuten Fleischstücke dazu und lässt sie im geschlossenen Topf eine Stunde braten. Dann stäubt man ein bis zwei Esslöffel Mehl darüber, rührt kräftig durch, gießt saure Sahne darüber und kocht das Fleisch langsam weich.), Bouletten und Befstück (das sollte wohl Beefsteak heissen), Heringsklopß (das Rezept ist übrigens das Original der Königsberger Klopse – man nimmt mehr gehacktes rohes Rind, wie Schweinefleisch, eingeweichte Semmeln, geriebene Zwiebel, Salz und Pfeffer tut den gewiegten Hering mit zu. Dann schwitzt man Mehl in Butter gießt Wasser zu und lässt darin die Klopse weich kochen tut zuletzt noch etwas von dem Hering und Saft von Zitrone zu.)

 

Fische

Schlei in Weißbier, Grüne Heringe einzulegen

 

Zu Braten und Wildpret und Geflügel ist ihr leider nichts eingefallen.

Saucen

Weinschaumsauce, Frikasseesauce, Merretigsauce (sic!), Senfsauce

 

Compots und Salate

Rhabarberspeise mit Schlagsahne, Bananenkompott (Grüne Bananen werden geschält und in nußgroße Stücke geteilt. Man legt diese einen Augenblick in siedendes Wasser, hebt sie heraus und schüttet sie in eine kochende Zuckerlösung, die man sogleich vom Feuer nimmt. In dieser lässt man die Bananen erkalten. Ist der Zuckersaft kalt geworden, so gießt man ihn ab, läßt ihn mit Zitronenschale wieder aufkochen und gießt ihn heiß über die Bananen.)

 

Diverses

Wickelklöße, Pochierte Eier (In einem flachen Kochgeschirr wird Wasser, in welchem reichlich Estragonessig und Salz getan wurde zum sieden gebracht. Man schlägt in dieses Wasser schöne große und vor allem frische Eier vorsichtig aus und läßt diese darin pochiert gar werden, bis das Gelbei von dem Weißei vollständig eingehüllt wird.

Eine letzte Seite habe ich euch ausgesucht, weil sie eines der Lieblingsrezepte aus meiner Kindheit enthält:

Arme Ritter – hier in einer mir noch unbekannten Variante (Man weicht alte geröstete Zwieback ein in Milch aber nur so, daß sie so mäßig aufweicht, wälzt sie zuerst in Mehl, dann in Ei und zuletzt in geriebene Semmel und bratet sie in Butter und gibt dazu eine Mussauce)

 

Bekommt man da nicht Lust, etwas neues, altes oder ungewohntes auszuprobieren?

 

Ehrenkreuz der Deutschen Mutter – Mutterkreuz 1938


Meiner Oma wurde anlässlich der Geburt ihres vierten Kindes (meiner Mutter) am Muttertag des Jahres 1942 das Mutterkreuz in Bronze verliehen.

 

Gestiftet durch Adolf Hitler am 16. Dezember 1938 per Verordnung wurde es im Laufe der Zeit an 4,7 bis 10 Millionen Frauen verlieren. Genaue Zahlen sind nicht mehr verfügbar.

In einer schmucklosen Papiertüte wurde es üblicherweise am Muttertag, der auf die Geburt des Kindes folgte ausgehändigt.

Während die bereits 1920 in Frankreich gestiftete Médaille de la Famille auch heute noch verliehen und getragen werden kann, zählt das deutsche Mutterkreuz zu den in der Bundesrepublik Deutschland verbotenen verfassungsfeindlichen Propagandamitteln. Es darf somit nicht öffentlich getragen werden.

Ich zeige es euch heute trotzdem, um interessierten Besuchern meines Museums ein wenig Hintergrundinformation zu vermitteln. Das hat nichts mit Verherrlichung zu tun, da ich mich ausdrücklich von nationalsozialistischem Denken der Vergangenheit und Gegenwart distanziere, jedoch meinen Teil zur politischen Aufklärung beitragen möchte.

Die eigentliche Auszeichnung bestand in dem großen emaillierten Kreuz, wie ihr es hier seht. Um das Hakenkreuz steht der Text „DER DEUTSCHEN MUTTER“. An einem blau-weiß gestreiften Band wurde es zu besonderen Anlässen um den Hals getragen. Die kleine Spange war wahrscheinlich für vornehmere Anlässe gedacht, bei denen es etwas dezenter an Bluse oder Kleid angebracht wurde.

Bedauerlicherweise habe ich die Verleihungsurkunde nicht mehr, oder ich habe sie noch nicht gefunden.

 

Auf der Rückseite des großen Kreuzes war zuerst der Spruch „Das Kind adelt die Mutter“ eingraviert, der später durch das Stiftungsdatum ersetzt worden ist. Unter beiden Fassungen steht die Unterschrift Hitlers.

Die Vergabekriterien für das Mutterkreuz in Bronze (4 oder 5 Kinder), Silber (6 oder 7) oder Gold (8 und mehr Kinder) waren neben der „Deutschblütigkeit“ und der Würdigkeit der Mutter, nicht zuletzt die Maßgabe, dass alle Kinder lebend geboren wurden. Da nur drei der vier Kinder meiner Oma überlebten, während der Erstgeborene einen Tag nach der Geburt aufgrund von Abhärtungsmaßnahmen gestorben war, hatte sie das „Glück“, die Auszeichnung trotzdem zu erhalten. 1936, als er geboren wurde, kam jemand auf die Idee, Neugeborene mit Intervall-Eiswasserbädern schon frühzeitig abzuhärten und zu harten Deutschen zu machen. Hat nicht ganz funktioniert.

So sehr das Mutterkreuz die deutsche Mutter als wichtigen Teil der Gesellschaft ehren sollte, so sehr hat der Nationalsozialismus die in den 1910er/1920er Jahren in den Städten bereits emanzipierte Frau wieder zurück in Familie, Küche und Kinderaufzucht gedrängt. Insofern war die Anerkennung nur eine weitere Augenwischerei.

Bei ungebührlichem Betragen, unsittlichem Verhalten oder dem Verkehr mit Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen konnte die Auszeichnung übrigens wieder aberkannt werden.

Der Liquidator-Orden


Wer hat ihn schon einmal gesehen? Wer kennt ihn?

 

Hier seht ihr eine der makabersten Auszeichnungen, die in den letzten Jahrzehnten verliehen wurden.

Was ihr dort oben seht, ist der Orden für die aktive Teilnahme an der Eindämmung der Schäden unmittelbar nach der Explosion des Atomkraftwerkes Tschernobyl vom 26. April 1986.

Nachdem die deutschen und japanischen Roboter, die zur Entfernung des enorm strahlenden Schutts und der Graphitblöcke angeliefert wurden aufgrund der zu hohen Strahlung versagten, wurden Mitarbeiter, Anwohner und Soldaten für diese Arbeit eingesetzt. Die Arbeit sah wie folgt aus: Der Arbeiter lief auf das Dach, warf eine Schaufel Schutt in das Explosionsloch und kam wieder zurückgerannt. Dies durfte nicht länger als 40 Sekunden dauern. Neben dem Orden gab es eine einmalige Entschädigung von 100 Rubeln. Während anfangs überwiegend junge Soldaten, Reservisten, aber auch gewöhnliche Arbeiter aus Weißrussland und der Ukraine zwangsverpflichtet wurden, wurden später Menschen aus der gesamten Sowjetunion nach Tschernobyl beordert. (Quelle für Zusatzinfos: Wikipedia)

Von den circa 200.000 Liquidatoren, die in den Jahren 1986 und 1987 im Einsatz waren, sind bis 2005 mindestens 50.000 verstorben. Nach einem Beschluss, die zulässigen Strahlenwerte um das 40- bis 50-Fache zu erhöhen, wurden die meisten Menschen für gesund erklärt und ohne jegliche Behandlung aus den Krankenhäusern entlassen. Auch durften Strahlungserkrankungen nicht mit dem Einsatz in Tschernobyl in Verbindung gebracht werden.

 

Da der Auszuzeichnende meines Ordens bedauerlicherweise nicht mehr zur Abholung erscheinen konnte, habe ich nicht nur den Orden, sondern auch den kleinen Anstecker in der Originalqualität.

 

Das Bild auf dem Orden stellt übrigens einen Blutstropfen dar, durch den die Alpha-, Beta- und Gammastrahlen hindurchgehen.

Wer sich dafür interessiert, wie es in Tschernobyl heute aussieht, dem empfehle ich den Besuch der Reiseseite meiner Globetrotter-Freundin. Sie war in Pripjat und dem Umkreis des Atomkraftwerkes. Lest ihren Bericht hier und schaut euch hier ihre Fotos an.

Porzellangeld


Porzellan wird oft auch als weißes Gold bezeichnet. Seine große Zeit ist aber vorüber und inzwischen sind nur noch ausgewählte Stücke von hohem Wert. Ein bedeutender Nachteil des Porzellans ist, dass man im Vergleich zu Vasen, Bechern und Figuren aus Gold, schon durch kleinste Beschädigungen den Wert auf einen Bruchteil (im wahrsten Sinne des Wortes) reduziert.

Was tut man nun, wenn man kein Gold hat, um beispielsweise Münzen zu prägen? Richtig, man nimmt anderes Metall oder billigere Legierungen.

Was aber, wenn auch das Metall knapp wird?

Die Lösung war, seine Münzen aus Porzellan herzustellen:

 

Diese beiden kleinen Münzen mit einem Wert von 50 bzw. 75 Pfennig wurden in der schlesischen Stadt Grünberg herausgegeben. Heute liegt die Stadt in Polen und heißt Zielona Gora.

Mit der Herstellung dieser Münzen wurde die Manufaktur Meißen beauftragt. Das bedeutet, diese kleinen Münzen sind, wenn auch nicht so wertvoll wie eine Meißner Figur, doch aus dem edlen Porzellan hergestellt.

 

Das meiste Porzellangeld wurde in den Jahren 1920 und 1921 hergestellt. Die rechte Münze von 1922 ist da schon etwas zu spät erschienen.

Wer sich über die braune Farbe der linken Münze wundert, dem sei erklärt, dass es sich hierbei um das sogenannte Ost-Indische Porzellan oder auch Böttgersteinzeug handelt, benannt nach Johann Friedrich Böttger. Es wurden letztlich mehr braune als weiße Münzen hergestellt.

Ob eine Porzellanmünze ihren Geldwert behielt, wenn sie auf den Boden gefallen und zerbrochen war, weiß ich nicht.

Flugblatt der Deutschen Wehrmacht – 20.6.1940


Heute gibt es schon wieder ein Flugblatt zu sehen.

Im Unterschied zum sowjetischen Flugblatt von neulich ist dieses eins von der Deutschen Wehrmacht für die deutschen Soldaten.

Es ist an die 1. Gebirgs-Division gerichtet. Sie erreichte traurige Bekanntheit durch ihre Teilname am Polenfeldzug,  Westfeldzug, in Griechenland, im Balkanfeldzug, im Krieg gegen die Sowjetunion und ab 1943 zum Partisanenkampf erneut auf dem Balkan eingesetzt. Die Division wurde auch Edelweiß-Division und von Adolf Hitler als „seine Garde-Division“ bezeichnet und war an Kriegsverbrechen wie dem Massaker auf Kefalonia (1943) beteiligt. (weiß Wikipedia)

Hier wird die Division für ihre „Verdienste“ beim Frankreichfeldzug gefeiert. Details lest ihr ebenfalls bei Wikipedia.

 

Beeindruckend ist die folgende Information: „Rund 1.810 Kilometer wurden im Schnitt von jedem Soldaten zu Fuß zurückgelegt, 445 Kilometer motorisiert und 2.950 Kilometer mit der Bahn, den Transport vom polnischen zum französischen Kriegsschauplatz mitgerechnet.“ (Wikipedia)

Interessant finde ich, dass das Flugblatt ohne das sonst unvermeidliche „Heil Hitler!“ endet. Der Unterzeichner ist übrigens Ludwig Kübler – ein auf dem Balkan hingerichteter Kriegsverbrecher.

Sowjetisches Flugblatt – September 1941


Heute habe ich etwas für euch, das nicht einfach zu finden ist. Ein sowjetisches Flugblatt, abgeworfen 1941 über den deutschen Wehrmachtstruppen, nachdem sie ihren zu dieser Zeit noch anhaltenden Vormarsch auf Moskau fortsetzten.

Zu dieser Zeit gab es zahlreiche Flugblätter der Sowjetunion. Viele können in den Museen angeschaut werden, einige im Internet. Meins habe ich unter anderem im Bestand der Staatsbibliothek  (Signatur: Einbl. 1939/45, 8725. K 175) gefunden.

Ein Gefängnis in Form eines Hakenkreuzes, hier „Konzlager“ genannt und Himmler als der „Bluthund“ Hitlers. Die Erwähnung von „acht Jahren der blutigen Hitlerherrschaft“ würde auf 1940 schließen lassen. Allerdings wurde die Sowjetunion erst 1941 angegriffen, so dass ich von einem Rechenfehler des Designers ausgehe. Er hat wahrscheinlich 1933 + 8 gerechnet, ohne zu beachten, dass 1933 ja bereits das erste Jahr unter Hitler war. Dieses Flugblatt erschien im September 1941 in einer Auflage von einer halben Million.

Die Opferzahlen auf der Vorderseite sind noch relativ niedrig.

 

Um die Soldaten zu ermuntern, das Flugblatt länger zu behalten oder gar nach dem Lesen an Kameraden weiterzugeben, wurde auf der Rückseite ein Zählreim a la „Zehn kleine Negerlein“ abgedruckt. (klickt auf das Foto für eine größere Version)

Der Besitz und die Verbreitung innerhalb der Truppe dürfte seinerzeit mit nicht unerheblichen Repressalien verbunden gewesen sein. Solch ein Flugblatt also mit sich herumzutragen, war kein leichtes Vergehen.

 

Wie in fast jedem Flugblatt befindet sich auch auf diesem am unteren Rand ein „Passierschein“ in deutscher und russischer Sprache, der es dem Soldaten schmackhaft machen sollte, sicher auf die Seite der Roten Armee überlaufen zu können. Ob es tatsächlich sicher war, mit diesem Flugblatt zu wedeln und keine Kugel in die Brust zu bekommen (in den Rücken eher), kann ich nicht sagen.

Ein schönes Zeitdokument, wie ich finde. Die Nummerierung der Vorderseite (265) und der Rückseite (309) lässt mich vermuten, dass die Druckvorlagen in unterschiedlicher Gruppierung ausgegeben wurden.

Ein Flugblatt der Deutschen Wehrmacht gibt es hier.

 

 

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