Damals wie heute – Meldebescheinigung, 1916


Manchen Staaten ist es egal, wo ihre Bürger sind, andere wollen es ganz genau wissen. In den USA beispielsweise kann jeder Mensch leben wo immer er möchte. Ein Wohnsitz muss nirgends angegeben werden. Das ist der Grund, wieso euch die Polizei bei einer Geschwindigkeitsübertretung auch sofort anhält und abkassiert. Es könnte nämlich sein, dass eine hinterlegte Adresse überhaupt nicht mehr aktuell ist.

Anders ist es in Deutschland. Der deutsche Staat wollte schon immer gern wissen, wo sich seine Einwohner gerade befinden. Daher wurde am 15. Februar 1857 ein Melderegister angelegt.

Jeder Bürger hat sich bei seinem zuständigen Meldeamt anzumelden, seinen Wohnort sowie alle mit ihm/ihr zusammen wohnenden Familienmitglieder anzugeben. Bei einem Umzug muss eine Abmeldung erfolgen. Vorteile eines solchen Melderegisters sind die einfache Zustellung von Wahlunterlagen, aber auch die Planung bei der Zuteilung von Lebensmitteln in Notsituationen. Dazu hatte ich euch hier schon einen langen Artikel zu Lebensmittelmarken geschrieben.

Heute habe ich euch ein Abmelde-Formular von 1916 herausgesucht.

Arthur Tresselt kennt ihr schon aus einem früheren Beitrag. Er wird 9 Jahre später ein Armutszeugnis beantragen. Zu diesem Artikel gelangt ihr hier.

Abmeldung

In dem Hause Nr. 19 Straße Holzmarkt sind am 1. November d. Js. folgende Personen ausgezogen:

Ruf- und Familienname der Abzumeldenden (Bei Ehefrauen, Witwen und separierten Frauen auch der frühere Familienname) – Ist das nicht schön? Darf ich Ihnen meine separierte Frau vorstellen?

Stand oder Gewerbe – hier konnte man offenbar entweder seinen Beruf oder seinen Adelsstand eintragen.

Weiter hinten musste der zukünftige Wohnort angegeben werden: Baumannstraße 12 I, bei Frau Törpe. Entweder war Frau Törpe die Zukünftige, oder es ging ihm tatsächlich so schlecht, dass er mit 44 Jahren zur Untermiete umziehen musste.

In der Anmerkung wird aufgefordert, alle Formulare innerhalb von 3 Tagen im Meldebureau (ja, so hieß das Büro noch vor der Eindeutschung) abzugeben.

Ihr seht: 1857, 1916, 2019 – es hat sich nichts geändert. Vielleicht ist so ein Melderegister ja auch ganz gut.

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Erste Hilfe in Fabrikbetrieben – Das Samariterbüchlein, 1915


Wurden in den 1930er Jahren noch zahlreiche Personen beim Überqueren der Fahrbahn von Autos überfahren, so lernte die nächste Generation bereits, auf diese Gefahren zu achten. Noch eine Generation eher passierte Ähnliches beim Betreten von Eisenbahnschienen, ohne auf herannahende Züge zu achten. Heute haben wir Angst, dass uns eine Drohne auf den Kopf fallen könnte.

Der Mensch muss erst lernen, mit Neuerungen umzugehen.

Das Entstehen großer Fabriken zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte nicht nur viele Arbeitsplätze, sondern damit verbunden auch zahlreiche Unglücksfälle durch Unachtsamkeit Leichtsinnigkeit oder aufgrund damals noch nicht geltender Sicherheitsvorkehrungen. Abgerissene Finger waren damals keine Seltenheit, weil die Arbeiter sich nicht der Gefahr bewusst waren, die ein laufender Treibriemen verursachen konnte. Bis dahin hatte man sich versehentlich eingeklemmt und konnte den Schraubstock oder Ähnliches leicht wieder öffnen und den Finger herausziehen.

Das heute vorgestellte Samariterbüchlein soll euch die Anfänge der Ersten Hilfe in Betrieben, Berufsgenossenschaften, Jugendvereinen, Samariter– und Rote-Kreuz-Vereinen sowie Sanitätskolonnen aufzeigen.

Meine Ausgabe ist eine etwas spätere. Wie ihr seht habe ich hier die 70. Auflage vorliegen. Leider wurden diese Heftchen nie datiert, allerdings dürfte diese Auflage zwischen den Jahren 1915 und 1920 erschienen sein. Als Vergleich habe ich den schon vor einem halben Jahr vorgestellten „Samariter“ von 1914 genommen.

Über das Samariterbüchlein urteilen Vereine wie der Deutsche Kolonnenführer, das Rote Kreuz, die Deutsche militärärztliche Zeitschrift oder ein Ministerialrat. Lest selbst auf der linken Seite ihre Meinungen.

Nun wollen wir uns den eigentlichen Inhalt anschauen.

Die zehn Gebote des Samariters.

1. Gebot. Handle so, wie du selbst behandelt zu werden wünschest: was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!

2. “ Sei unverdrossen gleich bei der Hand! Sekunden sind kostbar und können jemand das Leben retten. Zweimal gibt, wer schnell gibt.

3. “ Bewahre in allem Fassung und Ruhe, das beruhigt den Verunglückten und stärkt seine Hoffnung.

4. “ Bei allen deinen Handlungen sei behutsam! Verliere wenig Worte! Reden ist Silber, Schweigen Gold.

5. “ Verhindere, daß mit dem Verunglückten Unzweckmäßiges geschieht. Zerstreue müßige Zuschauer.

6. “ Ordnungssinn und Reinlichkeit sei dem Samariter oberstes Gesetz.

7. “ Vertraue auf dich selbst, so wirst du gute Samariterdienste leisten.

8. “ Sei gewissenhaft in allem, was du tust, schaffe stets nur ganze, nie halbe Arbeit; denn nur Erstere gewährt dem Verunglückten das Gefühl der Sicherheit und stärkt sein Vertrauen.

9. “ Den Anordnungen des Arztes sei gefügig, alles Auffallende notiere und melde dem Arzt, wolle es nicht besser wissen als dieser.

10. “ Spiele niemals den Arzt, sondern sei nur dessen Stellvertreter in der Not so lange, bis er zur Stelle ist.

So sieht’s aus. Damals wie heute gute Ratschläge.

Nicht weniger nützlich ist der dargestellte Blutkreislauf auf der gegenüberliegenden Seite.

Auf der nächsten Seite stehen uns zwei Varianten der künstlichen Beatmung zur Verfügung. Ich bin mir nicht sicher wie die Methode nach Howard funktionieren soll, Werde es aber auf Seite 18 und 19 im Text nachschlagen. Ohnmächtige Personen hießen damals Scheintote.

Erneut werden uns mehrfarbige Illustrationen aufgezeigt. In diesem Fall wurde uns in fröhlichem Rot die Blutung der jeweiligen Körperteile aufgemalt.

Es folgt der dazugehörige Text:

Schaut euch auf dem folgenden Bild einmal den Aufbau dieses Büchleins an. Die Seiten werden nach innen hin immer kleiner. Der dadurch überstehenden Rand der Folgeseite beziehungsweise der vorherigen Seite dient als Register. Schlägt man das Buch in der Mitte auf, kann man am oberen Rand nach der vorliegenden Verletzung beziehungsweise der benötigten Behandlungsmethode suchen. Anschließend tippt man mit dem Finger auf das Schlagwort und die dazugehörige Seite klappt auf.

Es folgen einige nützliche Hinweise zu Vergiftungen, die wir alle schon häufig angetroffen haben: Gruben-, Kanal- und Kloakengifte

Mein Vorbesitzer hat auf der folgenden Seite den Schlaganfall markiert. Wahrscheinlich war dieser Unglücksfall auch damals schon eine der am weitesten verbreiteten Gründe für Sanitätereinsätze.

Verbandarten – hier überraschenderweise auch einmal mit weiblichen Patienten.

Einige Transportmöglichkeiten – nicht so zahlreich, wie im Buch „Der Samariter„, aber immerhin.

Ihr seht, wir nähern uns dem Ende dieses hübschen kleinen Ratgebers. Die Rückseite ziert eine Werbung für „Kosmoplast“, dem idealen Wund-Schnellverband der Firma Hartmann. Bestimmt habt ihr von dieser Firma mindestens ein Produkt in eurem Haushalt. Neben Pflastern wird von der Hartmann Gruppe nämlich auch der Kneipp Badezusatz hergestellt. Wikipedia weiß alles.

Sture Verlierer des Ersten Weltkriegs – Köhler’s Deutscher Kalender 1934


Im Jahr 1934 war die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten noch frisch, man glaubte an eine kurze Blütezeit dieser Bewegung und ein ebenso baldiges Verschwinden. Das hat bedauerlicherweise nicht funktioniert.

Heute möchte ich euch einen Jahreskalender vorstellen, der 1934 vom Verlag Wilhelm Köhler in Minden/Westfalen herausgegeben wurde. Dieser Verlag ist bekannter als Herausgeber von Köhler’s Kolonialkalender, der mit dem Untertitel „Ohne Kolonien – Volk in Not, Kolonialbesitz – Arbeit und Brot.“ warb.

Zu den deutschen Kolonien habe ich euch in meinem letzten Artikel hier bereits einiges geschrieben.

Bezeichnend für die in diesem Verlag erschienen Kalender ist die feste Überzeugung, dass der erste Weltkrieg durch die so genannte Dolchstoßlegende verloren wurde. So trauert der Kalender, den ich euch heute vorstellen möchte, von vorne bis hinten der „guten alten Zeit“ und den vielen Gebieten des Deutschen Reiches nach, die uns nicht mehr gehörten.

Das 216 Seiten starke Büchlein beginnt mit Eigenwerbung.

Die hier erwähnte Wandkalender auf Karton, die Beilage, fehlt mir. Aber ich glaube, das ist kein Problem.

Der eigentliche Kalender beinhaltet wichtige Informationen, Sternenkonstellationen, Namenstage, usw. Es gibt eine Spalte für den evangelischen Kalender und eine für den katholischen.

Der Februar folgt.

Dieser Kalender wäre nur ein weiterer Kalender, wären da nicht die benachbarten Seiten. Im folgenden habe ich euch ein Gedicht abfotografiert, das euch einen ersten Eindruck über den Inhalt vermitteln soll.

Der Verfasser, Fritz Kudnig, war ein seinerzeit bekannter Heimatdichter, dessen ostpreußische Gedichte bis in die Fünfzigerjahre mehrmals neu aufgelegt wurden.

Ein paar Seiten weiter wird dem Leser erklärt, wieso Ostpreußen nicht mehr am Deutschen Reich hängt und wer dafür verantwortlich ist.

Bilder aus dem „abgetrennten deutschen Osten“ sollen die gute alte Zeit aufzeigen und uns dazu überreden, sie zurückzusehnen. Hier seht ihr ein Foto aus Deutsch-Eylau, dem heutigen Iława, einer Stadt, die auf eine Gründung des Deutschen Ordens zurückgeht. Ohne die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ wäre dieses Bild durchaus informativ und hübsch anzuschauen. Aus dieser Gegend kam Herr Hindenburg.

Das nächste Bild zeigt uns das Tannenberg-Denkmal. Mehr über die Schlacht bei Allenstein, die auf Wunsch Hindenburgs in Schlacht bei Tannenberg umbenannt wurde, erklärt euch Wikipedia hier.

Die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ zieht sich durch den ganzen Kalender.

Aber es folgen auch wieder wichtigere Informationen für den fleißigen Kalendernutzer. Hier der immerwährende Trächtigkeitskalender der nutzbarsten Haustiere:

Platz, um sich die wichtigsten Nummern zu notieren:

Und eine Liste aller Märkte in Ostpreußen, sowie allen anderen deutschen Provinzen. Diese Liste umfasst allein 32 Seiten.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz:

Ein Überblick über die geringe Besetzung der Arbeitsplätze im Deutschland vor der Machtergreifung Adolf Hitlers und seines „Generalangriffs auf die Arbeitslosigkeit“. Laut dieser Tabelle waren nur ca. einem Drittel der Arbeitsplätze in Deutschland mit Arbeitern besetzt. Inwiefern die Tabelle mit der hohen Arbeitslosenquote der 1920er Jahre zusammenhängt, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine von Hitlers Maßnahmen, um Arbeitslose von den Straßen und – noch wichtiger – aus der Statistik zu bekommen. Nach dem Prinzip „Keine Wohlfahrtsunterstützung ohne Arbeit“ wurde der Bezug von Sozialleistungen an die Arbeit im RAD geknüpft.

Aber auch an die Freunde der Eisenbahn wurde gedacht. Ein Stück der Deutschen Reichsbahn im Wert von 412 Reichsmark gehörte theoretisch jedem Einwohner des Deutschen Reiches:

Natürlich darf auch er nicht fehlen. Damals noch in SA-Uniform schaut er ein wenig ratlos. Undenkbar wäre es ein paar Jahre später gewesen, Hitler erst so weit hinten im Buch durch sein Konterfei zu ehren.

Im Jahr 1934 folgten auf das Foto des GröFaZ noch Astrologische Vorhersagen. Wer mag, kann die Vorhersage bis 1942 ja mal studieren und mit den tatsächlichen Ereignissen vergleichen:

Werbung für Bartschneidewerkzeug mit der Umsonst-Falle und der Hinweis für Frauen, dank der köstlichen Eta-Tragol-Bonbons eine Liebeserklärung nach der anderen zu bekommen. Denn schon nach wenigen Wochen nehmen Sie 10-30 Pfund zu:

Auf der folgenden Seite findet ihr Werbung für Photo Porst. Über den lieben Onkel Porst und seine Gewinne dank Arisierung hatte ich euch bereits im Artikel über das Flunder-Spiel berichtet.

Hier habe ich eine Anzeige für Pantaflavin gefunden. Der Artikel dazu kam schon oder kommt noch. Wenn er da ist, findet ihr ihn hier.

Werbung für „Mein Kampf“, damals noch verhältnismäßig neu und noch neben Waschmaschinen und Gitarren beworben:

Postgebühren 1934:

Und zu guter Letzt billige Bücher im Versand:

Filmvorführkarte – 1943


Heute habe ich etwas für euch, das ich erst vor wenigen Tagen auf dem Flohmarkt gefunden habe.

Das ist eine Faltkarte, die einem Filmvorführer gestattet, den genannten Film in seinem Kino vorzuführen. Nicht jeder x-beliebige Film durfte nach Lust und Laune gezeigt werden. Alles musste von der Film-Prüfstelle koordiniert werden. Das ist auch heute noch so. Diese Stelle legt fest, ob ein Film für Zuschauer ab 0, 6, 12, 16, 18 Jahren oder nur von Erwachsenen angesehen werden darf.

In unserem Fall wurde der Deutschen Film-Herstellungs- und Verwertungsgesellschaft m.b.H. (aus Berlin-Tempelhof) die Erlaubnis erteilt, den Film „Deutsches Land in Afrika“ von 1939 vorzuführen. Die Webseite dieser Gesellschaft findet ihr hier, die Infos zum Film hier.

Auf der Vorder- und der ersten Innenseite findet ihr eine kurze Beschreibung des Teams und des Inhalts. Die Inhaltsangabe ist jedoch recht ungenau. Wer sich den Film anschaut, wird bemerken, dass hier neben dem beschriebenen Inhalt auch über den „Kolonialraub durch die Gegner im Weltkriege mit der Begründung der Kolonialen Schuldlüge“ und die „Behauptung, Deutschland habe die Eingeborenen misshandelt und sei unfähig zu kolonialisieren.“ (Zitate) gearbeitet wird.

Das Werk bestand aus 4 Filmrollen, deren Länge ihr hier seht. So wusste der Vorführer, wann der Rollenwechsel bevorstand.

Beachtet bitte die Notiz: Der Film ist staatspolitisch wertvoll und volksbildend. (Diese Anerkennung hat Gültigkeit bis 31. Mai 1945.)

Der Film kursiert auf YouTube. Wer ihn sich ansehen möchte, klickt hier.

Dass sich alle Kolonialmächte nicht mit Ruhm bekleckert haben, hatte ich euch seinerzeit schon einmal hier erzählt.

ADAC Wochenendfahrt durch Thüringen – 1929


Die meisten Autofahrer in Deutschland sind Mitglied in einem der beiden großen Automobilclubs. Der ADAC ist dabei Spitzenreiter und jeder kennt die gelben Autos und Hubschrauber.

Der ADAC wurde bereits 1903 als Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung gegründet. Aufgrund steigender Autofahrerzahlen, beschloss man schon 8 Jahre später, im Jahr 1911, sich in Allgemeiner Deutscher Automobil-Club umzubenennen. Mit einem kurzen Zwischenspiel als Der Deutsche Automobil-Club (DDAC) während der Zeit des Dritten Reiches und als Konkurrenz zum Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), sammelte der ADAC Mitglieder, die sich heute auf nahezu 21 Millionen Kraftfahrer beläuft. Während mein Großvater Mitglied des ADAC war, war mein Großonkel im NSKK. Dazu ein anderes Mal mehr.

Damals wie heute veranstaltet der ADAC Ausfahrten. Kraftfahrer treffen sich mit ihren – meist gut gepflegten und schön zurecht gemachten – Fahrzeugen, um eine gemeinsame Route zu fahren. Damals wie heute sind dabei noch immer die gleichen Autos unterwegs.

Die Autos meiner Großeltern wollte ich euch schon länger vorstellen. Es wird Zeit, das nachzuholen. An einem von ihnen war das heutige Relikt angebracht.

Ziemlich groß und ganz schön schwer kommt es daher. Die Aufschrift lautet:

AUTOMOBILCLUB „MITTELTHÜRINGEN“ KÖNIGSEE/THÜRINGEN

15.-16. VI 1929

A.D.A.C. WOCHENENDFAHRT NACH SCHWARZBURG

 

Ich würde die Plakette gern an meinen Kühlergrill anbringen. Allein, mein Auto hat keinen, der groß genug wäre. Außerdem würde man sie mir bestimmt klauen. Also liegt sie in einer Kiste, ungeputzt und ungenutzt.

Milchlieferanten nehmen Margarine – die Dürre im Sommer 1959


Die Alten unter uns erinnern sich vielleicht noch – der Sommer 1959 hielt Mitteleuropa fest im Griff.

Das Bundesarchiv hält für uns eine UFA-Wochenschau vom 14. Juli 1959 bereit. Ab 0:00:05:05 wird über den heißen Sommer berichtet und wir sehen, wie sich die Westberliner über die Hitze retteten.

Ein großes Problem hatten damals im Westen wie im Osten Deutschlands die Bauern mit der anhaltenden Dürre und der Wasserknappheit. Dazu habe ich neulich einen Merkzettel gefunden, der seinerzeit den Bauern in der DDR in die Hand gegeben wurde. Wir alle wissen, dass zu Zeiten von Lebensmittelknappheiten immer die Bauern diejenigen waren, die am Ort der Produktion der benötigten Waren und damit an der Quelle saßen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Hamsterfahrten ins Umland gemacht, um beim Bauern direkt Lebensmittel (zu unglaublichen Preisen) zu erwerben. Wikipedia weiß Details.

Um dem vorzubeugen, gab es den folgenden Aufruf:

Ob die Bauern diesem Aufruf nachkamen und ob ausreichend Milch gegen Margarine eingetauscht wurde, ist fraglich. Sicher wird sich niemand dieses lohnende Geschäft entgehen lassen haben. Es gab noch immer genug eintauschbare Wertgegenstände bei der Stadtbevölkerung, über die sich ein Bauer sehr gefreut haben dürfte.

Geschichten zum Vorlesen, Nacherzählen und Selbstlesen – Propaganda im Kinderbuch – 1939


Johanna Haarer verfasste vielbeachtete Erziehungsratgeber in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit.

„Säuglingspflege für junge Mädchen Ein Unterrichtsbuch für Schulen.“ war ihr erstes Werk, „Kinder auf dem Bauernhof ihre Erziehung in Familie und dörflicher Gemeinschaft.“ ein späteres, „Unsere Schulkinder“, „Mein Strickbuch“ Band 1, 2 und 3 erschienen von 1949 bis 1951 und „Frau sein und gesund bleiben“ 1950.

Ihr Buch „Die Mutter und ihr erstes Kind“ kann noch heute bei Amazon erworben werden. (Link) Es handelt sich dabei um die von nationalsozialistischer Terminologie bereinigte Version von „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind.“ aus dem Jahr 1934.

Denn, was nicht all ihre Leserinnen wussten war, dass Sie in ihrer Rolle als „Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen“ der NS-Frauenschaft in München (aus Wikipedia) in den Blütejahren des Nationalsozialismus bereits eine der erfolgreichsten und umsatzstärksten Verfasserinnen von Erziehungsratgebern im Dritten Reich war.

Ihr perfidestes Werk jedoch war „Mutter, erzähl von Adolf Hitler!“

„Dieses kleine Buch über den Führer und das Dritte Reich ist entstanden aus der Beantwortung vieler, vieler Fragen, die ein paar kleine Kinder ihrer Mutter täglich immer wieder stellten: Fragen nach Worten und Begriffen, über die sie die Großen sprechen hörten, Fragen nach der Hakenkreuzfahne, die an der großen Festtagen des Volkes von allen Häusern weht, Fragen nach der Bedeutung des Deutschen Grußes und nach der Stimme des Führers, die so kraftvoll aus dem Lautsprecher tönt und der alle im Hause lauschen. Die Fragen nach dem Warum der großen Aufmärsche und Feiern – welche Mutter kennt sie nicht!“ War dem so? „Welche Mutter kannte sie nicht“?

„Das Kind muß begreifen und verstehen können, was wir ihm antworten, und doch müssen wir andererseits so zu ihm sprechen, daß nichts, was groß und ewig ist, verkleinert, verniedlicht und dadurch verfälscht wird.“ Selbstbewußte Worte, die Frau Dr. Haarer nach dem Ende der Nazizeit sicher ganz anders gemeint haben wollte.

Wie wird diese „großartige Geschichte“ kleinen Kindern vermittelt? „Wir werden das so schonend und kindgemäß wie möglich tun, aber trotzdem der Wahrheit nicht feige ausweichen. Denn niemals können Wahrheit und Wirklichkeit in der Seele der Kinder solchen Schaden anrichten wie Täuschung, Ausflucht und Lüge. Und wenn wir Ihnen, gedrängt durch die Fragen, ein Stück aus der Geschichte unseres Volkes und Vaterlandes erzählen, dann denken wir daran, daß sie ja auch in unseren unvergänglichen deutschen Volksmärchen das Leben manchmal von harten und grausamen Seiten kennenlernen, ohne Schaden zu nehmen.“  Dazu hatte ich euch seinerzeit dieses Buch im Artikel „Märchen – Deutung in der Nazi-Zeit“ vorgestellt.

Das Inhaltsverzeichnis verheißt aufregende Vorlese-, Nacherzähl- und Selbstlesestunden. Ich hätte mich sicher schnell gelangweilt, aber mahnende Worte der nationalstolzen Mutter werden für Ruhe und bedächtiges Lauschen gesorgt haben:

„Heute erzählst du uns vom großen Krieg, Mutter!“

„So kamen die Kinder in der Dämmerstunde bei der Mutter an. Also hört zu. Als der große Krieg ausbrach, war ich selbst noch ein Kind und ich lebte damals bei eurer guten Großmutter in der kleinen Stadt, in der ich auf die Welt gekommen bin.“ Mutter erzählt, wie der Erste Weltkrieg begann, dass alle deutschen Männer singend und feiernd in Erwartung eines kurzen siegreichen Kampfes durch die Straßen zogen.

Der Ladenbesitzer, Herr Schmitthammer, war bereits in Frankreich und hatte seiner Frau, die den Laden nun in seiner Abwesenheit führte einen Feldpostbrief geschickt und geschildert, dass „unsere Soldaten“ „nicht einen einzigen Franzosen“ „ins deutsche Land hereingelassen“ hatten. „Wie herrlich unsere Soldaten kämpften!“

Weiter erzählt uns die Mutter von ihren gelegentlichen Einkauf bei Familie Veilchenstein. „Ihr lacht über den komischen Namen, und wir haben als Kinder auch darüber gelacht.“ „Dann fragte meine Mutter nach Herrn Veilchenstein. Oh, es ging ihm gut. Nein, Frau Veilchenstein brauchte keine Angst um ihn zu haben! Er war ja nicht so weit vorne im Felde, wo geschossen wurde, ihn konnte keine Kugel treffen. Warum nicht? Oh, er war ja so tüchtig! Er kaufte weiter hinten die Lebensmittel ein, die die Soldaten zum Essen brauchten, solche Leute muss es auch geben, man konnte sie nicht entbehren. Und Frau Veilchenstein lächelte vor sich hin. Sie sah ganz anders aus als die arme Frau Schmitthammer, die immer magerer und ernster wurde vor lauter Sorgen. Sie war dick und rundlich, hatte ganz schwarze Haare und viele Ringe an den Fingern.“ „Bei Ihnen war immer Brot im Kasten, das wußte man in der Stadt. Auch Butter, Fleisch und Milch hatten sie zur Genüge, man brauchte sie allesamt ja nur anzusehen. Wir alle mochten die Veilchensteins nicht, auch die Kinder nicht. Sie sahen ganz anders aus als wir und hatten gebogene Nasen und ganz dunkles Haar. Sprach man einmal mit Ihnen, so wurden sie gleich frech und machen sich wichtig. Und je länger der Krieg dauerte, desto mehr sah und hörte man von Ihnen.“

Irgendwann ging der Krieg schließlich zu Ende.

„Aber nicht, wie wir alle gehofft hatten, mit einem großen Sieg! Oft, ach oft haben wir davon gesprochen, wie es sein würde, wenn endlich einmal der Frieden käme! Alle Glocken würden wieder läuten, hatten wir uns ausgemalt, und in langen Zügen, mit Blumen geschmückt, würden unsere Soldaten heimkehren. Nun aber kam es ganz, ganz anders, als wir gedacht hatten. Davon erzähle ich euch das nächste Mal.“

Und das Kart die Mutter auch. Sie erzählt lang und ausführlich vom angeblichen Verrat der Feindesmächte den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk gegenüber. Die Dolchstoßlegende in kindlichem Format.

Im Weiteren Verlauf des Buches geht es – wie der Titel vermuten lässt – um die „Heldentaten“ Adolf Hitlers.

„So schrieb Adolf Hitler damals alles nieder, was er sich ausgedacht hatte, um Deutschland zu retten. Er erzählt in diesem Buch auch von seinem eigenen Leben und erklärt uns, warum alles so hat kommen müssen und warum Deutschland so in Not und Elend geriet. Er konnte damals nicht zu den Menschen sprechen, denn er war ja gefangen. Das schrieb eben alles, was er ihnen sagen wollte. Später druckten dann die Buchdrucker die geschriebenen Seiten ab und so entstand sein Buch „Mein Kampf“. „Das wollen wir lesen, Mutter! Sind auch Bilder drin?“ So Riesen die Kinder. Das Buch unseres Führers ist kein Buch für Kinder. Aber wenn ihr größer seid und es verstehen könnt, dann freilich sollt ihr es lesen, nicht nur einmal, nein, viele, viele Male.“

„Wenn Adolf Hitler bei seiner vielen, vielen Arbeit in der Reichskanzlei in Berlin einmal einen Augenblick innehielt und sich in seinem Deutschen Reich umsah, dann muß er sich wohl von Herzen gefreut haben – meint ihr nicht auch? Was hat er in kurzer Zeit nicht alles erreicht für sein Land und für sein Volk! Alle hatten wieder Arbeit, verdienst und Brot, es gab keine Arbeitslosen mehr.“ (Wie es dazu kam und dass es nicht wirklich auf Hitlers Ideen fußte, lest ihr z.B. hier nach.)

In was für eine goldene Zukunft uns Herr Hitler und seine Kameraden geführt hat, weiß jeder, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat. Opas glorifizierenden Reden über den GröFaZ zeugen oft von politischer Demenz und finden im wissensarmen Teil der Bevölkerung begeisterte Anhänger.

Ich bin der Meinung, dass solch glühende Verehrer des Nationalsozialismus wie Frau Dr. Johanna Haarer nach dem Ende des Dritten Reiches keine Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer alten Werke – selbst in überarbeiteter Form – oder neuer Schriften mehr erhalten hätte dürfen.

Zum Abschluß liste ich euch noch das Buchverzeichnis aus dem hinteren Teil dieses Buches auf:

Weiter Bücher zu diesem Thema hatte ich euch bereits hier vorgestellt:

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