Wie werde ich Werbegrafiker?


Nachdem ich mehrere Jahre für ihn gearbeitet habe, hat mir mein ehemaliger Chef verraten, dass sein Großvater einer der wohl berühmtesten Werbegrafiker Deutschlands war. Von meiner geneigten Leserschaft wird ihn kaum jemand kennen, aber einige seiner berühmten Plakate aus den Jahren vor 1920 habt ihr bestimmt schon einmal gesehen. Das eMuseum Zürich hat hier einige zur Ansicht. Leider starb Lucian, der eigentlich Emil hieß schon 1972 in New York. Sein Sohn, ebenso wie sein Enkel – mein Chef – in Upstate New York geboren, haben sich die deutsche Sprache erhalten und ich konnte einige fröhliche Stunden mit beiden verbringen, nicht zuletzt, weil wir im selben Haus gewohnt haben.

Wie schwierig es ist, Werbung so zu gestalten, dass der Betrachter im Bruchteil einer Sekunde bereit ist, seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken und – best of all – sich für das Produkt zu begeistern und später daran zu erinnern, kann sich kaum jemand der Werbekonsumenten vorstellen.

Ich habe euch heute eine Originalzeichnung eines Schülers herausgesucht, der sich zum Werbegrafiker hat ausbilden lassen. Die Zeichnung steckt noch in den Anfangsschwierigkeiten fest.

Technisch vielleicht ganz gut – oder wie der Lehrer vermerkte: „Meist gut“. Die Schattierung ist noch nicht ganz korrekt und das Produkt verhältnismäßig klein geraten.

Am 25.10.1907 hat er sein Glück versucht.

Da man über Fritz Ehrhardt nichts findet, kann seine Karriere nicht so beeindruckend gewesen sein, wie die von Emil Kahn, der sich allerdings Lucian Bernhard nannte und auch nur unter diesem Namen bekannt ist.

Was hat Herr Ehrhardt eigentlich beworben? Eine (fiktive?) Streichholzmarke namens Ankerkron. Hat davon schon jemand gehört? Ich nicht.

Ich werde die Wasserfarben-und-Bleistiftzeichnung nun mit Sprühfirnis etwas konservieren, damit die Bleistiftschraffuren nicht verwischen. Was ich dann damit mache, weiß ich noch nicht. Ihr könnt sie ja hier jederzeit anschauen.

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Saturn N° 2 – das dritte Anker-Legespiel


Gestern gab es das zweite Legespiel meiner kleinen Dreierreihe – das Mosaik. Davor habe ich euch das Täfelchenlegen vorgestellt und heute bildet der Saturn den krönenden Abschluß. Die früher schon vorgestellten Meteor-Baukästen findet ihr übrigens hier.

Ebenso, wie die Mosaik- und Täfelchenlegen- oder auch die großen Meteor-Kästen, haben wir hier einen ca. DIN-A4-großen Holzkasten mit Schiebedeckel.

Das Titelbild habe ich schon etwas gereinigt. Nur die obere rechte Ecke bekomme ich nicht sauber.

Auch die Innenseite musste von Buntstiftverzierungen weitestgehend befreit werden. Das ist inzwischen erledigt. Der Tuscherand unten ist leider für die Ewigkeit.

Dieser Kasten wurde mir von einer Leserin meines Museums zum Kauf angeboten. Sie hatte über meine Tangram-Sammlung gelesen und sich an einen Dachbodenfund erinnert, der schon seit vielen Jahren nutzlos in einer Ecke lag. Ich habe dankbar zugegriffen und ihr auch ihre beiden Überreste zweier Meteor-Kästen sowie 1,7 kg Tonmurmeln abgenommen. Wer weiß, wozu sie mal gut sind.

Einen Saturn-Kasten hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Dass es ihn gibt, wusste ich nur aus den letzten Seiten der Legehefte der Meteor-Kästen. Selbst Google kannte nur ein einziges Bild eines Vorlagenheftes. Das wird sich nun ändern.

Besonders erfreut war ich, als ich feststellen musste, dass der neu in meinen Besitz übergegangene Saturn bis auf einen der 180 Steine komplett ist. Das möchte man nach über 100 Jahren erst einmal schaffen.

Rechts seht ihr die vier Schiebeschachteln aus Pappe für die Steine. Links habe ich sie für euch geöffnet. Jeweils 4×3 Steine in den Farben rot, gelb und blau, sowie 3×3 schwarze Steine wohnen in jeder Schachtel.

In der Mitte liegt auf zwei Trägerhölzchen das Spielbrett:

Auch hier gibt es wieder die Gratisbeigabe – ein Mühlebrett.

Das Vorlagenheft erklärt, dass im Unterschied zum Meteor durch die außergewöhnliche Form der Steine im Saturn noch eine besonders interessante Variante möglich ist. Während im Meteor normale Kugeln benutzt wurden, kommt der Saturn mit Scheiben, die in der Mitte einen halbkugelförmigen Aufsatz haben, der auf der Rückseite wiederum nach innen geht. Das sieht aus, wie eine Kugel mit einem Ring drum herum – daher „Saturn“.

Legt man die Steine nun mal mit der Kugelseite und mal mit der Vertiefung nach oben, entstehen schöne Effekte.

Doch damit nicht genug. Die Saturnsteine können aufeinandergestapelt werden. Dadurch entstehen sogenannte Blumenteppiche. Heute würden wir es 3D-Effekt nennen.

Schaut euch das Bild oben rechts an. Seht ihr die schwarzen Steine? Die mussten mit der Kugelseite nach oben aufgelegt werden, während alle anderen mit der hohlen Seite nach oben aufgebaut wurden.

Hier noch mehr Beispiele, bei denen man die unterschiedliche Legeweise gut erkennt.

Die letzte Seite zeigt uns einige Vorlagen, die wir auch aus den Meteor-Legeheftchen kennen und die sich mir bis heute als Rätsel dargestellt haben. Doch wenn man sieht, wie gut sich die Saturn-Steine stapeln lassen, ergeben plötzlich die Zahlen Sinn.

Um euch (und mir) eine Freude zu bereiten, habe ich den Baukasten ein letztes Mal ausgepackt und euch dieses Muster nachgebaut:

schaut her:

Man erkennt die unschöne Angewohnheit der blauen Steine, auszublühen. Was auch immer diesen Steinen zugesetzt wurde, es kristallisiert im Laufe der Jahrzehnte. Das lässt sich abschleifen, ist aber eine miese Arbeit und birgt die Gefahr, dass Steine zerbrechen. Da lasse ich es so und bastele mir stattdessen minimal größere Schachteln für die Steine.

Hier noch eine seitliche Ansicht um den 3D-Effekt zu verdeutlichen:

Der Aufbau war eine ganz schöne Fummelei. Damit waren die Mädchen seinerzeit lange beschäftigt. Wann? Ich schätze das Erscheinungsdatum auf irgendwann zwischen 1910 und 1920.

Mosaik N° 2 – ein weiteres Anker-Legespiel


Wie versprochen, werde ich euch drei aufeinanderfolgende Artikel über Legespiele der Firma Anker vorstellen. Hier findet ihr den Ersten. Heute folgt der zweite Streich. Der große Kasten Mosaik Nummer 2. Beitrag Nummer drei gibt es dann hier.

Ebenso, wie das Täfelchenlegen kommt das Mosaik in einem schönen Holzkasten mit Schiebedeckel daher.

Dieses Spiel ist ein altes Original aus den Jahren zwischen 1899 und 1928 – ganz genau ist mir die Datierung leider noch nicht gelungen, da es verschiedene Druckermarken gibt.

Leider ist das Anleitungsbüchlein einmal runtergefallen, wodurch der Rücken an der unteren Klammer eingerissen ist. Repariere ich es? Mal sehen.

Anhand der Ecken sieht man deutlich, dass das Spiel nur äußerst selten benutzt wurde. Schade für das Kind, unter dessen Weihnachtsbaum es einmal lag – gut für mich.

Wie pfleglich es behandelt wurde, erkennt ihr auch daran, das selbst die blaue Wellpappe und das Seidenpapier – beides diente dem Schutz der Steine auf dem Weg vom Laden nach hause – noch im Original enthalten sind.

Und was kommt zum Vorschein, wenn die Schutzabdeckung hochgenommen wird? Die erste Lage Steine in 1A-Erhaltung. Sehen sie nicht schön aus? Rechts in der Mitte des Holzrahmens, auf dem die Steine Liegen, seht ihr eine kleine Einkerbung an der Innenseite (der Pfeil aus den beiden roten Dreiecken zeigt darauf). Eine gleiche Einkerbung gibt es auch links. Hier kann man den Rahmen mit dem Daumennagel festhalten und ihn aus dem Kasten heben.

Und was erblickt darunter das Tageslicht? Die zweite Lage Steine. Ebenso gut erhalten und auch vollständig.

Dieser Baukasten war schon früher ein beliebtes Spielzeug – auch hier waren Mädchen die bevorzugte Zielgruppe, denn Jungs bauten ja mit den Ankersteinen in die Höhe. Allerdings hatte dieser Kasten auch damals seinen Preis, weswegen die Stückzahl klein und darum die Häufigkeit, heutzutage einen anzutreffen sehr gering ist. In dieser Erhaltung ist das schon ein Glückstreffer.

Der Kasten wurde von Anker in den letzten Jahren noch einmal zum Preis von 429,- Euro in winziger Stückzahl neu aufgelegt. Schaut mal hier. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels gibt es noch welche.

Ich komme im Laufe des Herbstes


Jeder freut sich, wenn Besuch kommt. Schön ist es, wenn sich der Besuch vorher ankündigt, damit man noch schnell die Wohnung aufräumen und optisch saubermachen kann. Blöd ist es, wenn die Ankündigung nicht so ganz präzise ist.

Die uns bereits schon aus früheren Artikeln bekannte Firma H. Zwernemann aus Hanau hat irgendwann in den frühen 1920er Jahren diese Postkarte an den uns bereits bekannten Adolf Tresselt geschickt. Sie bieten neben der Brillantbijouterie in einfacher und reicher Ausführung ja auch ein reichhaltiges Lager in Ketten u. Bijouterien in Gold, Doublé, Silber, Tula und Alpacca. Zigarren-Etuis, Taschen, Börsen in Silber und Alpacca sind ebenfalls am Lager.

Und was wollten Sie?

Aha, den Besuch eines Vertreters ankündigen. Und wann kommt er? Im Laufe des Herbstes und Herr Zwernemann hofft, „daß Sie meinem Vertreter einen hübschen Auftrag reservieren werden“.

Diese äußerst ungenaue Besuchsankündigung ist nur vorläufig und „Mein Vertreter wird Ihnen eine nochmalige Besuchsanzeige kurz vor seinem Eintreffen zukommen lassen.“ Damit erscheint mir diese Postkarte relativ unnütz.

Wie dem auch sei, die Zwernemann-Fabrik scheint erfolgreich gewesen zu sein. Details dazu hatte ich euch in dem ersten Artikel herausgesucht. Klickt hier und schaut euch die Villa Zwernemann und die Preise für seine Stücke mal an.

Eine Datierung ist aufgrund der abgeweichten Briefmarke leider nicht möglich. Um die Akkuratesse der Postkarte beizubehalten, würde ich auf 1905-1922 tippen. Jünger kann sie nicht sein, da die Verwendung als Rechenzettel mit Preisen arbeitet, die aus den Anfängen der Inflation 1922 stammen.

Ein sehr eigenartiger Geschäftsbrief von 1908 und eine Haushaltskasse von 1913


Da habe ich aber einen seltsamen Geschäftsbrief zwischen den Seiten eines uralten Kassenbuches meines Urgroßonkels gefunden. Den kann ich euch nicht vorenthalten. Er ist voller Rätsel und ich musste ihn erst dreimal lesen um ihn ein halbes mal zu verstehen. Vielleicht hat von meinen treuen Lesern jemand eine Idee und lässt uns in einem Kommentar klug werden.

Die Württembergische Metallwarenfabrik – abgekürzt übrigens WMF und damit auch dem letzten Leser bekannt – schrieb diesen Brief am 15. Oktober 1908 an den uns schon bekannten Adolf Tresselt.

Die WMF erlaubt sich 10 Mark und 45 Pfennige am 15. November per Postauftrag auf mich zu entnehmen und bittet um geneigten Schutz ihrer Abgabe. Das bedeutet, wenn ich es richtig interpretiere, dass sie die Zustimmung zu einer Art Einzugsermächtigung von mir erbitten.

Sie möchten diese Abgabe acht Tage an sich halten, falls ich direkte Anschaffung vorziehen sollte. Haben die Herrschaften mir eine Sendung auf Probe geschickt, 10 Mark und ein bisschen als Sicherheit von meinem Konto abgebucht und ich habe die Möglichkeit, das Produkt innerhalb einer Woche zurückzusenden, oder zu behalten?

Besonders gut gelungen ist nach meiner Meinung die Grußformel: „Uns bei fernerem Bedarf Ihrem Wohlwollen bestens empfehlend, zeichnen hochachtungsvoll Herr Heim und Herr Breitschwerdt.“ Das möchte ich mal einer Lieferung von Amazon beigelegt finden.

Sparsam, wie Herr Tresselt war, hat er die Rückseite des Briefes fünf Jahre später als Kassenbuch verwendet.

Vom 17. Juli bis Mitte September 1913 wurde jede einzelne Ausgabe und Einnahme akribisch notiert. Vor jeder Ausgabe steht „ab“, vor jeder Einnahme „Zu“ und man kann sich prima die damaligen Preise anschauen:

  • Feuerstein: M 1,30
  • Postkarte: M 0,05
  • Mutter: Butter, Brod: M 0,60
  • Semeln: M 0,05 (hier wieder mit dem Verdopplungsstrich über dem m)
  • Bouillonwürfel: M 0,25
  • Bier: M 0,27
  • Bier, Brief, Rasieren: M 0,49
  • Mitte Juli zur Bank gebracht: M 130,- (zack, war die Haushaltskasse bis auf M 6,82 leer)
  • Zucker u. Eier: M 0,64
  • Herrenhemd: M 0,70 (das kann doch nicht der Preis sein …)
  • Cigarren: M 0,70
  • Toiletten-Schilder: M 4,- (Anfang August)
  • Butter: M 0,32
  • Cacao & Zucker: M 1,44 (2. Spalte, unten)

usw. usf. Dazwischen immer wieder Namen von Personen, die entweder Geld bekommen oder gebracht haben. Ein stetes Geben und Nehmen.

Und alles hat ganz ohne elektrische Hilfsmittel funktioniert.

Puppengeschichten – 1888


Ein Geschichtenbuch für die Puppenmutti – welches Mädchen hat sich das nicht gewünscht? Wenigstens einem Mädchen habe ich seinen Wunsch zunichte gemacht, indem ich ihm das heute vorgestellte Buch weggekauft habe.

 

Zwölf Puppengeschichten für kleine Mädchen. Herausgegeben von Emmy Friedberg. Stuttgart 1888.

 

Das Buch ist in weitestgehend guter Erhaltung. Der Pappdeckel hat oben ein paar kleine Läsuren, aber das Innenleben ist sehr gut erhalten. Vielleicht sogar, weil es dem Mädchen, dem das Buch früher gehört hatte, rechtzeitig weggenommen wurde. Mein Dank gilt den strengen Eltern!

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die kleine Charlotte das Buch selbst in Ehren gehalten hat, weil es ein Geschenk ihrer Turnlehrerin war.

Charlotte Zwack erhält dieses Buch für regelmäßigen Turnbesuch, da sie nur 2 Stunden im Jahr versäumt hat. Weihnachten 1912. Frau Minna Pätzold Leiterin der Mädchen Abt.(eilung) des Turnv.(erbands) Gesundbrunnen

P.Pätzold, I.A. des Vorstandes.

 

 

Was gibt es im Inneren zu entdecken? Die Inhalts-Übersicht:

 

Das Buch wird von Puppe Gretchen erzählt und beginnt mit dem  Vorwort der Puppe Gretchen an die kleinen Leserinnen.

Das Buch, das ich euch schreiben will, ihr lieben kleinen Mädchen, ist kein gewöhnliches, wie ihr wohl schon manches in Händen hattet, denn ich bin eben kein gewöhnliches Menschenkind wie ihr, obgleich ich auch Hände und Füße, rote Backen und blaue Augen habe, wenn auch viel kleiner als die euren, weil ich – nur eine Puppe bin.

Was ich in diesem Büchlein niederschrieb, sind meine Erlebnisse, die ich euch, wie ich hoffe, zu Nutz und Frommen mitteilen will. Nun ruft ihr gewiß: „Aber so etwas ist doch gar nicht möglich! Eine Puppe kann ja weder schreiben noch lesen; sie kann ja nicht einmal reden, sie hat ja überhaupt gar keinen Verstand.“ Da irrt ihr euch aber gewaltig, ihr kleinen klugen Dinger! Ach, wenn ihr nur wüßtet, wie wohl es zum Beispiel einer Puppe thut, wenn ihr gut zu ihr seid, sie liebt, wartet und pflegt, und wie das kleine Herzchen weh thut, wenn man garstig mit ihr umgeht, sie vergißt oder gar sie verdirbt. Wenn ihr uns in die Arme nehmt, so scheint es freilich, als ob wir nicht so viel Gefühl hätten, wie ihr Menschenkinder: Allerdings

schreien wir nicht gleich so laut und unartig, wenn man uns stößt und hinwirft. Das kommt aber bloß daher, weil wir Puppen alle sehr artig sind und genau wissen, wie wir uns zu benehmen haben.

Wir haben aber auch eine Sprache, gerade wie ihr, nur ist unser Stimmchen gewöhnlich sehr fein, leiser als das eines Heimchens, so daß die kleinen Mädchen es nicht hören und nur denken, wir können gar nicht sprechen. Was mich persönlich betrifft, so bin ich sogar im Stande, zwei Worte ganz laut zu sprechen, und meine kleine Herrin hat sich oft stundenlang mit mir unterhalten, obgleich ich immer nur „Papa“ und „Mama“ antworten konnte. Denn was ich sonst noch, leise, ganz leise flüsterte, das verstand auch sie nicht, obschon sie sonst ein recht verständiges kleines Ding war, oder es wenigstens durch mich und mein Vorbild geworden ist.

Ja, ja! Durch mich! Wie sich das alles zugetragen, daß sollt ihr nun hören, und ich hoffe, dass ihr alle, die ihr meine Geschichte hört, ein bißchen aus ihr lernen mögt.

 

Mit diesem Vorwort sind nun alle kleinen, lieben Mädchen zurechtgestaucht worden: sie sind unartig, wissen nicht, sich zu benehmen, können nicht zuhören und haben auch sonst keine Ahnung. Jeder Kinderpsychologe würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Die 1. Geschichte – Das unartige Trudchen – erzählt uns von der frühesten Jugend der Puppe. Sie lag mit hunderten anderer Puppen in einem Geschäft, bis sie von „Frau Hillmer, der Mutter meiner späteren kleinen Herrin“ gekauft wurde. Gretchen war die letzte sprechende Puppe in diesem Geschäft. Zu Hause angekommen, wird Gretchen samt der Schachtel, in der sie verkauft wurde in eine Schublade gelegt und bis zum Weihnachtsfest weggeschlossen. Sie erzählt: „Ich muss heute offen bekennen, daß ich dummes kleines Ding damals sehr, sehr böse war; auf wen, konnte ich freilich nicht recht sagen. Doch die wenigen Tage, die ich so ruhig in meinem dunklen Gefängnis liegen bleiben mußte, machten mich viel klüger; ich sagte mir vor allem, daß ich doch wohl etwas zu hochmütig gewesen sei; nun, gestraft war ich genug, denn hier war es wahrlich noch weniger angenehm, als bei der Puppengesellschaft im Laden. Dann aber, wie bald harrte ja meiner die Befreiung! Wahrscheinlich sollte ich eben nur etwas Geduld lernen. Und die kann einem im Leben nie etwas Schaden. Seht, ihr kleinen Mädchen, wenn ihr einmal in eine ähnliche Lage kommt, (Anmerkung: in einer verschlossenen Schublade zu liegen?) merkt es euch hübsch fein! Mit Zorn und Trotz erreicht man nichts; solch kleine Übelstände müssen mit Ruhe und Geduld ertragen werden, das ist der beste Weg, um recht schön über sie hinweg zu kommen.

Die Puppe hört in ihrer Schublade ihre zukünftige Besitzerin, Trudchen Hillmer. Täglich spielt und plaudert sie im Zimmer, ist aber leider „sehr wild und nicht so folgsam, als es die Eltern gewiß so gern von ihr wünschen.“ Sie bespritzte die alte graue Miezekatze der Hauswirtin mit Wasser, malte einem Bettler mit Kreide ein Kreuz auf den Rücken anstatt ihn zu bedauern. Die Mutter spricht zum Vater: „Unser Töchterchen ist ja nicht schadenfroh, sie hat ein so gutes Herz, aber derlei Unart ist ihr ein für alle mal verboten worden, und sie soll nun gehorchen lernen. Sie ist manchmal wie ein wilder Junge; aber gieb acht, mein diesjähriges Weihnachtsgeschenk soll schon ein echtes, rechtes sanftes kleines Mädchen aus ihr machen.“

 

Später erfährt Trudchen von der Mutter, dass in fünf Tagen Weihnachten ist und ihr das Christkind vielleicht das ersehnte Geschenk – eine Puppe – bringen wird. Ein aufmerksames Mädchen wird damals vielleicht gefragt haben, wieso die Mutter eine Puppe Küchengeschäft kauft, wenn doch das Christkind eine bringt. Wer weiß, wie viele Eltern durch dieses Buch in Erklärungsnot geraten sind.

In der nächsten Geschichte – 2. Das Weihnachtsfest – bekommt Trudchen die Puppe geschenkt. Der Vater spricht: „Also eine Puppe hat mein Töchterchen bekommen? Weißt du denn auch, daß du nun selbst eine kleine Mama bist? Nun darfst du nicht mehr so wild umherlaufen oder gar deine Eltern ärgern, sondern du mußt jetzt immer deinem Kindchen das beste Beispiel geben. Denn wenn du kein gutes Hausmütterchen bist, dann fühlt sich dein Püppchen nicht wohl bei dir und läuft gewiß eines Tages auf und davon.“ Den kleinen Bruder Max hatte das Christkind mit seinen Gaben zu einem richtigen Soldaten gemacht.

Ich habe für euch noch die Geschichte – 6. Eine Unglücksvisite – herausgesucht:

 

Eine Woche mochte wohl seit Trudchens Geburtstag vergangen sein, als mich meine kleine Herrin eines Tages mit zu Besuch bei ihrer Freundin Käthchen Lenz mitnahm.

„Ach, es ist gut, daß du endlich kommst, Trudchen,“ rief uns diese schon von weitem entgegen, „Mach nur schnell, dass du hereinkommst. Ich habe heute Früh von Onkel Fritz eine ganz reizende kleine Kaffeemaschine geschenkt bekommen, da wollen wir nun mal selbst Kaffee kochen.“

„Kannst du es denn?“ frug meine Herrin.

„Ach was, können,“ rief Käthchen, „meine Mama glaubte auch, ich würde es nicht können; paßt nur auf, wie gut der Kaffee werden wird. Ich sehe der Dora ja alle Tage zu, wie sie es macht.“

Wir traten ein und begrüßten Käthchens Mama, Frau Lenz, welche zuerst natürlich mich bewundern mußte.

Als sie sich satt gesehen, wandte sie sich an Trudchen: „also mein Käthchen will heute durchaus ohne Hilfe Kaffee kochen. Ich lasse ihr den Willen. Verstehst du es vielleicht, Trudchen?“

 

„Nein,“ sagte diese, „ich habe noch nie Kaffee allein kochen dürfen.“

„Aber Mama,“ rief Käthchen, „ich verstehe es. Ich habe ja so oft zugesehen.“

„Also, ich soll euch gar nicht dabei helfen?“

„Nein, nein, es macht uns viel mehr Spaß, wenn wir es ganz allein für uns machen,“ wehrte das selbstbewußte Töchterchen ab.

„Nun, du sollst deinen Willen haben, Käthchen,“ sagte Frau Lenz, „hier habt ihr alles, was ihr braucht, nun fangt an.“

Käthchens Mama setzte eine Büchse mit Kaffee, eine Kaffeemühle und die bewußte kleine Kaffeemaschine auf den Tisch und beobachtete die Kinder, ohne sich hineinzumischen.

„Dein Gretchen wollen wir einstweilen aufs Sofa setzen, sie mag zusehen,“ sagte Käthchen, „nun komm, Trudchen!“

Mit außerordentlicher Wichtigkeit, als gälte es den größten Kindtaufsschmaus, machte sich die kleine Köchin ans Werk. Es wurden Bohnen in die Kaffeemühle geschüttet und diese nun fein und klar gemahlen. Das sollte recht schnell gehen, und so geschah es, daß das Kästchen mit dem gemahlenen Kaffeepulver plötzlich einen Hops machte und samt seinem Inhalt auf die Erde fiel. „Das ist schon noch zu retten,“ behauptete Käthchen sehr zuversichtlich. Sie kehrte dann das Verschüttete ohne weiteres zusammen und ich sah entsetzt, wie sie es samt dem Staub, der sich darunter gemischt, in die Kaffeemaschine füllte. Trudchen machte zwar Einwendungen, aber die flinke Köchen meinte: „Ach was, der Kaffee sieht ja schwarz aus, da sieht man den Schmutz nicht.“ Sehr eifrig füllte sie in eine Öffnung der kleinen Maschine Wasser ein, zündete das Spirituslämpchen an und stand nun sehr stolz bei ihrem Werk. Nicht lange, so begann es zu wallen und zu brodeln. „Er kocht!“ jubelte die Köchin, ließ der Sache noch ein Weilchen ihren Lauf und löschtd dann das Flämmchen aus, wie sie es in der Küche oft gesehen.

 

„Der Kaffee ist fertig! ‚herein, herein!“ rief sie nun Trudchen und ihren Geschwistern zu. Auf einem kleinen Tisch, der mit frischer Serviette sauber bedeckt war, wurden kleine Täßchen aufgestellt. „Nun paßt auf!“ rief Käthchen stolz. Sie drehte den Hahn auf und hielt das erste Täßchen unter. Da floß auch richtig etwas heraus, aber zum Gelächter der geladenen Gäste war es kein Kaffee, sondern reines klares Brunnenwasser.

„Neumodischer Kaffee, Pumpenheimer Mischung,“ neckten die Jungen.

Käthchen wurde blutrot vor Ärger, aber statt nun ihre Mama ernstlich zu fragen, welches Versehen sie wohl begangen, meinte sie ganz keck: „Das ist weiter gar nichts; ich hatte nur vergessen die Maschine umzukippen.“ Das wurde nun schleunigst besorgt, aber leider kam bei der nächsten Probe gar nichts aus dem Hahn gelaufen. Nun war es mit der Geduld der Kochkünstlerin zu Ende. „Was da,“ rief sie, „ich nehme eben den Deckel der Maschine ab, oben wird schon etwas heraus laufen“; ja, freilich lief da etwas heraus, aber etwas schönes war’s: schwarze, dicke, trübe Suppe, bei deren Anblick die Geladenen erst recht Zeter schrieen. „Da ist ja noch der ganze Satz im Kaffee,“ erklärte Trudchen. „Das schadet nichts, trinkt ihn nur,“ befahl Käthchen, in dem sie allen, auch mir, ein Täßchen voll des schrecklichen Getränkes eingoß. Natürlich wollten die Kinder nicht heran und auch ich, die ich gerne um des lieben Friedens willen das häßliche Zeug wenigstens gekostet hätte, konnte mit meiner angeborenen Steifheit leider die Tasse nicht erfassen.

„Nun, dumme, eigensinnige Puppe, ist dir mein Kaffee vielleicht auch zu schlecht?“ schrie Käthchen, die ihren Ärger doch an jemand auslassen mußte, mich plötzlich an.

„Laß doch mein Kindchen!“ fiel Trudchen beschützend ein.

„Was da, kosten muß sie,“ rief die Freundin, die durch die Neckereien ihre Geschwister immer hitziger wurde. Sie setzt du mir die Tasse richtig an den Mund, Trudchen fuhr ängstlich dazwischen, jede der beiden Mädchen hielt das Täßchen fest und suchte es der anderen zu entreißen. Da – wie es geschehen, weiß ich heute noch nicht – kurz und gut, die Tasse mit dem heißen, braunen, schrecklichen Getränk lag auf einmal auf mir und der Inhalt floß mir übers Gesicht, drang mir durch alle Röckchen durch bis auf die Haut.

Laut jammernd und riß mich Trudchen ans Herz.

Kätchens Mama kam, von all dem Geschrei angelockt, herbei, und Kätchen bekam für ihren Eigenwillen eine lange, tüchtige Strafpredigt. Meinem Mütterchen, die immer lauter schluchzte, sprachen alle Trost ein, aber sie wollte sich gar nicht beruhigen lassen und schwer betrübt zogen wir beide von der schrecklichen Kaffee-Visite nach Haus.

 

Dramatik pur!

Das Buch kommt schließlich zum Happy-End. Der Hampelmann des kleinen Bruders Max heiratet unsere Puppe Gretchen. Die kleine Leserin wird frühzeitig auf ihr zukünftiges Leben an der Seite ihres eigenen Hampelmannes vorbereitet.

 

Zum Schluß

Mit meiner Verheiratung mit dem Hampelmann muß ich nun meine Lebensbeschreibung vorläufig schließen, meine kleinen Leserinnen! Meine Erlebnisse in der Familie meiner so außerordentlich liebenswerten, freundlichen Besitzerin waren ja nur eine Reihe von fast lauter glücklichen Tagen, die mir vergönnt waren. So lange ich bei meinem lieben Männchen und bei Trudchen Hillmer blieb, ist es mir auch weiterhin immer gut gegangen, ich habe nie Ursache gehabt, mich zu beklagen oder traurig zu sein. Aber es sollten auch schwere Tage für mich kommen! Wie es geschah, dass ich zu einem anderen kleinen Mädchen kam und was für böse Dinge da vorgekommen, das werdet ihr vielleicht ein anderes Mal noch von mir erfahren.

Für heute habt Dank, dass ihr meinen Erzählungen so aufmerksam gefolgt seid. Ich darf wohl hoffen, daß ihr so manches gute Wörtchen beherzigen werdet, was ich hie und da eingestreut habe.

Und nun lebt wohl und behaltet mich einstweilen in gutem Andenken, ihr lieben, kleinen Mädchen! Auf Wiedersehen ein andermal!

Eure

Puppe Gretchen.

 

So lief Kindererziehung im Jahre 1888. Das nur zwei Jahre früher erschienene Buch „Puppenköchin Anna“ habe ich euch vor einiger Zeit schon vorgestellt. Damals wurden Mädchen eifrig auf ihre strahlende Zukunft als Hausfrau und Mutter vorbereitet.

 

Das wars für heute mit den Puppengeschichten. Meine Ausgabe ist übrigens noch eine sehr Frühe. Spätere Auflagen von 1900 und 1903 hatten nicht mehr dieses Bild auf dem Buchdeckel, sondern ein kleines Mädchen mit (relativ hässlicher) Puppe.

 

Gaudeamus igitur! – fast ein Studentennotizbuch von 1905


Heute kommt Buch Nummer 2 in der Liste meiner Miniserie von handschriftlichen Büchern. Die ganze Serie findet ihr, wenn ihr hier klickt.

Nummer 2

Studenten sind nicht immer fleißig. Daher bleiben viele guten Vorsätze im Ansatz stecken. Mein Urgroßvater hatte während seines Pharmaziestudiums 1905 eine Kladde begonnen, in die er wahrscheinlich jede Menge nützliche Notizen eingetragen hat.

Titel: Einleitung in die Chemie – Ausgearbeitet von G. Lange, stud. pharm. Göttingen, 1905

Über dem Titel prangt der Zirkel seiner Studentenvereinigung Gottinga, über die ich euch hier schon einiges verraten habe.

Was aber tut der mäßig eifrige Student, wenn er ein neues Notizbuch beginnt und die Notizen des alten Buches noch braucht? Abschreiben? Fehlanzeige! Er reißt den halben Buchblock raus und klebt ihn an das neue Notizbuch. Der klägliche Rest sieht dann so aus:

 

Ich glaube, ich weiß sogar, wo der fehlende Teil geblieben ist. Lasst mich mal suchen. Mehr später.

 

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