Ich komme im Laufe des Herbstes


Jeder freut sich, wenn Besuch kommt. Schön ist es, wenn sich der Besuch vorher ankündigt, damit man noch schnell die Wohnung aufräumen und optisch saubermachen kann. Blöd ist es, wenn die Ankündigung nicht so ganz präzise ist.

Die uns bereits schon aus früheren Artikeln bekannte Firma H. Zwernemann aus Hanau hat irgendwann in den frühen 1920er Jahren diese Postkarte an den uns bereits bekannten Adolf Tresselt geschickt. Sie bieten neben der Brillantbijouterie in einfacher und reicher Ausführung ja auch ein reichhaltiges Lager in Ketten u. Bijouterien in Gold, Doublé, Silber, Tula und Alpacca. Zigarren-Etuis, Taschen, Börsen in Silber und Alpacca sind ebenfalls am Lager.

Und was wollten Sie?

Aha, den Besuch eines Vertreters ankündigen. Und wann kommt er? Im Laufe des Herbstes und Herr Zwernemann hofft, „daß Sie meinem Vertreter einen hübschen Auftrag reservieren werden“.

Diese äußerst ungenaue Besuchsankündigung ist nur vorläufig und „Mein Vertreter wird Ihnen eine nochmalige Besuchsanzeige kurz vor seinem Eintreffen zukommen lassen.“ Damit erscheint mir diese Postkarte relativ unnütz.

Wie dem auch sei, die Zwernemann-Fabrik scheint erfolgreich gewesen zu sein. Details dazu hatte ich euch in dem ersten Artikel herausgesucht. Klickt hier und schaut euch die Villa Zwernemann und die Preise für seine Stücke mal an.

Eine Datierung ist aufgrund der abgeweichten Briefmarke leider nicht möglich. Um die Akkuratesse der Postkarte beizubehalten, würde ich auf 1905-1922 tippen. Jünger kann sie nicht sein, da die Verwendung als Rechenzettel mit Preisen arbeitet, die aus den Anfängen der Inflation 1922 stammen.

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Ein sehr eigenartiger Geschäftsbrief von 1908 und eine Haushaltskasse von 1913


Da habe ich aber einen seltsamen Geschäftsbrief zwischen den Seiten eines uralten Kassenbuches meines Urgroßonkels gefunden. Den kann ich euch nicht vorenthalten. Er ist voller Rätsel und ich musste ihn erst dreimal lesen um ihn ein halbes mal zu verstehen. Vielleicht hat von meinen treuen Lesern jemand eine Idee und lässt uns in einem Kommentar klug werden.

Die Württembergische Metallwarenfabrik – abgekürzt übrigens WMF und damit auch dem letzten Leser bekannt – schrieb diesen Brief am 15. Oktober 1908 an den uns schon bekannten Adolf Tresselt.

Die WMF erlaubt sich 10 Mark und 45 Pfennige am 15. November per Postauftrag auf mich zu entnehmen und bittet um geneigten Schutz ihrer Abgabe. Das bedeutet, wenn ich es richtig interpretiere, dass sie die Zustimmung zu einer Art Einzugsermächtigung von mir erbitten.

Sie möchten diese Abgabe acht Tage an sich halten, falls ich direkte Anschaffung vorziehen sollte. Haben die Herrschaften mir eine Sendung auf Probe geschickt, 10 Mark und ein bisschen als Sicherheit von meinem Konto abgebucht und ich habe die Möglichkeit, das Produkt innerhalb einer Woche zurückzusenden, oder zu behalten?

Besonders gut gelungen ist nach meiner Meinung die Grußformel: „Uns bei fernerem Bedarf Ihrem Wohlwollen bestens empfehlend, zeichnen hochachtungsvoll Herr Heim und Herr Breitschwerdt.“ Das möchte ich mal einer Lieferung von Amazon beigelegt finden.

Sparsam, wie Herr Tresselt war, hat er die Rückseite des Briefes fünf Jahre später als Kassenbuch verwendet.

Vom 17. Juli bis Mitte September 1913 wurde jede einzelne Ausgabe und Einnahme akribisch notiert. Vor jeder Ausgabe steht „ab“, vor jeder Einnahme „Zu“ und man kann sich prima die damaligen Preise anschauen:

  • Feuerstein: M 1,30
  • Postkarte: M 0,05
  • Mutter: Butter, Brod: M 0,60
  • Semeln: M 0,05 (hier wieder mit dem Verdopplungsstrich über dem m)
  • Bouillonwürfel: M 0,25
  • Bier: M 0,27
  • Bier, Brief, Rasieren: M 0,49
  • Mitte Juli zur Bank gebracht: M 130,- (zack, war die Haushaltskasse bis auf M 6,82 leer)
  • Zucker u. Eier: M 0,64
  • Herrenhemd: M 0,70 (das kann doch nicht der Preis sein …)
  • Cigarren: M 0,70
  • Toiletten-Schilder: M 4,- (Anfang August)
  • Butter: M 0,32
  • Cacao & Zucker: M 1,44 (2. Spalte, unten)

usw. usf. Dazwischen immer wieder Namen von Personen, die entweder Geld bekommen oder gebracht haben. Ein stetes Geben und Nehmen.

Und alles hat ganz ohne elektrische Hilfsmittel funktioniert.

Sture Verlierer des Ersten Weltkriegs – Köhler’s Deutscher Kalender 1934


Im Jahr 1934 war die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten noch frisch, man glaubte an eine kurze Blütezeit dieser Bewegung und ein ebenso baldiges Verschwinden. Das hat bedauerlicherweise nicht funktioniert.

Heute möchte ich euch einen Jahreskalender vorstellen, der 1934 vom Verlag Wilhelm Köhler in Minden/Westfalen herausgegeben wurde. Dieser Verlag ist bekannter als Herausgeber von Köhler’s Kolonialkalender, der mit dem Untertitel „Ohne Kolonien – Volk in Not, Kolonialbesitz – Arbeit und Brot.“ warb.

Zu den deutschen Kolonien habe ich euch in meinem letzten Artikel hier bereits einiges geschrieben.

Bezeichnend für die in diesem Verlag erschienen Kalender ist die feste Überzeugung, dass der erste Weltkrieg durch die so genannte Dolchstoßlegende verloren wurde. So trauert der Kalender, den ich euch heute vorstellen möchte, von vorne bis hinten der „guten alten Zeit“ und den vielen Gebieten des Deutschen Reiches nach, die uns nicht mehr gehörten.

Das 216 Seiten starke Büchlein beginnt mit Eigenwerbung.

Die hier erwähnte Wandkalender auf Karton, die Beilage, fehlt mir. Aber ich glaube, das ist kein Problem.

Der eigentliche Kalender beinhaltet wichtige Informationen, Sternenkonstellationen, Namenstage, usw. Es gibt eine Spalte für den evangelischen Kalender und eine für den katholischen.

Der Februar folgt.

Dieser Kalender wäre nur ein weiterer Kalender, wären da nicht die benachbarten Seiten. Im folgenden habe ich euch ein Gedicht abfotografiert, das euch einen ersten Eindruck über den Inhalt vermitteln soll.

Der Verfasser, Fritz Kudnig, war ein seinerzeit bekannter Heimatdichter, dessen ostpreußische Gedichte bis in die Fünfzigerjahre mehrmals neu aufgelegt wurden.

Ein paar Seiten weiter wird dem Leser erklärt, wieso Ostpreußen nicht mehr am Deutschen Reich hängt und wer dafür verantwortlich ist.

Bilder aus dem „abgetrennten deutschen Osten“ sollen die gute alte Zeit aufzeigen und uns dazu überreden, sie zurückzusehnen. Hier seht ihr ein Foto aus Deutsch-Eylau, dem heutigen Iława, einer Stadt, die auf eine Gründung des Deutschen Ordens zurückgeht. Ohne die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ wäre dieses Bild durchaus informativ und hübsch anzuschauen. Aus dieser Gegend kam Herr Hindenburg.

Das nächste Bild zeigt uns das Tannenberg-Denkmal. Mehr über die Schlacht bei Allenstein, die auf Wunsch Hindenburgs in Schlacht bei Tannenberg umbenannt wurde, erklärt euch Wikipedia hier.

Die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ zieht sich durch den ganzen Kalender.

Aber es folgen auch wieder wichtigere Informationen für den fleißigen Kalendernutzer. Hier der immerwährende Trächtigkeitskalender der nutzbarsten Haustiere:

Platz, um sich die wichtigsten Nummern zu notieren:

Und eine Liste aller Märkte in Ostpreußen, sowie allen anderen deutschen Provinzen. Diese Liste umfasst allein 32 Seiten.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz:

Ein Überblick über die geringe Besetzung der Arbeitsplätze im Deutschland vor der Machtergreifung Adolf Hitlers und seines „Generalangriffs auf die Arbeitslosigkeit“. Laut dieser Tabelle waren nur ca. einem Drittel der Arbeitsplätze in Deutschland mit Arbeitern besetzt. Inwiefern die Tabelle mit der hohen Arbeitslosenquote der 1920er Jahre zusammenhängt, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine von Hitlers Maßnahmen, um Arbeitslose von den Straßen und – noch wichtiger – aus der Statistik zu bekommen. Nach dem Prinzip „Keine Wohlfahrtsunterstützung ohne Arbeit“ wurde der Bezug von Sozialleistungen an die Arbeit im RAD geknüpft.

Aber auch an die Freunde der Eisenbahn wurde gedacht. Ein Stück der Deutschen Reichsbahn im Wert von 412 Reichsmark gehörte theoretisch jedem Einwohner des Deutschen Reiches:

Natürlich darf auch er nicht fehlen. Damals noch in SA-Uniform schaut er ein wenig ratlos. Undenkbar wäre es ein paar Jahre später gewesen, Hitler erst so weit hinten im Buch durch sein Konterfei zu ehren.

Im Jahr 1934 folgten auf das Foto des GröFaZ noch Astrologische Vorhersagen. Wer mag, kann die Vorhersage bis 1942 ja mal studieren und mit den tatsächlichen Ereignissen vergleichen:

Werbung für Bartschneidewerkzeug mit der Umsonst-Falle und der Hinweis für Frauen, dank der köstlichen Eta-Tragol-Bonbons eine Liebeserklärung nach der anderen zu bekommen. Denn schon nach wenigen Wochen nehmen Sie 10-30 Pfund zu:

Auf der folgenden Seite findet ihr Werbung für Photo Porst. Über den lieben Onkel Porst und seine Gewinne dank Arisierung hatte ich euch bereits im Artikel über das Flunder-Spiel berichtet.

Hier habe ich eine Anzeige für Pantaflavin gefunden. Der Artikel dazu kam schon oder kommt noch. Wenn er da ist, findet ihr ihn hier.

Werbung für „Mein Kampf“, damals noch verhältnismäßig neu und noch neben Waschmaschinen und Gitarren beworben:

Postgebühren 1934:

Und zu guter Letzt billige Bücher im Versand:

Drei kleine Dinge aus der Handtasche


In Handtaschen findet man erstaunlich viele Sachen. Oder eben auch nicht.

In unserem heutigen Artikel geht es um drei kleine Papierbriefchen, die ich sonst nicht zuordnen konnte und die mir für einen eigenen Beitrag zu murkelig erscheinen.

Auf dem ersten Briefchen findet ihr Werbung für Brotbeutel, Feldflaschen, Koppel, Tornister, Leder- und Spielwaren. Daraus lässt sich noch nicht vermuten, was sich drin befindet.

Da ist es bei Nummer zwei in leuchtendem Orange schon einfacher – Jupiter, Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft Berlin. Das klingt nach Streichhölzern. Noch dazu, wo ich euch schon ausführlich darüber informiert hatte, was es mit dem Zündwaren-Monopol in Deutschland und seiner hölzernen Wurzel in Schweden auf sich hat. Ihr erinnert euch nicht mehr? Dann klickt hier.

Unten seht ihr einen blechumrandeten Anhänger der Sparkasse des Kreises Weißensee zu Erfurt. Hierzu musste ich etwas recherchieren, habe aber bei Wikipedia gefunden, dass es sich um einen Vorgänger der Sparkasse Mittelthüringen handelt. Lest hier für die Geschichte.

 

Schauen wir uns die Rückseiten an:

 

Aha, Firma Hintze & Venth aus Erfurt sind die Hersteller der eben erwähnten Leder-, Spiel- und Armeeausrüstungswaren. Und sie haben uns für 5 Pfennig ein Zahnstocherbriefchen verkauft. Hygienisch – staubfrei – abtrennbar. D.R.G.M.

Die Rückseite des Sparkassen-Anhängers listet uns Notfall-Telefonnummern auf. Polizei: 25261, Ueberfall: 01, Feuer: 02, Unfallwache: 21000 oder 27300, Auskunft: 8, Fernamt: 00 (weswegen wir heute noch 00 vor einem Auslandsgespräch vorwählen müssen), Störungsmeldungen: 7, Rundfunkentstörungsstelle: 28041, Nebenstelle: 43, dieselbe Werktags und Sonntags ab 13 Uhr: 27289, Krankenhaus: 25171, Arzt: zum selbsteintragen. Das war ja wirklich kompliziert. Wir können uns glücklich schätzen, heute für Ueberfall, Unfallwache und Polizei die eine Nummer 110 zu haben. Wusstet ihr, das die 1-1-0 in Zeiten des Wählscheibentelefons ausgesucht wurde, weil im Telefonamt die Wählvorrichtung bei der 1 kurz geklackert hat, bei der zweiten 1 ebenso und bei der 0 ganz lang (weil man für die 0 die Wählscheibe bis ganz zum Anschlag drehen musste). Damit konnte das Fräulein vom Amt schon hören, das es ein Notruf war und ihn bevorzugt bearbeiten. Dasselbe gilt übrigens für die amerikanische Notrufnummer 911, nur dass hier zuerst die lange und dann die beiden kurzen Nummern kommen. Interpretiert man die Tonfolgen kurz-kurz-lang (110) bzw. lang-kurz-kurz (911) als Morsezeichen, erhält man in Deutschland ein U wie Unfall und in den USA ein D wie Disaster. Ob es da einen Zusammenhang gibt, weiß ich nicht. Das ist nur von mir geraten.

 

Und da ihr sicher alle gespannt seid, was uns erwartet, wenn die beiden Briefchen aufgeklappt werden, möchte ich euch nicht länger hinhalten. Stattdessen könnte ich euch einen Zahnstocher oder ein Streichholz hinhalten und anbieten.

 

Alle drei Dinge stammen vermutlich aus den 1930er oder 1940er Jahren. Der D.R.G.M.-Vermerk wurde nur bis 1945 benutzt. Die Zündholzadresse in Berlin NW 40 verweist auf eine Adresse in der Nähe des Lehrter Bahnhofs (heute steht dort der Berliner Hauptbahnhof). Diese Unterteilung der Postbezirke Berlins gab es von 1862 bis zur Einführung der Postleitzahlen im Jahr 1962. Die Sparkasse existierte unter diesem Namen bis in die 1950er Jahre.

Wer genauere Details hat, möge einen Kommentar hinterlassen.

ein Brief – 1864


Heute zeige ich euch einen von vielen Briefen, die ich kürzlich in einer Zigarrenkiste gefunden habe.

 

Mit einer Größe von ca. 5 x 8 cm zählt er zu den kleinen, nicht jedoch zu den kleinsten Briefen, die ich aus dieser Zeit besitze. Frankiert wurde er mit einer 3-Kreuzer-Briefmarke aus dem alten deutschen Postbezirk Thurn und Taxis von 1862. Abgeschickt am 12.10.1864 in Oberweissbach im Thüringer Wald mit dem Ziel Arnstadt, kam er dort bereits einen Tag später an.

Was hatten sich die beiden Goldschmiedbrüder zu schreiben? Versuchen wir es zu entziffern:

Böhlen den 11ten Oktober 1864

Lieber Adolph!

Schon lange wollte ich dich fragen ob du Zeit hast Petschaften zu machen, da ich doch Aussichten habe, welche abzusetzen. Darum wollte ich dich ersuchen mir etwas Abdrucke zu schicken; aber die Preiße gleich dazu. Ich habe mir nämlich Muster von einem Stempel abgedruckt, welche Herr Böthner von Herrn Galluba aus Arnstadt zur Probe hat kommen lassen, auch habe ich schon Aussichten, welche abzusetzen, auch wenn du von solchen gegossen Muster könntest bekommen, sollte mir alles sehr liebst sein, die Preiße müßtest du aber aufs

äußerste stellen, dass ich auch noch pro Stück 1 Sgl. (Silbergulden?) Rabatt habe. Du kannst die Preiße gleich um so viel erhöhen. Lieber Adolph, auch muss ich dich noch einmal an die schon besprochenen Ringe erinnern, damit du es nicht wieder vergißt, habe aber die Güte und schicke sie in einem Kästchen. Lieber Adolph, ich habe ein Muster von dem Stempel beigelegt, Habe du die Güte und frage einmal nach den Kosten. Böthner will 3 xx (Gulden?, Kreuzer?) haben, brauchst es aber nicht zu sagen woher es — hier wird es sehr undeutlich —. Vielleicht könntest du mir

die bei mir bestellten Waren besorgen. In der Erwartung meine Aufträge erfüllt zu wissen, zeichnet mit aller Achtung und Ergebenheit dein Bruder Herrmann Tresselt.

Besonders gut gefällt mir das Briefpapier. Seht mal, wie schön die Wasserzeichen durchscheinen, wenn man es gegen das Licht hält.

Reisetagebuch – auf Güterzügen durch die Vereinigten Staaten in den 1920’ern


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Vor ungefähr hundert Jahren hat ein mir leider unbekannter Herr eine Reise angetreten, die ihm wahrscheinlich das größte Abenteuer seines Lebens beschert hat. Fritz Hübner wäre heute sicher vergessen, hätte er nicht einerseits seiner Liebsten – Fräulein Betty Neumann – regelmäßig Ansichtskarten geschickt und zum anderen seine Reise in einer Art Tagebuch dokumentiert. So sieht es aus:

 

 

Entgegen anderer Reisetagebücher hat Herr Hübner allerdings nicht mit Tageseinträgen gearbeitet. Vielmehr hat er anscheinend immer, wenn ein wenig Zeit war, die Erlebnisse der vergangenen Tage aufgeschrieben.

 

 

Die Handschrift ist meist sehr gut lesbar. Ab und zu ist ihm wohl ein wenig Regen auf sein Papier getropft und hat die Tinte verwaschen, aber man kann alles noch lesen. Leider war Fritz schriftstellerisch nicht sehr talentiert. Seine Sätze – oder sollte man besser sagen: sein Satz? – werden wieder und wieder durch ein „und dann“ mit dem nächsten verbunden. Zusätzlich hat er seinen Notizen nach dem „Schreib-wie-du-sprichst“-Stil verfasst. Als Berliner also in schönstem Berlinerisch: „ick“ und „jehen“ und „jut“. Klickt auf die Bilder für eine größere Version und lest mal selbst.

 

 

Ungeachtet des Schreibstils ist die Geschichte toll. Er beschließt, die Wohnung der Eltern zu verlassen, und fährt mit der Eisenbahn nach Hamburg, und heuert dort auf einem Dampfer an und verdient sich seine Überfahrt mit dem Schälen der Kartoffeln für die Passagiere, und in New York angekommen, lässt er sich die Heuer auszahlen, zieht durch die Stadt und beschreibt die Eindrücke von New York aus der Sicht eines Europäers im Jahr 1921.

 

Und dann geht die Reise weiter von der Ost- zur Westküste, und er reist als Hobo durch die USA, indem er auf Güterzüge aufspringt, sich vor Bahnarbeitern verstecken und vor anderen Wanderarbeitern in acht nehmen musste, und ich habe euch diese Stelle hier unten auf Seite 215 aufgeschlagen.

Und einige Zeit verbringt er in San Francisco und wandert von dort weiter, bis er schließlich in Alaska ankommt, und (ab hier sollten alle Mädchen wegschauen und nicht weiterlesen) in Alaska verdiente Fritz sich sein Geld mit der Robbenjagd, sicher ein einträglicher, wenn auch nicht netter Job.

 

Und die ganze Zeit über schreibt er an seine liebe Betty Postkarten, und anstatt eines Punktes geht es immer mit einem „und“ weiter.

 

Und irgendwann war er dann wieder zurück in Berlin und die Freundschaft mit Fräulein Betty blieb bestehen, obwohl sie immer Fräulein geblieben ist und später die Wirtin meiner Tante war, die als junge Studentin in ihrer Wohnung ein Zimmer zur Untermiete bewohnte – 50 Jahre nach der Reise vom alten Fritz, aber noch immer an derselben Adresse: Schumannstraße 1b in Berlin Mitte. Und als ich noch ganz klein war, habe ich Fräulein Neumann auch oft besucht und durfte mit ihrer Schildkröte „Bischolle“ spielen. Falls jemand eine Erklärung hat, woher dieser Name stammen könnte, bitte einen Kommentar hinterlassen.

Irgendwann werde ich dieses Tagebuch einmal transkribieren, in ordentliche Sätze fassen und die Postkarten an den richtigen Stellen einordnen.

Es gibt übrigens noch mindestens zwei weitere Tagebücher. Ob die allerdings von derselben oder von einer anderen Reise stammen, habe ich noch nicht nachgeschaut. Vielleicht schaffe ich es bis zum 100. Jahrestag der Reise.

Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

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