Wie unsere Ureltern lackierten – alte Lacke und Firnisse – 1755


Und wieder stelle ich euch einen meiner alten Lieblinge vor.

 

 

Ein Buch mit dem schönen Titel

Gründliche

Anweisung

zur

Lacquir=Kunst,

worinnen gezeiget,

wie

man nicht nur viele rare Fürnisse,

und die zum Lacquiren nöthige Far=

ben wohl bereiten und gebrau=

chen soll,

sondern auch noch

zu mancherley besondern Künsten

guter Unterricht gegeben wird

von einem

erfahrnen Liebhaber derselben.

Diese Zweyte und vermehrte Auflage erschien in Leipzig und Nordhausen, dort verlegts Johann August Cöler, privilegirter Buchhändler zu Ellrich, 1755

Auf der ersten Innenseite steht noch ein altes Rezept:

  • 3 Loth Sandrac (ich habe Sandrak, Tetraclinis articulata, dessen Harz in der Heilkräuterkunde verwendet wird, gefunden)
  • 2 —- Mastix
  • 3 —- Bleipuder (die Geschichte dazu hinter dem * )
  • 4 —- Schellack
  • 1 1/2 —- Ven. Terpentin
  • 16 —- Weingeist

Und was ich darunter entziffere klingt wie „Dieses wahrscheinlich von Schwager Christian Voigt.“   hmm, wer will sich im Entziffern üben? Einfach auf das Bild klicken.

* Dünne Bleiplatten wurden in ein Gefäß gegeben, das man mit Essig füllte. Das Ganze ließ man drei Wochen lang in einem Bett aus Pferdedünger stehen. Danach wurden die Platten zerschlagen und zu Puder zerstoßen. Anschließend mischte man Wasser darunter und stellte den Brei zum Trocknen in die Sonne. Ganz zum Schluss wurde der Puder parfümiert und – je nach Wunsch – grau oder weiß eingefärbt. Dieser Bleipuder war so gefährlich, dass die Armen, die ihn herstellen mussten, über allerlei Gesundheitsschäden, von Kopfschmerzen bis hin zur Erblindung, klagten. Ebenso schädlich war der Puder für die Haut der Anwender. Der Teint war meist schlaff, gelb und fahl, übersät mit Pusteln und Ekzemen. Keine der zeitgenössischen Schönheiten konnte ihr gutes Aussehen über das 30. Lebensjahr hinaus retten. Doch je schrecklicher die Auswirkungen auf die Haut waren, desto mehr wurde sie korrigiert und übermalt. Im Paris zur Zeit Marie Antoinettes puderten die Damen der Gesellschaft ihre Gesichter so dick weiß, dass sie versteinert wie aus Marmor wirkten. Es sollte sie vom gemeinen Volk abheben. Denn Natürlichkeit wie nackte Haut galt damals als äußerst unfein.

Was immer Schwager Christian da herstellen wollte, dran lecken würde ich nicht wollen.

Weiter im Buch:

Auch auf der nächsten Seite geht es mit einem selbst ausgedachten Rezept weiter:

Aezgrund (Ätzgrund)

  • 3 Loth weißes (dieses Geheimzeichen ist mir noch unbekannt)
  • 2 Loth Mastix
  • 1 Loth Asphalt
  • 1/2 Loth Kolophonium

den Asphalt und Kolophonium und nachher den Mastix –  und irgendwann kommt dann das geheime Sonstwas dazu

Das Rezept für den Deckfirniß aus 2 Theilen Terpentinöl und 1 Theil feingestoßenem Kolophonium ist da schon weniger spektakulär.

In der Vorrede an den GeEhrten Leser gefällt mir das Wort „Tractätgen“. Das klingt für mich irgendwie nach kölscher Mundart. (berichtigt mich)

Auch hier könnt ihr die alte Angewohnheit sehen, ganz unten auf jeder Seite das erste Wort der Folgeseite zu drucken. Ich habe keine Ahnung, wozu das gut sein sollte. Ich denke mir, daß es vielleicht zeigt, wenn eine Seite fehlt. Oder es hilft beim Umblättern, daß man das erste Wort schon liest, währen man blättert und sofort bemerkt, wenn man zwei Seiten auf einmal umgeblättert hat.

Und schon geht es los mit den Grundlagen der Lackherstellung. Nur beste Zutaten, ein ausreichend großes Gefäß und los geht’s.

Ich hoffe, ihr könnt die Schrift alle lesen. Falls nicht, hinterlasst einen Kommentar und ich werde es euch abschreiben.

Das zweite Rezept spricht von Drachenblut. Das hat bedauerlicherweise nichts mit frisch erlegten Drachen zu tun, sondern mit dem Harz dieser Pflanzen: Drachenblut

Zur Maßeinheit unten rechts (zu 2 achtel Pfund Fürniß kan man eine welsche Nuß groß Drachenblut nehmen.) kann ich euch noch mehr nutzloses Wissen liefern. Die welsche Nuß kam aus dem Land der Welschen, wie man als Mitteleuropäer das nächstliegende romanische Volk bezeichnete, also irgendwie aus dem Süden. Aus der welschen Nuß wurde die Welschnuß und schließlich die Walnuß. Das Wort „welsch“ findet sich auch in Worten wie Walachei oder Kauderwelsch und bezeichnet etwas, daß aus dem unverständlichen Teil Europas stammt. Wikipedia hat einen wirklich tollen Artikel dazu.

Weiter geht es mit gelbem und goldenem Firnis:

Gummi gutti ist übrigens Gummigutta. Curcuma sollte als Billigsafran oder Curryfarbstoff bekannt sein.

 

Wieviele Lackschichten soll man auftragen und polieren?

Trippel ist übrigens Kieselgur. Und hier hat der Verfasser nun nach „Bim-Stein“ und „Bimmstein“ die dritte Variante „Bimstein“ verwendet. Auch die verkleinernde Wortendung -gen ist immer dabei.

Interessant ist, daß zum polieren Schachtelhalm verwendet werden soll. Weiß jemand um die Eigenschaften des Unkrauts?

Die hier erwähnte „Mennge“ bezeichnet meiner Meinung nach die „Bleimennige“ oder „Eisenmennige„.

Der Pomeranzen-Apfel ist die Bitterorange, die heute auf der Marmelade in Dosen als Sevilla-Orange bezeichnet wird.

 

Kühnruß ist eine schwarze Farbe, die auf ausgeglühten Materialien basiert. In den Google-Books habe ich viele Verweise zur Verwendung gefunden, aber nichts über die Herstellung. Vielleicht ist es einfach nur eine Rußform.

Der Glanzfirnis klingt schon anspruchsvoller, inklusive Explosionsgefahr.

„Es können damit alle Schildereyen und Gemählde überstrichen werden.“ Wenn man weiß, daß auf holländisch malen schilderen (gesprochen: s-childeren mit ch wie in Bach) heißt, weiß man zwar nicht den Unterschied zwischen Gemählde und Schilderey, aber der Begriff „etwas geschildert haben“ könnte bedeuten, es bildlich zu erklären.

Spicköl, oder Spieköl bezeichnet eine mindere Qualität vom Lavendelöl.

Flasern sind die Adern, die man z.B. im Mamor sieht, helle Streifen im dunklen Gestein oder umgekehrt.

Agtstein = Bernstein

 

Seite 88 kommt mit ganz tollen Gesundheitstipps daher.

Abgesehen davon, daß man die linke Seite dreimal lesen muß, um sie einmal zu verstehen, ist die Heilung vom Friesel hier endlich beschrieben.

Auch die Heilkraft des im März bei Vollmond gefallenen Schnees oder Regenwasser (dann aber nur während Gewitter) ist nun geklärt.

Wie man hingegen unverbrennliche Lichter macht, habe ich nicht verstanden.

Auf Seite 106 wird es alchimistisch.

Antimon, Sulphur, Ammoniak und Weinstein klingt ja noch ganz gut. Allerdings geläuterten Urin eines Menschen, der Wein trinkt in 24 Schritten dazugießen, über dem Feuer trocknen lassen und dann die nächste Kelle voll zufügen – das klingt doch nach ganz großer Kunst. Am Ende kann man aus wenig Silber mehr Silber herstellen, in dem sogar etwas Gold enthalten ist. So so.

Rechts unten dann das Kunststück, aus einer Silbermark, anderthalb Golddukaten zu machen.

Auf der nächsten Seite die Fortsetzung. Wer macht mit?

Alles in allem, ein cooles Buch, oder? Das müsst ihr wirklich mal zugeben. Ich konnte euch leider nur eine kleine Auswahl der schönsten Rezepte zeigen. Aber wer mich besuchen mag und einen Alambic, etwas Arsen, Sulphur und einen Bunsenbrenner mitbringt, kann gern mit mir zusammen Gold und den Stein der Weisen herstellen.

Bis zum nächsten Alchimisten-Buch.

Die Staatsbibliothek Berlin scheint das Buch mal besessen zu haben, es ist wohl im Krieg verloren gegangen. (siehe hier) Dafür hat sie dieses Buch, in dem einige Rezepte wiederzufinden sind.

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Zu der Herolds-Kunst – Wappen-Buch, 1694


Heute wird euch wieder einmal eines meiner Bücher vorgestellt. Diesmal eines der älteren in meiner Bibliothek. Ich versuche, den Text so kurz wie möglich zu halten. Schaut euch die Bilder an (Klickt auf ein Bild und schaut euch die bessere Auflösung an!) und fragt, wenn ihr mehr sehen wollt.

 

Was mir bei alten Büchern besonders gefällt ist die Eigenart, keine kurzen und einprägsamen Titel zu haben, sondern stattdessen eine Kurzbeschreibung des Inhalts als Titel zu verwenden. Der Buchtitel dieses Druckwerks lautet:

Zu der Herolds-Kunst: Auff Eine bequeme und deutliche Art verfasset ; Jn zwey Theilen Die Wapen Der vornehmsten Staaten Als Käyser/ Könige/ Fürsten und Republiquen von gantz Europa Gleichsahm auff einen Anblick darstellend Und In dieser Teutschen Ubersetzung Mit einem Neuen Theil Von der Wapen-Kunst insgemein/ Laut des nohtwendigen Berichtes in der Vorrede/ Vermehret/ von Caspare Bussingio, Prof. Publ.

und erschien 1694 in Hamburg, im Schultzischen Buchladen. Wer war Caspar Bussing? Das könnt ihr hier nachlesen. Meine 1694-er Ausgabe des Buches gibt es zwar nicht in der Staatsbibliothek zu Berlin, die Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle hat aber eins und das sogar in digitaler Form.

 

Das Buch unterteilt sich in mehrere Theile:

Erster Theil. Des Heiligen Römisch=Deutschen Reichs vornehmste Wapen enthaltend.

Die Vorrede des ersten Theils:

 

Eine Erläuterung der Wappen-Zusammensetzung

 

Der Kaiser der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches war das der überaus hübsch anzuschauende Habsburger Leopold I. – direkter Gegner von Ludwig XIV. – dem Sonnenkönig. Er ging in die Geschichte ein als Bekämpfer der Franzosen und der Türken.

 

Der König von Böheim (Böhmen?) als Chur-Fürst

 

Der Chur-Fürst von Mäyntz (Mainz)

 

Der Chur-Fürst zu Trier

 

Der Groß-Meister des Teutschen Ordens.

Wikipedia schreibt im Artikel zum Deutschen Orden: Als wichtigste Aufgabe betrachtete der noch immer vom Adel und dessen Wertvorstellungen geprägte Orden jedoch den kriegerischen Einsatz der Ritterbrüder, die sich seit dem 17. Jahrhundert nach italienischem Vorbild auch Cavaliere nannten. Einer satzungsgemäßen Verteidigung des christlichen Glaubens boten die seit dem 16. Jahrhundert eskalierenden Türkenkriege ein umfangreiches Betätigungsfeld. Trotz finanzieller Notlagen leistete der Orden auf diese Weise erhebliche Beiträge für die – im Sprachgebrauch der Zeit sogenannte – Verteidigung des Abendlandes gegen das Osmanische Reich. Professritter dienten zumeist als Offiziere in Regimentern von katholischen Reichsfürsten und in der kaiserlichen Armee. Insbesondere das kaiserliche Infanterieregiment No. 3 bezog seine Rekruten aus den deutschen Ordensgebieten. Alle tauglichen Ritterbrüder hatten ein sogenanntes exercitium militare abzuleisten. Sie dienten für den Zeitraum von drei Jahren im Offiziersrang in den durch Kriegszüge besonders gefährdeten Grenzfestungen, ehe sie weiterführende Ordensämter übernehmen durften.

 

Der Hertzog von Lotharingen (Lothringen)

 

Zweyter Theil:

Des Bremisch=Verdischen Ritter=Saals / Nach geschehener Eröffnung / Zuerst erscheinender Herren=Sitz / Vorstellend Ihrer K.Maj. zu Schweden / etc. etc. Als Hertzogen zu Bremen und Verden / etc. etc. Vollständiges=Wapen Aller Teutschen Provintzien. Entworffen von Caspare Bussingio, P.P.

 

 

Der Römische Papst. DIesem kombt unter allen Welschen Staaten die erste Stelle würcklich zu / weil die übrigen (auch ein Großtheil ausser Welschland) demselben freywillig nachgeben. Von dem Uhrsprunge des Papst=Thums / sonderlich in der Monarchischen Form / darin es jetzo pranget / ist nicht noht viel zu erwehnen / da in unzehlich grossen und weitläufftigen Wercken solches ausgeführet.

 

Ihre Königl. Hoheit von Savoyen.

 

Der Groß=Hertzog von Hetrurien (Toscana)

 

Die Republiqw Venedig / Genua / Lucka / der Malteser Ritter=Orden.

 

Der Republiqw Venedig völliger Schild.

 

Der König von Groß=Britannien

 

Der Zaar / Käyser oder Groß=Fürst in der Moßkaw

DEr Russen / die nun mehrentheils Moßcowiter von der Haupt=Stadt Moßcaw genandt werden / Uhrsprung wird von dem Ruß hergeleitet / einem Bruder oder doch Reise=Gefehrten des Zechs / der vor der Böheimen und Lechs  / der der Pohlen Ahnherr gehalten wird / wellche zusammen um die Mitte des VI. Jahrhunderts aus Illyrien in diese Gegenden gezogen und neue Fürstenthümer alda auffgerichtet.

 

Die Spanische Niederlande

 

Der zweyte Theil vom Zweyten Theil:

 

Dem Durchlauchtigsten und Großmächtigsten Fürsten und Herren HERREN CARLN dem XI. Der Schweden / Gothen und Wenden Könige / Groß-Fürsten in Finland / Hertzogen zu Schonen / Ehesten / Lieffland / Carelen / Bremen / Verden / Stetin / Pommern / der Cassuben und Wenden / Fürsten zu Rügen / Herren über Ingermanland und Wißmar. Wie auch Pfaltz-Grafen bey Rhein / in Bäyern / zu Gülich / Kleve und Bergen Hertzogen etc. etc. etc. Seinem Allergnädigsten Könige und Herren überreicht Zu Allerunterthänigstem Danck vor alle Zeit seiner Acht-Jährigen DIenste genossene Königliche Hulde / Schutz und Schirm / Diese Von Ihro Königliche Majestet hell-strahlenden Erb=Stamm= und Sieges=Eroberten Wapen Allein beleuchtete und Auff derselben tieff=demüthigste Verehrung eintzig reflectirende Schrifft Dero  Geheiligsten Majestet Aller=unterthänigster Knecht Caspar Bussingius, Nach aller=gnädigster Erlassung von dem Königl. Athenaeo zu Bremen  / anjetzt bey dem Hamburgischen Gymansio Mathem. Prof. Publ.

 

Das andere Capitel. Von den Schwedisch=Teutschen Wapen insonderheit und erstlich Von den Pfältzischen.

 

Das dritte Capitul. Von den Bremisch=Verdischen Wapen.

Das vierdte Capitul. Von den Pommerschen Wapen.

Das fünffte Capitul. Von den Wißmarschen Wapen.

Das sechste Capitul. Von den Helmen / Helm=Decken / Krohnen / Chur= und Fürsten=Hüten / Kleinoden und Schild=Haltern / so zu diesen Schilden gehören..

 

Der Rest des Buches besteht aus Text. Zwar interessant zu lesen, aber nichts für den Blog. Ein, wie ich finde, schönes Buch mit vielen Informationen zur politischen Herrschaftslage vor über 320 Jahren. Und weil es kein neues Buch ist, das alte Dinge berichtet, sondern ein altes Buch, das damals aktuelle Sachen aufgezeichnet hat, macht es für mich aufhebenswert und stellt ein schönes Stück in Moopenheimers Museum dar.

Anna Denga – 1738


Es gibt schon wieder Geld.

Die heutige Münze kommt aus Russland. Sie wurde 1738 unter der Herrschaft der Zarin Anna Ioannowna geprägt. Die gute Dame war selbst am prunksüchtigen russischen Zarenhof als extrem vergnügungssüchtig bekannt.

Das geprägte Wort Denga, денга (noch ohne das Weichheitszeichen ‚ь‘ nach dem ‚н’=n im heute gebrauchten Wort деньга) bezeichnet die Währungseinheit. Die Denga wurde aus dem tatarischen Tengah abgeleitet, der wiederum eine Ableitung des Dirhem ist. Der Dirhem (in Marokko z.B. heute noch Dirham) selbst ist eine Ableitung der griechischen Drachme. Ein schönes Beispiel, wie Münznamen im Lauf der Zeit über Regionen wandern und dabei immer weiter verändert werden. Da ist das Beispiel des Thalers, der dank des sächsischen Dialekts zum Dollar wurde um Jahrhunderte jünger und unspektakulärer.

Zurück zu unserer 278 Jahre alten Münze.

Die Rückseite ziert der russische Doppeladler. Der Wert des Denga wurde später in eine halbe Kopeke umgewandelt. Aber ebenso, wie sich in Deutschland der längst abgeschaffte Groschen (12 Pfennige) oder in Berlin der Sechser (6 Pfennige = halber Groschen) für das 10- bzw. 5-Pfennigstück bis zur Abschaffung der D-Mark gehalten haben, wurde der Plural des Denga, Dengi zum Synonym für Geld. Eine lustige Neben-Information: die noch kleinere Münze Halb-Denga hieß im Volksmund Poluschka. Das ist das russische Wort für „halbes Hasenfell“ und dürfte in etwa die Kaufkraft der Münze ausgedrückt haben. Noch heute bezeichnet man seinen Lohn als Poluschka.

 

Was geschah eigentlich sonst noch im Jahr der Ausgabe der Münze, 1738?

  • Georg Friedrich Händel lebt und arbeitet in London;
  • Die 16-jährige Helena Curtens wird als letzte Hexe am Niederrhein auf dem Scheiterhaufen verbrannt. (die Schweiz und Südpreußen hielten noch weitere 50 Jahre an diesem Brauch fest)
  • Papst Clemens XII. spricht ein Verbot der Freimaurerei aus und ruft zum Handeln gegen diese vermeintlichen „Geheimbünde“ auf. Bis heute ist es Katholiken formell untersagt, sich in die Bruderschaft der Freimaurer aufnehmen zu lassen.
  • Der Astronom Wilhelm Herschel wird geboren.
  • Joseph Süß Oppenheimer wird erhängt und seine Leiche 6 Jahre lang am Galgen in einem Eisenkäfig gelassen. Seine Geschichte wird 200 Jahre später von den Nazis im Film „Jud Süß“ zu Propagandazwecken umgedichtet.

Jost Amman – Der Gommitzer – 1579


Jost Amman (1539-1591) war ein schweizerisch-deutscher Kupferstecher, Zeichner, Maler und mehr, der nach Albrecht Dürer zu den bedeutendsten Künstlern der Zeit gehörte. Wie Dürer lebte er in Nürnberg. Ungefähr 30 Jahre nach dessen Tod, also 1561 zog Amman von Zürich nach Nürnberg, übernahm die Werkstatt seines kurzzeitigen Partners Virgil Solis und brachte einige großartige Werke heraus. Zu seinen bekanntesten Buchillustrationen gehört die 1568 erschienene und mit Versen von Hans Sachs versehene „Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden hoher und nidriger, geistlicher und weltlicher, aller Künsten, Handwerken und Händeln“ – ein Ständebuch, und das 1579 herausgegebene „Insignia Sacrae Caesareae Majestatis“ ein Wappen- und Stammbuch.

Aus einem dieser beiden Bücher stammt unser heutiger Artikel des Tages. Ich vermute, die Seite stammt aus dem 1579-er Wappen- und Stammbuch. Es ist die Beschreibung der Familie Gommizer bzw. Gommitz.

Magni opus est animi, varij res plena pericli, In patria forti sceptra leuare manu: Nempe leonino sit praeditus ille necesse est Robore, cui tantae gloria laudis adest. Succumbet facili tamen baec tibi gloria motu, Sinilceu clauso lumine dißimules. Scilicet imperium feliciter ille ministrat, Qui, cum dißimulat cuncta videre, videt.

Den lateinischen Text gab es in anderen Drucken auch auf Deutsch. Der lautet dann wie folgt:

  • Wer will regirn fürstichtiglich
  • Eins Löwen Hertz
  • doch miltiglich soll haben
  • sich nicht understehen
  • alles zu starcken Bölzen trehen.
  • Soll sehen und doch sehen nicht
  • dadurch bleibt jm ein gutes Gerücht.
  • Solchs zeigt dir an diß Löwen Bildt
  • So halb ist dunckel in meim Schildt.

Ich bin weder mit der Familie Gommitz verwandt noch anderweitig mit ihr verschwippschwägert. Lediglich mit „diß Löwen Bildt“ fühle ich mich dank meines Sternzeichens verbunden. Und das große, miltiglich Hertz habe ich auch. Leider sogar zu groß und zu miltiglich. Irgendwann habe ich diese Seite irgendwo mal zu einem Preis gefunden, der unter den gängigen Ebay-Preisen lag und da hab ich es mitgenommen und mir an die Wand gehängt.

Nachtrag: Das Louvre hat sein Exemplar hier archiviert, nachdem man es vom Baron Edmond de Rothschild erworben hatte.

Briefwechsel dreyer akademischer Freunde


Ich begebe mich immer mal auf die Suche nach Büchern, die vor 1800 erschienen sind und keine kirchlichen Themen haben. Je älter die Bücher sind, desto rarer war der Anlass Belletristik, Schöngeistiges oder jedwedes andere Genre jenseits christlicher Veröffentlichungen herauszugeben.

Ob das daran lag, daß hauptsächlich Kirchendiener zu den Lesern gehörten und die nur theologische Schriften lesen wollten oder durften? Eventuell war auch die Zahl der Lesekundigen außerhalb von Klostermauern und Königshof  in den Jahren bis 1800 weitaus geringer, so daß sich der Druck eines Buches nicht gelohnt hätte.

Wie dem auch sey, meine heutigen beiden Bücher stammen aus den Jahren 1778 und 1779, also gerade mal zwei Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der USA, drey Jahre nach Goethes Urfaust, sind ca. 20 Jahre älter als sein Faust, Beethoven war gerade mal 9 Jahre alt, George Washington würde in 11 Jahren erster Präsident werden und Ludwig XVI war seit vier Jahren König von Frankreich und durfte sich nach Erscheinen des ersten Bandes noch 15 Jahre seines Kopfes erfreuen.

So alt sind die Bücher und kommen ganz ohne Kirchengeschwafel aus.

 

Der Briefwechsel dreyer akademischer Freunde, verfasst von Johann Martin Miller (1750-1814), ist eine zweibändige Sammlung des privaten Briefwechsels zwischen ihm und Sigmund Dörner, Jakob Friedeberg und Dörner, Philipp Schreiber und Dörner, Sabine Molterinn und Dörner, sowie Briefe von Friedrich Heinrich Trautmann an Jakob Friedeberg

 

 

Wer war Johann Martin Miller? Wikipedia klärt uns auf: Johann Martin Miller war ein deutscher Theologe und Schriftsteller. Er wurde 1772 einer der Mitbegründer des Göttinger Hainbundes. Über den Hainbund schloss er Freundschaft mit Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegaaaangen“), Gottfried August Bürger (Schriftsteller der Feldzüge des Freiherrn von Münchhausen und Verfasser mehrerer Freimaurerreden), Ludwig Christoph Heinrich Hölty (Üb‘ immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab), Johann Heinrich Voss (Übersetzer der Ilias und Odyssee) und Friedrich Gottlieb Klopstock („Messias“), den er 1774 von Göttingen nach Hamburg begleitete. 1774/75 studierte er in Leipzig. Millers bekanntestes Gedicht, Die Zufriedenheit („Was frag ich viel nach Geld und Gut, / Wenn ich zufrieden bin“), diente mit Wolfgang Amadeus MozartChristian Gottlob Neefe und dessen Schüler Ludwig van Beethoven gleich mehreren Komponisten als Textvorlage.

 

Aber worum geht es nun in der Briefsammlung? Was soll ich lange drumherumschreibseln, wenn doch auch hier Wikipedia schon eine Antwort parat hält: 1776–77 erschien noch der Briefwechsel dreyer Akademischer Freunde, ein Roman in Briefform, „ein Beispiel für die Verschiedenartigkeit der geistigen Strömungen … im Zeitalter der Aufklärung, wo neben den Verfechtern des uneingeschränkten Gebrauchs der Vernunft und des Verstandes solche standen, die sich für die Entfaltung und Wertschätzung der Gemütskräfte und auch für die Erhaltung der in Dogmen fixierten christlichen Religion einsetzten“

 

Zu den anderen Briefwechsel-Freunden habe ich im Netz nichts gefunden. Es gab einen Georg Friedrich Heinrich Trautmann, der im Königlich-Großbritannisch-Hannoverschen Staats-Kalender von 1821 als Diakonus zum Frankenberge, dann Pastor und schließlich Superintendent zu St. Stephan erwähnt wird. Das könnte zeitlich passen.

 

Wer mag, darf hier noch ein paar Seiten lesen. Wer mehr will, meldet sich.

 

Band 2 (Zwote und letzte Samlung)

Geschrieben in der Ostermesse 1777 – tss, Junge, Du sollt der Predigt des Pfarrers lauschen!

 

Wer alte Bücher mag, wird bestimmt die schönen Vignetten zu schätzen wissen. (für alle anderen: das sind diese kleinen Bildchen oben und unten)

 

Ich habe damals Band 2 in einem Antiquariat gefunden und mich sofort im weltweiten Gewebe auf die Suche nach Band 1 gemacht. Und nach wenigen Monaten hatte ich ihn tatsächlich gefunden. Nun habe ich sie komplett. Die Lektüre war sehr erbaulich. Kein wissenschaftliches Gerede sondern sehr eingängige Briefe mit schöner Tiefe.

Man sollte auch heute viel mehr Briefe schreiben. Wenn ich das mal mache, merke ich, wie ich nach zwei bis drei Seiten in Fahrt komme, die Handschrift hat sich eingepegelt und im Nu sind zehn und mehr Seiten gefüllt.

Wen es interessiert:  Laut der Matrikel der Loge Zum goldenen Zirkel im Geh. Staatsarchiv Berlin-Dahlem wurde Miller am 13. Oktober 1774 in der Loge Zum goldenen Zirkel in Göttingen Freimaurer. Im darauffolgenden Jahr wurde auch der oben erwähnte Gottfried August Bürger in ebendiese Loge aufgenommen.  Er wurde am 11. Dezember 1776 in dieser Loge zum Gesellen befördert. 1775 erhob ihn die Loge Zur goldenen Kugel in Hamburg bei einem Besuch zum Meisarder (was mag das sein?). Er soll lange Zeit Redner der Loge Asträa zu den 3 Ulmen in Ulm gewesen sein (die Loge war 1795-1807 geschlossen).

Matthias Claudius und JohannHeinrich Voss (auch oben erwähnt) waren hingegen Freimaurer-Brüder in der Hamburger Loge „Zu den drei Rosen“, Mozart war Freimaurer zweier Logen in Wien, Neefe in der Loge Karoline zu den drei Pfauen in Neuwied und Logenmeister der Bonner Loge, die auch Beethoven besuchte.

 

Briefsendung mit Rückschein – 24. Februar 1754


Heute gibt es einen Rückschein zu sehen, der dem Überbringer eines Briefes ausgehändigt wurde. Dieser Zettel lag im verschlossenen und versiegelten Brief, den der Empfänger bei Erhalt öffnete und dem Boten zur Übergabe an den Absender überließ.

Der Text ist etwas schwer zu entziffern und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Jahr 1754 oder 1734 lautet. Aber, ob der Brief nun 261 oder 281 Jahre alt ist, ist letztenendes auch egal.

von Damm Auslieferungsbeleg 1754

 

 

Rückbringer dieses, hat ein Schreiben an H. Regierungs Directoris von Heferling  hochwohlgeboren richtig abgeliefert, darüber soll in … …. erfolgen.

Leider kann ich den Teil vor dem Datum nicht entziffern. Irgendetwas mit ….delhaas …atzum den 24ten Fbr 1754.

Wer unterschrieben hat, weiß ich nicht, nur, daß er p.A. Verwalter war.

 

Wer mehr Glück beim Entziffern an den Tag legt, lasse es mich wissen.

Hartmann Schedel – Weltchronik 1493 – Erfurt


In meinem gestrigen Beitrag habe ich mich ver-vermutet. Mein Druck von 1548 ist nicht die älteste Darstellung von Erfurt. Der berühmte Hartmann Schedel hat bereits 50 Jahre eher mit seiner Weltchronik Buchgeschichte geschrieben.

Der komplette Titel lautet übrigens

Hartmann Schedel, Michael Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff: Liber chronicarum, Nuremberga, MCCCCXCIIJ iar

Seine Chronik besticht durch wahnsinnig tolle Graphiken und begleitende Texte in für damalige Zeit umfangreichem Maß. Meine Facsimile-Ausgabe in Originalgröße bringt es auf stattliche knappe 5kg.

 

Glücklicherweise wurde das Buch in seiner Entstehungszeit kein großer Erfolg, so daß wir uns heute über zahlreiche Exemplare der unterschiedlichen Ausgaben freuen können, die damals nicht verkauft wurden. Die Weltchronik erschien nicht nur in Latein, sondern auch in Deutsch.

Das Buch hatte zudem bisher sehr großes Glück, uns seine Entstehung nahezu lückenlos zeigen zu können. Es existiert noch eine Schlußabrechnung aus der hervorgeht, daß der Preis für ein ungebundenes Exemplar bei drei bis dreieinhalb Gulden lag. Für ein gebundenes Buch wurden fünf Gulden verlangt, die kolorierte Ausgabe lag bei acht Gulden.

Auch der handschriftliche Entwurf liegt noch in der Bayrischen Staatsbibliothek. Er zeigt, wie detailliert die lateinische und die deutsche Ausgabe entworfen wurden, bevor sie in den Druck gingen.

 

Das Buch selbst ist sieben Kategorien – die sieben Weltalter – unterteilt. Das damalige Weltbild ging davon aus, daß die Welt ca. 5000 Jahre vor Christi Geburt erschaffen wurde. Legte man einen Schöpfungstag einem Weltalter (1000 Jahre) zugrunde, so begann das sechste Weltalter zum Zeitpunkt der Geburt Jesu. Das harmonierte mit der Schöpfungsgeschichte ganz gut, denn am 6. Tag schuf der HErr ja bekanntlich den Menschen. Somit konnte man ganz prima ausrechnen, daß nur noch ein weiteres Weltalter übrig war (die Jahre 1000 bis 1999) bevor die Welt unterging. (Daß wir heute noch hier sind, verdanken wir vielleicht nicht der Unrichtigkeit der Weltalter-Theorie sondern der Tatsache, daß offenbar in unserer Jahresrechnung etwas geschummelt wurde und wir noch gar nicht bei 1999 angekommen sind. Dazu später einmal mehr.)

Bis auf das erste Weltalter, in dem die Schöpfung beschrieben und bebildert ist, haben die nachfolgenden Teile nicht viel mit den Weltaltern zu tun. (oder es hat sich mir noch nicht erschlossen)

Um den Überblick nicht zu verlieren, wartet die Weltchronik mit einem umfangreichen Inhaltsverzeichnis auf. Alle Personen und Orte sind alphabetisch sortiert aufgelistet.

und so weiter

 

 

Irgendwann auf „Blat CLVI“ kommt dann auch Erfurt im „sechst alter“ an die Reihe

Erffurt die groß unnd gedechtnußwirdig statt ein hawbt Thüringer lannds von den alten Erphesfurt genant hat einen hohen berg den man sant peters nennet. … So het in dem priel bey dem wasserfluss Gera (der yetzo durch die statt und schier neben der halben stat hinfleußt.von dess geprewchlichkeit die gantz statt gerainigt und fast geziert wirdt ein namhafftger wolberümbter mülner sein durchfart.derselb mülner hieß erpff.so was ettwen bey seiner mül ein durchgang oder furt. Und als nw nach der gepurt christi iiijc.und in dem xxxciij.iar zu den zeiten Cloduei des königs zu franckreich dise statt iren anfang gehabt hat do ist sie von des mülners namen und von dem furt Erphesfurt genannt worden.

Dise statt ligt in eim gar guten flur und fruchtpern erdpodem.der tregt ein krawt waydt genant. zu ferbung d. tücher fast dienstlich. Durch des felder fließen die gera und andere wasserflüss die die gegent fruchtperlich befeuchtigen. Darumb ist auch alda ein uberflüßige vihwayd. Dise statt ist nachfolgend nach dem tausendsten unn sechs und sechtzigsten iar mit mawren umbfangen und mit thürnen bewaret worden. Und hat an wonungen, hewßern und höfen der burger.und an gezierden der clöster und kirchen wunderperlich zugenomen.

und so weiter und so fort …

Wer sich den Text gern selbst im Original-Buch durchlesen möchte, schaut hier: die Erfurt-Seite auf lateinisch. Seite 2.

Das deutsche Exemplar der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu Weimar kann hier angeschaut werden. Auf Seite 347 / 348 könnt ihr euch den Rest des Textes durchlesen.

Kleiner Tipp für den unkundigen Leser von mittelalterlichen Texten: ein waagerechter Strich über einem n oder m bedeutet eine Verdoppelung des Buchstabens: aus dan (ich habe leider keinen Überstrich, daher nehme ich hier mal den Durchstrich) wird dann, aus komen wird kommen. Dieser Strich wird auch verwendet, um ein n am Wortende anzuzeigen. mit alle dinge = mit allen dingen

Das w wurde oft als langes u benutzt. nw = nuu (nun), mawren = mauuren (Mauern)

Einzig aus den Jahreszahlen bin ich nicht ganz schlau geworden.

Das Buch liest sich überraschend flüssig, da die verwendete hochdeutsche Sprache sehr eingängig ist. Mit den kleinen Lesetipps von eben kommt man prima zurecht. Bedingt durch seine Abmessungen und das Gewicht ist das Buch allerdings als Lektüre im Öffentlichen Personen-Nahverkehr nur bedingt zu empfehlen.

Erdfurt – die Hauptstadt in Thüringen nach eusserlichem ansehen auffs aller fleissigst Contrafehet


Was schreibt er denn heute schon wieder für einen Unfug?

Nicht ich habe das geschrieben. Ich habe es nur abgeschrieben.

In meinem Wohnzimmer hängt ein Stich meiner Geburtsstadt Erfurt.

Er stammt aus der von Sebastian Münster herausgegebenen „Cosmographia universa“, die irgendwann zwischen 1540 bis 1560, wahrscheinlich 1548 in Basel gedruckt wurde, also gerade mal 100 Jahre, nachdem Johannes Gutenberg den Buchdruck revolutionierte. Es ist die wahrscheinlich älteste gedruckte Darstellung Erfurts. Update: mir fällt gerade ein, daß ich noch einmal nachsehen muß, ob nicht in Schedels Weltchronik noch eine ältere Abbildung – nämlich von 1493 enthalten ist. Mehr hier (falls sich jemand für Mainz interessiert, das ist auf Seite 115 und sieht genauso aus wie Neapel auf Seite 120 und Lyon auf Seite 212)

Update 2: Im Link oben auf Seite 347f haben wir Erfurt – Blatt CLVI (156). DAS scheint dann ein noch 50 Jahre älterer Druck zu sein. Grund genug, morgen einen Artikel dazu vorzubereiten.

Daß Herr Münster offenbar nie in der „auffs aller fleissigst Contrafehet“ Stadt gewesen sein wird, vermute ich, weil Erfurt nie Erdfurt hieß. Erphesfurt (im Jahr 742 zu seiner Gründung) hingegen schon.

Bekanntester Sohn Erfurts ist wahrscheinlich Martin Luther, der hier die Universität besuchte und erfolgreich abschloß. Auf der Wartburg arbeitete er an der Übersetzung der Bibel – gebrauchte allerdings den Tarnnamen Junker Jörg.

Aber noch bekannter als Martin Luther ist jedem Deutsche, der älter als 30 Jahre ist unser Künstler und Hersteller des heutigen Ausstellungsstückes – Sebastian Münster. Woher ihr ihn kennt? Klickt mal hier.

Na, wer hat’s gewußt?

Falls es jemanden interessiert: Ich stamme aus der Gegend zwischen Buchstabe C und D. Das sind die Kirchen St. Martin und St. Veit.

Sammeln gegen Artenvielfalt – Botanisieren


Im 19. Jahrhundert nicht nur bei Kindern beliebt, war der Sport des Botanisierens. Jawohl, es lief unter der Rubrik Sammelsport für Naturfreunde.

Während Kinder vorwiegend mit Netz und Botanisiertrommel auf die Jagd nach Schmetterlingen gingen odeer Käfer einsammelten, erweiterte sich das Sammelgebiet mit zunehmendem Alter auf die Flora. Pflanzenteile wurden abgeknipst, gepresst, getrocknet, aufgeklebt, beschriftet und katalogisiert.

Leider habe ich noch keine schöne Botanisiertrommel in meinem Besitz. Sollte ich je mit dem Gedanken spielen, mir einen Käferschaukasten anzulegen, werde ich um eine Anschaffung nicht herum kommen. Aber ein paar hübsche Bücher habe ich, die mich anleiten werden, sofern ich eine Pflanzensammlung beginnen möchte.

Da wäre zum einen ein Buch von 1882 – Schmidlin’s Anleitung zum Botanisieren und zur Anlegung von Pflanzensammlungen.

 

 

Das Inhaltsverzeichnis verrät uns, was zu erwarten ist. Im Vorwort erläutert uns Dr. Otto Wünsche mit welchen Schwierigkeiten Anfänger in dieser „lieblichen Wissenschaft“ zu kämpfen haben.

 

Für mich sind besonders die Beschreibungen der Pflanzen interessant gewesen. Ich gehe davon aus, daß von den hier beschriebenen Pflanzenarten die meisten die vergangenen 130 Jahre heil überlebt haben. Von dem Standpunkt aus betrachtet, ist es sehr unschön, wenn man bedenkt, wie wenige Pflanzen man bei einem Gang durch die Natur tatsächlich bestimmen könnte. („Das dort vorn ist ein … äh … Baum … glaube ich.“)

Die nächste Seite habe ich euch fotografiert, weil ich mich gewundert habe, wieviele Kräuter und Pflanzen man doch kennt, die – zumindest von mir – unter ihren deutschen Namen eher nicht miteinander assoziiert wurden.

Hättet ihr gewusst, daß Dost nichts anderes ist als Oregano? Oder Quendel ist gleich Thymian. Nicht mal, daß es Lippenblütler sind, hätte ich gewusst.

Im nächsten Foto lernt ihr, worauf man bei der Bestimmung durch Blüten zu achten hat. Hier Schmetterlingsblütler. Auf der linken Seite noch Reste der Klee-Arten, rechts unter Nummer 12 die Beschreibung des Schüchel, den viele als Hornklee kennen. Neu war mir der lateinische Name Lotus (nicht zu verwechseln mit der Lotosblume).

 

 

Als letztes Beispiel aus diesem Buch einige Kreuzblütler. Na, wer kennt welche? Wer kennt überhaupt die Rauke? Kaum jemand, obwohl sie beinahe jeder im Salat hat. Aber „Rauke“ klingt natürlich viel zu gewöhnlich um für eine handvoll Blätter zwei Euro zu bezahlen. Also nehmen wir den im sonnigen Feriengebiet gebräuchlichen italienischen Namen und schon haben wir einen edlen Rucola-Salat.

 

Auf mein zweites Buch bin ich ein wenig stolz, weil ich es auf dem Bücher-Trödelmarkt am Berliner Pergamon-Museum (gegenüber von Frau Merkels Wohnhaus) gefunden und für relativ kleines Geld gekauft habe.

Des Ritters Carl von Linné Pflanzensystem nach seinen Klassen, Ordnungen, Gattungen und Arten mit Erkennungs und Unterscheidungszeichen, 14. Auflage von 1786. Carl von Linné war ein schwedischer Botaniker, der sich die Gruppierung der Pflanzen ausgedacht hat. Seinem Werk hat er den folgenden Spruch vorangestellt: „Opera JEHOVÆ magna! exposita omnibus, qui delectantur illis; gloriosum, & decorum opus Eius!“ Mein Latein ist leider nicht so lebendig. Sollte unter euch ein gebürtiger Latino sein, würde ich mich über eine korrekte Übersetzung freuen. Zusammengestottert komme ich zu: „Jehovas großartiges Werk! Für alle zur Schau gestellt, um zu erfreuen; Herrlichkeit und Zierde sind Sein Werk.“

Der Übersetzer Xaver Joseph Lippert hat sein Werk „Dem Wohlgebohrenen Herrn Herrn (ja zweimal) Nikolaus Joseph Edlen von Jacquin, k.k. Bergrathe, der Chymie und Kräuterkunde ordentlichen Lehrer an der hohen Schule zu Wien, der meisten gelehrten Gesellschaften Mitgliede etc. welcher gegenwärtiges Werk selbst mit den zahlreichen Entdeckungen und Beobachtungen bereichert hat, Als ein Denkmal der verpflichteten Hochachtung“ gewidmet.

 

Aber was steht eigentlich drin, in diesem über 1000 Seiten dicken Buch?

Herr Linné unterteilt die Pflanzen nach dem Aufbau der Blüten. Ein-, zwey, drey- bis vielmännische und ebensolche weibiche Blütenteile. Das bedeutet, man muß erstmal eine Blüte haben um hier weiterzukommen. Je weiter man im Buch vorrückt, desto spannender werden die Klassen-Bezeichnungen. Behandelt Kapitel XVII noch Zweybrüdriche, Fünfmänniche (wo uns natürlich sofort der Ginster , die amerikanische Erdnuß und die Clitorispflanze – so so, wer benennt die eigentlich? – einfällt), geht es in Kapitel XIX um Mitbuhler. Gleiche Vielweyberei. (natürlich die Golddistel, der Wegwart, Beyfuß, Huflattich und die Artischocke) und in Kapitel XX um die Eifersüchtige. Zweymänniche. (Frauenschuh) Fünfmänniche (Passionsblume – die wiederum viele als Maracuja kennen). Die letzten Kapitel beschreiben dann noch XXI. Halbgetrennte, XXII. Ganzgetrennte (Pappel), XXIII. Vielweiberey (Ahorn) und XXIV. Verborgene (Farne)

Hier eine Seite mit Cypergras zu dem auf der vorherigen Seite steht: 66. Cypergras (Cyperus) Die Bälglein spreuförmig und zweyreihig, dachziegelförmig übereinandergelegt, Blumenkrone o. Saamen I. nakend.

Auf der rechten Seite der große Absatz beschreibt das Papyrus-Gras, das vielen als Zimmerpflanze bekannt vorkommen wird: Das Papyrcypergras. papyrus. mit dreyseitigem, nakten Halme, einem längerem Schirme, als die Hüllen sind, dreyblättrichen, borstenförmigen längeren Hüllen und drey Aeherchen. Die Hülle ist 8 blättricht, und kürzer als der Schirm, und die äussersten 4 Blättchen etwas breiter; der allgemeine Schirm fast gleich, sehr zahlreich, mit Strahlen die an ihrer Grundfläche gescheidet sind, die Hüllchen 3 blättricht, borstenförmig aufrechtstehend, und von der Länge der allgemeinen Hülle, die Schirmchen mit 3 sehr kurzen Fruchtstielen. Aehren viele, wechselweisstehend, pfriemenförmig, sitzend. (Es wohnet in Calabrien, Sicilien, Syrien, Egypten.)

 

Zu eurer Erbauung noch ein paar weitere Seiten:

 

Und weil sie mir sie gut gefallen, hier noch eine der zahlreichen Vignetten in diesem Buch. Die Schlußvignette mit einem schönen Obstkorb:

 

In meiner Sammlung befindet sich noch das Herbarium meines Urgroßvaters – eines Apothekers – das er in den Jahren 1899 bis 1901 angelegt hat. Es sieht noch einigermaßen gut aus. Einige Pflanzen sind verschwunden, andere angefressen aber sehr viele sehen noch aus, als wären sie erst gestern gepresst worden. Mehr dazu später. Besagter Urgroßvater  wurde hier bereits erwähnt. Er war der Empfänger des Briefes und der Vater meiner Oma. Und er war der Bruder des hier erwähnten Münchener Kaufmanns.

Dochtschere


Etwas, das heute überhaupt nicht mehr gebraucht wird, ist eine Dochtschere. Wird ein Docht zu lang, beginnt die Kerze zu rußen und der fettige Dreck klebt irgendwann an der Decke und macht unschöne Flecken.

 

Meine Dochtschere ist von 1720 und es hat lange gedauert, sie auf einem Trödelmarkt zu finden. Dafür sieht sie sehr schmuck aus, was sich bedauerlicherweise im Kaufpreis niedergeschlagen hat.

 

Die Idee dahinter ist so einfach wie wirkungsvoll: Jeder, der schon einmal den Docht einer Kerze abgebrochen oder abgeschnitten hat, kennt die Sauerei, die Ruß an Schere, Fingern, Sachen und Tischdecke hinterlässt. Hier kommt die Dochtschere ins Spiel.

Schere auf

 

 

Der Docht wird abgeschnitten und mit der Klappe direkt in den Behälter geschoben. Man kann ihn dann in den Mülleimer schütten ohne ihn berühren zu müssen oder ihn unterwegs fallen zu lassen.

 

(leider ist es mir nicht gelungen, das für euch zu fotografieren, da ich das Handicap habe, nur über zwei Hände zu verfügen)

Übrigens: Die Spitze vorn dran dient dazu, den Docht nach oben zu biegen, falls er sich zu weit ins Innere der Kerze eingerollt hat.

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