Damals wie heute – Meldebescheinigung, 1916


Manchen Staaten ist es egal, wo ihre Bürger sind, andere wollen es ganz genau wissen. In den USA beispielsweise kann jeder Mensch leben wo immer er möchte. Ein Wohnsitz muss nirgends angegeben werden. Das ist der Grund, wieso euch die Polizei bei einer Geschwindigkeitsübertretung auch sofort anhält und abkassiert. Es könnte nämlich sein, dass eine hinterlegte Adresse überhaupt nicht mehr aktuell ist.

Anders ist es in Deutschland. Der deutsche Staat wollte schon immer gern wissen, wo sich seine Einwohner gerade befinden. Daher wurde am 15. Februar 1857 ein Melderegister angelegt.

Jeder Bürger hat sich bei seinem zuständigen Meldeamt anzumelden, seinen Wohnort sowie alle mit ihm/ihr zusammen wohnenden Familienmitglieder anzugeben. Bei einem Umzug muss eine Abmeldung erfolgen. Vorteile eines solchen Melderegisters sind die einfache Zustellung von Wahlunterlagen, aber auch die Planung bei der Zuteilung von Lebensmitteln in Notsituationen. Dazu hatte ich euch hier schon einen langen Artikel zu Lebensmittelmarken geschrieben.

Heute habe ich euch ein Abmelde-Formular von 1916 herausgesucht.

Arthur Tresselt kennt ihr schon aus einem früheren Beitrag. Er wird 9 Jahre später ein Armutszeugnis beantragen. Zu diesem Artikel gelangt ihr hier.

Abmeldung

In dem Hause Nr. 19 Straße Holzmarkt sind am 1. November d. Js. folgende Personen ausgezogen:

Ruf- und Familienname der Abzumeldenden (Bei Ehefrauen, Witwen und separierten Frauen auch der frühere Familienname) – Ist das nicht schön? Darf ich Ihnen meine separierte Frau vorstellen?

Stand oder Gewerbe – hier konnte man offenbar entweder seinen Beruf oder seinen Adelsstand eintragen.

Weiter hinten musste der zukünftige Wohnort angegeben werden: Baumannstraße 12 I, bei Frau Törpe. Entweder war Frau Törpe die Zukünftige, oder es ging ihm tatsächlich so schlecht, dass er mit 44 Jahren zur Untermiete umziehen musste.

In der Anmerkung wird aufgefordert, alle Formulare innerhalb von 3 Tagen im Meldebureau (ja, so hieß das Büro noch vor der Eindeutschung) abzugeben.

Ihr seht: 1857, 1916, 2019 – es hat sich nichts geändert. Vielleicht ist so ein Melderegister ja auch ganz gut.

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Ich komme im Laufe des Herbstes


Jeder freut sich, wenn Besuch kommt. Schön ist es, wenn sich der Besuch vorher ankündigt, damit man noch schnell die Wohnung aufräumen und optisch saubermachen kann. Blöd ist es, wenn die Ankündigung nicht so ganz präzise ist.

Die uns bereits schon aus früheren Artikeln bekannte Firma H. Zwernemann aus Hanau hat irgendwann in den frühen 1920er Jahren diese Postkarte an den uns bereits bekannten Adolf Tresselt geschickt. Sie bieten neben der Brillantbijouterie in einfacher und reicher Ausführung ja auch ein reichhaltiges Lager in Ketten u. Bijouterien in Gold, Doublé, Silber, Tula und Alpacca. Zigarren-Etuis, Taschen, Börsen in Silber und Alpacca sind ebenfalls am Lager.

Und was wollten Sie?

Aha, den Besuch eines Vertreters ankündigen. Und wann kommt er? Im Laufe des Herbstes und Herr Zwernemann hofft, „daß Sie meinem Vertreter einen hübschen Auftrag reservieren werden“.

Diese äußerst ungenaue Besuchsankündigung ist nur vorläufig und „Mein Vertreter wird Ihnen eine nochmalige Besuchsanzeige kurz vor seinem Eintreffen zukommen lassen.“ Damit erscheint mir diese Postkarte relativ unnütz.

Wie dem auch sei, die Zwernemann-Fabrik scheint erfolgreich gewesen zu sein. Details dazu hatte ich euch in dem ersten Artikel herausgesucht. Klickt hier und schaut euch die Villa Zwernemann und die Preise für seine Stücke mal an.

Eine Datierung ist aufgrund der abgeweichten Briefmarke leider nicht möglich. Um die Akkuratesse der Postkarte beizubehalten, würde ich auf 1905-1922 tippen. Jünger kann sie nicht sein, da die Verwendung als Rechenzettel mit Preisen arbeitet, die aus den Anfängen der Inflation 1922 stammen.

Ein sehr eigenartiger Geschäftsbrief von 1908 und eine Haushaltskasse von 1913


Da habe ich aber einen seltsamen Geschäftsbrief zwischen den Seiten eines uralten Kassenbuches meines Urgroßonkels gefunden. Den kann ich euch nicht vorenthalten. Er ist voller Rätsel und ich musste ihn erst dreimal lesen um ihn ein halbes mal zu verstehen. Vielleicht hat von meinen treuen Lesern jemand eine Idee und lässt uns in einem Kommentar klug werden.

Die Württembergische Metallwarenfabrik – abgekürzt übrigens WMF und damit auch dem letzten Leser bekannt – schrieb diesen Brief am 15. Oktober 1908 an den uns schon bekannten Adolf Tresselt.

Die WMF erlaubt sich 10 Mark und 45 Pfennige am 15. November per Postauftrag auf mich zu entnehmen und bittet um geneigten Schutz ihrer Abgabe. Das bedeutet, wenn ich es richtig interpretiere, dass sie die Zustimmung zu einer Art Einzugsermächtigung von mir erbitten.

Sie möchten diese Abgabe acht Tage an sich halten, falls ich direkte Anschaffung vorziehen sollte. Haben die Herrschaften mir eine Sendung auf Probe geschickt, 10 Mark und ein bisschen als Sicherheit von meinem Konto abgebucht und ich habe die Möglichkeit, das Produkt innerhalb einer Woche zurückzusenden, oder zu behalten?

Besonders gut gelungen ist nach meiner Meinung die Grußformel: „Uns bei fernerem Bedarf Ihrem Wohlwollen bestens empfehlend, zeichnen hochachtungsvoll Herr Heim und Herr Breitschwerdt.“ Das möchte ich mal einer Lieferung von Amazon beigelegt finden.

Sparsam, wie Herr Tresselt war, hat er die Rückseite des Briefes fünf Jahre später als Kassenbuch verwendet.

Vom 17. Juli bis Mitte September 1913 wurde jede einzelne Ausgabe und Einnahme akribisch notiert. Vor jeder Ausgabe steht „ab“, vor jeder Einnahme „Zu“ und man kann sich prima die damaligen Preise anschauen:

  • Feuerstein: M 1,30
  • Postkarte: M 0,05
  • Mutter: Butter, Brod: M 0,60
  • Semeln: M 0,05 (hier wieder mit dem Verdopplungsstrich über dem m)
  • Bouillonwürfel: M 0,25
  • Bier: M 0,27
  • Bier, Brief, Rasieren: M 0,49
  • Mitte Juli zur Bank gebracht: M 130,- (zack, war die Haushaltskasse bis auf M 6,82 leer)
  • Zucker u. Eier: M 0,64
  • Herrenhemd: M 0,70 (das kann doch nicht der Preis sein …)
  • Cigarren: M 0,70
  • Toiletten-Schilder: M 4,- (Anfang August)
  • Butter: M 0,32
  • Cacao & Zucker: M 1,44 (2. Spalte, unten)

usw. usf. Dazwischen immer wieder Namen von Personen, die entweder Geld bekommen oder gebracht haben. Ein stetes Geben und Nehmen.

Und alles hat ganz ohne elektrische Hilfsmittel funktioniert.

Erste Hilfe in Fabrikbetrieben – Das Samariterbüchlein, 1915


Wurden in den 1930er Jahren noch zahlreiche Personen beim Überqueren der Fahrbahn von Autos überfahren, so lernte die nächste Generation bereits, auf diese Gefahren zu achten. Noch eine Generation eher passierte Ähnliches beim Betreten von Eisenbahnschienen, ohne auf herannahende Züge zu achten. Heute haben wir Angst, dass uns eine Drohne auf den Kopf fallen könnte.

Der Mensch muss erst lernen, mit Neuerungen umzugehen.

Das Entstehen großer Fabriken zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte nicht nur viele Arbeitsplätze, sondern damit verbunden auch zahlreiche Unglücksfälle durch Unachtsamkeit Leichtsinnigkeit oder aufgrund damals noch nicht geltender Sicherheitsvorkehrungen. Abgerissene Finger waren damals keine Seltenheit, weil die Arbeiter sich nicht der Gefahr bewusst waren, die ein laufender Treibriemen verursachen konnte. Bis dahin hatte man sich versehentlich eingeklemmt und konnte den Schraubstock oder Ähnliches leicht wieder öffnen und den Finger herausziehen.

Das heute vorgestellte Samariterbüchlein soll euch die Anfänge der Ersten Hilfe in Betrieben, Berufsgenossenschaften, Jugendvereinen, Samariter– und Rote-Kreuz-Vereinen sowie Sanitätskolonnen aufzeigen.

Meine Ausgabe ist eine etwas spätere. Wie ihr seht habe ich hier die 70. Auflage vorliegen. Leider wurden diese Heftchen nie datiert, allerdings dürfte diese Auflage zwischen den Jahren 1915 und 1920 erschienen sein. Als Vergleich habe ich den schon vor einem halben Jahr vorgestellten „Samariter“ von 1914 genommen.

Über das Samariterbüchlein urteilen Vereine wie der Deutsche Kolonnenführer, das Rote Kreuz, die Deutsche militärärztliche Zeitschrift oder ein Ministerialrat. Lest selbst auf der linken Seite ihre Meinungen.

Nun wollen wir uns den eigentlichen Inhalt anschauen.

Die zehn Gebote des Samariters.

1. Gebot. Handle so, wie du selbst behandelt zu werden wünschest: was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!

2. “ Sei unverdrossen gleich bei der Hand! Sekunden sind kostbar und können jemand das Leben retten. Zweimal gibt, wer schnell gibt.

3. “ Bewahre in allem Fassung und Ruhe, das beruhigt den Verunglückten und stärkt seine Hoffnung.

4. “ Bei allen deinen Handlungen sei behutsam! Verliere wenig Worte! Reden ist Silber, Schweigen Gold.

5. “ Verhindere, daß mit dem Verunglückten Unzweckmäßiges geschieht. Zerstreue müßige Zuschauer.

6. “ Ordnungssinn und Reinlichkeit sei dem Samariter oberstes Gesetz.

7. “ Vertraue auf dich selbst, so wirst du gute Samariterdienste leisten.

8. “ Sei gewissenhaft in allem, was du tust, schaffe stets nur ganze, nie halbe Arbeit; denn nur Erstere gewährt dem Verunglückten das Gefühl der Sicherheit und stärkt sein Vertrauen.

9. “ Den Anordnungen des Arztes sei gefügig, alles Auffallende notiere und melde dem Arzt, wolle es nicht besser wissen als dieser.

10. “ Spiele niemals den Arzt, sondern sei nur dessen Stellvertreter in der Not so lange, bis er zur Stelle ist.

So sieht’s aus. Damals wie heute gute Ratschläge.

Nicht weniger nützlich ist der dargestellte Blutkreislauf auf der gegenüberliegenden Seite.

Auf der nächsten Seite stehen uns zwei Varianten der künstlichen Beatmung zur Verfügung. Ich bin mir nicht sicher wie die Methode nach Howard funktionieren soll, Werde es aber auf Seite 18 und 19 im Text nachschlagen. Ohnmächtige Personen hießen damals Scheintote.

Erneut werden uns mehrfarbige Illustrationen aufgezeigt. In diesem Fall wurde uns in fröhlichem Rot die Blutung der jeweiligen Körperteile aufgemalt.

Es folgt der dazugehörige Text:

Schaut euch auf dem folgenden Bild einmal den Aufbau dieses Büchleins an. Die Seiten werden nach innen hin immer kleiner. Der dadurch überstehenden Rand der Folgeseite beziehungsweise der vorherigen Seite dient als Register. Schlägt man das Buch in der Mitte auf, kann man am oberen Rand nach der vorliegenden Verletzung beziehungsweise der benötigten Behandlungsmethode suchen. Anschließend tippt man mit dem Finger auf das Schlagwort und die dazugehörige Seite klappt auf.

Es folgen einige nützliche Hinweise zu Vergiftungen, die wir alle schon häufig angetroffen haben: Gruben-, Kanal- und Kloakengifte

Mein Vorbesitzer hat auf der folgenden Seite den Schlaganfall markiert. Wahrscheinlich war dieser Unglücksfall auch damals schon eine der am weitesten verbreiteten Gründe für Sanitätereinsätze.

Verbandarten – hier überraschenderweise auch einmal mit weiblichen Patienten.

Einige Transportmöglichkeiten – nicht so zahlreich, wie im Buch „Der Samariter„, aber immerhin.

Ihr seht, wir nähern uns dem Ende dieses hübschen kleinen Ratgebers. Die Rückseite ziert eine Werbung für „Kosmoplast“, dem idealen Wund-Schnellverband der Firma Hartmann. Bestimmt habt ihr von dieser Firma mindestens ein Produkt in eurem Haushalt. Neben Pflastern wird von der Hartmann Gruppe nämlich auch der Kneipp Badezusatz hergestellt. Wikipedia weiß alles.

ADAC Wochenendfahrt durch Thüringen – 1929


Die meisten Autofahrer in Deutschland sind Mitglied in einem der beiden großen Automobilclubs. Der ADAC ist dabei Spitzenreiter und jeder kennt die gelben Autos und Hubschrauber.

Der ADAC wurde bereits 1903 als Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung gegründet. Aufgrund steigender Autofahrerzahlen, beschloss man schon 8 Jahre später, im Jahr 1911, sich in Allgemeiner Deutscher Automobil-Club umzubenennen. Mit einem kurzen Zwischenspiel als Der Deutsche Automobil-Club (DDAC) während der Zeit des Dritten Reiches und als Konkurrenz zum Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), sammelte der ADAC Mitglieder, die sich heute auf nahezu 21 Millionen Kraftfahrer beläuft. Während mein Großvater Mitglied des ADAC war, war mein Großonkel im NSKK. Dazu ein anderes Mal mehr.

Damals wie heute veranstaltet der ADAC Ausfahrten. Kraftfahrer treffen sich mit ihren – meist gut gepflegten und schön zurecht gemachten – Fahrzeugen, um eine gemeinsame Route zu fahren. Damals wie heute sind dabei noch immer die gleichen Autos unterwegs.

Die Autos meiner Großeltern wollte ich euch schon länger vorstellen. Es wird Zeit, das nachzuholen. An einem von ihnen war das heutige Relikt angebracht.

Ziemlich groß und ganz schön schwer kommt es daher. Die Aufschrift lautet:

AUTOMOBILCLUB „MITTELTHÜRINGEN“ KÖNIGSEE/THÜRINGEN

15.-16. VI 1929

A.D.A.C. WOCHENENDFAHRT NACH SCHWARZBURG

 

Ich würde die Plakette gern an meinen Kühlergrill anbringen. Allein, mein Auto hat keinen, der groß genug wäre. Außerdem würde man sie mir bestimmt klauen. Also liegt sie in einer Kiste, ungeputzt und ungenutzt.

Saccharin als Zuckerersatz


Schon 1878, also acht Jahre vor Erfindung der ersten Coca-Cola wurde durch Zufall ein Zuckerersatzstoff entdeckt – das Saccharin. Laut Wikipedia 300- bis 700-mal süßer als Zucker und damit viel ergiebiger, wurde es von der Industrie mit offenen Armen empfangen.

So verbreitet bei der Lebensmittelherstellung, wie es heute, in Zeiten überhöhter Zuckeraufnahme Verwendung findet, war es damals nicht. Es eignete sich jedoch hervorragend für Diabetiker, da Saccharin verträglicher war.

Wer es für den heimischen Gebrauch nutzen wollte, konnte Saccharin beispielsweise als Kristall-Süßstoff in kleinen Tütchen kaufen.  

Eineinviertel Gramm Saccharin entsprachen hier 550 Gramm Zucker. Das ist schon eine ganze Menge.

 

Was es mit einer H-Packung auf sich hat, konnte ich noch nicht herausfinden. Es gab Saccharin auch als Süßstoff-Tabletten. Bei denen stand auf der Vorderseite ein großes G. Wer mehr darüber weiß, schreibe einen Kommentar. Update: Ein großes Danke an meinen treuen Leser emcsegler! Er hat herausgefunden, dass Pakete mit dem Aufdruck G für die Zubereitung von Getränken bestimmt waren, das H hingegen angezeigt hat, dass der Inhalt zum Kochen geeignet ist. Wieso? Den Tabletten – in G-Verpackung – war Natron beigemischt, das beim Mitkochen den Geschmack der Speise nachteilig beeinträchtigen kann. Das Pulver in den H-Tütchen enthielt kein Natron. Danke!

Interessant ist die Aufschrift „Genehmigte Inlandspackung“. Hierzu habe ich einiges gefunden. So konnten offenbar einige Produkte nur mit staatlicher Erlaubnis und nur für eine begrenzte Dauer in Verkehr gebracht werden. Seht mal hier (ich hoffe, der Link hält noch eine Weile). Die Genehmigung, eine Süßstoffpackung als Würzmittel in Verkehr zu bringen, musste vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Volkswohlfahrt und Gesundheitswesen erteilt werden.

Eine genaue Datierung des Tütchens ist mir noch nicht gelungen. Es gab diese Aufschrift in den 1920er Jahren, aber auch in den 1930ern. Der Schrift nach würde ich eher in die 1930er tendieren.

 

Wandertagebuch – Juli/August 1921


In der kleinen Reihe handgeschriebener Bücher stelle ich euch heute ein Reisetagebuch vor, das die – meinen treuen Besuchern bereits bekannte – Tante Toni während ihrer Wanderung durch Tirol führte.

Den Buchdeckel ziert ein geprägtes Bild. Ich interpretiere es als das Wappen von Tirol: Adler und Eichenlaub. Der Adler hält noch ein kleines Wappen mit Eichblatt und Eichel. Auf dem Wappen sitzt ein Soldatenhut.


 

Wanderung von Kufstein bis Innsbruck vom 21. Juli bis 4. August 1921

Wenn Einer eine Reise tut, dann soll er was erzählen, so wünscht’s die Alpine Vereinigung und es ist auch moralische Pflicht der Glücklichen, die sich Gottes schöne Welt ansehen konnten, Andere ebenfalls an dem Genuß der Schönheiten, an denen sie selbst sich begeistert haben, teilhaben zu lassen.

Ob man freilich etwas erzählen kann, das erzählenswert ist und das Interesse der Zuhörer wach erfüllt, das ist eine andere Sache. Wenn man aber den Ausspruch beherzigt: Laß nur auf dich was rechten Eindruck machen, so wirst du schon den rechten Ausdruck finden, dann wird die Sache schon gehen. Geht man nicht mit ganz abgestumpften Sinnesorganen seines Weges, dann nimmt man ja bei jedem Schritt neue Eindrücke in sich auf, die nicht so schnell wieder verblassen

 

und daheim mit Hilfe des Erinnerungsvermögens sowie der mitgebrachten Ansichtskarten noch einmal recht lebendig werden und mit diesen beiden Hilfsmitteln ich nun versuchen, einen Bericht von unserer diesjährigen Sommerreise, die von Anfang bis zum Ende von dem herrlichsten Hochsommerwetter begünstigt war und über alles Erwarten wunschgemäß verlief, zu geben.

Wenig angenehme Erfahrungen, die auf unseren Reisen in die oberbayerischen Alpen 1918 und 1920 den freudigen Genuß am Wandern stark beeinträchtigt hatten, ließen uns diesmal vorsichtiger sein. Zunächst versuchten wir es mit der Benutzung des Nachtschnellzuges Berlin-München von Jena aus, da wir diesen in Saalfeld stets überfüllt angetroffen und niemals das Glück hatten, einen Sitzplatz zu erwischen und richtig, wir brauchten nicht lange zu suchen sondern fanden bald ein Abteil mit noch 2 Sitzplätzen und im übrigen sehr angenehmen Reisegenossen – in diesem

Falle Schlafkameradinnen, denn jeder versuchte es wenigstens mit der Möglichkeit zu schlafen. In Augsburg stiegen die meisten der Damen um und wir entfalteten nun eine lebhafte Tätigkeit, da diese mit den üblichen unzähligen Handgepäckstücken durch die engen, verrsperrten Gänge nicht zum Ausgang gelangen konnten, indem wir den Damen über ein Dutzend Handkoffer und Taschen, Hutschachteln, Plaidhüllen u.s.w. zum Fenster hinaus bugsirten, hübsch in der Reihenfolge wie sie ausgestiegen waren.

Der Apparat funktionierte tadellos, wie von den Empfängerinnen dankerfüllten Herzens anerkannt wurde. In München trafen wir 9.30 mit ein 1/2stündiger Verspätung ein, diesmal bei herrlichsten Sonnenschein, was wir hier selten erlebt hatten.

Unser erster Gang war nach dem oesterreichischen Consulat, um unsere Pässe visiren zu lassen. Das war eine recht umständliche zeitraubende Sache. Ein Andrang

wie in den schlimmsten Tagen der Hungerjahre bei der Kohlrüben- oder Kartoffelausgabe, nur der Gesichtsausdruck der sich Drängenden war ein anderer.

Die Reisebeschreibung fährt nun mit dem Besuch des Consulats fort. Die Pässe werden abgegeben, und bis 1 Uhr musste gewartet werden, ehe sie wieder ausgehändigt wurden. Tante Toni und ihre Reisegefährtin verbrachten die Zeit bei einem deftigen Mittagessen im Restaurant August(in)er.

Mit den Pässen zurück zum Bahnhof und ab nach Kufstein. Tante Toni schreibt über die herrliche Aussicht vom Zug aus auf den Pendling, einen Berg, der bis vor kurzem noch unbezwinglich war, den nun aber das Kufsteiner Haus krönt. (hier ist die Webseite dazu: pendlinghaus.at)

Bei einbrechender Dunkelheit kamen wir in Kufstein an, passirten ohne Zwischenfall die Zollrevision, mit gutem Gewissen konnten wir die Frage des Beamten beantworten, ob wir mehr als 3000 DM Gold bei uns führten; in Bezug auf Cigarren war das Gewissen nicht ganz so rein, in meiner Jacke eingeschnallt steckte ein Kistchen des kostbaren Krautes in etwas mehr als erlaubter Menge; Ich schmuggelte sie aber glücklich über die Grenze; die Beamten verlangten von uns Touristen keine hochnotpeinliche Untersuchung.

Interessant ist, wie unvorbereitet man damals an einem Urlaubsort erscheinen und um Unterkunft ersuchen konnte:

Nach einigen vergeblichen Fragen nach Nachtquartier bot uns der Hausdiener von den „Drei Königen“ solches an und wir bekamen ein nettes Zimmer. Als uns dann im Gastzimmer die erste Speisekarte vor Augen kam wurden diese groß und immer größer angesichts der Preise für die verschiedenen Speisen und Getränke und wir sagten uns in banger Ahnung, daß der beim Geldwechsel in München uns überschüttende und unversieglich erscheinende Kronensegen bei diesen Preisen bald erschöpft sein würde: 1 Glas Bier 11 Kr., 1 Suppe 15 Kr., 1 Goulasch 80 Kr., 1 Port. Kartoffeln 15 Kr., 1/4l Wein 45 Kr. Wir mußten uns erst an diese hochklingenden Preise gewöhnen und sie in deutsche Mark übersetzen um dahinter zu kommen, daß sie so gar niedrig waren.

nebenbei: Der Umrechnungskurs betrug im Juli 1921  100 Kronen = 12 Mark, die Portion Goulasch kostete also M 9,60, das Viertel Wein M 5,40. Nur unwesentlich später, also ab Oktober 1921 setzte die Inflation ein. (Link) Der Wert der Mark verlor im Vergleich Goldmark-Papiermark vom Januar 1921 (Wert:1GM=30PM), über Oktober 1921 (100), Januar 1922 (200), Oktober 1922 (1000), Januar 1923 (10.000) usw. Tante Toni hatte also das Glück, ihr Geld bei dieser Reise noch gut ausgeben zu können.

Zwei Tage hielten wir uns in Kufstein auf; am 1 Tag, Donnerstag d. 21. Juli unternahmen wir die erste kleine Übungstour nach dem Brentenjoch 1262m. (Link hier) wir machten im Alpengasthof Vorderdux Kaffeerast und gingen dann weiter über Hinterdux bis zur Höhe des Brentenjoch, wo wir die ersten Alpenrosen pflückten und uns mitten in den süß duftenden Wiesenblumen liegend einige Stunden von der Höhensonne bestrahlen ließen, was wir hier vollständig kostenlos haben konnten.

Zurück ins Tal, gut zu Abend gegessen und den Ausflug für morgen geplant – Besteigung des Pendling. Tante Toni beschreibt ihre Wanderungen, ihre Eindrücke, die Aussicht, das Panorama und nicht zuletzt die Unterkünfte auf ihrer Reise. Mal starten Sie aus ihrer Unterkunft zu Tagestouren auf umliegenden Berge und kehren abends wieder zurück. Ein andermal wandern sie mitsamt ihrem Gepäck auf einen Berg und übernachten in einer Hütte. Lest hier:

Wir vergaßen alle Mühsal, als wir das Haus erreicht hatten und erst mal eine kurze Umschau hielten, ehe wir uns die sehr nötige Stärkung und Ruhe gönnten. Unsere erste Frage galt der Unterkunft, denn Sonnabend und Sonntag herrscht Hochbetrieb im Stripsenjoch-Haus, da wallfahrten die Kletterer und solche die es werden wollen aus der näheren und weiteren Umgebung nach dieser Höhe, um von da aus Klettertouren nach dem Totenkirchl (Link hier) zu unternehmen. Für uns ein sehr interessanter Fall, wenn so auch die Schuld trug, daß wir uns mit einem sehr primitiven Matratzenlager begnügen mußten. Nachdem wir uns dieses gesichert hatten, nahmen wir den Nachmittagskaffee in der Glasveranda rein, von der aus man einen herrlichen Ausblick nach dem Totenkirchl, Priestertuhl und hinab zur Griesener Alm genießt.

Eine junge Dame hörten wir erzählen, dass ihre Schwester mit einer zweiten Dame unter Führung eines Herren ihre erste Kletterpartie machten, sie gaben sich Zeichen hinüber und herüber, mit einem Male wurde die Befürchtung laut, daß die drei sich verstiegen haben müßten. Dasselbe Schicksal hatten auch 2 Herren, die wir von einem ganz nahe beim Totenkirchl ragenden Felsgipfel beobachtet hatten, andere junge Leute denen die richtigen Wege bekannt waren, riefen Ihnen zu, wie Sie aus dem so genannten „rosigen Kamin“, von dem aus sie keinen Abstieg finden konnten, in den Führerkamin gelangen konnten. Wir folgten dann ihrem Rückzug ganz gut mit Hilfe des Fernglases und sahen sie unversehrt nach längerer Zeit zurückkommen.

Drei aber fanden an dem Abend den Rückweg nicht mehr; ein einsames Lichtlein hoch oben in einer Felsspalte kündete, daß sie dort Nachtquartier wohl in nicht gerade beneidenswerter Lage bezogen hatten.

Noch spät am Abend, als wir schon längst unser Lager aufgesucht hatten, hörten wir das Jodeln der Wirtin und die antwortenden Stimmen vom Totenkirchl, was mich mit Gruseln erfüllte und mir mein sehr wenig einladendes Matratzenlager als eine herrliche Einrichtung erscheinen ließ.

 

Das Reisetagebuch umfasst 39 Seiten mit Berichten, wie diesen. Am besten gefallen mir die Hintergrundinformationen. Preise, die zeigen, was seinerzeit wofür bezahlt werden musste und Gepflogenheiten bei Urlaubsreisen. Wer kann sich heute noch vorstellen, mit dem Zug an sein Urlaubsziel zu reisen, ohne sich vorher Gedanken über die Unterkunft gemacht zu haben? Oder welche Dame wird heute mit einem Herrn eine Felswand besteigen, ohne ausreichend ortskundige Führer dabei zu haben, um nicht in einer Felsspalte übernachten zu müssen. Heute würde wahrscheinlich der Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen.

Die so mühsam erkämpfte Höhe wollten wir nicht nach kurzer Zeit schon verlassen und benutzten die Rast zu einer Stärkung. Unser Wandergenosse spendirte mir Chocolade zur Belohnung für die beim Aufstieg bewiesene Tapferkeit. In ebensolchen Geröll wie bergauf ging’s auf der anderen Seite wieder bergab aber weniger steil bis zur Epp-Lisl-Alm, wo wir mit prachtvoller Buttermilch gelabt wurden. Dann ging’s immer noch weiter zu Tal am wild rauschenden Gebirgsbach entlang, bis das Tal sich weitet und das freundliche Scharnitz uns Wanderer aufnahm. Beim Neuwirt fanden wir gute und preiswerte Unterkunft, vorzügliches Abendbrot. Schweinebraten 90 Kr., Rindfleisch 50 Kr., Salat 10 Kr., dazu 1/2 Special 70 Kr., alles ausgezeichnet und zu empfehlen. Da leider die schönen Urlaubstage zu Ende gingen, konnten wir diesen sehr gemütlichen Aufenthaltsort nicht länger genießen und fuhren schon am nächsten Morgen, Donnerstag d. 4. Aug. über Garmisch und München ohne weiteren Aufenthalt der Heimat zu, beglückt und zufrieden und reich an schönen Erinnerungen, an denen wir in späteren Jahren, wenn die Kräfte zum Wandern nicht mehr reichen, zehren wollen. Vorläufig aber hoffen wir noch: Auf Wiedersehen du herrliche Bergwelt!

 

Weiter gewandert wurde zumindest in diesem Tagebuch nicht mehr. Ab der nächsten Seite wurde es stattdessen als Haus-Konto Buch für die Jahre 1944-1948 benutzt. In den letzten Kriegsjahren und in den Folgejahren wurden im Haus ausgebombte Familien einquartiert.

Mieteinnahmen links, Rattenbekämpfung und Müllabfuhr rechts.

  1. April – der Russe bekommt für 5 Stunden Gartenarbeit 2 Reichsmark.

 

 

  1. & 2. Dezember – Licht und Heizung im Luftschutzraum (jeder -,70) u. Müllabfuhr (jeder 1,30)

  2. Februar 1945 – Kellerlicht und Heizung für Laufer und Sending (2,50)

 

Und über das Kriegsende hinweg geht es weiter, als wäre nichts geschehen:

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