Drei kleine Dinge aus der Handtasche


In Handtaschen findet man erstaunlich viele Sachen. Oder eben auch nicht.

In unserem heutigen Artikel geht es um drei kleine Papierbriefchen, die ich sonst nicht zuordnen konnte und die mir für einen eigenen Beitrag zu murkelig erscheinen.

Auf dem ersten Briefchen findet ihr Werbung für Brotbeutel, Feldflaschen, Koppel, Tornister, Leder- und Spielwaren. Daraus lässt sich noch nicht vermuten, was sich drin befindet.

Da ist es bei Nummer zwei in leuchtendem Orange schon einfacher – Jupiter, Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft Berlin. Das klingt nach Streichhölzern. Noch dazu, wo ich euch schon ausführlich darüber informiert hatte, was es mit dem Zündwaren-Monopol in Deutschland und seiner hölzernen Wurzel in Schweden auf sich hat. Ihr erinnert euch nicht mehr? Dann klickt hier.

Unten seht ihr einen blechumrandeten Anhänger der Sparkasse des Kreises Weißensee zu Erfurt. Hierzu musste ich etwas recherchieren, habe aber bei Wikipedia gefunden, dass es sich um einen Vorgänger der Sparkasse Mittelthüringen handelt. Lest hier für die Geschichte.

 

Schauen wir uns die Rückseiten an:

 

Aha, Firma Hintze & Venth aus Erfurt sind die Hersteller der eben erwähnten Leder-, Spiel- und Armeeausrüstungswaren. Und sie haben uns für 5 Pfennig ein Zahnstocherbriefchen verkauft. Hygienisch – staubfrei – abtrennbar. D.R.G.M.

Die Rückseite des Sparkassen-Anhängers listet uns Notfall-Telefonnummern auf. Polizei: 25261, Ueberfall: 01, Feuer: 02, Unfallwache: 21000 oder 27300, Auskunft: 8, Fernamt: 00 (weswegen wir heute noch 00 vor einem Auslandsgespräch vorwählen müssen), Störungsmeldungen: 7, Rundfunkentstörungsstelle: 28041, Nebenstelle: 43, dieselbe Werktags und Sonntags ab 13 Uhr: 27289, Krankenhaus: 25171, Arzt: zum selbsteintragen. Das war ja wirklich kompliziert. Wir können uns glücklich schätzen, heute für Ueberfall, Unfallwache und Polizei die eine Nummer 110 zu haben. Wusstet ihr, das die 1-1-0 in Zeiten des Wählscheibentelefons ausgesucht wurde, weil im Telefonamt die Wählvorrichtung bei der 1 kurz geklackert hat, bei der zweiten 1 ebenso und bei der 0 ganz lang (weil man für die 0 die Wählscheibe bis ganz zum Anschlag drehen musste). Damit konnte das Fräulein vom Amt schon hören, das es ein Notruf war und ihn bevorzugt bearbeiten. Dasselbe gilt übrigens für die amerikanische Notrufnummer 911, nur dass hier zuerst die lange und dann die beiden kurzen Nummern kommen. Interpretiert man die Tonfolgen kurz-kurz-lang (110) bzw. lang-kurz-kurz (911) als Morsezeichen, erhält man in Deutschland ein U wie Unfall und in den USA ein D wie Disaster. Ob es da einen Zusammenhang gibt, weiß ich nicht. Das ist nur von mir geraten.

 

Und da ihr sicher alle gespannt seid, was uns erwartet, wenn die beiden Briefchen aufgeklappt werden, möchte ich euch nicht länger hinhalten. Stattdessen könnte ich euch einen Zahnstocher oder ein Streichholz hinhalten und anbieten.

 

Alle drei Dinge stammen vermutlich aus den 1930er oder 1940er Jahren. Der D.R.G.M.-Vermerk wurde nur bis 1945 benutzt. Die Zündholzadresse in Berlin NW 40 verweist auf eine Adresse in der Nähe des Lehrter Bahnhofs (heute steht dort der Berliner Hauptbahnhof). Diese Unterteilung der Postbezirke Berlins gab es von 1862 bis zur Einführung der Postleitzahlen im Jahr 1962. Die Sparkasse existierte unter diesem Namen bis in die 1950er Jahre.

Wer genauere Details hat, möge einen Kommentar hinterlassen.

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Wandertagebuch – Juli/August 1921


In der kleinen Reihe handgeschriebener Bücher stelle ich euch heute ein Reisetagebuch vor, das die – meinen treuen Besuchern bereits bekannte – Tante Toni während ihrer Wanderung durch Tirol führte.

Den Buchdeckel ziert ein geprägtes Bild. Ich interpretiere es als das Wappen von Tirol: Adler und Eichenlaub. Der Adler hält noch ein kleines Wappen mit Eichblatt und Eichel. Auf dem Wappen sitzt ein Soldatenhut.


 

Wanderung von Kufstein bis Innsbruck vom 21. Juli bis 4. August 1921

Wenn Einer eine Reise tut, dann soll er was erzählen, so wünscht’s die Alpine Vereinigung und es ist auch moralische Pflicht der Glücklichen, die sich Gottes schöne Welt ansehen konnten, Andere ebenfalls an dem Genuß der Schönheiten, an denen sie selbst sich begeistert haben, teilhaben zu lassen.

Ob man freilich etwas erzählen kann, das erzählenswert ist und das Interesse der Zuhörer wach erfüllt, das ist eine andere Sache. Wenn man aber den Ausspruch beherzigt: Laß nur auf dich was rechten Eindruck machen, so wirst du schon den rechten Ausdruck finden, dann wird die Sache schon gehen. Geht man nicht mit ganz abgestumpften Sinnesorganen seines Weges, dann nimmt man ja bei jedem Schritt neue Eindrücke in sich auf, die nicht so schnell wieder verblassen

 

und daheim mit Hilfe des Erinnerungsvermögens sowie der mitgebrachten Ansichtskarten noch einmal recht lebendig werden und mit diesen beiden Hilfsmitteln ich nun versuchen, einen Bericht von unserer diesjährigen Sommerreise, die von Anfang bis zum Ende von dem herrlichsten Hochsommerwetter begünstigt war und über alles Erwarten wunschgemäß verlief, zu geben.

Wenig angenehme Erfahrungen, die auf unseren Reisen in die oberbayerischen Alpen 1918 und 1920 den freudigen Genuß am Wandern stark beeinträchtigt hatten, ließen uns diesmal vorsichtiger sein. Zunächst versuchten wir es mit der Benutzung des Nachtschnellzuges Berlin-München von Jena aus, da wir diesen in Saalfeld stets überfüllt angetroffen und niemals das Glück hatten, einen Sitzplatz zu erwischen und richtig, wir brauchten nicht lange zu suchen sondern fanden bald ein Abteil mit noch 2 Sitzplätzen und im übrigen sehr angenehmen Reisegenossen – in diesem

Falle Schlafkameradinnen, denn jeder versuchte es wenigstens mit der Möglichkeit zu schlafen. In Augsburg stiegen die meisten der Damen um und wir entfalteten nun eine lebhafte Tätigkeit, da diese mit den üblichen unzähligen Handgepäckstücken durch die engen, verrsperrten Gänge nicht zum Ausgang gelangen konnten, indem wir den Damen über ein Dutzend Handkoffer und Taschen, Hutschachteln, Plaidhüllen u.s.w. zum Fenster hinaus bugsirten, hübsch in der Reihenfolge wie sie ausgestiegen waren.

Der Apparat funktionierte tadellos, wie von den Empfängerinnen dankerfüllten Herzens anerkannt wurde. In München trafen wir 9.30 mit ein 1/2stündiger Verspätung ein, diesmal bei herrlichsten Sonnenschein, was wir hier selten erlebt hatten.

Unser erster Gang war nach dem oesterreichischen Consulat, um unsere Pässe visiren zu lassen. Das war eine recht umständliche zeitraubende Sache. Ein Andrang

wie in den schlimmsten Tagen der Hungerjahre bei der Kohlrüben- oder Kartoffelausgabe, nur der Gesichtsausdruck der sich Drängenden war ein anderer.

Die Reisebeschreibung fährt nun mit dem Besuch des Consulats fort. Die Pässe werden abgegeben, und bis 1 Uhr musste gewartet werden, ehe sie wieder ausgehändigt wurden. Tante Toni und ihre Reisegefährtin verbrachten die Zeit bei einem deftigen Mittagessen im Restaurant August(in)er.

Mit den Pässen zurück zum Bahnhof und ab nach Kufstein. Tante Toni schreibt über die herrliche Aussicht vom Zug aus auf den Pendling, einen Berg, der bis vor kurzem noch unbezwinglich war, den nun aber das Kufsteiner Haus krönt. (hier ist die Webseite dazu: pendlinghaus.at)

Bei einbrechender Dunkelheit kamen wir in Kufstein an, passirten ohne Zwischenfall die Zollrevision, mit gutem Gewissen konnten wir die Frage des Beamten beantworten, ob wir mehr als 3000 DM Gold bei uns führten; in Bezug auf Cigarren war das Gewissen nicht ganz so rein, in meiner Jacke eingeschnallt steckte ein Kistchen des kostbaren Krautes in etwas mehr als erlaubter Menge; Ich schmuggelte sie aber glücklich über die Grenze; die Beamten verlangten von uns Touristen keine hochnotpeinliche Untersuchung.

Interessant ist, wie unvorbereitet man damals an einem Urlaubsort erscheinen und um Unterkunft ersuchen konnte:

Nach einigen vergeblichen Fragen nach Nachtquartier bot uns der Hausdiener von den „Drei Königen“ solches an und wir bekamen ein nettes Zimmer. Als uns dann im Gastzimmer die erste Speisekarte vor Augen kam wurden diese groß und immer größer angesichts der Preise für die verschiedenen Speisen und Getränke und wir sagten uns in banger Ahnung, daß der beim Geldwechsel in München uns überschüttende und unversieglich erscheinende Kronensegen bei diesen Preisen bald erschöpft sein würde: 1 Glas Bier 11 Kr., 1 Suppe 15 Kr., 1 Goulasch 80 Kr., 1 Port. Kartoffeln 15 Kr., 1/4l Wein 45 Kr. Wir mußten uns erst an diese hochklingenden Preise gewöhnen und sie in deutsche Mark übersetzen um dahinter zu kommen, daß sie so gar niedrig waren.

nebenbei: Der Umrechnungskurs betrug im Juli 1921  100 Kronen = 12 Mark, die Portion Goulasch kostete also M 9,60, das Viertel Wein M 5,40. Nur unwesentlich später, also ab Oktober 1921 setzte die Inflation ein. (Link) Der Wert der Mark verlor im Vergleich Goldmark-Papiermark vom Januar 1921 (Wert:1GM=30PM), über Oktober 1921 (100), Januar 1922 (200), Oktober 1922 (1000), Januar 1923 (10.000) usw. Tante Toni hatte also das Glück, ihr Geld bei dieser Reise noch gut ausgeben zu können.

Zwei Tage hielten wir uns in Kufstein auf; am 1 Tag, Donnerstag d. 21. Juli unternahmen wir die erste kleine Übungstour nach dem Brentenjoch 1262m. (Link hier) wir machten im Alpengasthof Vorderdux Kaffeerast und gingen dann weiter über Hinterdux bis zur Höhe des Brentenjoch, wo wir die ersten Alpenrosen pflückten und uns mitten in den süß duftenden Wiesenblumen liegend einige Stunden von der Höhensonne bestrahlen ließen, was wir hier vollständig kostenlos haben konnten.

Zurück ins Tal, gut zu Abend gegessen und den Ausflug für morgen geplant – Besteigung des Pendling. Tante Toni beschreibt ihre Wanderungen, ihre Eindrücke, die Aussicht, das Panorama und nicht zuletzt die Unterkünfte auf ihrer Reise. Mal starten Sie aus ihrer Unterkunft zu Tagestouren auf umliegenden Berge und kehren abends wieder zurück. Ein andermal wandern sie mitsamt ihrem Gepäck auf einen Berg und übernachten in einer Hütte. Lest hier:

Wir vergaßen alle Mühsal, als wir das Haus erreicht hatten und erst mal eine kurze Umschau hielten, ehe wir uns die sehr nötige Stärkung und Ruhe gönnten. Unsere erste Frage galt der Unterkunft, denn Sonnabend und Sonntag herrscht Hochbetrieb im Stripsenjoch-Haus, da wallfahrten die Kletterer und solche die es werden wollen aus der näheren und weiteren Umgebung nach dieser Höhe, um von da aus Klettertouren nach dem Totenkirchl (Link hier) zu unternehmen. Für uns ein sehr interessanter Fall, wenn so auch die Schuld trug, daß wir uns mit einem sehr primitiven Matratzenlager begnügen mußten. Nachdem wir uns dieses gesichert hatten, nahmen wir den Nachmittagskaffee in der Glasveranda rein, von der aus man einen herrlichen Ausblick nach dem Totenkirchl, Priestertuhl und hinab zur Griesener Alm genießt.

Eine junge Dame hörten wir erzählen, dass ihre Schwester mit einer zweiten Dame unter Führung eines Herren ihre erste Kletterpartie machten, sie gaben sich Zeichen hinüber und herüber, mit einem Male wurde die Befürchtung laut, daß die drei sich verstiegen haben müßten. Dasselbe Schicksal hatten auch 2 Herren, die wir von einem ganz nahe beim Totenkirchl ragenden Felsgipfel beobachtet hatten, andere junge Leute denen die richtigen Wege bekannt waren, riefen Ihnen zu, wie Sie aus dem so genannten „rosigen Kamin“, von dem aus sie keinen Abstieg finden konnten, in den Führerkamin gelangen konnten. Wir folgten dann ihrem Rückzug ganz gut mit Hilfe des Fernglases und sahen sie unversehrt nach längerer Zeit zurückkommen.

Drei aber fanden an dem Abend den Rückweg nicht mehr; ein einsames Lichtlein hoch oben in einer Felsspalte kündete, daß sie dort Nachtquartier wohl in nicht gerade beneidenswerter Lage bezogen hatten.

Noch spät am Abend, als wir schon längst unser Lager aufgesucht hatten, hörten wir das Jodeln der Wirtin und die antwortenden Stimmen vom Totenkirchl, was mich mit Gruseln erfüllte und mir mein sehr wenig einladendes Matratzenlager als eine herrliche Einrichtung erscheinen ließ.

 

Das Reisetagebuch umfasst 39 Seiten mit Berichten, wie diesen. Am besten gefallen mir die Hintergrundinformationen. Preise, die zeigen, was seinerzeit wofür bezahlt werden musste und Gepflogenheiten bei Urlaubsreisen. Wer kann sich heute noch vorstellen, mit dem Zug an sein Urlaubsziel zu reisen, ohne sich vorher Gedanken über die Unterkunft gemacht zu haben? Oder welche Dame wird heute mit einem Herrn eine Felswand besteigen, ohne ausreichend ortskundige Führer dabei zu haben, um nicht in einer Felsspalte übernachten zu müssen. Heute würde wahrscheinlich der Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen.

Die so mühsam erkämpfte Höhe wollten wir nicht nach kurzer Zeit schon verlassen und benutzten die Rast zu einer Stärkung. Unser Wandergenosse spendirte mir Chocolade zur Belohnung für die beim Aufstieg bewiesene Tapferkeit. In ebensolchen Geröll wie bergauf ging’s auf der anderen Seite wieder bergab aber weniger steil bis zur Epp-Lisl-Alm, wo wir mit prachtvoller Buttermilch gelabt wurden. Dann ging’s immer noch weiter zu Tal am wild rauschenden Gebirgsbach entlang, bis das Tal sich weitet und das freundliche Scharnitz uns Wanderer aufnahm. Beim Neuwirt fanden wir gute und preiswerte Unterkunft, vorzügliches Abendbrot. Schweinebraten 90 Kr., Rindfleisch 50 Kr., Salat 10 Kr., dazu 1/2 Special 70 Kr., alles ausgezeichnet und zu empfehlen. Da leider die schönen Urlaubstage zu Ende gingen, konnten wir diesen sehr gemütlichen Aufenthaltsort nicht länger genießen und fuhren schon am nächsten Morgen, Donnerstag d. 4. Aug. über Garmisch und München ohne weiteren Aufenthalt der Heimat zu, beglückt und zufrieden und reich an schönen Erinnerungen, an denen wir in späteren Jahren, wenn die Kräfte zum Wandern nicht mehr reichen, zehren wollen. Vorläufig aber hoffen wir noch: Auf Wiedersehen du herrliche Bergwelt!

 

Weiter gewandert wurde zumindest in diesem Tagebuch nicht mehr. Ab der nächsten Seite wurde es stattdessen als Haus-Konto Buch für die Jahre 1944-1948 benutzt. In den letzten Kriegsjahren und in den Folgejahren wurden im Haus ausgebombte Familien einquartiert.

Mieteinnahmen links, Rattenbekämpfung und Müllabfuhr rechts.

  1. April – der Russe bekommt für 5 Stunden Gartenarbeit 2 Reichsmark.

 

 

  1. & 2. Dezember – Licht und Heizung im Luftschutzraum (jeder -,70) u. Müllabfuhr (jeder 1,30)

  2. Februar 1945 – Kellerlicht und Heizung für Laufer und Sending (2,50)

 

Und über das Kriegsende hinweg geht es weiter, als wäre nichts geschehen:

Nachkriegskrankheiten – heute Typhus


Hellgelbe Durchfälle, Abstoßen von weißen Belägen und Fieberwahnzustände – das sind nur einige der Kennzeichen einer Typhuserkrankung.

Typhus tritt gern in unsauberer Umgebung auf und wird, wenn man dem heutigen Ausstellungsstück glauben darf, durch Fliegen und Ratten übertragen.

Dieses Merkblatt habe ich zwischen meinen Alt-Papieren gefunden und möchte es euch nicht vorenthalten. Es stammt aus dem Oktober 1945, also zu einer Zeit, als große Teile Deutschlands zerstört darniederlagen und durch mangelhafte Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung katastrophale hygienische Zustände herrschten. Lest selbst, wie gefährlich Typhus sein kann:

ABC-Schützen und Schützengräben – die letzte Fibel des Dritten Reichs


Im Jahr 1940 tobte der Zweite Weltkrieg noch mit dem Schlachtenglück auf deutscher Seite. Das Dritte Reich expandierte und der Größenwahn wurde überall zelebriert. Um die Kinder von heute zum stolzen Soldaten oder der fleißigen, kinderreichen Mutter von morgen zu erziehen, war rechtzeitiges formen der ABC-Schützen nötig.

Dazu gab es in der 1. Klasse diese Fibel:

 

Meine Ausgabe stammt vom September 1940

 

und beginnt, damals wie heute, mit ersten Lauten und den dazugehörigen Vokalen in Schreibschrift. u – Buch, Uhr, Schuhe.

 

Schon ein paar Wochen später ging es mit Silben weiter. Sssst macht die Sense, der Brummkreisel summt und die Biene macht ssssss. Muh macht die Kuh, Milch für das Kind und Maus und Mühle sind auch nicht weit.

 

 

Ein paar Seiten weiter hieß es dann: „Male eine feine Fahne!“ Diese Seite merken wir uns einmal. Dazu gibt es am Ende des Artikels mehr Informationen.

 

Was wird hier unterrichtet? Wortendung’n bei den’n das e nicht verschluckt werd’n soll?

 

Seite 27 hat mich erfreut, da ich hier einige Teile meines Sandspieles wiederentdeckt habe.

 

Der Unterschied zwischen weichem g und hartem k wird hier erklärt. Der Junge mit der Sammelbüchse – vielleicht für’s Winterhilfswerk – ist zur Stelle.

 

Wenige Seiten später marschiert das Jungvolk der Hitler-Jugend mit wehender Sig-Rune und Dieter, der die Trommel schlägt. Auch diese Seite merkt euch für das Artikelende.

 

Ebenso wie die vorige, kommt jedem alten DDR-Kind auch die nächste Seite vertraut vor. Die Embleme haben gewechselt, die Ziele des Soldatseins wurden umgeschrieben, aber der Wunsch, später selbst zu den Soldaten gehören zu dürfen, wurde immer gefestigt.

 

Zur Mitte des Schuljahres wurden die Texte länger, komplexer und politisch deutlicher. „Wir wollen unsere Flagge lieb haben. … Deutschland über alles!“ Auch eine Seite für den Artikelschluß.

 

Wieso das B so spät im Lehrplan steht, kann ich mir nicht erklären. Aber Tante Berta Beier im Breslauer Birkenweg hat sich sicher über den Brief vom Bernhard gefreut.

 

Die dumme kleine Inge

 

Der 20. April wurde, wie überall im Dritten Reich, der Geburtstag Hitlers gefeiert. Laut mehrerer Quellen war Hitler von seiner Glorifizierung wenig begeistert, aber sein klumpfüßiger Märchenonkel mit jüdischem Vornamen hat sich durchgesetzt und an jedem Ort den Huld platziert.

 

Weiter geht’s im Wonnemonat Mai. Seit 1933 durch die Bemühungen der NSDAP zum Feiertag in Deutschland auserkoren, wurde der 1. Mai landesweit mit Blumen und Fahnenschmuck begangen.

 

Muttersorgen. Sie sollten in den kommenden Jahren noch viel größer werden.

 

Aber der absolute Tiefpunkt dieses Buches kommt auf Seite 80 mit dem mittleren Abzählreim. Seht selbst:

 

Je näher das Schuljahresende rückt, desto stärker hält die politische Erziehung Einzug in die Fibel unserer Erstklässler.

 

 

 

Aber auch die steigende Rohstoff- und Materialnot zeichnet sich bereits im zweiten Kriegsjahr ab. Die früher bereits erwähnten Knochensammlungen haben es in den Alltag geschafft.

 

Das Schuljahr ist aus, alle gehen nach haus. Die leicht negativen Töne im letzten Artikel sind heute wahrscheinlich undenkbar. Wer weiß?

 

Und nun kommt noch der aus meiner Sicht interessanteste Teil der Geschichte dieses Buches. Die Fibel für die deutsche Jugend war die letzte im Deutschen Reich herausgegebene Fibel für Erstklässler. Nach Kriegsende war sie weit verbreitet und im Nachkriegsdeutschland war Material an allen Ecken und Enden knapp. Daher entschloss man sich, die alten Fibeln auch weiterhin zu verwenden, jedoch wurden alle Seiten mit nationalsozialistischem Bezug herausgetrennt. So fehlen in fast allen heute noch erhältlichen Exemplaren ganze oder halbe Seiten. Einige habe ich euch oben schon zum Merken aufgetragen. Ich war sehr froh, neulich auf dem Flohmarkt meines Vertrauens ein komplettes und nahezu neues, weil unbenutztes Exemplar zu bekommen. Die editierten Fibeln waren noch bis in die 1950er Jahre in der DDR gebräuchlich.

Meiner Ansicht nach sollte Politik zu keiner Zeit Thema in Lesebüchern sein. Dazu gibt es spätere Unterrichtsfächer und die Kinder werden nicht blind indoktriniert.

 

 

 

 

The Day after – Der erste Tag nach dem Zweiten Weltkrieg


Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg für Deutschland und Europa. Die Nachkriegszeit war für alle schwer. Zerstörte Städte mussten auf-, Industriebetriebe als Reparation abgebaut werden. Viele Männer kamen aus dem Krieg nicht, verkrüppelt oder erst sehr spät zurück. Und nicht zuletzt musste der Staat wieder zum Laufen gebracht werden.

Meine Heimat, Thüringen, gehörte von April bis Juli 1945 zur amerikanischen Besatzungszone. Das wissen nicht viele, so war es aber. Wer sich für mehr Hintergrundinformationen interessiert, der kann bei der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen hier nachlesen. (die hatten bei mir schon mal angefragt, ob sie Dokumente aus meinem Museum in einer Veröffentlichung abbilden dürfen)

Unser heutiges Museumsexponat stammt vom 9. Mai 1945, also vom ersten Tag, an dem in Europa wieder Frieden herrschte. Die amerikanische Militärregierung in Deutschland (Military Government of Germany) begann mit der Registrierung aller Einwohner, notierte Adresse und Beruf und rundete alles mit einem Fingerabdruck des rechten Zeigefingers ab.

 

 

Ein interessantes Detail: Da diese Registrierungskarten häufigen Gebrauch möglichst unbeschadet überdauern sollten, gewebehaltiges Dokumentenpapier aber rar war, kam man auf die Idee, die Rückseite der Landkarten der US-Army zu bedrucken. Man war durch Frankreich und Süddeutschland einmarschiert. Die Rückreise würde geordneter verlaufen. Also brauchte man diese Militärkarten nicht mehr.

Blättert man die Registrierungskarte um, sieht man nicht nur die angeheftete zweite Seite mit Informationen zur Wehrmachtszugehörigkeit, Mitgliedschaft in NSDAP oder anderen nationalsozialistischen Organisationen (Tante Elli war 1939 in der DAF, der Deutschen Arbeits-Front), sondern kann links die Rückseite der besagten Landkarte sehen.

 

Das habe ich euch nochmal hier fotografiert.

Wer das Stück Frankreich nachschlagen möchte, schaut hier.

 

Historisch betrachtet endete der Zweite Weltkrieg übrigens nicht am 8. Mai, sondern am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans. Details hatte ich euch hier schon einmal geschildert.

Guten Tag, ich bin von der Presse – eine Saftpresse


Hat eure Omi früher auch noch aus gekochten Äpfeln Apfelsaft hergestellt und den dann entweder in Flaschen abgefüllt oder daraus Apfelgelee gemacht? Meine ja.

Und wie hat sie den Früchten ihren Saft entlockt? Sie hat ordentlich Druck ausgeübt. Hier ist das Folterwerkzeug unter dem tausenden unschuldigen Äpfeln die Seele aus dem Leib gepresst wurde.

Wie funktioniert es? Zuerst werden die Äpfel gekocht und anschließend in ein Leinensäckchen getan. Das gefüllte Säckchen wird in den Metallbehälter gelegt und der Holzdeckel daraufgesetzt. Zum Schluß wird das Gewinde eingesetzt und langsam heruntergeschraubt.

Die Saftpresse sollte vor dem Vorgang des Entsaftens a) sehr ordentlich gereinigt und b) in eine Schüssel gestellt werden. Der Saft läuft nämlich aus den Löchern einfach so hinaus und würde sich auf dem Fußboden sammeln, wenn man ohne Schüssel arbeitet.

Bei mir kommt diese Saftpresse nicht mehr zum Einsatz, weil wie meine Oma zu sagen pflegte, „der Umschmiss zu groß ist“, d.h. der Aufbau und die anschließende Reinigung sind zu aufwändig. Stattdessen benutze ich entweder einen Kaltentsafter und filtriere den Saft vor dem gelieren, oder ich benutze diesen Entsafter-Topf.

Einen anderen Weg, kalten Früchten ihr Innerstes zu entlocken stelle ich euch morgen vor.

Vielen Dank übrigens für den hilfreichen Kommentar von Schnippelboy, der mir erklärt hat, wie man diese Presse zur Herstellung von Thüringer Klössen verwendet.

Der Hut im Spiel


Ein Hut hat ja normalerweise mit spielen nicht viel zu tun. Und trotzdem findet man ihn gerade bei Brettspielen recht häufig. Aus praktischen Gründen des Stapelns wird aber für gewöhnlich nicht der Hut in der Form benutzt, wie René Magritte ihn zu tragen und zu malen pflegte. Stattdessen kommt der gedrehte Tütenhut zum Einsatz.

Esel

 

Dieses schöne Würfelspiel hat mich als Kind ebenso begeistert wie auch heute noch:

Fang den Hut

 

 

Die Spielweise ist ähnlich wie bei Mensch ärgere Dich nicht! und Malefiz. Einsetzen, losrennen und versuchen, den Gegner zu fangen.

 

Im Unterschied zu den anderen beiden Spielen wird hier aber nicht rausgeworfen, sondern – und hier bewährt sich die Form der Spielfigur – der eigene Hut auf den gefangenen aufgesetzt.

 

Eine neuere Variante des Spiels (ca. 1950/1960) kommt in einer Reisedose,

 

heißt

 

und hat auf der Rückseite

 

 

Leider fehlen mir hier schon ein paar Hüte. Wie gut, daß ich noch das andere Spiel habe.

 

Fang den Hut wird übrigens gern mit dem Hütchenspiel verwechselt. Das sieht aber so aus

 

und wird auch komplett anders gespielt

 

Schnipp – plopp.

 

Damit ist meine heutige Lehrstunde zum Thema Hut beendet. Ich wünsche euch immer einen Hut an der Spitze oder in der Mitte des Feldes und viel Pech im Spiel, denn der Volksmund sagt ja „Pech im Spiel, Glück in der Liebe!“ und was ist schon wichtiger als die Liebe? Nichts!

 

 

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