Anker Geduldspiele – Tangram


Vor ziemlich genau drei Jahren gab es einen Artikel mit dem gleichen Titel. Den findet ihr hier.

Seither hat sich einiges in meiner Sammlung getan – Zeit, euch meine aktuelle Ansammlung dieser schönen, alten Geduldsspiele zu präsentieren.

 

Den Kopfzerbrecher habe ich leider gerade verlegt, weswegen es kein neues Foto gibt.

Tangram

Tangram

 

Neu ist allerdings das Lösungsheft für ihn.

Daneben seht ihr das Lösungsheft für Alle Neune, das ich (noch) nicht besitze.

 

Das Kreis-Rätsel gehört in dieser Ausstattung zu den ältesten Ausgaben.

 

Hier sind im Aufgabenheft noch richtig schöne Figuren vorgegeben, die es nachzubauen galt:

 

Zum Vergleich ein neueres Aufgabenheft – hier dann nur noch in braun:

 

Neu ist das Herzrätsel:

 

Mit Aufgaben- und Lösungsheftchen:

 

Im Deckel findet man bei allen, bis auf die ganz alten Ausgaben auch stets die Artikelnummern der benötigten Steine. Da immer mal einer kaputt ging, konnte man sie nachbestellen – auch heute noch.

 

Den Grillentöter habe ich euch im alten Artikel nur theoretisch vorgestellt. Hier kommt er nun mit Bild und allen Heften (zwei verschieden große Lösungshefte links und unten):

 

Den Blitzableiter kennt ihr schon. Die Einheitsverpackung stammt aus den späten Ausgaben, den 1920-ern. (jetzt neu – auch mit zwei Lösungsheften)

 

 

 

An der ersten Innenseite der Lösungshefte kann man übrigens gut sehen, zu welchem Spiel es gehört. Die Titelseite ist oft abgerissen, aber das erste Rätsel ist immer die Anordnung der Steine in der Packung. Weiterhin steht der Anfangsbuchstabe oder ein Zeichen unten in der Mitte, das uns auf das Spiel schließen lässt. hier: ein Blitz (naja gut, mit Phantasie) und ein G für den Grillentöter.

 

Das Ei des Kolumbus, das hier noch als Wunder-Ei bezeichnet wurde:

 

Werbung für weitere Anker-Spiele:

 

inklusive der Anker-Steinbaukästen (bekannt von meinem Artikel über Anker-Steinbaukästen)

 

Der Zornbrecher:

 

Es gibt noch ein paar weitere Lösungs- und Aufgabenheftchen, zu denen mir das Spiel fehlt. Hier Der Kobold

 

mit sehr ungewöhnlichen Steinformen:

 

In Holland heißt der Kobold Kabouter:

 

Eine kurze Einleitung:

 

Zum Schluß der Geduldprüfer:

 

Auf dänisch (?) heißt Geduld Taalmodighed. Ich frage mich, ob es eine Wortverwandschaft mit dem Talmud gibt.

 

Und das war’s für heute.

 

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Ein Lesezeichen aus China – UPDATE: Japan


Heute stelle ich euch etwas vor, von dem ich selbst nichts weiß.

 

Es lag als Lesezeichen in einem alten Buch. Und das ist auch schon alles, was ich darüber weiß. Mein Chinesisch ist begrenzt. Darum kann ich nicht lesen, was da steht. Wie noch weitere chinesische Dinge in meinem Besitz, könnte dieses Etwas aus der Zeit um 1900 stammen, zu der mein Ur-Onkel in Kiautschou stationiert war, um unsere deutschen Kolonien zu verteidigen.

Alle Artikel zu diesem Thema findet ihr übrigens hier.

Ein Update findet ihr im Kommentar. Danke Mitsuhiro Sato-san!

Lithophanie-Laterne


Heute gibt es ein Update zum Artikel Heiligen-Laterne.

Inzwischen habe ich es geschafft, etwas schönere Fotos von der Laterne aufzunehmen und, was viel wichtiger ist, durch einen guten Freund mehr über die Herstellungstechnik erfahren.

Lithophanie ist der Fachbegriff für diese Art von Reliefarbeiten. Lest euch den Wikipedia-Artikel unter dem Link mal durch.

Und hier die etwas schöneren Fotos der wenig schön anzusehenden unbeleuchteten Porzellanplatten, gefolgt von den durch Kerzenlicht illuminierten.

 

 

 

Do not Trust anyone – Tabakkartelle in Deutschland


Um die Jahrhundertwende konnte in Deutschland eine Wende auf dem Tabakmarkt beobachtet werden. Rauchte bis dahin der gestandene Mann auf Straßen und Plätzen oder daheim seine dicke Zigarre, was bei Frauen hingegen als unschicklich galt, tauchten plötzlich fliegende Händler auf, die ihre in Heimarbeit gefertigten Zigaretten feilboten.

Und plötzlich sprangen auch die Damen auf den qualmenden Zug auf. Zigaretten ließen sich schneller und leichter rauchen, als Zigarren. Die Tabakmischung war bekömmlicher und oft mit verschiedensten Aromen angereichert. Zwei um 1900 aufkommende Eigenarten des jungen Menschen fanden zueinander: der Sport und das Rauchen. Heute eher undenkbar, wurde damals eine fröhliche Partie Lawn-Tennis mit einer Zigarette danach beendet. Der Mann (und die Frau) von Welt zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit einer leichten Zigarette.

Noch 1924 schrieb der österreichische Gynäkologe Robert Hofstätter in seinem Buch „Die rauchende Frau“: Die Ursache des weiblichen Rauchens ist „gedankenlose Nachäfferei (…). Die glückliche und zufriedene Frau raucht nie, oder wenigstens nie stark (…). Er schreibt weiter, daß die rauchende Frau „mit ihrer Geschlechterrolle unzufrieden“ sei. Während er im Rauchverhalten des Mannes „den Charakter des Automatischen“ sehe, glaubte er im weiblichen Posieren beim Rauchen eine „Art Zwangshandlung“ zu erkennen, „die eine körperliche und geistige Beschäftigung vortäuscht, um nur ja keine ‚freie Zeit‘ zu haben (…) Diese Frauen füllen ihren Tag aus Mangel an wirklicher Arbeit mit tausend ‚unbedingt notwendigen‘ Nichtigkeiten und in den Pausen zwischen Nichts und Nichts ‚muß‘ sie rauchen.  (Quelle)

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg gab es allein in Deutschland ca. 8000 verschiedene Zigarettensorten. Die oben erwähnten, in Heimarbeit gefertigten und einzeln erhältlichen namenlosen Zigaretten wurden mehr und mehr von industriell hergestellten Erzeugnissen verdrängt. Der Markt war hart umkämpft und von einigen, wenigen großen Marken beherrscht. Am berühmtesten waren hier Garbáty, Josetti und Manoli (alle drei aus Berlin), Jasmatzi und Yenidze (beide aus Dresden) und Batschari aus Baden-Baden. Hinter diesen Namen verbargen sich Zigarettensorten mit teilweise orientalisch klingenden Namen (Orient, NIL-Zigaretten, Salem Aleikum, Kadi, Murad) oder sie spiegelten den Glanz der schönen, neuen Welt wider (Dandy, Gibson Girl, Queen Mary, Duke of Edinbourgh, JUNO, Ernte 23).

 

Um die Kunden für sich zu gewinnen, war einiger Aufwand vonnöten. Eine schnöde Papierschachtel, mit der die Tabakproduzenten den heutigen Raucher zufriedenstellen, konnte damals nichts erreichen. Blechdosen waren das Mindeste. Oft hatten die Zigaretten selbst noch Goldränder am Mundstück (hier Gold-M.) oder Filter mit Aromen.

Garbáty war eine große Firma mit Sitz in Berlin-Pankow und stellte neben dem „Herzog von Edinburg“ (wie die Marke für den Kunden hieß, der des Englischen nicht mächtig war) auch die „Königin von Saba“ (später nur noch Saba), ALVA, Effekt und Passion her. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen aus Pankow die russischen Papirossi und später solche DDR-Berühmtheiten wie KARO, Cabinet und CLUB.

 

Zurück zu der Zeit nach 1900. Der starke Konkurrenzkampf forderte die Anschaffung immer besserer Maschinen zum Schneiden des Tabaks und Drehen der Zigaretten. Um schnell an das benötigte Kapital zu gelangen, wurden Geldgeber gesucht und in anglo-amerikanischen Banken und Firmen gefunden. Das Resultat war, daß Firmen, die ausländisches Geld erhielten, die sprudelnden Gewinne zu einem großen Teil ins Ausland abführen mussten. Sie waren Teil eines Trusts und somit von der Führung im Ausland abhängig. Mehr und mehr der kleinen, nationalen Marken wurden verdrängt und als Reaktion darauf bildeten sich Interessenverbände, die die Trustfreiheit forderten.

Der beginnende Erste Weltkrieg öffnete einen neuen Markt für Zigarettenhersteller. Millionen deutscher Soldaten mussten im Felde bei Laune gehalten werden. Das ging hervorragend mit einer guten Zigarette. Da das deutsche Kaiserhaus bei der Vergabe der überaus lukrativen Aufträge darauf achtete, nur trustfreie Firmen zu berücksichtigen, galt es, schnell Flagge zu zeigen. Über Nacht wurden aus englisch klingenden Marken deutsche Zigaretten.

Zuerst schnell mit Papieraufklebern überklebt, wurde das neue Design dem alten angepasst. Aus Manoli Dandy (Bilder aus der Objektdatenbank des DHM)

wurde Dalli  

Aus Gibson Girl 

wurde Wimpel 

 

Ich habe euch den Duke of Edinbourgh herausgesucht, weil ich beide Dosen besitze. Ähnlich wie beim Manoli Wimpel wurde auch hier sprichwörtlich „Flagge gezeigt“, denn aus dem

wurde nichts geringeres, als

 

Der Aufkleber ist übrigens Teil des Aufdrucks auf die Blechdose. Später gab es noch diese Ausgabe:

 (DHM)

 

Im Inneren wird die Trustfreiheit noch einmal ausdrücklich betont.

vorher: 

 

jetzt:

Wer auf das Foto klickt, erkennt das Siegel der Antitrust-Wehr – einem Zusammenschluss trustfrei produzierender Betriebe.

 

Garbáty – Berlin-Pankow

 

 

Bitte nicht so freundlich! – Ernst schauen auf alten Fotos


Habt ihr euch schon einmal gefragt, wieso auf alten Fotos alle immer so ernst dreinschauen?

 

Die Antwort darauf ist recht simpel. Die Fotos von damals, so wie oben am Beispiel meiner Ur- oder Ururgroßmutter zu sehen, wurden noch nicht auf Filmen aufgenommen, sondern auf Fotoplatten. Die hatte ich euch hier schon einmal vorgestellt. Das waren Glasplatten, die mit einer lichtempfindlichen Auflage versehen waren. Wurde die Fotoplatte in der Kamera dem Licht ausgesetzt, entstand das Negativ. Das Prinzip ist bei allen Filmkameras gleich geblieben. Lediglich die Lichtempfindlichkeit der Filme wurde verbessert. Das Ergebnis: ein kurzes Klick, die Linse wird geöffnet und sofort wieder verschlossen – fertig.

Damals ging das nicht so schnell. Der Kameradeckel wurde entfernt bzw. die Abdeckung der Fotoplatte wurde herausgezogen. Nun hieß es warten – bei neueren Modellen nur 5 Sekunden, ganz früher bis zu einer halben Minute musste man absolut reglos sitzen oder stehen und möglichst nicht mal mit den Augen zwinkern. Kein Wunder, daß man ernst dreinschaut. Wer länger als 10 Sekunden unbewegt lächeln will, sieht ganz schön dämlich aus.

Das Ergebnis solch einer Aktion war eine Fotografie, die dann auch etwas Besonderes darstellte. Es gab nur ein Motiv, das mehrmals entwickelt und den liebsten Freunden und Verwandten zugeschickt wurde. An das lawinenhafte Überschütten der Umwelt mit Selfies war nicht zu denken. Der Fotograf Photograph war ein angesehener Mann, der sein Handwerk verstand. Und das tat er kund. Jedes Foto wurde früher noch auf eine Trägerpappe aufgeklebt. Die wurde auf der Vorderseite beschriftet. Allerdings nicht mit dem Namen der abgebildeten Person. Nein, der Photograph wurde verewigt.

Und die Rückseite der Photos wurde ebenfalls mit Eigenwerbung versehen. Schließlich bekam der Fotografierte ja das Foto und wusste, wer drauf war.

 

 

Aus dem Füllhorn der edlen deutschen Musica


Gerade habe ich erwähnt, dass irgendwo noch ein weiteres Notenbuch herumschwirren müsste, da fällt es mir auch schon ins Auge. Es lag in der Reparaturabteilung, weil es einige sehr unschöne Zerfallserscheinungen aufweist. Das ist aber sicher ein Zeichen für regen Gebrauch und damit für hohe inhaltliche Qualität.

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Das Vorwort und der Titel sprechen eine etwas volksüberzeugte Sprache.

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Wird tatsächlich bevorzugt in der deutschen Familie die Pflege der Musik betrieben? Ist das die einst salonfähig gewesene Deutschland-über-alles-Mentalität oder schlicht der gesunde Nationalstolz, den jedes Volk haben sollte, der bei uns aber durch doppelte Kriegsschuld alliiert ausgemerzt wurde?

Der Inhalt:

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Ich rufe euch zu: „Froher Mut zum musizieren!“

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Hier einige Auszüge um in euch die Lust an der edlen deutschen Musica zu wecken.

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Und den Rest des Tages lest ihr im ersten Artikel weiter.

Den Krümeln keine Chance – ein Tisch-Besen


Gibt es so etwas heute eigentlich noch? Meine Oma hatte gleich zwei Garnituren dieses schönen Utensils. Später kam noch eine Schwungradvariante aus DDR-Produktion hinzu. Aber so richtig schön sieht nur unser heutiger Artikel des Tages aus.

Es handelt sich um eine Schaufel und eine Bürste aus Silber mit echten Borsten.

Krümelbesen

 

 

Früher gehörte so etwas zur Ausstattung und hing in der Nähe des Eßtisches oder in der Küche. Nach dem Essen wurden die Krümel auf die Schaufel gefegt und in den Mülleimer oder jahreszeitabhängig ins Vogelhäuschen gekippt. Keine Ahnung, wieso man so etwas heute nicht mehr macht. Weniger gekrümelt wird heute bestimmt nicht und so hungrig, daß wir alle Krümel aufessen sind wir auch nicht.

Was macht ihr mit euren Krümeln?

Zum Alter dieses Krümelbürsten-Sets kann ich nichts sagen, würde aber anhand der Form auf irgendwo im Jugendstil tippen, 1910 vielleicht.

 

 

pflücken, trocknen, pressen, botanisieren – ein Herbarium


Vor geraumer Zeit habe ich euch zwei meiner Bücher vorgestellt, die der Bestimmung von Pflanzen dienten. Wer sich nicht mehr erinnert, der klickt einfach hier. Diese Bücher halfen dem emsigen Sammler, die Beute in Ordnung, Familie, Unterfamilie, Gattung und Art einzuteilen. Aber bevor es so weit war, gab es einen ganz wichtigen Schritt: die Blümchen, Gräser und Kräuter wollten erst einmal gefunden werden.

Als mein Urgroßvater seinerzeit seine Ausbildung zum Apotheker abzuschließen gedachte, bestand eine Aufgabe darin, ein schönes Herbarium anzulegen. Das war in den Jahren 1899 bis 1901.

Herbarium

Der Deckel hat leider einen kleinen Wasserschaden, der aber glücklicherweise nicht durchgekommen ist.

 

 

Und das liegt noch immer hier herum. Sollte jemand von euch eine Idee haben, wie man so ein Ding am besten aufbewahrt, schreibt mir eure Ideen. Das Foto wurde vor dem Ersetzen der Deckel gemacht. Inzwischen ist es wieder schön zwischen zwei Holzdeckeln mit Riemen festgepresst.

Innen hat der fleißige Jungapotheker die gefundenen Pflanzen in Ordnungen untergliedert und jede Klasse in eine kleine Mappe einsortiert:

Herbarium

Monoecia, eine Ordnung der Klasse Diclinia, also Staubblätter und Stempel befinden sich auf verschiedenen Blüten, Monoecia – ein Staubblatt

 

Und so sehen Blümchen aus, die seit nunmehr 115 Jahren in mumifizierter Totenstarre liegen. Ich habe mir viel Mühe gegeben, die kleinen Zettel der hier abgebildeten Pflanzen zu entziffern. Schaut mal in die Bildunterschriften!

 

Herbarium

Origanum vulgare – Gemeiner Dost – der Fundort ist angegeben, ich kann ihn aber leider nicht entziffern. Muß irgendwo in der Heimat um Trier gewesen sein

 
Herbarium

Herbarium

Solanum tuberosum – Kartoffel – Acker bei Hermeskeil – 30. VII. 1899

 

Herbarium

Garten-Rittersporn

 

Herbarium

Lycopodium Selago – Tannen-Bärlapp – Im Walde von Irgendwo

 

Herbarium

Anchusa officinalis – gebräuchliche Ochsenzunge

 

Herbarium

Mentha arvensis – Feld-Minze – Fundort: Am Bahnhof – 20. VII. 1900

 

Herbarium

Mentha silvestris – Wald-Minze

 

Herbarium

Euphorbiaceen – Wolfsmilchgewächse

 

Herbarium

Tithymalus Dulcis – süße Wolfsmilch – Garten – 30.5.1900

 

Herbarium

Campanula glomerata – geknäuelte Glockenblume – 10.7. 1900

 

Herbarium

Herbarium

Primula officinalis – gebräuchlicher Himmelschlüssel

 

Herbarium

Ackerwinde

 

Herbarium

Datura Stramonium – gemeiner Stechapfel

 

Herbarium

Klatschmohn – gesammelt auf einem Acker bei Hermeskeil, 24. VII. 1899

 

Herbarium

Schlafbringender Mohn

 

Herbarium

Mohn

 

Herbarium

Helleborus vividis – Nieswurz

 

Herbarium

Aesculus Hippocastanium – gemeine Roßkastanie – gesammelt in Trier am 16. Juli 1899

 

Herbarium

 

 

Manche Pflanzen sind bedauerlicherweise verschwunden. Wahrscheinlich hat sich der kleine Papierstreifen zur Befestigung gelöst und die Pflanze ist rausgefallen. Dank der Beschriftung wissen wir aber, was fehlt.Herbarium

 

 

Das ist doch ein tolles Andenken an meinen Uropa, oder? Das hat er sich bestimmt nicht träumen lassen, daß 115 Jahre nach seinen Ausflügen durch die blühende Natur sein ihm völlig unbekannter Urenkel der großen weiten Welt sein Herbarium vorstellt, das ihm seinerzeit den Weg zum Apothekerberuf geebnet hat.

Und wenn mich nicht alles täuscht, ist er das in seinem kleinen Garten mit eigener Ernte:Familie-Garten

 

Heinrich Zille – Milljöh-Zeichner aus Berlin


Heinrich Zille, der Berliner Zeichner wurde wahrscheinlich durch seine lustigen, aber oftmals trotzdem traurigen und zum Nachdenken anregenden Zeichnungen berühmt. Niemand hat das Leben der Unterschicht in den Arbeitervierteln vom Berlin der Jahrhundertwende so treffend gezeichnet wie er. „Dreiundzwanzig Fennje bekam ’ne Heimarbeiterin, und die Kinder jingen in ’ne Streichholzfabrik und hatten denn von dem Phosphor und Schwefel jar keene Fingernägel mehr. Und da soll man nich mal dazwischenfahren, wenn man erlebt hat, wie sich det Elend von Jeneration zu Jeneration weiterfrißt – wo det Kind schon als Sklave jeboren wird?!“

Heinrich Zille Bilder

Heinrich Zille Bilder

„Ick hab zu ville Bonbon jefressen!“

Aber auch als Photograph hat Zille zur Bewahrung alter Berlin-Ansichten beigetragen, die nur selten oder sogar niemals fotografiert wurden.

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Sein meistdiskutiertes Werk sind aber wohl noch immer die 1921 unter Pseudonym herausgegebenen Hurengespräche. Heinrich Zille Hurengespräche

Zille lässt acht Prostituierte Szenen aus ihrem Leben zu hause und mit den Freiern schildern.

Heinrich Zille Hurengespräche

Die Geschichte wird eingeleitet mit dem Text: Berlin O (Ost), Nachts in einem Bouillonkeller. Olga, Pauline, Rosa, Alma, Pinselfrieda, Bollenguste, Lutschliese, Minna.

Heinrich Zille Hurengespräche

Heinrich Zille Hurengespräche

Olga: Pauline, Kutscherklara sagt dein Liebster ist dein Bruder, na weeßte – nu jeh mir eener mit den Finger aus den Mund! Wie biste denn da druff jekomm‘? Pauline: Un wenn schon! Det schad ja nischt, det wird ja wieder abjewischt! Warum soll ick mir mit nen faulen Luden rumbaljen un‘ um die Neese ferzeln lassen! Orje war mir schon als Junge jut, wir fing’n schon kleen an det Pißzeig zusamm zustecken.

Heinrich Zille Hurengespräche

Ach Jott ja, die Lehrer! Die hab’n mir immer anjeklaut, ick war aber ooch schon een strammes Balj mit Ditten un‘ dicke Beene un hatte det ooch schon mit de Banane raus. Der erste der mir vorgekneppt hat war een oller dreckijer Hausierer, der uff uns’en Korridor wohnte. Der hat sich rinjeschlichen un‘ mir uff Mutter’ns Stoßlade überjebogen. Er hat mir jeschunden un‘ volljeklirt, die olle dreckije Hottepese. Ojre hat an de Türe jehaun un‘ jebrüllt, aba nachher hatt’n sich Vater mit de Axt vorjenomm, da jab’s Stob. Vater kam uff een Jahr nach Plötze.

kleine Lesehilfe:

  • anjeklaut, klauen = nicht zu verwechseln mit der heutigen Bedeutung des Wortes „klauen“, das aber genau wie seinerzeit von der Klaue / Kralle stammt. „angeklaut“ bedeutet also so viel wie „angefasst“.
  • Balj – Balg
  • vorgekneppt – vorgeknöpft
  • uns’en – unserem
  • Stoßlade – eigentlich ein Tischlerwerkzeug, ähnlich einem Hobel, hier allerdings eher ein Sofa, auf dem offenbar Mutter von Vater „gestoßen“ wurde.
  • volljeklirt – klieren = schmieren
  • Hottepese – siehe hier Seite 37, ganz oben rechts – eine Mischung aus den Schimpfwörtern Fatzke und Ochse
  • Stob – Staub
  • Plötze
Heinrich Zille Hurengespräche

(Mein Vater) hat sitzen müssen weejen mir und weiß Gott, ich will auf der Stelle erblinden, wenn ich Schuld war. Ich war zwölf Jahr, da hat er mir schon beklaut und habe zugesehn wenn er nacht’s bäuchelte.

Heinrich Zille Hurengespräche

Wie Mutter krank wurde und se hat lange gelegen, brauchte sie ihr Bett alleene und ick mußte beim Vater schlafen, da hat er mir jleich nen verpaßt. Mutter is‘ in Urban jestorb’n, sie hat alles jewußt, aber nischt verraten. Durchs Kind ist’s raus jekomm, wie se mir in die Schariteh entbunden haben, ins‘ Milchfieber hab ick’s ausjequatscht.

Heinrich Zille Hurengespräche

Heinrich Zille Hurengespräche

Lutschliese: Abend’s, in die düstern Budickerkeller und Destill’n, wo ick die Zeitung’n brachte, kroch ick unter die Tische rum und lutschte den oll’n Kerl’s, die bei’s Kartenkloppen hockten, een ab. Die ließen sich jarnischt merken und hab’n janz eisern weiter jespielt, det Jeld hab‘ ick mir aus de Westentaschen jelangt, meine Kunden wußten det schon. Aber nu kommt det dicke Ende, warum ick tagelang so ne scheißende Angst hatte. Ick kam an eene Hosenklappe, die jing so schwer uff, – det kannt ick, – die drei jroßen weißen Perlmutterknöppe hat ick erst Sonntagsnachmittag mit schwarzet Jarn ranjenäht – det war Vater!

So fürchterlich das alles klingt, scheint es aber die damalige Situation gut aufzuzeigen. Die Berliner Mietskasernen boten oft nur ein Zimmer für die ganze Familie – also Vater, Mutter, Kinder und gelegentlich noch die Großmutter. Einhergehend mit dem niedrigen Bildungsstand und der hohen Kinderarbeitsrate entstanden dann Situationen, wie die oben geschilderten. Da dieses Thema sicher eher ungern diskutiert wurde, können wir Zille für dieses aufschlussreiche Zeitdokument dankbar sein.

Er liegt übrigens auf dem Südwestkirchhof der Berliner Stadtsynode in Stahnsdorf, südlich von Berlin begraben. Dort habe ich seinen Grabstein gefunden:

Heinrich Zille 1858 – 1924

Zum Schluß noch ein Bild aus Wikipedia:

„Mutta, jib doch die zwee Blumtöppe raus, Lieschen sitzt so jerne ins Jrüne!“

hin und her, hin und her, Zähneputzen ist nicht schwer – Odol Zahnpulver


Jeder von uns benutzt (hoffentlich) regelmäßig Zahnpasta zur Zahnpflege. Aber was gab es eigentlich, bevor es Zahnpasta gab? Richtig, Zahnpulver. Ein Pulver bestehend aus feinkörnigen Schmirgelstoffen, versetzt mit wohlriechenden Zutaten wir Pfefferminz, Menthol, Honig, Zucker und Veilchenöl. Zeitweise wurde sogar Seifenpulver zugesetzt, allerdings war der Erfolg nicht sehr groß. Nicht etwa wegen des Geschmacks – nein, das Seifenpulver verklumpte in der feuchten Luft.

Wer es ganz genau wissen möchte, der schaut bei Wikipedia nach.

Die Firma Odol ist eigentlich durch ihr Mundwasser weltberühmt geworden, das 1892 auf den Markt kam. Aus derselben Epoche stammt unser heutiges Ding – eine Zahnpulverschaufel für Odol Zahnpulver.

 

Irex-Zahnpulver aus der Firma des Industriellen Karl-August Lingner wurde nach dem großen Erfolg von Odol um 1900 in Odol Zahnpulver umbenannt. Herr Lingner führte in seinem Sortiment auch andere tolle Dinge: einen Behälter, gefüllt mit Schrot, in dem Schreibfedern gereinigt werden konnten, ein biegsames Stahllineal, ein Nasenglas zur Schnupfenbehandlung, einen Wasch-Frottier-Apparat, ein Cholera-Serum oder auch einen Armee-Feldkocher der im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam.

Ob diese Schaufel für den Privatgebrauch oder beim Händler in Benutzung war, konnte ich nicht herausfinden, aber eine Anzeige eines Händlers findet ihr in der Anzeige der Drogerie Gebrüder Berger auf Seite 3 dieser Zeitung vom 3. Mai 1903. Aber selbst noch 1924 wurde in Brasilien für Odol Zahnpulver verkauft. seht hier (linke Spalte, unter dem Kasten). Falls jemand diese Anzeigen weiter durchliest, trifft er auf Blumenau, eine Stadt, die, anders als man vom Namen erwarten würde, in Brasilien liegt. Wikipedia kennt auch die.

Ich kann mir für die Zahnpulver-Schaufel zwei Anwendungsmöglichkeiten vorstellen:

  1. zum Abfüllen des Zahnpulvers in kleine Tüten beim Händler
  2. zum individuellen Gebrauch, um Zahnpulver aus einem Behältnis zu entnehmen, die benötigte Menge zu benutzen und den Rest wieder zurück zu schütten.

Wer mehr weiß, lasse uns nicht dumm sterben.

Auf der Unterseite sieht die Schaufel übrigens so aus:

(D.R.G.M. = Deutsches Reich Gebrauch-Muster

Und meine Schaufel sieht definitiv besser aus, als die vom Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

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