Drei kleine Dinge aus der Handtasche


In Handtaschen findet man erstaunlich viele Sachen. Oder eben auch nicht.

In unserem heutigen Artikel geht es um drei kleine Papierbriefchen, die ich sonst nicht zuordnen konnte und die mir für einen eigenen Beitrag zu murkelig erscheinen.

Auf dem ersten Briefchen findet ihr Werbung für Brotbeutel, Feldflaschen, Koppel, Tornister, Leder- und Spielwaren. Daraus lässt sich noch nicht vermuten, was sich drin befindet.

Da ist es bei Nummer zwei in leuchtendem Orange schon einfacher – Jupiter, Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft Berlin. Das klingt nach Streichhölzern. Noch dazu, wo ich euch schon ausführlich darüber informiert hatte, was es mit dem Zündwaren-Monopol in Deutschland und seiner hölzernen Wurzel in Schweden auf sich hat. Ihr erinnert euch nicht mehr? Dann klickt hier.

Unten seht ihr einen blechumrandeten Anhänger der Sparkasse des Kreises Weißensee zu Erfurt. Hierzu musste ich etwas recherchieren, habe aber bei Wikipedia gefunden, dass es sich um einen Vorgänger der Sparkasse Mittelthüringen handelt. Lest hier für die Geschichte.

 

Schauen wir uns die Rückseiten an:

 

Aha, Firma Hintze & Venth aus Erfurt sind die Hersteller der eben erwähnten Leder-, Spiel- und Armeeausrüstungswaren. Und sie haben uns für 5 Pfennig ein Zahnstocherbriefchen verkauft. Hygienisch – staubfrei – abtrennbar. D.R.G.M.

Die Rückseite des Sparkassen-Anhängers listet uns Notfall-Telefonnummern auf. Polizei: 25261, Ueberfall: 01, Feuer: 02, Unfallwache: 21000 oder 27300, Auskunft: 8, Fernamt: 00 (weswegen wir heute noch 00 vor einem Auslandsgespräch vorwählen müssen), Störungsmeldungen: 7, Rundfunkentstörungsstelle: 28041, Nebenstelle: 43, dieselbe Werktags und Sonntags ab 13 Uhr: 27289, Krankenhaus: 25171, Arzt: zum selbsteintragen. Das war ja wirklich kompliziert. Wir können uns glücklich schätzen, heute für Ueberfall, Unfallwache und Polizei die eine Nummer 110 zu haben. Wusstet ihr, das die 1-1-0 in Zeiten des Wählscheibentelefons ausgesucht wurde, weil im Telefonamt die Wählvorrichtung bei der 1 kurz geklackert hat, bei der zweiten 1 ebenso und bei der 0 ganz lang (weil man für die 0 die Wählscheibe bis ganz zum Anschlag drehen musste). Damit konnte das Fräulein vom Amt schon hören, das es ein Notruf war und ihn bevorzugt bearbeiten. Dasselbe gilt übrigens für die amerikanische Notrufnummer 911, nur dass hier zuerst die lange und dann die beiden kurzen Nummern kommen. Interpretiert man die Tonfolgen kurz-kurz-lang (110) bzw. lang-kurz-kurz (911) als Morsezeichen, erhält man in Deutschland ein U wie Unfall und in den USA ein D wie Disaster. Ob es da einen Zusammenhang gibt, weiß ich nicht. Das ist nur von mir geraten.

 

Und da ihr sicher alle gespannt seid, was uns erwartet, wenn die beiden Briefchen aufgeklappt werden, möchte ich euch nicht länger hinhalten. Stattdessen könnte ich euch einen Zahnstocher oder ein Streichholz hinhalten und anbieten.

 

Alle drei Dinge stammen vermutlich aus den 1930er oder 1940er Jahren. Der D.R.G.M.-Vermerk wurde nur bis 1945 benutzt. Die Zündholzadresse in Berlin NW 40 verweist auf eine Adresse in der Nähe des Lehrter Bahnhofs (heute steht dort der Berliner Hauptbahnhof). Diese Unterteilung der Postbezirke Berlins gab es von 1862 bis zur Einführung der Postleitzahlen im Jahr 1962. Die Sparkasse existierte unter diesem Namen bis in die 1950er Jahre.

Wer genauere Details hat, möge einen Kommentar hinterlassen.

Werbeanzeigen

Verhütung am Arbeitsplatz – ein Unfallverhütungskalender von 1930


Jeder, der in einer Firma arbeitet, kennt die Unterweisungen zur Unfallverhütung. Keine losen Steckdosen, keine herumliegenden Teile oder Werkzeuge und – in der Adventszeit – kein offenes Feuer oder Lichterketten ohne Prüfsiegel.

Auch 1930 sollte der Arbeiter auf Sicherheit am Arbeitsplatz achten. Hier kam die Unfallverhütungsbild GmbH beim Verband der Deutschen Berufsgenossenschaften mit diesem Kalender ins Spiel.

 

Dass sich seitdem vieles geändert hat, trotzdem aber noch immer Hinweise aktuell wie eh und je sind, werdet ihr gleich sehen.

 

Nach einigen einleitenden Worten und dem Verweis auf weitere Bücher des Verlags, folgt sogleich der Kalender. Auf jedem Blatt seht ihr am oberen Rand ein kleines Bild, das jeweils eine Gefahr aufzeigt. Der Januar startet mit einer Schlitterbahn. Während die Kinder fröhlich auf der vereisten Straße schlittern, ist der arme alte Mann ausgerutscht und hingefallen. Das hätte vermieden werden können. Am unteren Rand lest ihr den Spruch des Monats: „Wir müssen alle zusammen arbeiten, um Unfällen vorzubeugen!“


 

Der Februar und März warnen vor Unfällen beim Schlittenfahren („Geh‘ ausgeruht an dein Tagewerk!“) und das Toben auf der Fahrbahn (Eigene Vorsicht – bester Unfallschutz.“).

 

August und September möchten zur Verhütung von Badeunfällen (“ Gesunder Körper und klarer Verstand sind der beste Unfallschutz!“) und zum Mitführen ausreichender Rettungsgeräte bei Bootspartien anhalten. („Ordnung und Sauberkeit an Deiner Arbeitsstätte schützen Dich vor Unfällen.“)

 

Dieser Kalender wartet mit zahlreichen, unheimlich langen Substantiven auf. Hier sehen wir einen Bericht über die Reichsunfallversicherung. Verhüte! Heile!

 

Entschädige!

 

Weiter geht es mit der Unfallverhütungsbildpropaganda.

 

Belehre den Neuling!

 

Weiter geht es mit vielen Plakaten, die bei der Unfallverhütungsbild GmbH bestellt werden konnten. „Der Kluge seilt sich an!“

 

„Nägel, Späne, Scherben bringen leicht Verderben“, „Kranführer! Denk“ an die Sicherheit auch deiner Mitarbeiter“

 

Sehr bedenklich erscheint mir das folgende Plakat. Offenbar hängen 1930 viele Lasten an selbstgeknoteten Seilen über unseren Köpfen. „Das hält nicht! Lerne richtig knoten!“

 

„Lies Unfallverhütungsvorschriften nicht erst im Krankenhaus!“ Das Preisausschreiben auf der rechten Seite berichtet von einem misslungenen Plakat des Vorjahres. Um es im nächsten Jahr besser zu machen, werden die Leser aufgerufen, eigene Entwürfe einzusenden. Es winken Preise im Wert von 200, 300 oder sogar 500 Reichsmark.

 

Heute allgemein bekannt, wurde damals noch ausdrücklich hingewiesen: „Wasser–, Gas–, Dampf–Rohre leiten den elektrischen Strom.“. „Das darfst du nie tun! Auch der kleinste Wasserstrahl auf die Starkstromleitung ist lebensgefährlich“

 

Die Feilen waren 1930 traditionell nur leicht in ihre Hefte gesteckt. Daher war ein aufrechtes Tragen von Wichtigkeit.

 

„in das Holz nicht in den Fuß“ und „Rollende Gegenstände richtig lagern!“

 

„Das konnte schlimm Enden!“

 

Das Plakat auf der rechten Seite ist in meinen Augen vollkommen falsch aufgebaut. Der korrekte Arbeitsablauf ist oben links klein dargestellt während der falsche auf dem großen Bild zu sehen ist. Ein abgerissener Arm ist vorprogrammiert. „Wachst auf der Ablaufseite bei langsamen Gang. Nicht die Scheibe, nicht am Einlauf erwachsen!“ (heißt es nicht auch „bei lagsamem Gang“?

 

Einige Verkehrsregeln für Radfahrer, Fuhrwerksbesitzer

 

Kraftwagenführer. „Sieh dich um ehe du wirfst“

 

„Geflickte Sicherungen gefährden Haus u. Hof. Gebrauche nur vorschriftsmäßiges Material!“, „Notausgang stets frei halten!“

 

Einige Wundarten und ein Artikel über die Unfallverhütung im Baugewerbe

 

Erste Hilfe bei Unglücksfällen „Schwerverletzte nur von Kundigen aufnehmen“

 

Ein recht informatives Kalenderbüchlein aus einer Zeit, in der begonnen wurde, sich für das Symbol des Arbeiters einzusetzen. Heute ist die Belehrung der Arbeiter eine jährlich wiederkehrende Pflicht des Arbeitgebers. Denkt daran!

Maniola-Halter


Gelegentlich trifft man auf Dinge, für die man keine Erklärung findet. So auch für den heute vorgestellten Maniola-Halter.

Was konnte ich bisher herausfinden?

  • Maniola ist eine Schmetterlingsart und heißt auch Großes Ochsenauge: siehe hier
  • Es ist angeblich kein Teil eines BHs.
  • Er stammt aus den 1930er Jahren.
  • Es gibt ein Manila-Halter-Kleid, aber das hat wohl nichts damit zu tun.
  • Zum Deutschen Reichspatent D.R.Pat 432844 ist nichts zu finden.

Der Halter besteht aus zwei Bakelitteilen, die mittels eines Gummibandes verbunden sind. am Oberteil kann der Gummi durch Verschieben innerhalb des C-förmigen Loches verschoben werden.

Nun seid ihr gefragt. Wem fällt eine Erklärung ein? Bitte in die Kommentare schreiben! Ich bin neugierig.

 

Update: eine nette Dame vom Patentamt München konnte mir weiterhelfen. Sie hat mir den Maniola-Halter anhand der Patentnummer herausgesucht und den (kostenlosen) Link zur Verfügung gestellt. Es handelt sich also um einen Krawattenhalter, erfunden und zum Patent angemeldet von Josef Englert am 29.10.1924. Das Patent bekam er am 14.11.1927 und hier ist es: Link. Nun bleibt nur noch der Selbstversuch. Wie wird dieser Krawattenhalter verwendet? Ich werde es mit Hilfe der Patentbeschreibung mal versuchen.

Zu Josef Englert gibt es übrigens noch einiges zu berichten. WürzburgWiki weiß: Dr. Josef Englert (* 31. März 1890 in Heidingsfeld; † 23. November 1954 in Uhldingen-Mühlhofen) war Studienprofessor, Maler und Dichter.  Neben zwei kleinen Romanen hat er sich al Maler betätigt und mindestens ein Ölbild („Anliegende Boote am Bodenseeufer“, 1942, Öl auf Leinwand) hinterlassen.

Und wieder wurde ein Rätsel gelöst. Ich freue mich.

 

Knufinkes Knoblauchbeeren


Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden. Diesen klugen Satz soll angeblich Jonathan Swift gesagt haben.

Es gibt nur recht wenige Wege, das Älterwerden zu vermeiden. Unter ihnen ist allerhöchstens eine Verlangsamung des Alterungsprozesses erstrebenswert.

Die Firma Paul Knufinke, Chemische-Pharmazeutische Präparate aus Wuppertal-Barmen hat sich ab 1924 dem Kampf gegen das zu schnelle Altern verschrieben. Ich habe dazu eine kleine Webseite gefunden, auf der ein Sammlerkollege ein Prospekt der Firma Knufinke zu ihren Knoblauchbeeren der Marke „immer jünger“ bewirbt. seht hier.

Knoblauchbeeren, später Knoblauchpillen, gibt es noch heute. Sie scheinen durch die Inhaltsstoffe des Knoblauchs zu helfen ohne den unangenehmen Geruch mitzubringen. Das ist erfreulich.

Zurück zu Knufinke. Ein sehr langes Werbeplakat habe ich auf dem Dachboden gefunden. Es wurde offenbar nie benutzt. Dies zu tun, wird in meinen Augen durch das höchst ungeschickte Layout nicht befürwortet. Offenbar hatte der Designer damals noch nichts von Kerning gehört. Aber er hat es wenigstens versucht. Die Erwähnung des Produktnamens oder der Herstellerfirma kann in meinen Augen auch enorm zum Umsatz beitragen. Auch das wurde vergessen.

 

Zur Datierung: Da die Marke „Immer jünger“ 1924 auf den Markt kam und die verwendete Schreibschrift bis in die frühen 1930-er Jahre sehr beliebt war, schätze ich das Plakat auf diese Zeitspanne.

 

Verband der weiblichen Handels- und Büroangestellten


Gewerkschaftliche Organisation der Angestellten und Arbeiter ist wichtig, um die Rechte der Arbeiter in Betrieben, Fabriken und Büros durchzusetzen. In Deutschland gibt es seit 1329 gewerkschaftsähnliche Zusammenschlüsse und seit 1848 organisierte Gewerkschaften. Einen Aufschwung erfuhren Gewerkschaften nach der Gründung der Weimarer Republik ab 1919 und erstarkten bis zur Machtübernahme und Gleichschaltung durch die Nazis. Das war am 2. Mai 1933. An diesem Tag gingen alle Gewerkschaften in der Deutschen Arbeitsfront auf.

Ein frühes Mitglied des 1919 gegründeten Verbandes der weiblichen Handels- und Büroangestellten war die um mehrere Ecken irgendwie verwandte Emmy Heinemann. Sie war sogar bereits im Jahr 1911 Mitglied eines gewerkschaftlichen Verbandes. Dessen Namen konnte ich jedoch nicht herausfinden.

Dafür hat sie uns einige ihrer Mitgliedskarten hinterlassen.

 

Ab 1925 RM 2,00, ab Mai 1926 RM 3,00 und schließlich ab Juni 1928 satte RM 3,50 Monatsbeitrag. Die sind dann allerdings bis Ende 1932 konstant geblieben.

 

Auf der Rückseite der Mitgliedskarte wurden (mehr oder weniger) freiwillig entrichtete Beiträge für die Wohlfahrt geklebt.

 

Weiter geht es im Querformat ab 1933.

 

Berlin-Wilmersdorf, Trautenaustraße 11 b/ Sendig

Ab 1933 konnte neben dem Gewerkschaftsbeitrag auch eine Renten-Versicherung abgeschlossen werden. Emmy hatte offenbar keine. Sie blieb bei ihren RM 3,50 pro Monat.

 

Doch, zack, kaum war die oben erwähnte Gleichschaltung unter der NS-Führung vollzogen, stieg der Monatsbeitrag. Auf RM 4,00 und gleich ein Quartal später noch einmal um 20 Pfennige.

 

1935 war man bereits bei RM 4,40 – allerdings griff zu dieser Zeit wahrscheinlich schon das Programm zur Steigerung der Einkommen. Ich glaube, ich hatte das im Beitrag über das Eiserne Sparen schon einmal erwähnt.

 

Bei Lesen der Regeln für alle Verbandsmitglieder wird nun auch deutlich, wieso Emmys Beitrag stetig stieg: Der Mitgliedsbeitrag ist jeweils monatlich im voraus zahlbar, und richtet sich nach der Höhe des Einkommens.

In der Urlaubszeit werden Gemeinschaftsreisen veranstaltet, auch Wochenendfahrten und Wanderungen finden statt.

Das Sommerfrischenverzeichnis des Verbandes weist gute Pensionen nach.

 

Noch mehr Regelungen:

 

Eigenwerbung auf der Rückseite des Mitgliedsbüchleins zeigt Erholungsheime aus dem Urlaubsangebot des Jahres 1932.

 

Die Wichtigkeit der Arbeitnehmererholung wurde früh erkannt und preiswerte Angebote für Familienurlaube auch in der nationalsozialistischen Zeit sowie später in der DDR geschaffen.

 

Als ebenso ordnungsliebende, wie den Ämtern mißtrauende Person, hat Emmy Heinemann übrigens alle Einzahlungsquittungen aufbewahrt um im Bedarfsfall die geleistete Einzahlung auf das Postscheckkonto (links) bzw. an der Verbandskasse (rechts) nachweisen zu können.

 

Die Gute ist übrigens ganz schön alt geworden. Ich glaube, sie ist erst zu Beginn der 1980-er Jahre gestorben. Bei Jahrgang 1890 kam da schon einiges an Lebensalter zusammen. Ob sich ihre Einzahlungen ausgezahlt haben, weiß ich nicht. Die kurze Zeit, die ich sie kannte, hat sie in sehr einfachen Verhältnissen gewohnt.

Nivea-Creme und eine Synagoge


Der Inbegriff für Hand- und Gesichtscreme im mitteleuropäischen Raum ist die NIVEA-Creme. Seit ihrem ersten Auftritt im Jahr 1911 ist das Design der Blechdose mehrfach geändert worden. Jedoch schon immer enthielt sie den Emulgator Eucerit®, ein Wollwachs aus Schafwolle. (mehr Info dazu im Wikipedia-Artikel zu Eucerit)

 

Nivea (wegen der schönen weißen Farbe nach dem lateinischen Adjektiv niveus – das Schneeweiße – benannt) ist eine der drei großen Zugpferde der Beiersdorf AG. (die anderen beiden sind Labello und Tesa)

 

In einem meiner Patentbücher aus dem Jahr 1940 kann man zwei Werbemuster für den italienischen Markt finden, registriert für die Zeit von 1938 bis 1958.

Trademark-Verzeichnis 1940 Nivea

 

Etwas später in diesem Jahr, nämlich am 28. Dezember 1940, ließ sich die Chemische Fabrik Pilot AG in der Schweiz die Markenrechte für Nivea eintragen. Trademark-Verzeichnis 1940 Nivea

 

Was hat die Pilot AG mit Beiersdorf zu tun? Man könnte vermuten, nicht viel. 1940 tobte der zweite Weltkrieg und nicht jeder war Deutschland wohlgesonnen. Wer also nicht mit den Deutschen Geschäfte machen wollte, konnte stattdessen mit der Schweizer Pilot AG Handel treiben. Daß sie zufällig zu 100% Beiersdorf gehörte und zu keiner Zeit auch nur ein Beiersdorf-Produkt hergestellt hat, kann man hier nachlesen.

Ein nicht uninteressanter Punkt in der Firmengeschichte von Beiersdorf ist die Tatsache, daß die 1882 vom Apotheker Paul C. Beiersdorf gegründete Firma bereits 1890 vom Apotheker Oscar Troplowitz gekauft wurde. Er verhalf, nicht zuletzt durch das erworbene Patent zum oben genannten Eucerit, der Firma zum Erfolg.

Oscar Troplowitz stammte (wie übrigens auch Lukas Podolski) aus dem schlesischen Gleiwitz, der Stadt, die 1939 durch einen fingierten Überfall auf den Radiosender, der als Vorwand zum Beginn des Zweiten Weltkrieges verwendet wurde, in die Geschichte eingehen sollte. Er gehörte zu einer wohlhabenden jüdischen Familie. Der Vater, ein Baumeister und Besitzer eines Bauunternehmens, erbaute im Jahr 1861 die Neue Synagoge.

Aktiv am jüdischen Leben in Gleiwitz teilhabend, erhielt Familie Troplowitz sicher gelegentlich Post vom Gemeinde-Vorstand. Um offizielle Briefe zu versiegeln und ihre Unversehrtheit bis zum Empfang nachzuweisen, wurden Siegelmarken verwendet. So auch vom Vorstand der Synagogen-Gemeinde zu Gleiwitz.

Und weil die irgendwie ein bißchen wie eine Dose NIVEA-Creme aussieht, zeige ich sie euch hier gleich noch.

 

Nun wisst ihr wieder etwas mehr über euer Lieblings-Pflegeprodukt, daß Namen nicht immer das sind, was sie verheißen und wie eine Firma zu internationalem Ruhm kommen kann, obwohl der Namensgeber schon lange nicht mehr dabei ist. (Gab es da nicht auch eine Automarke?)

 

Von Streichhölzern, einem Börsenskandal und einer Handyfirma


Familie Fugger hatte im 16. Jahrhundert eine prima Idee, wie man nicht nur Geld verdienen, sondern so richtig Geld verdienen konnte. Man lieh den hochverschuldeten Fürsten dringend benötigtes Geld, verzichtete auf eine Rückzahlung und ließ sich stattdessen ein Handels-Monopol übertragen oder das Privileg, als einziger bestimmte Bodenschätze ausbeuten zu dürfen. Das geliehene Geld bekamen die Fuggers auf diese Weise vielfach zurückgezahlt.

Warum sollte das, was damals funktioniert hat nicht auch 400 Jahre später noch funktionieren? Man nehme einen Kredit in einem reichen Land wie den USA auf, gebe einem durch den verlorenen Ersten Weltkrieg finanziell schlecht stehendem Land wie Deutschland einen Kredit und erbitte sich dafür das Monopol an einer belanglosen Ware des täglichen Lebens.

Ivar Kreuger aus Stockholm hat sich für Streichhölzer entschieden. (Holz gab es in Schweden genug, ein Umstand, den sich einige Jahre später auch sein Landsmann Ingvar Kamprad zu nutze machte und Löcher in Baumteile bohrte um sie anschließend als Puzzle an Menschen zu verkaufen, die versuchten, sich daraus Möbel zu basteln.)

 

Durch stete Zukäufe schuf Herr Kreuger ein weltumspannendes Streichholz-Imperium, dem (Wikipedia:) in den 1930er Jahren rund 150 Tochterfirmen mit 260 Fabriken und 750.000 Mitarbeitern angehörten und das in 33 Ländern den Zündholzmarkt und damit etwa drei Viertel der Weltproduktion kontrollierte. Daneben gehörten Kreuger eine Vielzahl an Berg- und Verhüttungswerken, ein großer Teil der schwedischen Papierindustrie mitsamt den dazugehörigen Wäldern und seit 1930 auch die Mehrheit der Telefonfirma Ericsson. Nicht schlecht. Wer die gesamte Geschichte des Herrn Kreuger inklusive einiger Details seines Selbstmordes kurz bevor das ganze Konstrukt in sich zusammenbrach, der klickt hier.

Wie ihr oben sehen könnt, habe ich damals, es war der 1. Juli 1928, auch Aktien dieses Senkrechtstarters gekauft. Die Unterschriften der beiden Namensgeber der Firma Ivar Kreuger und Paul Toll findet ihr übrigens links und rechts an zweiter Stelle.

Das internationale Flair der Aktie findet ihre Fortsetzung auf der Innenseite, wo derselbe Text wie vorn in französisch und deutsch, hier noch einmal in schwedisch und englisch abgedruckt ist.

 

 

Unmittelbar nach dem Suizid des Chefs ging die Firma den Bach runter. Dadurch lohnte auch der Gang zur Bank nicht mehr, denn die Dividenden wurden nicht mehr gezahlt.

 

Meine Aktie hat übrigens zuerst einer holländischen Firma gehört. Die scheint sich mit ihren Spekulationen etwas vertan zu haben.

 

Um sich ein Streichholz zu kaufen und die Bude anzuzünden wird es trotzdem gereicht haben. Die Zündhölzer gab es ja für kleines Geld an jedem Kiosk zu kaufen.

Die Spiegel-Rubrik „einestages“ hat Herrn Kreuger hier einen schönen Artikel gewidmet. Dieser schließt mit den Sätzen: Das Imperium überlebte den Tod seines Gründers nur kurze Zeit. Nach Bekanntwerden der Ungereimtheiten im Finanzgebaren stießen die meisten Anteilseigner ihre Aktien ab. Der so ausgelöste Börsencrash ging als „Kreuger-Crash“ in die Wirtschaftsgeschichte ein. Wie ein Streichholz knickten Kreugers gewagte und undurchsichtige Finanzkonstruktionen ein. In den USA wurde in Folge von Kreugers Aufstieg und Niedergang eine strengere Finanzaufsicht eingeführt.

 

Viele von euch kennen sicher sogar noch Produkte des Herrn Kreuger. Wenn auch der Chef aus dem Leben geschieden ist, bestanden seine Monopole noch lange weiter. Das in Deutschland erteilte Zündwarenmonopol beispielsweise lief erst am 15. Januar 1983 aus. Bis dahin wurde die Bundesrepublik von diesen Produkten der Svenska Tändsticks AB (STAB) überschwemmt und erleuchtet:

„Welthoelzer DZMG“ von de:Benutzer:Niemayer – German Wikipedia. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Welthoelzer_DZMG.jpg#/media/File:Welthoelzer_DZMG.jpg

Und, habe ich zu viel versprochen? Welthölzer kennt jeder, oder?

 

 

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 100 Followern an

wen interessiert's?

  • 350.963 Klicks (bis jetzt)

Menü

Member of The Internet Defense League

aus dem Archiv

Blick in die Parallelwelt: Moppis Reise-Blog

Wanderung durch das Bjørndal und auf den Vogelfelsen

Heute, am 26.7. ging es zur (Geburtstags-)Feier des Tages auf eine Wanderung ins Gebiet außerhalb der befriedeten Zone. Ab hier darf man nur mit ortskundiger Person und Waffe unterwegs sein. Auf Spitzbergen gibt es 2500 Einwohner und 3500 Eisbären. Unsere beiden Führer Doreen, die ursprünglich aus Stralsund kommt und Rønar, ein Einheimischer, waren uns eine […]

Husky Tour – 25. Juli 2015

Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

%d Bloggern gefällt das: