Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

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Gesunde Haare – glanzvolles Leben


Haare können an den richtigen Stellen überaus hübsch anzusehen sein. Leider spielt die Natur nicht immer mit und die Haare fallen aus oder wachsen an Stellen, wo sie nicht hingehören.

Damit die Haare auf dem Kopf der Dame von Welt wenigstens das Auge des Mannes (und der Konkurrentinnen) erfreuen, hat mein Uropa, der Apotheker Gustav Lange seinerzeit ein Tannikum zur Pflege der Haare erfunden.

Der Begriff Tannikum ist heute scheinbar nur noch in der russischen Sprache gebräuchlich und bezeichnet eine Lösung oder Tinktur. Google hält sich ansonsten sehr bedeckt. Tonikum hingegen wird von Herrn Duden als Gesichts- oder Haarwasser geführt. Das lässt mich vermuten, daß Tannikum ein älteres Wort ist, das in der deutschen Sprache im Laufe der Zeit dem Tonikum weichen musste.

Wozu war nun Apotheke Lange’s Haar-Tannikum gut? Lesen wir selbst:

Reinigt die Kopfhaut und erhöht ihre Tätigkeit, wirkt stärkend auf den Haarwuchs und ist das beste Mittel gegen das Ausfallen der Haare. Mit einem Teelöffel voll davon wäscht man des Abends die Kopfhaut.

Geht Ihr Haar aus? Leiden Sie an Kopfschuppen? Wenn ja – machen Sie einen Versuch mit Apotheker Lange’s erfolgreichem Haarpflegemittel. Preis pro Flasche 1,75 Mark

Da es von diesen Etiketten relativ viele gibt, wurde das Tannikum offenbar in einer größeren Menge zusammengerührt.

Wie der Zufall es will, habe ich im geheimnisvollen Buch mit den Zusammensetzungen der entwickelten Tinkturen, Wässerchen, Salben und Pulver

auch das Rezept des Haar-Tannikums gefunden.

Leider kann ich die Schrift meines Uropas eher schlecht lesen. Es reicht nur für:

  • 1000 Teile Spiritus
  • 4000 Teile Aqua
  • Darin auflösen
  • 8 Teile Chinin …..
  • 40 Teile irgendwas Carboniges
  • füge hinzu
  • 140 Teile Tinct …..
  • 200 Teile Glycerin
  • 20 oder 90 Teile geheimnisvolles Sonstwas
  • noch etwas in der Verdünnung 1:20 und davon 40 Teile
  • Eau de Cologne
  •  zum Schluß etwas, das hoffentlich nicht Morphium ist, aber ähnlich aussieht.

Fertig ist eine wahrscheinlich einigermaßen gut riechende Flüssigkeit, dank der die Haare wie verrückt gewachsen sind und geglänzt haben, daß es nur so seine Art hatte.

Der Begriff Tonikum führt meine Gedanken zum Tonic, einem kohlensäurehaltigen (karbonisierten) Getränk mit Chinin als Hauptwirkstoff. Ich werde im Selbstversuch testen, ob bei übermäßigem Genuss von Tonic Water Haare auf meiner Zunge wachsen.

Zu guter Letzt: das bekannteste Tonic-Water hierzulande stammt wahrscheinlich aus dem Hause Schweppes. Dazu hatte ich euch ja hier schon einmal interessante Dinge verraten.

Mehr Artikel über Haare gibt es hier.

 

Verband der weiblichen Handels- und Büroangestellten


Gewerkschaftliche Organisation der Angestellten und Arbeiter ist wichtig, um die Rechte der Arbeiter in Betrieben, Fabriken und Büros durchzusetzen. In Deutschland gibt es seit 1329 gewerkschaftsähnliche Zusammenschlüsse und seit 1848 organisierte Gewerkschaften. Einen Aufschwung erfuhren Gewerkschaften nach der Gründung der Weimarer Republik ab 1919 und erstarkten bis zur Machtübernahme und Gleichschaltung durch die Nazis. Das war am 2. Mai 1933. An diesem Tag gingen alle Gewerkschaften in der Deutschen Arbeitsfront auf.

Ein frühes Mitglied des 1919 gegründeten Verbandes der weiblichen Handels- und Büroangestellten war die um mehrere Ecken irgendwie verwandte Emmy Heinemann. Sie war sogar bereits im Jahr 1911 Mitglied eines gewerkschaftlichen Verbandes. Dessen Namen konnte ich jedoch nicht herausfinden.

Dafür hat sie uns einige ihrer Mitgliedskarten hinterlassen.

 

Ab 1925 RM 2,00, ab Mai 1926 RM 3,00 und schließlich ab Juni 1928 satte RM 3,50 Monatsbeitrag. Die sind dann allerdings bis Ende 1932 konstant geblieben.

 

Auf der Rückseite der Mitgliedskarte wurden (mehr oder weniger) freiwillig entrichtete Beiträge für die Wohlfahrt geklebt.

 

Weiter geht es im Querformat ab 1933.

 

Berlin-Wilmersdorf, Trautenaustraße 11 b/ Sendig

Ab 1933 konnte neben dem Gewerkschaftsbeitrag auch eine Renten-Versicherung abgeschlossen werden. Emmy hatte offenbar keine. Sie blieb bei ihren RM 3,50 pro Monat.

 

Doch, zack, kaum war die oben erwähnte Gleichschaltung unter der NS-Führung vollzogen, stieg der Monatsbeitrag. Auf RM 4,00 und gleich ein Quartal später noch einmal um 20 Pfennige.

 

1935 war man bereits bei RM 4,40 – allerdings griff zu dieser Zeit wahrscheinlich schon das Programm zur Steigerung der Einkommen. Ich glaube, ich hatte das im Beitrag über das Eiserne Sparen schon einmal erwähnt.

 

Bei Lesen der Regeln für alle Verbandsmitglieder wird nun auch deutlich, wieso Emmys Beitrag stetig stieg: Der Mitgliedsbeitrag ist jeweils monatlich im voraus zahlbar, und richtet sich nach der Höhe des Einkommens.

In der Urlaubszeit werden Gemeinschaftsreisen veranstaltet, auch Wochenendfahrten und Wanderungen finden statt.

Das Sommerfrischenverzeichnis des Verbandes weist gute Pensionen nach.

 

Noch mehr Regelungen:

 

Eigenwerbung auf der Rückseite des Mitgliedsbüchleins zeigt Erholungsheime aus dem Urlaubsangebot des Jahres 1932.

 

Die Wichtigkeit der Arbeitnehmererholung wurde früh erkannt und preiswerte Angebote für Familienurlaube auch in der nationalsozialistischen Zeit sowie später in der DDR geschaffen.

 

Als ebenso ordnungsliebende, wie den Ämtern mißtrauende Person, hat Emmy Heinemann übrigens alle Einzahlungsquittungen aufbewahrt um im Bedarfsfall die geleistete Einzahlung auf das Postscheckkonto (links) bzw. an der Verbandskasse (rechts) nachweisen zu können.

 

Die Gute ist übrigens ganz schön alt geworden. Ich glaube, sie ist erst zu Beginn der 1980-er Jahre gestorben. Bei Jahrgang 1890 kam da schon einiges an Lebensalter zusammen. Ob sich ihre Einzahlungen ausgezahlt haben, weiß ich nicht. Die kurze Zeit, die ich sie kannte, hat sie in sehr einfachen Verhältnissen gewohnt.

Blattsilber


Teil 2 dieser Themenwoche mit dem Thema „Zettelkram“ zwischen den Seiten des Geschäftsbuches des Arnstädter Goldschmieds Adolph Tresselt soll heute ein relativ unspektakuläres Blättchen Silber sein.

 

Es kam mir bei der Sichtung des Geschäftsbuches entgegengeflattert und ich wollte es eigentlich schon wegwerfen, da ich es für Reste von Einwickelpapier hielt.

Blattsilber ist nichts weiter, als plattgewalztes Silber. Es wurde verwendet, um Metallwaren nachträglich zu versilbern. Allerdings dürfte die Verwendung von Blattsilber nur für Gegenstände praktikabel gewesen sein, die keiner großen Belastung ausgesetzt waren, also Bilderrahmen, Lampen, Statuen etc. Für Gebrauchsgegenstände wie Besteck dürfte Blattsilber nicht haltbar genug gewesen sein.

Ob es sich beim oben gezeigten Blatt tatsächlich um Blattsilber oder um die preiswerteren Alternativen Blattstanniol oder eine Zinn-Zink-Legierung handelt, kann man übrigens recht einfach feststellen, indem man das Metall der Luft aussetzt und gegebenenfalls etwas an der Oberfläche schabt. Unter Einwirkung von Sauerstoff färbt sich das Silber dann schwarz. Um dies zu vermeiden wurde Blattsilber früher mit einer hauchdünnen Wachsschicht überzogen.

Ich habe das nicht gemacht. Stattdessen habe ich die beiden Pergaminblätter wieder an ihren Platz gerückt und das Blatt an seinen alten Wohnort im Buch gelegt. Die Materialprüfung kann dann in 100 Jahren jemand anderes übernehmen.

Boxkämpfe


Es gibt wieder eine Themenwoche. Diese Woche stelle ich euch jeden Tag eines von sieben Ausstellungsstücken vor,  deren Gemeinsamkeit darin besteht, ihr Dasein der letzten 80 bis 100 Jahre zwischen den Seiten des bereits vor einigen Monaten vorgestellten Geschäftsbuches des Arnstädter Goldschmieds Adolph Tresselt gefristet zu haben.

Ich beginne mit einem Programmzettel für eine Boxveranstaltung. Datiert auf den 24. November 1928 wurden neun Boxkämpfe aller gängigen Gewichtsklassen angekündigt.

 

Lediglich ein Ergebnis wurde verzeichnet. Im Bantamgewicht siegte Herr Walter von der Boxabteilung Sport-Verein Arnstadt e.V. (A) gegen Herrn Gerlach von der Boxvereinigung Heros Nordhausen (N).

Möglicherweise ein Freund des Herrn Goldschmieds.

Mit Gott – Geschäftsbuch eines Goldschmieds – 1905 bis 1931


Vor zehn Wochen habe ich euch versprochen, zum Tagebuch des Goldschmieds Adolph Tresselt auch das zweite seiner Geschäftsbücher nachzureichen. Das passiert heute.

Der Grund, warum ich so lange damit gezögert habe ist der wesentlich größere Umfang, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

 

Damals üblich, heute vermutlich höchstens noch in Bayern möglich, wurde das Buch mit einer schönen Vignette und dem Aufruf „Mit Gott!“ eingeleitet.

 

 

Das Format der Einträge ist recht einfach nachzuvollziehen. Zu Beginn gibt es einige Seiten, die jeweils einem Geschäftspartner gewidmet sind. Den Einträgen zufolge hat unser Herr Tresselt Aufträge anderer Geschäftsleute, wahrscheinlich Juweliere ausgeführt. Ich zeige euch die Einträge für Herrn Christoph Becker, einen Goldwarengroßhändler aus Dresden, Wilsdrufferstraße 9.

 

 

Als sparsamer und gewissenhafter Geschäftsmann nutzte man jedes Stück freie Seite aus – wie z.B. nach Erlöschen der Geschäftspartnerschaft mit Firma Becker und fertigte auf der übrigen halben Seite Kopien von abgesandten Briefen an. Hier zwei Briefe von 1917, also 9 Jahre später.

 

Versicherungen:

 

Detail:

 

Wie weit die Gewissenhaftigkeit ging, sehen wir auf dieser Seite, die ich euch im Anschluß abgeschrieben habe:

Mutter hat an Wäsche erhalten:

14. Juni – 7 weiße Taschentücher, 1 rotes, 1 grünes Taschentuch, 4 Tricothemden, 1 graue Hose, (irgendwelche) Kragen

Raggs Waschanstalt:

23. August 1920: 3 Stück Bettücher, 2 “ Bettbezüge, 3 “ Kopfkissenbezüge, 1 “ Steppdeckenlaken, 1 Oberhem mit Piqué-Einsatz

zurück erhalten am 3. September 1920, Betrag Mk 10,05

 

 

Hier beginnt das eigentliche Kassenbuch:

Im Januar 1921 wurden Ausgaben verzeichnet, wie z.B. am 1. Januar eine Rückzahlung über Mk 50,- an die uns schon bekannte Tante Toni und eine Ausgabe für Pneumatik an ihren Ehemann Rudolf.

Am 4. wurde ein Brod für 4,70 gekauft.

Am 11. (rot unterstrichen) musste ein neuer Glühstrumpf gekauft werden. Was das ist? Seht hier.

Milch, Bückling, Semmeln, Zucker, Brötchen, Nudeln, Fett, 2 Pfund Marmelade, Butter – er hat wirklich alles aufgeschrieben.

 

Februar 1921

Schaut euch mal die Rechnung am linken Rand an. Kann jemand herausfinden, was dort addiert wurde? Es sind fast die Beträge aus den rechten Spalten, aber eben nur fast.

 

März 1922 – Die Preise fingen im Schlepptau der Reparationszahlung nach den verlorenen Ersten Weltkrieg an zu steigen.

 

Springen wir zum November desselben Jahres, sehen wir, wie die ersten vier Wochen der beginnenden Hyperinflation sprichwörtlich zu Buche schlugen. Innerhalb der letzten 12 Monate war der Wert der Mark auf ein Zehntel gefallen. Eine Mark war somit nur noch 10 Pfennige wert.

 

Der Dezember brachte erneut eine Verdopplung der Einnahmen und die Spalte am linken Rand begann eng zu werden. Am 13. und 18. 12. war ein Brod noch für 252 Mark zu haben.

 

 

Januar 1923 – Brod 266 bis 450 Mark, auch hier ging es an’s Eingemachte. Am 9. amerik. Dollar für 8800 Mark eingetauscht, am 26. zwei Krönungstaler auf dem Postamt für 9000 Mark eingewechselt.

 

 

Februar 1923 – Brod 550, ein Brathering 500, Chocolade 2000 und zwölf Pfannkuchen 1200 Mark

 

Mai 1923 – Brod 690 und 760 Mark

 

 

Im Juni 1923 wurden die Nullen in den Preisen nochmals mehr, Brod 2280 bis 2620 Mark

 

 

Juli 1923 – Brod 3720, 2 Semmeln, 2000 Mark

 

Irgendwann war die Inflation überstanden, es gab neues Geld und das Leben ging weiter. Allerdings pegelten sich die Aufträge auf niedrigerem Niveau ein. 1927 reichte eine Seite schon für zwei Monate.

 

 

Zwischen den Seiten findet sich hier und da so manche Notiz.

Da mein Schreiben vom 26. Juni bis jetzt unbeantwortet blieb, erlaube ich mir Ihnen einliegend 1 Tratto (Abschnitt) über mein Guthaben per Ende Februar 07 nach Abzug von 10 % auf brutto Mk 190,30 netto per 31.7.07 zu geben & bitte mir dieselbe mit Ihrem Receipt versehen baldigst retournieren zu wollen.

Hochachtend gez Steinwehr

Weiter hinten habe ich noch eine Geschäftspartner-Seite mit Eintragungen von 1906 gefunden. Ob eine Spazierstock-Fabrik heute noch florieren würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Das neuesten Einträge, die sich seltsamerweise nicht am Ende des Buches befinden, sind vom April 1931. Das hier jedoch als letztes eingetragen wurde, lässt das Löschblatt erahnen.

Weit hinten im Buch weitere Geschäftspartner:

Das Privat-Conto mit Unmengen von Vergleichspreisen. Wer sich dafür interessiert, wird hier fündig. 4. Mai 1921, 1 Brod 50 Pfennige

Weitere Ausgaben – man beachte am 14. Dezember 1916 Außergewöhnliches 1/3 Anteil für 6 Mk. Das dürfte ein Drittel-Los der Weihnachtslotterie gewesen sein. Am 21. und 31. 12. gibt es den Eintrag „Bad 60 Pfg.“. Hier ist Herr Tresselt wohl in eine Badeanstalt gegangen und hat ein Wannenbad genommen.

Zum Schluß dieses Artikels, obwohl das Buch noch viel mehr zu bieten hat, noch ein Beispiel des größten Desasters, daß einem Geschäftsmann widerfahren kann. Ein Fehlbetrag von Mk 25,06 in der Kasse.

 

Leistungsschau 1954 und eine interessante Abstimmung


Ein Begleitheft zur Leistungsschau 1954 im Landkreis Arnstadt soll unser heutiger Artikel des Tages sein.

Vom 12. bis 20. Juni 1954 war es so weit.  Drei Leistungsschauen wurden abgehalten um die Errungenschaften der volkseigenen DDR-Industrie und des Handels vorzustellen.

 

 

Ich stelle euch heute das Begleitheft zu den Veranstaltungen vor. Es gibt jede Menge interessante Dinge darin zu finden. Seht selbst:

 

Die erwähnte „Verwirklichung der Aufgabenteilung des neuen Kurses und der Verordnung unserer Regierung vom 17.12.1953“ beinhaltet nach meiner Erinnerung die Aufgabe, in allen Betrieben nicht nur die Kernprodukte herzustellen, sondern zusätzlich Dinge für den Bedarf des Volkes, sogenannte Massenbedarfsgüter.

Nehmen wir zur Erklärung den ersten ausstellenden Betrieb: Der VEB (Volkseigener Betrieb) Chem.(ische) Maschinenwerke, Rudisleben über Arnstadt ist ein ehemaliger SAG-Betrieb (SAG steht für Sowjetische Aktiengesellschaft, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in Ost-Deutschland gelegene Firmen zu Reparationszahlungen demontiert oder ab 1946 in SAGs umgewandelt. Damit floß der Gewinn dieser Betriebe direkt in die UdSSR. Die Firmen hatten die Möglichkeit, durch Anteilskauf die Firma wieder in Volkseigentum zu überführen. Die daraus resultierenden Unruhen in Zusammenhang mit der stetig erhöhten Produktionsziele sind bekannt. Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erließ die SMAD – die Sowjetische MilitärAdministration in Deutschland den Befehl, alle verbliebenen Betriebe ab dem 1. Januar 1954 in Volkseigentum zu überführen.)

Neben den eigentlichen Produkten wurden als Massenbedarfsgüter ein neu entwickelter Kühlschrank, ein Einweckapparat und ein Wäschetrockner in die Produktion aufgenommen.

Der zweite VEB auf dieser Seite, das Fernmeldewerk, hat in seine „beachtliche Konsumtionsgüterproduktion“ ebenfalls einen neu entwickelten Kühlschrank, einen Zigarrenabschneider und „X-Haken, nach denen bekanntlich eine sehr starke Nachfrage besteht“ aufgenommen.

 

Die volkseigene örtlichen Industriebetriebe hatten ähnlich lustige Massenbedarfsgüter in ihrem Angebot. Seht selbst:

 

 

VEB (K) Kühlanlagen Arnstadt wirbt mit dem Satz: „Den Kauflustigen werden die Lebensmittel in einer einwandfrei gekühlten Weise dargeboten.“

 

„Wer die Leistungsschau unserer volkseigenen örtlichen Industrie verlässt, hat den Eindruck gewonnen von der großen Kraft unserer Werktätigen, von ihrem unbändigen Willen, sich ein neues besseres Leben zu schaffen. In enger Zusammenarbeit mit der ganzen friedliebenden Menschheit, ständig lernend von den Erfahrungen der Werktätigen der Sowjetunion und der Volksdemokratien, werden Sie auch in Zukunft ihr Bestes tun, bis das große Ziel unseres ganzen Volkes im Osten und Westen – das geeinte, friedliebende und demokratische Vaterland – erreicht ist.“

Noch mehr schöne Reden gibt es auf der rechten Seite.

Weiter mit örtlichen Handelsbetrieben:

Hier gibt es ein schönes Beispiel, wie aus Produktionsresten Güter für den Massenbedarf hergestellt wurden.

Das Eisenwerk Arnstadt, sonst für die Produktion von  Bremsklötzen usw. zuständig, stellte aus Resten Ruhebänke her.

Den Vogel schießt allerdings der VEB Thüringer Bekleidungswerke, Werk IV Arnstadt ab. Er ist mit Kinderkleidern, Backfischkleidern und Damenmänteln auf der Schau vertreten. 

 

 

Zusammenfassend noch dies:

 

Wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben! (Frida Hockauf)

 

Die Krönung dieses Heftchens ist allerdings der Beschluß auf den letzten Seiten. Der DDR und ihrem großen Bruder stand der EVG-Vertrag der westlichen Staaten im Weg, das Ziel der deutschen Wiedervereinigung durchzusetzen. Mehr zum EVG-Vertrag lest ihr am besten hier. Der Beschluß selbst ist auch lesenswert.

Man beachte die rechte Seite: „Die 1250-Jahr-Feier Arnstadts ist ein Bekenntnis für den Appell der Volkskammer der DDR – Für die Volksbefragung – für den Friedensvertrag und den Abzug der Besatzungstruppen, gegen den EVG-Vertrag, Generalvertrag und Belassung der Besatzungstruppen auf 50 Jahre.

Darunter der Aufruf zur Abstimmung.

Und hier ist der Abstimmungszettel zur Volksbefragung:

Falls mir jemand verraten kann, welcher Kreis für welche Stimme gedacht war, bin ich ihm dankbar.

Dafür, dagegen, ja, nein, vielleicht, rot, gelb, grün?

 

 

Das Ergebnis dürfte bekannt sein. Der Westen hat sich wiederbewaffnet, der Osten hat nachgezogen. Die Wiedervereinigung ist etwas in den Hintergrund gerückt und mit ca. 40 Jahren Verspätung eingetroffen, dann allerdings nicht zu den erhofften Konditionen der Ost-Mächte.

 

 

The Day after – Der erste Tag nach dem Zweiten Weltkrieg


Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg für Deutschland und Europa. Die Nachkriegszeit war für alle schwer. Zerstörte Städte mussten auf-, Industriebetriebe als Reparation abgebaut werden. Viele Männer kamen aus dem Krieg nicht, verkrüppelt oder erst sehr spät zurück. Und nicht zuletzt musste der Staat wieder zum Laufen gebracht werden.

Meine Heimat, Thüringen, gehörte von April bis Juli 1945 zur amerikanischen Besatzungszone. Das wissen nicht viele, so war es aber. Wer sich für mehr Hintergrundinformationen interessiert, der kann bei der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen hier nachlesen. (die hatten bei mir schon mal angefragt, ob sie Dokumente aus meinem Museum in einer Veröffentlichung abbilden dürfen)

Unser heutiges Museumsexponat stammt vom 9. Mai 1945, also vom ersten Tag, an dem in Europa wieder Frieden herrschte. Die amerikanische Militärregierung in Deutschland (Military Government of Germany) begann mit der Registrierung aller Einwohner, notierte Adresse und Beruf und rundete alles mit einem Fingerabdruck des rechten Zeigefingers ab.

 

 

Ein interessantes Detail: Da diese Registrierungskarten häufigen Gebrauch möglichst unbeschadet überdauern sollten, gewebehaltiges Dokumentenpapier aber rar war, kam man auf die Idee, die Rückseite der Landkarten der US-Army zu bedrucken. Man war durch Frankreich und Süddeutschland einmarschiert. Die Rückreise würde geordneter verlaufen. Also brauchte man diese Militärkarten nicht mehr.

Blättert man die Registrierungskarte um, sieht man nicht nur die angeheftete zweite Seite mit Informationen zur Wehrmachtszugehörigkeit, Mitgliedschaft in NSDAP oder anderen nationalsozialistischen Organisationen (Tante Elli war 1939 in der DAF, der Deutschen Arbeits-Front), sondern kann links die Rückseite der besagten Landkarte sehen.

 

Das habe ich euch nochmal hier fotografiert.

Wer das Stück Frankreich nachschlagen möchte, schaut hier.

 

Historisch betrachtet endete der Zweite Weltkrieg übrigens nicht am 8. Mai, sondern am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans. Details hatte ich euch hier schon einmal geschildert.

Scheidemünzen 1848, 1858


Nach langer Pause gibt es heute mal wieder Geld.

Ich habe ein paar winzig kleine Münzen gefunden, die es mir wert sind, sie euch vorzustellen.

Scheidemünzen – was ist das eigentlich? Mit dem Begriff hat sich wahrscheinlich kaum einer meiner Besucher jemals befasst, vielleicht hat mancher das Wort schon einmal gehört, aber mehr auch nicht.

Eine Scheidemünze ist, kurz zusammengefasst, eine Münze, deren Metallwert geringer ist, als ihr geprägter Wert. Bestand früher beispielsweise eine Münze aus soviel Gold, wie man für einen Thaler kaufen konnte, und war ihr geprägter Wert 1 Thaler, dann war alles in Ordnung. Man hatte den exakten Gegenwert in der Hand und eine Ware, die dieser Menge Goldes entsprach, war durch die Münze adäquat bezahlt.

Und dann fing der Schummel an. Münzen wurden leichter, der geprägte Wert blieb gleich und man bekam für seine Ware weniger Wert in Gold, Silber oder anderen Metallen. Das System fußte auf Vertrauen. Das ganze ging irgendwann so weit, daß überhaupt kein Geld mehr benutzt wurde. Stattdessen gab es Papiernotizen auf denen geschrieben oder aufgedruckt stand „Dem Überbringer dieser Note wird von der Bank der Wert von 100 Goldmark in Gold ausgezahlt.“ Das war praktisch, weil Papier leichter war als Gold und man nicht so leicht Opfer von Räubern werden konnte. Irgendwann verschwand der aufgedruckte Spruch von den Banknoten und heute glauben noch immer viele, sie hielten Geld in der Hand, wenn Sie einen 100-Euro-Schein besitzen. In Wirklichkeit gibt es seit langer Zeit schon keine ausreichende Deckung für all die Geldscheine und gelegentlich fällt so ein System in sich zusammen und reißt den kleinen Mann mit sich. Das nennt sich dann Inflation.

Diese Münzen sind im Original winzig. Man kann den 1/2 Silber-Groschen links mit seinen 7 oder 8 Millimetern Durchmesser schon recht gut verlieren.

Für einen Wertvergleich ist eingeprägt „60 EINEN THALER“. 30 Groschen waren also ein Thaler. Was das genau für den Händler und den Kunden bedeutet, lest ihr hier. Dort wird auch die noch heute festgesetzte Begrenzung erklärt, mit wievielen Münzen euch ein Händler bezahlen darf bzw. wieviele er annehmen muß. Es sind in der Euro-Zone 50 Stück, egal ob Euro oder Cent. Ab der 51. Münze wäre euer Nachteil an Metallwert, verglichen mit dem geprägten Wert so hoch, daß die Annahme unredlich wäre.

 

 

 

 

Auf der Rückseite ist das Wappen und das Land eingeprägt: Fürstenth(um) Schwarzb(urg)-Sond(ershausen). Die Münzen wurden unter Graf Günther Friedrich Carl II. (1835-1880) geprägt. Den kennen wir schon aus diesem Artikel.

Die damalige Währung Thaler, Groschen, Pfennig wurde übrigens ab dem 1. Januar 1876 von Mark und Pfennig abgelöst. Näheres dazu kennt ihr bereits aus diesem Artikel.

Kontoauszüge und Banken-Service


Man muß wohl schon sehr alt sein um Zeiten zu kennen, in denen sich Banken durch Service ausgezeichnet haben. Heute fühle ich mich oft, als würden meine Bankgeschäfte und das zinslos überlassene Geld bei meiner Bank eher störend wirken.

Früher war alles besser, schöner und überhaupt …

Die Bank schickte selbst die Bestätigung für eingelöste Schecks per Briefboten nach hause.

 

 

 

Zwei dieser Einzahlungsquittungen habe ich euch heute rausgesucht: Die stammen aus dem November / Dezember 1920.

 

 

Lustig ist die Adresse: „Hier“.

Wann hat euch eure Bank zum letzten Mal geschrieben: „Wir benachrichtigen Sie hier durch ergebenst, daß wir Ihre nachstehend aufgeführten Schecks zu Lasten ihres werten Contos eingelöst haben.“?

 

Diese Einlösungen sollten an der richtigen Stelle in den Tagebüchern auftauchen. Das erste hatte ich euch hier schon gezeigt. Das zweite kommt noch.

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