Gruß aus Waldsee


Heute muss ich meinen Grundsätzen ein kleines bisschen untreu werden, da ich den Artikel, um den es heute geht leider nicht selbst besitze. Es besteht auch kaum eine Chance in den Besitz einer dieser Postkarten zu gelangen. Daher greife ich auf Sekundärliteratur zurück und erzähle euch die Geschichte zu diesem Artikel unter Zuhilfenahme eines Spiegel-Magazins vom 29. April 1964 in dem ich kürzlich ein wenig herum gelesen habe. (DER SPIEGEL war damals noch für 1 DM zu haben)

 

 

Die Grundsätze der Spiegel-Reporter -Redakteure kann in der Hausmitteilung nachlesen, wer mag:

 

Aber der eigentliche Artikel, um den es mir geht, beginnt erst auf Seite 38 dieser mit Werbung – allen voran Zigarettenmarken ohne Ende – überladenen Zeitschrift.

Im Sommer 1944 schickten 30.000 Ungarn jüdischer Abstammung Postkarten an ihre Verwandten und Bekannten. Darauf wurden Herzliche Grüße aus dem kleinen Ort Waldsee in Thüringen übermittelt. Zusätzlich wurden Neuigkeiten mitgeteilt wie „Bin wohlbehalten angekommen, arbeite im Fach.“, „Mir geht es gut. Ich arbeite.“ oder „Uns geht es gut. Kommt nach!“

Alle Karten hatten eine Gemeinsamkeit: Nie umfassten die Grüße mehr als 30 Worte.

Und alle Karten hatten noch etwas gemeinsam: Es gibt keinen Ort namens Waldsee in Thüringen. Denn alle Karten kamen aus dem Konzentrationslager Auschwitz.

Die besonders perfide Idee des SS-Führers Hermann Alois Krumey: Die Ungarn mussten unmittelbar vor ihrer Vergasung Karten schreiben, die den noch in Ungarn verbliebenen Juden Mut machen sollte, sich ebenfalls auf die Reise ins ferne Thüringen zu begeben um dort ein neues Leben zu beginnen. Auch sollte etwaigen Gerüchten über eine Ermordung von Juden entgegengetreten werden.

Trotz aller Bemühungen gelang es einigen Deportierten die Sache auffliegen zu lassen. Sie hatten hebräische Schriftzeichen auf die Karten gezeichnet, die für die SS-Bewacher aussahen wie Schnörkel.

Der Artikel ist hier nachzulesen. Ich hoffe nach knapp 51 Jahren ist das Copyright ausgelaufen und ich habe hier mit dem Verweis auf „DER SPIEGEL“ 18/1964 vom 29. April 1964 der Quellenangabe genüge getan.

 

Ja, so war das im Sommer 1944.

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I. G. Farbenindustrie


Im Igelit-Artikel vor einigen Wochen habe ich euch bereits über die dunkle Vergangenheit der I. G. Farben berichtet. Wer es damals nicht gelesen hat, sollte es auf jeden Fall nachholen.

Heute, am Freitag, dem 13. möchte ich euch zwei Aktien dieser in meinen Augen zu den finstersten Firmen aus Deutschlands Geschichte zählenden Interessengemeinschaft Farbenindustrie vorstellen.

Die erste wurde im Jahr 1939 emittiert. Sie ist eine von 25.000 ihrer Art über einen Stückwert von 100 Reichsmark und mit einer Laufzeit von 20 Jahren.

Wer das Kleingedruckte mag, liest hier die damaligen Anleihebedingungen:

Die Rückseite – ähnlich der Daimler-Benz-Aktie:

Auch einige Zinsscheine und der Erneuerungsschein sind noch da:

Wer sich neulich bereits die Geschichte der I. G. Farben im Zweiten Weltkrieg durchgelesen hat, dem empfehle ich heute, den Werdegang nach 1945 zu lesen. Besonders unschön ist ebenfalls die Nutzung der Nachfolgerin I. G. Farbenindustrie in Liquidation (bis 1955, danach i.A. in Abwicklung bis 31. Oktober 2012!!!). Dabei handelte es sich um eine Nachfolge-Aktiengesellschaft, deren Hauptaufgabe darin bestand, alte Ansprüche zu verwalten und die rechtliche Verantwortung zu übernehmen. Das Weiterbestehen der I.G. Farben erlaubte auch den daraus hervorgegangenen Chemieunternehmen, die Verantwortung für die während der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen weitgehend auszuklammern und dazu auf die I.G. Farbenindustrie AG i. A. zu verweisen. 

So sahen die Aktien dafür aus und ich bin tief betrübt, daß auf einer Aktie dieser Verbrecherfirma oben links der von mir so hochverehrte Justus von Liebig abgebildet ist.

Wen noch die Detailaufnahmen der 1939er Aktie interessieren, in der die zusammengeschlossenen Firmen aufgeführt sind der schaut hier:

links: Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrication Berlin (AGFA) – Mitte: Badische Anilin- und Soda-Fabrik Ludwigshafen a. Rh. (BASF) – rechts: Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer & Co. Leverkusen (Bayer)

links: Farbenfabrik vormals Meister Lucius & Brüning, Hoechst a. M. (Farbwerke Hoechst) – Mitte: Chemische Fabriken vormals Weiler – Ter Meer, Uerdingen a. Rh. – rechts: Griesheim Elektron Frankfurt a. M.

Zu Griesheim Elektron gab es zwei bekanntere Störfälle in den 1990er Jahren. Einer passierte am Rosenmontag 1993. Lest hier.

Und auch diese Aktien wurden wieder bei Giesecke & Devrient gedruckt.

Mit Vorsicht rangieren – Sprengstoff-Transport im Zweiten Weltkrieg


Aus dem Jahr 1944 stammt mein heutiger Artikel. Die Alliierten waren voll in den Zweiten Weltkrieg involviert, die Invasion in der Normandie stand bevor oder war bereits gestartet und die britischen Soldaten mussten kontinuierlich mit Waffen, Munition und Sprengstoff beliefert werden.

Und der kam aus den Munitionswerken im britischen Hinterland.

Um die Explosives (wie sie im englischen umschrieben werden) zu den Häfen und damit zu den Schiffen zum Festland zu befördern, wurde die Eisenbahn genutzt.

Die Great Western Railway hatte ihr Streckennetz – wer hätte das vermutet – im Westen Großbritanniens und lag damit strategisch günstig um die Häfen zu bedienen.

Damit Bahnmitarbeiter wussten, was in den Waggons befördert wurde, wurden an der Außenwand Schilder mit Informationen zur Ladung und zur Strecke angebracht.

Einen solchen (unbenutzten) Zettel habe ich heute für euch zum Artikel des Tages bestimmt.

Neben den freien Feldern um Datum, Zugnummer, Start- und Zielbahnhof und Ladung einzutragen, gibt es noch wichtige Hinweise, deren Beachtung entscheidend zum unversehrten Eintreffen des Zuges beigetragen haben dürften:

  • Place as far as practicable from engine, brake-van and vehicles labelled „inflammable“ (Platzieren des Anhängers so weit wie möglich entfernt von Lok, Bremsen-Wagen und Waggons mit der Aufschrift „entzündlich“)
  • This label to be used for Gunpowder and all other Explosives. (Schild zur Benutzung für Schießpulver und alle anderen Sprengstoffe)
  • Shunt with great care (mit großer Vorsicht rangieren)
  • Load and unload outside goods sheds (nur im Freien be- und entladen)

Eine kleine Geschichte zur Great Western Railway und speziell zu diesem Schild gibt es hier.

Der Krieg wurde ja letztendlich gewonnen, ohne daß dieser Zettel zum Einsatz kam. Da können wir uns alle glücklich schätzen, daß er die vergangenen 70 Jahre heil überstanden hat und nun in meinem Arbeitszimmer an der Wand hängen darf.

Und warum schreibe ich „Krieg gewonnen“ obwohl ich Mitglied des Verlierervolkes bin? Weil das Ende des Krieges ein Gewinn für alle war – selbst für Deutschland!

Und wieso kommt dieser Artikel genau heute? Am 27. Januar 2015 jährt sich zum 70. mal der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Unbestreitbar eines der dunkelsten Punkte deutscher Kultur. Dazu ein Literaturtipp, ein Buch, das nicht neu und im Mainstream des Jahrestages erschienen ist: Gunnar HeinsohnWarum Auschwitz.

Igelit


Was ist Igelit?

Igelit ist ein Weich-PVC der Firma I. G. Farben, die viele von euch sicher als Hersteller des Menschenvernichtungsmittels Zyklon-B, Arisierer der tschechischen Škoda-Werke oder als Betreiber der Bunafabrik zur Herstellung synthetischen Benzins in Auschwitz kennen. Manche bringen die I. G. Farben auch in Zusammenhang mit den guten Geschäftsbeziehungen mit der Standard Oil of New Jersey, besser bekannt als „Esso“, die selbst während der Nazizeit aufrechterhalten wurden. Andere wiederum wissen, daß die I. G. Farben für den spanischen Bürgerkrieg entscheidend zum tödlichen Angriff auf Guernica beigetragen hat, indem die von ihnen entwickelte Elektron-Thermit-Stabbrandbombe zum Einsatz kam.

Nach 1945 wurde die I. G. Farben von den Alliierten aufgelöst. Wurde sie das wirklich? Nein! Hier eine Liste der bekanntesten Firmen, die aus Teilen der I. G. Farben hervorgingen: Agfa, BASF, Bayer AG, Hoechst AG, Wacker Chemie und weitere.

Das alles könnt ihr z.B. bei Wikipedia nachlesen.

Aber was konnte man nun aus Igelit herstellen?

Zum Beispiel Wachstuch – diese glatten, oft geblümten Schutzdecken auf dem Küchentisch eurer Großeltern. Oder aber Spielzeug für Babys, wie diesen hübschen Hasen, auf dem schon meine Mutter im Babybett herumkauen durfte, nach ihr dann ich und irgendwann auch mein Kind.

Die schädlichen Weichmacher dürften über die vergangenen 70 Jahre verflogen sein. Sollte also jemand auch mal kauen wollen, meldet euch.

Zwei Aktien der I. G. Farbenindustrie aus den Jahren 1939 und 1953 könnt ihr hier anschauen.

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