Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

Vor 100 Jahren war Krieg


Heute wird ein Feldpostbrief, den ich euch vor einiger Zeit vorgestellt habe, 100 Jahre alt.

Da es im Moment einige Mitbürger gibt, die in diesem Land Angst um ihren kleinen Reichtum verspüren und Sätze wie: „Unter’m Kaiser und Adolf hätte es sowas nicht gegeben.“ laut und inbrünstig anstimmen, finde ich, die Zeit, diesen Brief noch einmal zu erwähnen, ist gekommen.

Hier findet ihr den Artikel. Lest euch den Brief durch. So erging es dem kleinen Mann, der von den Medien aufgeputscht wurde, den Erbfeind, den Russen, Engländer oder Franzosen zu bekämpfen. Der Russe, der Engländer, der Franzose – immer brav im Singular bezeichnet, damit waren die Unmengen Männer der unteren Schichten aus aller Herren Länder gemeint, die über nicht ausreichende Bildung verfügten, sich eine objektive Meinung zu bilden, oder Gebildete die schlichtweg fanatisiert waren.

Dazu habe ich im Bundesarchiv dieses Foto Berliner Studenten am Tag der Verkündung der Mobilmachung gefunden:

 

Auf einem deutschen U-Boot kurz vor Kriegsende


Am 6. April 1945 war der Krieg schon lange verloren. Jeder wusste es, niemand durfte es laut sagen und ganz heimlich hofften einige noch immer auf die von Dr. Goebbels angekündigte Wunderwaffe.

Die Soldaten hatten einen schweren Stand. Weit entfernt von der Heimat, sinnlose Aufgaben und keine Chance, den ganzen Kram hinzuwerfen und einfach nach hause zu gehen.

Ähnlich erging es wahrscheinlich auch Fritz Horn, Maschinenobergefreiter (Masch. Ob. Gefr.) auf einem U-Boot, dessen Nummer wir leider nicht erfahren.

 

Er schrieb am 6. April, also einen Monat vor der Kapitulation Nazideutschlands an seine Eltern einen Brief, den ich euch heute zeigen möchte:

 

an Bord, den 6.4.45

Liebe Eltern!

Nun will ich auch wieder ein paar Zeilen an Euch schreiben, mir geht es wie immer gut. Ostern haben wir auch gut hinter uns, ein paar tage waren wir im Schlaraffenland (Dänemark)

hat uns ganz gut getan.

Gotenhafen ist für uns nun hinfällig, wir sind jetzt wieder weiter südlich! Dort wo wir voriges Jahr im Sommer waren. Das Wetter ist im Augenblick wie der Krieg, es wird aber bald wieder Sonnenschein sein, einmal muß es ja wieder besser werden und es wird wieder besser. Für heute will ich nun schließen. Post haben wir schon einige Zeit nicht gekriegt, aber auch diese wird bald wieder eintreffen.

Seid alle recht herzlich gegrüßt

Euer Fritze!

Für Feldpost eher unüblich, ist dieser Brief mit einer Ortsangabe versehen. Zwar scheint „wir sind jetzt wieder weiter südlich! Dort wo wir voriges Jahr im Sommer waren.“ auf den ersten Blick ungenau. Allerdings darf man davon ausgehen, daß Fritze den Eltern den Aufenthaltsort seines U-Bootes seinerzeit erzählt hat. Somit wüssten sie auch diesmal, wo das Boot zu suchen wäre. Und wir alle kennen die Gefahr, denn Achung! Feind hört mit

Ob Fritze den Krieg überlebt hat, weiß ich nicht. Vermutlich, denn die großen U-Boot-Verluste fanden eher statt.

Opel-Fahrräder und ein Brillant-Ring


Am 4.4.1928 schrieb Herr Carl Zacher aus Eisenach, dem „Kurbad am Fuße der romantischen Wartburg“ an den Hofjuwelier Arthur Tresselt:

Beachtet bitte, daß die Firma Larenz Generalvertreter für Opel war, allerdings nicht für Autos, sondern für Fahrräder. In den Jahren 1886 bis 1940 war Opel eine der bekanntesten Fahrradmarken Deutschlands. Mehr dazu lest ihr hier.

Bedauerlicherweise hat Herr Zacher seine Meinung einige Tage später geändert und wollte nun doch keinen Brillant-Ring mehr haben.

Darüber war Herr Tresselt einigermaßen unerfreut und schrieb eine Postkarte an Herrn Zacher, deren Inhalt uns nicht bekannt ist. Allerdings deutet einiges darauf hin, daß der Brillant-Ring bereits bestellt war und zur Abholung bereit lag.

Die Antwort von Herrn Zacher fiel dann im Brief vom 2.5. wie folgt aus:

Herrn Arth. Tresselt, Arnstadt.

Durch Ihre Postkarte vom 2.5.wodurch Sie mich auf einer Postkarte öffentlich mahnen, die natürlich meine Wirtin laß & Ihn diese Ton,  muß ich Ihnen definitiv meine

Freundschaft kündigen. Sie müßten doch wissen, daß ich Ihnen nichts schuldig geblieben bin. – Ich wäre am Samstag 5/ter nach A. gekommen und hätte es Ihnen bezahlt.

Bezüglich des Ringes können Sie Ihr Anliegen direkt bei Herrn Larenz vorbringen. Die 6,- gingen am ?? früh ab p.P. per Postanweisung.

Hochachtend Carl Zacher Kfm.

So war das. Wieder ein Freund weniger. Aber auf der gestern vorgestellten Karte aus Dresden ließ er im November desselben Jahres schon wieder Grüße ausrichten. Es scheint sich also alles wieder geklärt zu haben.

Geld sichern zum Kriegsende – Dresdner Bank 1945


Wer gewinnt immer, egal ob Wirtschaftshoch oder -tief, Friedens- oder Kriegszeiten? Die Banken. Sie verleihen Dir bei Sonne einen Schirm, nur um ihn bei einsetzendem Regen zurückzufordern.

Daß man als Bank keine Skrupel haben darf, wenn man erfolgreich sein möchte, hat eine der großen deutschen Banken ganz besonders deutlich gezeigt – die Dresdner Bank. Einigen von uns wird noch der Werbeslogan „Mit dem grünen Band der Sympathie“ in Erinnerung sein. Und sympathisch waren sie. Sie sympathisierten beispielsweise im Dritten Reich mit der SS und wurden dadurch zur SS-Hausbank über die beinahe alle Arisierungen abliefen. Meine bisherigen Artikel zum Thema Arisierung und arisierte Firmen findet ihr hier. Zur Geschichte der Dresdner Bank im Dritten Reich lest hier.

Die 1943 von der Dresdner Bank übernommene Ostbank AG mit Sitz in Posen (Poznan) war in den letzten Kriegsjahren für Geschäfte im Geschäftsgebiet Ost zuständig. Dazu gehörten offenbar nicht nur die deutschen „Ostgebiete“, sondern auch Berlin und Brandenburg. Mit dem Näherrücken der Alliierten und der anstehenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg zog sich die Bank aus den bombardierten Städten zurück und überließ den Niederlassungen in kleineren Städten die Kundenaufgaben.

Der heutige Brief von der OSTBANK Aktiengesellschaft als Tochterunternehmen der Dresdner Bank ist ein schönes Zeugnis, wie sich die Bank im Angesicht einer bevorstehenden Rechtfertigung gegenüber der Kriegssieger bei seinen Kunden abzusichern versuchte. Geschrieben wurde er übrigens nur einen knappen Monat vor der Kapitulation Deutschlands, also zu einer Zeit, als Berlin schon in Schutt und Asche lag. Wildau ist ein kleines Nest südlich von Berlin und wird Wil-dau ausgesprochen.

 

Die Filiale Kalisch meint die Stadt, die heute Kalisz heißt und ca. 100km westlich von Łódź im heutigen Polen liegt. Dieser Landstrich dürfte am 10. April 1945 bereits von den sowjetischen Streitkräften überrannt worden sein, so daß der Brief nicht daher kam, woher er zu kommen schien, sondern vermutlich in Leipzig abgeschickt wurde. Darauf schließe ich, weil Briefpapier der Leipziger Filiale der Dresdner Bank verwendet und nur sehr stümperhaft auf die Ostbank umgeschrieben wurde.

Trotz aller Schwierigkeiten hat es Heinrich Himmlers Lieblingsbank gut durch die Nachkriegszeit geschafft. Zuerst wurde sie in viele kleine Banken zerschlagen, die dann unauffällig wieder fusionierten. Am Ende ging sie über die Allianz an die Commerzbank. Geblieben ist von der Dresdner Bank nicht viel. Eine einzige Filiale gibt es noch – in Dresden. Das hat aber keine nostalgischen Gründe, sondern dient ausschließlich dem Schutz des Markennamens. Das andere Überbleibsel nach der Fusion mit der Commerzbank ist das Logo.

Aus

„Dresdner-Bank-Logo“ von Das Original wurde von Afrank99 in der Wikipedia auf Deutsch hochgeladen

plus

„Commerzbank-Logo“ von unbekannt – nicht angegeben. Lizenziert unter Logo über Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Commerzbank-Logo.svg#/media/File:Commerzbank-Logo.svg

wurde

„Commerzbank (2009)“ von Lucas de Groot; MetaDesign, Berlin / Commerzbank AG – Eigenes Werk (Originaltext: selbst erstellt). Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Commerzbank_(2009).svg#/media/File:Commerzbank_(2009).svg

 

Anpassung der Preise – Inflation 1922


Über die Inflation gab es hier schon einige Artikel. Meistens beschäftigten sie sich mit dem Bürger in seiner Rolle als Kunde. Er ging zur Arbeit, bekam sein Geld und musste sich sputen, es im Laden auszugeben, bevor es nichts mehr wert war.

Wie erging es aber einem Laden? So richtig durchschaut habe ich die Überlebensstrategie eines Geschäfts zu Zeiten der Hochinflation noch nicht. Konnte man sich Waren auf Lager legen? Was geschah mit meinen Umsätzen am Ende des Tages? Geld in den Tresor zu legen war bestimmt nicht die cleverste Idee.

Man kann davon ausgehen, daß der Verkäufer auf der Gewinnerseite war, da er seine Waren stets zu viel niedrigeren Preisen einkaufte, als er sie verkaufte.

Wie die Lieferanten reagierten, zeige ich euch heute anhand eines Briefes von der Besteck-, Messer- und Scherenfirma Zwilling. Diese Firma ist übrigens eine der ältesten Marken der Welt. 1731 gegründet, gab es Zwilling in Solingen bereits 150 Jahre vor der großen europäischen Gründungswelle, und es gibt sie noch heute.

 

 

Dieser Brief ging im August 1922 – also im Höhenflug der Preise während der Hyperinflation – an die Einzelhändler. 440% bzw. 475% Aufschlag, das ist doch mal was. Für alle, die schlecht in Mathe sind: Für einen Besteckkasten, den ich bisher für 100 Mark kaufen konnte, waren nun, wenn das Besteck versilbert war, mindestens 575 Mark fällig. Und wie ich euch im Artikel über die Hyperinflation schon erläutert hatte, war das nicht das Ende.

Unsichere Zeiten gab es schon immer, besonders wenn man sich auf solch unzuverlässige Dinge wie Geld verlassen hat. Und je lauter Staat und Wirtschaft den Verfall des Goldpreises und die Empfehlung zum Verkauf betonen, desto klüger war es bisher schon immer, sich dieses Edelmetall an einem sicheren Ort zu deponieren.

Isidor Braunstein, Varna, Rumänien


Neulich habe ich einen Brief gekauft, ohne viel darüber zu wissen. Ich wollte einmal sehen, ob man aus dem Nichts Informationen zu Personen finden kann, über die man vorher überhaupt nichts weiß.

 

 

 

Erst heute, während ich den Artikel für das Museum schreibe, versuche ich mehr über den Absender und Empfänger herauszufinden.

Hier das Ergebnis:

Varna ist eine Stadt an der bulgarischen Küste des Schwarzen Meeres.

Über Herrn Isidor I. Braunstein findet man leider nichts heraus. Daß er ein Unternehmer war, legt der Geschäftsbrief nahe.

Ich habe keinen Briefmarkenkatalog von Bulgarien und kann darum keine Datierung vornehmen. Die Marken hatten ursprünglich einen Wert von 50 Stotinki und wurden mit 3 Lewa überdruckt. Er könnte somit in der Zeit der beginnenden Inflation abgeschickt worden sein.

Wohin ging der Brief?

Der Empfänger war Herr W. Gollin, Aktien Gesellschaft (Mechanische Weberei), Gera (Reuss), Allemagne.

Zu dieser Firma konnte ich hier folgende Informationen finden: Presshefen-Fabrik Osterland AG: Gründung 1906 in Pforten, dann nach Gera verlegt. Bis 1913: Presshefenfabrik Osterland AG, bis 1920: Brennerei Osterland AG, bis 1922 AG Osterland Galvanisch-Elektromechanische Werkstätten, dann W. Gollin AG Mechanische Weberei. 1926 wurde das Konkursverfahren eröffnet.

Tadaa, schon wissen wir, daß der Brief zwischen 1922 und 1926 geschickt wurde. Vorher hieß die Firma anders, hinterher gab es sie nicht mehr.

Presshefe ist übrigens die noch heute erhältliche, konzentrierte Hefe zum Backen. Einen anderen Artikel mit dem unerwarteten Thema Hefe gab es hier.

Herr Braunstein war Jude, wie man aus seinem Vor- und Nachnamen unschwer erkennen kann. Ich habe keine Vermerke über einen Einwanderer in die USA gefunden, die zeitlich passen könnten. 14 Isidor Braunsteins gab es bei den US-Volkszählungen, davon 4 Einheimische und 10 Zugereiste aus Russland, Rumänien und Ungarn. Vielleicht musste er auch gar nicht aus seiner Heimat fliehen. Wie ich im Spiegel 22/1969 gefunden habe, „In Bulgarien scheiterten deutsche Befehle zur Judenverfolgung am geschlossenen Widerstand der bulgarischen Bevölkerung, die im Mai 1943 in Sofia gegen den Abtransport der Juden auf den Straßen und vor dem Königspalast demonstrierte. In einem Gestapo-Geheimbericht hieß es: „Mit Armeniern, Griechen und Zigeunern groß geworden, findet der Bulgare an dem Juden keine Nachteile, die besondere Maßnahmen gegen ihn rechtfertigen.““.

In den KZ-Deportationslisten finde ich eine Adelaide Mechanick, geborene Braunstein. Sie wurde in Rumänien geboren, lebte in Drancy, Frankreich, von wo sie am 25.3.1943 nach Sobibor in Polen deportiert wurde. Dort starb sie nur 5 Tage später. Die Todesart dürfte sich dadurch von selbst ergeben.

 

Das ist alles, was zu dem Artikel des Tages erzählt werden kann. Habt ihr mehr Informationen, dann schreibt mir einen Kommentar.

 

 

 

 

Lithographische Druckerei François Appel – Rue du Delta, 12 – Paris


Daß ich seltsame Dinge sammle, dürfte jedem meiner Besucher inzwischen bekannt sein. Fragt mich nicht, wie ich als Berliner auf die Idee gekommen bin, Werke zu sammeln, die von einer speziellen Druckerei in Paris hergestellt wurden. Aber so ist es. Einige meiner Sammelstücke habe ich euch in vergangenen Beiträgen schon vorgestellt.

Heute kommt ein Brief dazu, über den ich mich sehr gefreut habe, als ich ihn endlich in der Hand hielt.

 

Er wurde von Firma Appel am 19. Februar 1869 an Monsieur Joseph Brès in Nizza geschickt. Es ist mir leider nicht gelungen, herauszufinden, wer Joseph Brés war. Bemerkenswert finde ich aber, daß es in Nizza eine rue Joseph Brès gibt. Und die wird nicht nach ihm benannt worden sein, weil er mal einen Brief aus Paris geschickt bekommen hat.

Bedauerlicherweise kann ich den Brief auch nicht lesen, sonst könnte man aus dem Inhalt vielleicht Rückschlüsse ziehen. Kann von euch jemand helfen? Ich habe hier einen Artikel über Stadtentwicklung von Nizza gefunden, den ich aber auch nicht lesen kann. Dort wird Herr Brès mehrfach erwähnt. Vielleicht war er ein Stadtplaner oder damit beschäftigter Politiker.

Das von Firma Appel benutzte Briefpapier gibt übrigens Aufschluss über das Fabrikgelände der Druckerei. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es weit verbreitet, seine Fabrik auf dem Briefkopf abzudrucken. Rauchende Schornsteine waren dabei ein Zeichen von florierendem Geschäft. François Appel hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Blättert man den Brief um, ist die Lithographische Anstalt auf einer ganzen A4-Seite abgedruckt.

 

Die Adresse von François Appel, Rue du Delta, 12, Paris gibt es übrigens auch heute noch. Der Eingang ist auf der Abbildung links unten zu sehen. Google StreetView hat hier zwar ein Bild, jedoch wurde gerade gebaut, als es aufgenommen wurde. Bei meinem Besuch sah es dort richtig hübsch aus. Leider war das Tor verschlossen, so daß ich außer dem Hinterhaus nicht sehen konnte, ob vom ehemaligen Fabrikgebäude noch etwas übrig ist.

Noch ein paar Informationen zu Herrn Appel. Er wurde am 18.4.1821 in Coburg geboren, war also ursprünglich Deutscher. Seine Familie zog in seiner Jugend nach Frankreich. Gestorben ist er am 9.10.1882 in Paris.

Die ungewünschte Wehrmachts-Dienst-Post


Wer in den 1940-er Jahren solch einen Brief bekam, der wusste meist, was er bedeutet:

Keine Briefmarke nötig. Meist persönlich überreicht. Stempel der Wehrmachts-Dienst-Post.

Der Inhalt war bekannt, oft bei anderen zuvor gelesen und immer wurde gehofft, nie selbst zu den Empfängern zu gehören.

O. K., den 2.3.1944 (Ober-Kommando?)

Sehr geehrte Frau Kevering!

Leider muß ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, daß Ihr lieber Gatte, der Unteroffizier Paul Kevering, geb. am 21.4.1914 in Haak, in heldenhaftem Kampf als Pionier für Führer und Vaterland am 26.2.1944 bei Auwere a.d. Narwa/Estland gefallen ist.

Ihr Gatte wurde am 27.2.1944 auf dem Heldenfriedhof des Hauptverbandplatzes unter militärischen Ehren zur letzten Ruhe gebettet.

Ort und Grabnummer werden Ihnen noch mitgeteilt.

Die Kompanie verliert mit ihm einen tapferen, vorbildlichen Soldaten, der sich bei Vorgesetzten und Kameraden größter Wertschätzung und Beliebtheit erfreute. Mit tiefer Anteilnahme nimmt die Kompanie Abschied von einem Ihrer Besten. Er wird uns in weiteren harten Kämpfen und jederzeit ein leuchtendes Vorbild sein. Möge die Gewissheit, dass Ihr Gatte sein Leben für den großen deutschen Sieg über den bolschewistischen Weltfeind und für die Zukunft Deutschlands hingegeben hat, ein Trost sein in dem schweren Leid, daß Sie betroffen hat.

In aufrichtigem Mitgefühl! Heil Hitler! Leutnant u. Komp. Führer

N.B. Noch vorhandene Eigensachen Ihres Gatten gehen Ihnen per Post zu. In allen Versorgungs- und Fürsorgefragen wird Ihnen das zuständige Wehrmachtfürsorge- und Versorgungsamt, dessen Standort bei jeder militärischen Dienststelle zu erfragen ist, bereitwillig Auskunft erteilen.

Zack, so schnell war der Traum vom Glück nach dem Endsieg vorbei. Für Frau Antonie begannen schwere Zeiten. Die Verwandten mussten benachrichtigt werden.

5. 3. 1944

Die im Brief angekündigte Wehrmachtsfürsorge ließ dann noch dreieinhalb Monate auf sich warten.

RM 130,54 Witwengeld und RM 113,80 Umstellungsbeihilfe pro Monat waren wahrscheinlich kein adäquater Ersatz für den Verlust des geliebten Ehemannes. Überraschenderweise ist dieser Zettel nicht mit dem ansonsten allgegenwärtigen Heil Hitler! unterzeichnet worden. Vielleicht wussten die Absender, daß den Empfängern das Heil des österreichischen Kleinen Braunen inzwischen piepegal war.

Seuchenschutzgebiet Warschau


Bevor Jürgen Stroop am 7.Mai 1943 triumphierend verkünden konnte: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ spielten sich auf 3,1 Quadratkilometern der Warschauer Innenstadt Szenen ab, die man mit den grausamsten Worten nicht ausreichend beschreiben kann. Der „Jüdische Wohnbezirk in Warschau“, allgemein bekannt unter dem eigentlich falschen Namen „Warschauer Ghetto“, von den Nazis im Sommer 1940 als Sammelstelle für die Transporte in das Vernichtungslager Treblinka eingerichtet, wurde verhöhnend Seuchenschutz- und Seuchensperrgebiet genannt.

(c) Yad Vashem

Wer sich die katastrophale Situation vorstellen möchte, der halte sich die Bevölkerungsdichte vor Augen: in Berlin wohnen 3.872 Menschen auf jedem Quadratkilometer, in München sind es 4.531, in Tokio-Stadt 14.723 und im turbulenten Manhattan sage und schreibe 27.475 Personen pro km². Im Warschauer Ghetto betrug die Bevölkerungsdichte 146.580 Menschen pro km².

Wer mehr lernen möchte, der sollte sich die überaus informative Seite der Yad Vashem anschauen.

Mein heutiger Artikel ist ein Brief eines Rechtsanwalts aus Oberglogau in Oberschlesien, polnisch: Głogówek an Herrn Dr. D. Birnbaum in der Straße Nowolipkie No. 21, Seuchenschutzgebiet, Warschau J/W.

 

 

 

 

Das J/W steht für „Jüdischer Wohnbezirk“. Die Straße Nowolipkie wurde eigentlich ohne ‚e‘ geschrieben. Wer hier klickt, kann sich den Plan des Ghettos anschauen. Die Straße befindet sich an der nördlich Seite der (hier dunkelbraun und mit einem A markierten) Firma Schulz und Többens. Nummer 21 befand sich zwischen der gestrichelten, geplanten Straße und dem westlichen Ende der Firma. Wer mehr über Walter Többens erfahren möchte, schaut hier.

Der Text auf dem Stempel des Briefes lautet „Postablagestelle im Jüdischen Wohnbezirk Warschau“.

 

 

 

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, vermute aber, daß es sich beim Empfänger dieses Briefes um Dr. David Birnbaum gehandelt hat. Er war Rechtsanwalt, was den Absender, Dr. Krämer, ebenfalls ein Rechtsanwalt, erklären könnte. David Birnbaum wurde in Treblinka ermordet.

Die Geschichte des Warschauer Ghettos könnt ihr in Kurzform hier nachlesen. Einer der wenigen Überlebenden der Räumung des Warschauer Ghettos im Mai 1943, bei dem nahezu alle Einwohner entweder direkt erschossen, in brennenden Häusern umgebracht oder auf einem Gefangenentransport nach Treblinka geschafft wurden, war Marcel Reich-Ranicki.

Jürgen Stroop und Ewald Sternagel waren damals die Befehlenden der Ghetto-Räumung und des Abtransports seiner Einwohner. Während Stroop gefasst, an Polen ausgeliefert und sieben Jahre nach Kriegsende hingerichtet wurde, konnte Sternagel ein ruhiges Leben in der Bundesrepublik führen. Ein 1965 verhängter Haftbefehl wurde nicht vollstreckt, das Verfahren wurde 1972 erneut aufgenommen, es kam jedoch nie zu einer Verurteilung.

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