Verpackungswahn


Wir kaufen heute kaum noch etwas, das nicht mit viel Aufwand und Material verpackt wurde. Ein klitzekleines Etwas ist mit Folie umwickelt, in ein großes Stück transparenten Plastiks eingepasst, das wiederum in einem Pappkarton mit vielfarbigem Aufdruck geschoben wurde. Mitunter erscheint einem die Verpackung mit viel mehr Liebe hergestellt worden zu sein, als das eigentliche Produkt.

Und sobald die Kartonage einen Riss hat oder der Deckel nicht mehr komplett verschlossen ist, kaufen wir das Produkt nicht.

Durch unseren Wahn, alles formschön präsentiert zu bekommen, übersehen wir zum einen den enormen Berg Verpackungsmüll, den jeder von uns Tag für Tag aufschichtet. Auf der anderen Seite beweisen wir, daß wir nicht so sehr auf das Produkt achten, das wir kaufen möchten, sondern den Strategien der Werbung verfallen sind: ein großer Karton vermittelt den Eindruck, mehr zu bekommen als ein kleiner; grüne Farbe suggeriert Gesundheit, hellblau Beschwingtheit, dicke Schrift gibt uns Sicherheit, geschwungene wiederum vermittelt mehr Beweglichkeit, die wir alle gern hätten. Also kaufen wir die aufgeblasene Tüte fettiger Kartoffelchips, weil sie grün bedruckt ist, eine feinlinige Aufschrift hat und eine schlanke, anmutige Frau zeigt, die in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie einen Kartoffelchip im Magen belassen hat. Und fett werden wir seltsamerweise trotzdem.

Bis noch vor 80 Jahren ging man in den Laden um etwas zu kaufen, nannte das Produkt, der Verkäufer stellte den Kunden vor die Wahl zwischen zwei oder drei Marken und das war’s. Ab der 1930-er Jahre wurde die Produktion Schritt für Schritt auf den Endverbraucher zugeschnitten und die Vor-Ort-Abfüllung verschwand mehr und mehr.

 

Mein Urgroßvater hatte in seiner Drogerie eine große Holzkiste. Mit Wachspapier ausgeschlagen enthielt sie Seifenpulver. Nicht so, wie wir es heute kennen, feinkörniges Pulver, sondern vergleichbar mit dem Aussehen von Pizzakäse. Die reinliche Hausfrau fragte nach einem oder mehreren Pfund dieses Schnitzel-Seifenpulvers (das natürlich nicht aus oder für Schnitzel hergestellt war; Schnitzel = Schnipsel) und mein Uropa schaufelte das Pulver aus der großen Kiste in die Tüten. Ein kleines bißchen mehr in die Tüte gegeben, als das aufgedruckte Pfund, hatte am Ende den Effekt, daß die Kundin sicher wahr, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Und somit kam sie wieder.

Das funktionierte übrigens nicht nur bei Seifenpulver. Auch andere Produkte wurden aus großen Behältern in kleine Tüten, Dosen oder Kannen geschaufelt und geschüttet.

Da gab es universelle Tüten, die ihren Inhalt handschriftlich auf der Vorderseite eingetragen bekamen oder das selbst zusammengemischte Ameisen-Pulver der GErmaniadrogerie LAnge.

 

Die Rückseite der Tüten konnte prima für Werbung oder Hinweise verwendet werden.

 

Zwei Teetüten aus zwei Generationen, links aus den 1970er Jahren, rechts eine Tüte aus der Zeit um 1920:

 

Der Preis-Aufdruck rechts „Preis ____ Mk.“ lässt mich die Tüte auf die frühe Zeit der einsetzenden Inflation datieren. Vor Ende des Ersten Weltkrieges kostete eine kleine Tüte Kräutertee nicht viel mehr als eine Mark. Älter als von 1901 kann die Tüte übrigens auch nicht sein. Wir erinnern uns an frühere Artikel – da hieß der Tee noch Thee.

 

Ich habe zwar nicht die passende Teedose zur Tüte, möchte euch aber trotzdem eine meiner Teedosen zeigen, aus denen der Tee in kleine und große Tüten und Döschen umgefüllt wurde.Böhringer Ceylon-Tee Dose klein

 

Zur Firma Ch. & A. Böhringer kommt später noch ein separater Artikel, darin darf dann auch meine andere Teedose mitspielen.

Hier die Tüte für den kleinen Tee-Kauf.

 

Wer sich mal über die Aufschrift an alten Geschäften oder Werbeanzeigen gewundert hat: „en gros & en detail“ bedeutete im Handel, daß man in diesem Laden sowohl kleine Mengen als auch große Stückzahlen bekam. Das ursprüngliche Gros stand für ein Dutzend mal ein Dutzend, also 12 x 12 = 144 Stück. Wer also statt einem kleinen Tütchen Tee oder Seifenpulver eine ganze Kiste wollte, bekam sie hier. Der Preis war dann natürlich günstiger, allerdings wurde ein Aufschlag für die Verpackung berechnet. Ein bis fünf Mark war für eine Blechdose oder Holzkiste zu zahlen.

 

en gros

 

en detail

 

 

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