Hartmann Schedel – Weltchronik 1493 – Erfurt


In meinem gestrigen Beitrag habe ich mich ver-vermutet. Mein Druck von 1548 ist nicht die älteste Darstellung von Erfurt. Der berühmte Hartmann Schedel hat bereits 50 Jahre eher mit seiner Weltchronik Buchgeschichte geschrieben.

Der komplette Titel lautet übrigens

Hartmann Schedel, Michael Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff: Liber chronicarum, Nuremberga, MCCCCXCIIJ iar

Seine Chronik besticht durch wahnsinnig tolle Graphiken und begleitende Texte in für damalige Zeit umfangreichem Maß. Meine Facsimile-Ausgabe in Originalgröße bringt es auf stattliche knappe 5kg.

 

Glücklicherweise wurde das Buch in seiner Entstehungszeit kein großer Erfolg, so daß wir uns heute über zahlreiche Exemplare der unterschiedlichen Ausgaben freuen können, die damals nicht verkauft wurden. Die Weltchronik erschien nicht nur in Latein, sondern auch in Deutsch.

Das Buch hatte zudem bisher sehr großes Glück, uns seine Entstehung nahezu lückenlos zeigen zu können. Es existiert noch eine Schlußabrechnung aus der hervorgeht, daß der Preis für ein ungebundenes Exemplar bei drei bis dreieinhalb Gulden lag. Für ein gebundenes Buch wurden fünf Gulden verlangt, die kolorierte Ausgabe lag bei acht Gulden.

Auch der handschriftliche Entwurf liegt noch in der Bayrischen Staatsbibliothek. Er zeigt, wie detailliert die lateinische und die deutsche Ausgabe entworfen wurden, bevor sie in den Druck gingen.

 

Das Buch selbst ist sieben Kategorien – die sieben Weltalter – unterteilt. Das damalige Weltbild ging davon aus, daß die Welt ca. 5000 Jahre vor Christi Geburt erschaffen wurde. Legte man einen Schöpfungstag einem Weltalter (1000 Jahre) zugrunde, so begann das sechste Weltalter zum Zeitpunkt der Geburt Jesu. Das harmonierte mit der Schöpfungsgeschichte ganz gut, denn am 6. Tag schuf der HErr ja bekanntlich den Menschen. Somit konnte man ganz prima ausrechnen, daß nur noch ein weiteres Weltalter übrig war (die Jahre 1000 bis 1999) bevor die Welt unterging. (Daß wir heute noch hier sind, verdanken wir vielleicht nicht der Unrichtigkeit der Weltalter-Theorie sondern der Tatsache, daß offenbar in unserer Jahresrechnung etwas geschummelt wurde und wir noch gar nicht bei 1999 angekommen sind. Dazu später einmal mehr.)

Bis auf das erste Weltalter, in dem die Schöpfung beschrieben und bebildert ist, haben die nachfolgenden Teile nicht viel mit den Weltaltern zu tun. (oder es hat sich mir noch nicht erschlossen)

Um den Überblick nicht zu verlieren, wartet die Weltchronik mit einem umfangreichen Inhaltsverzeichnis auf. Alle Personen und Orte sind alphabetisch sortiert aufgelistet.

und so weiter

 

 

Irgendwann auf „Blat CLVI“ kommt dann auch Erfurt im „sechst alter“ an die Reihe

Erffurt die groß unnd gedechtnußwirdig statt ein hawbt Thüringer lannds von den alten Erphesfurt genant hat einen hohen berg den man sant peters nennet. … So het in dem priel bey dem wasserfluss Gera (der yetzo durch die statt und schier neben der halben stat hinfleußt.von dess geprewchlichkeit die gantz statt gerainigt und fast geziert wirdt ein namhafftger wolberümbter mülner sein durchfart.derselb mülner hieß erpff.so was ettwen bey seiner mül ein durchgang oder furt. Und als nw nach der gepurt christi iiijc.und in dem xxxciij.iar zu den zeiten Cloduei des königs zu franckreich dise statt iren anfang gehabt hat do ist sie von des mülners namen und von dem furt Erphesfurt genannt worden.

Dise statt ligt in eim gar guten flur und fruchtpern erdpodem.der tregt ein krawt waydt genant. zu ferbung d. tücher fast dienstlich. Durch des felder fließen die gera und andere wasserflüss die die gegent fruchtperlich befeuchtigen. Darumb ist auch alda ein uberflüßige vihwayd. Dise statt ist nachfolgend nach dem tausendsten unn sechs und sechtzigsten iar mit mawren umbfangen und mit thürnen bewaret worden. Und hat an wonungen, hewßern und höfen der burger.und an gezierden der clöster und kirchen wunderperlich zugenomen.

und so weiter und so fort …

Wer sich den Text gern selbst im Original-Buch durchlesen möchte, schaut hier: die Erfurt-Seite auf lateinisch. Seite 2.

Das deutsche Exemplar der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zu Weimar kann hier angeschaut werden. Auf Seite 347 / 348 könnt ihr euch den Rest des Textes durchlesen.

Kleiner Tipp für den unkundigen Leser von mittelalterlichen Texten: ein waagerechter Strich über einem n oder m bedeutet eine Verdoppelung des Buchstabens: aus dan (ich habe leider keinen Überstrich, daher nehme ich hier mal den Durchstrich) wird dann, aus komen wird kommen. Dieser Strich wird auch verwendet, um ein n am Wortende anzuzeigen. mit alle dinge = mit allen dingen

Das w wurde oft als langes u benutzt. nw = nuu (nun), mawren = mauuren (Mauern)

Einzig aus den Jahreszahlen bin ich nicht ganz schlau geworden.

Das Buch liest sich überraschend flüssig, da die verwendete hochdeutsche Sprache sehr eingängig ist. Mit den kleinen Lesetipps von eben kommt man prima zurecht. Bedingt durch seine Abmessungen und das Gewicht ist das Buch allerdings als Lektüre im Öffentlichen Personen-Nahverkehr nur bedingt zu empfehlen.

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Erdfurt – die Hauptstadt in Thüringen nach eusserlichem ansehen auffs aller fleissigst Contrafehet – 1548


Was schreibt er denn heute schon wieder für einen Unfug?

Nicht ich habe das geschrieben. Ich habe es nur abgeschrieben.

In meinem Wohnzimmer hängt ein Stich meiner Geburtsstadt Erfurt.

Er stammt aus der von Sebastian Münster herausgegebenen „Cosmographia universa“, die irgendwann zwischen 1540 bis 1560, wahrscheinlich 1548 in Basel gedruckt wurde, also gerade mal 100 Jahre, nachdem Johannes Gutenberg den Buchdruck revolutionierte. Es ist die wahrscheinlich älteste gedruckte Darstellung Erfurts. Update: mir fällt gerade ein, daß ich noch einmal nachsehen muß, ob nicht in Schedels Weltchronik noch eine ältere Abbildung – nämlich von 1493 enthalten ist. Mehr hier (falls sich jemand für Mainz interessiert, das ist auf Seite 115 und sieht genauso aus wie Neapel auf Seite 120 und Lyon auf Seite 212)

Update 2: Im Link oben auf Seite 347f haben wir Erfurt – Blatt CLVI (156). DAS scheint dann ein noch 50 Jahre älterer Druck zu sein. Grund genug, morgen einen Artikel dazu vorzubereiten.

Daß Herr Münster offenbar nie in der „auffs aller fleissigst Contrafehet“ Stadt gewesen sein wird, vermute ich, weil Erfurt nie Erdfurt hieß. Erphesfurt (im Jahr 742 zu seiner Gründung) hingegen schon.

Bekanntester Sohn Erfurts ist wahrscheinlich Martin Luther, der hier die Universität besuchte und erfolgreich abschloß. Auf der Wartburg arbeitete er an der Übersetzung der Bibel – gebrauchte allerdings den Tarnnamen Junker Jörg.

Aber noch bekannter als Martin Luther ist jedem Deutsche, der älter als 30 Jahre ist unser Künstler und Hersteller des heutigen Ausstellungsstückes – Sebastian Münster. Woher ihr ihn kennt? Klickt mal hier.

Na, wer hat’s gewußt?

Falls es jemanden interessiert: Ich stamme aus der Gegend zwischen Buchstabe C und D. Das sind die Kirchen St. Martin und St. Veit.

Lithographie


Gestern gab es einen Beitrag zu chromolithographisch hergestellten Sammelbildchen. Das ist eines meiner favorisierten Sammelgebiete. Daher heute etwas Hintergrund zur Lithographie. Das Wort Lithographie leitet sich von den beiden griechischen Worten Lithos (Stein) und Graphein (schreiben) ab. Das Motiv wird spiegelverkehrt auf einen Stein aufgebracht und danach auf Papier gedruckt. Erfunden hat das Alois Senefelder. Wer in Berlin das Denkmal auf dem nach ihm benannten Platz kennt, weiß nun auch, warum sein Name spiegelverkehrt geschrieben ist. Eine wichtige Voraussetzung für den Druck waren Steinplatten mit sehr glatter Oberfläche. Die fand man in der Gegend um Solnhofen in Franken. Viele von diesen Steinen beinhalten tolle Fossilien und Dendrite, die ich euch schon früher vorgestellt habe. Dendrit Um die Oberfläche soweit zu polieren, daß sie für den Lithographiedruck verwendbar waren, wurden zwei Platten mit der Druckseite aufeinandergelegt und gegeneinander gerieben. Überstände wurden dabei abgetragen und dienten als Schleifmittel. Das Ergebnis waren solche Platten: 3 bis 12 Zentimeter dick und Formate von der Größe eines DIN A4-Blattes bis zu einem Quadratmeter. Lithographiestein   Auf diese Platten wurde das zu druckende Motiv seitenverkehrt mit Fettfarbe aufgetragen. Sollte ein Mehrfarbdruck entstehen, benötigte man eine Platte für jede Farbe. Vier, acht oder zwölf Farben waren keine Seltenheit. Beim eigentlichen Druckvorgang wurde der Stein gewässert. Das Wasser perlte von der Fettfarbe ab. Die anschließend aufgetragene Farbe bleibt somit nur am Motiv haften und wird auf das Papier gedruckt. etwas detaillierter steht es bei Wikipedia. Diese Druckplatte wurde zur Herstellung von Etiketten benutzt: Lebertran-Emulsion, Hustensaft für Kinder und ein Adress-AufkleberLithographiestein Lithographiestein     Der Beruf des Lithographen war nicht ohne. Das ursprüngliche Kunstwerk musste seitenverkehrt kopiert werden, Farben waren zu trennen und die Größe konnte bestimmt werden. Das wurde durch die Loch-Technik erreicht. Ein Stück Pergament diente zum durchzeichnen des Originals. Anschließend wurden die Konturen der Kopie mit einer Nadel durchstochen, umgedreht und auf den Stein gelegt. Aufgetragene Farbe trat durch die Nadelstiche und konnte auf dem Stein zum fertigen Motiv ausgearbeitet werden. Wollte der Künstler sein Bild in verschiedenen Größen gedruckt haben, wurde die Kopie zusätzlich in ein Stück Kautschuk gestochen. Der Kautschuk konnte in einem Spannrahmen befestigt werden und auf die gewünschte Größe gezogen werden. Lithographen waren im Verband der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufe organisiert. Einer von ihnen war Alfred Handlas, dessen Mitgliedsbuch so aussieht. Verband der Lithographen Mitgliedsbuch 1913 Lithographen Verband Mitgliedsbuch Verband der Lithographen Mitgliedsbuch 1913     Wer sich an  Beispielen anschauen möchte, wie verschiedene Varianten eines Bildes ausgesehen haben:

goldener oder farbiger Hintergrund

oder

kleinerer und größerer Motivausschnitt

das gleiche Motiv in unterschiedlicher Größe wpid-20140822_063012.jpg wpid-20140822_063022.jpg   Ich habe noch Testdrucke, die ihr hier anschauen könnt.

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