Trauriges Tagebuch meiner Oma


Heute stelle ich euch in der Reihe der kleinen Handschriften-Reihe (die ganze Serie gibt es hier) ein kleines Tagebuch vor, das meine Oma als Jugendliche begonnen hat und nach dem Tod ihres Ehemanns als Erinnerungsbuch weiter geführt hat. Es ist nicht wirklich ein Tagebuch, da es keine fortlaufenden Eintragungen enthält. Vielmehr handelt es sich um ein Buch voller Andenken. Einige davon werde ich euch hier und heute zeigen.

 

Schlägt man das Büchlein auf, stößt man auf einige Bilder, die meiner Oma wohl besonders viel bedeutet haben.

Unter dem wohl von ihm geschriebenen und wahrscheinlich an eine Karte, einem Blumenstrauß oder einem Geschenk befestigten Kärtchen „aus Liebe“ seht ihr meinen Opa als schmucken Mann, darunter als junger Drogist neben seinen Mitlehrlingen oder Angestellten, oben rechts als Soldat im Einsatz an der Ostfront und unten links die beiden Gräber von ihm – gefallen im Alter von 35 Jahren – und seinem besten Freund und bei der Wehrmacht Chef Fritz Stille. Während mein Opa „nur“ Unteroffizier war, schaffte es Freund Fritz bis zum Leutnant.

 

Zwischen den nächsten Seiten hat meine Oma ihr Hochzeitsfoto und ein paar getrocknete Rosenblätter aufbewahrt. Nach ihrem Tod haben wir ein Foto ihres Sarges dazugelegt.

 

Weiter geht es mit einem Foto der beiden Freunde. Ernst und Fritz, der nicht so klein war, wie es scheint, sondern der hier in einem Loch steht.

 

Ein Gedicht aus der Zeit gegen Ende oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Oma hatte 1941 noch ihr viertes Kind (das dritte überlebende – siehe meinen Mutterkreuz-Artikel) – meine Mutter – bekommen. Sie und ihr Vater sollten sich nie kennenlernen. Die Geschichte dazu gab es schon im Artikel über die Ausbombung. Meine Oma lebte 1942 mit ihren Kindern (5, 2 und 1) nach dem Fliegerschaden zuerst beim Bruder in Arnstadt, dann bei den Eltern in Erfurt. Viel Arbeit, viel Not, kein Mann zur Unterstützung.

 

Wir springen ca. 15 Jahre zurück. Zum Ende der Schulzeit – wahrscheinlich am letzten Schultag – gaben sich alle Freundinnen gegenseitig einen guten Spruch mit auf den Weg.

Meine Oma war 16 und ihre Freundinnen haben ihr diese Zettel zukommen lassen. Ich weiß nicht genau, wie man sich das vorstellen kann, denke mir aber, dass jeder dieser Zettel aus zwei Hälften bestand und in einem Block oder Büchlein zusammengebunden war. Alle Blätter hatten eine Herzform, man notierte auf der oberen Hälfte, wem man wann einen Zettel gegeben hatte, schrieb einen Spruch, riß den unteren Teil ab und gab ihn der Freundin.

Hier die Ratschläge der besten Freundinnen, die ebenfalls um die 16 gewesen sein werden. Früher nannte man es das Backfischalter.

Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden. Storm (aus dem Oktoberlied) Denke gern an unsere freudige Jugend! Deine Annemarie Kilian. Erfurt, d. 2.4 27

Einen Mund, der nicht küßt, ein Herz, das nicht geliebt, weiß nicht was für selige Stunden es gibt. Zum Andenken, Cäte (?) Jacobsohn, März 1927

Die Liebe und der Suff, die reiben den Menschen uff. Zum Andenken an Ruth Karlstadt, Erfurt, d. 2.4.27

Wenn der Mond macht seine Runde, ist zum Küssen die beste Stunde. Befolge das! Hilde Kahlert, 2.4.1927

Gibt dir das Schicksal einen Puff so weine keine Träne. Lach dir ’nen Ast und setz dich druf und baumle mit de Beene! Zur Beherzigung! Mops Rottig, den 2.4.27

Liebe und Wein vertragen sich fein, denn Liebe ist ein Blümchen und will begossen sein. Merk‘ dir’s! Deine Margot (?), Erfurt, d. 2.IV.27

 

 

Ein Kuß ist das Zusammenbauzen zweier kleiner Menschenschnauzen! Zur frdl. Erinnerung an unsere schon lustige Schulzeit! Hildegard Krubzig d. II.IV.27

Lieb macht Wasser heiß, doch Wasser niemals Lieb zu kühlen weiß. (Shakespeare) Zur Erinnerung Erna Lautzsch, Erfurt, den 2.4.27

Bescheidenheit ist eine Zier, drum liebe einen und nicht vier! Zur Beherzigung! Hilde Wittsack. Erfurt, den 2.4.1927 (Anmerkung: 53 Jahre später sind die beiden zufällig in Nachbarhäuser umgezogen, haben sich nach zehn oder zwanzig Jahren wiedergetroffen und waren bis zum Tod meiner Oma gute Freundinnen)

Willst du ins Ausland dich verlieben und macht die fremde sprach dir Qual, küssen kannst du hüben so wie drüben, denn der Kuß ist international! Zur Erinnerung an Irmgard Harrigfeld. Erfurt, den 2.4.1927

So nimm denn meine Hände und führe mich, in eine stille Ecke und küsse mich! Zur Erinnerung! Lotte Beer. April 1927.

Erst kommt der Frühling und dann die Liebe. Und dann und dann kommt „Er“. Da lernt man küssen, ja richtig küssen, und hält verliebt sein Schnäuzchen her. Zur Erinnerung an Traudl Roth.

 

Lass deine Liebe nicht ermatten, auch nicht bei 30° im Schatten! Zur Beherzigung! Grete Lösch. Erfurt, d. 2.4.27

Liebe Friedel Du sollst leben und dein Liebster auch daneben, doch vor einem warn‘ ich dich, küsse nicht so fürchterlich! Befolge meine Warnung! Deine Gertrud Pischinski (?) den 2. April 1927.

Schweigen ist Silber, reden ist für Dich Gold. Lotte Arnold. Im Frühling 1927

Eener alleene is nich scheene. Eeene alleene is och nich scheene! Aber eener und eene – und dann alleene – das is scheene! Zur Erinnerung an Elisabeth Saß.

 

Wieder zurück ins Jahr 1941.

Das Foto zeigt meine Großeltern, auf dem Schoß des Opas meine Tante (Jahrgang 37) und mein Onkel (Jg. 40). Da der Bengel ca. ein Jahr alt zu sein scheint und meine Mutter 1941 folgte, dürfte meine Oma hier schon ordentlich schwanger gewesen sein.

Um das Foto habe ich drei Zeitungsausschnitte gelegt, die im Tagebuch auch an dieser Stelle liegen. Oben links eine Ermahnung, die Todesanzeigen in der Tagespresse – 1942 kamen sie schon reichlich – mehr zu würdigen. Daneben die Todesanzeige für den eigenen Mann und unten der Frontbericht, der beschrieb, wo Opa war und dann auch blieb.

 

Noch ein weiterer Bericht.

 

Ein Gedicht zum Heldengedenktag aus der Thüringer Gauzeitung vom 21. März 1943. So ungern man heute über Dinge wie einen Gedenktag zur Ehrung der Helden der Deutschen Wehrmacht reden möchte, hat er seinerzeit meiner Oma viel bedeutet und sie hat bestimmt noch einmal mehr an ihren toten Mann gedacht.

 

Nochmal ein Blütenblatt und zwei getrocknete Edelweiß. Früher fand man die auf Wanderungen noch häufiger.

 

Noch drei Fotos und zwei Notizen:

  • oben links: die beiden Freunde Ernst und Fritz Stille, 1941. Rußland.
  • oben rechts: Mein „Weltenbummler“. bekommen am 28.8.28
  • rechts unten: ein Minifoto meiner beiden Großeltern
  • zwei Notizzettel mit Verabredungen zu (heimlichen?) Treffen:
    • Treffen wir uns um 8 Uhr Ecke Schlößerstraße u. Anger bei Lamm. frdl. bis dahin hoffentlich mit besserer Laune
    • treffen wir uns heute abend   ja? nein?

 

Zwei Fotos, die den Liebsten bei der Arbeit in unserer Drogerie zeigen. Einmal allein, einmal beide gemeinsam.

 

Und zum Schluss noch zwei Fotos in schmucker Pose und bei einem Ausflug mit dem Bruder des Liebsten.

 

Damit endet dieser Artikel, der mich einerseits traurig gestimmt hat, andererseits lebt ein Mensch in den Gedanken an ihn weiter. Das tun meine Oma und mein Opa hier. Mehr zu ihnen findet ihr im Artikel „Briefe von der Front„.

 

 

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Führerschein – 1929


Heutzutage hat beinahe jeder, der es sich leisten kann einen Führerschein. Früher war es zwar verbreitet, daß sich ein Mann, der über einigermaßen technisches Verständnis verfügte und das Geld für einen „Wagen“ hatte, einen Führerschein zulegte.

Bei Frauen sah das jedoch anders aus. Frauen fuhren nicht Auto. Zumindest nicht selbst. Anders meine Oma. Mit 19 legte sie ihre Führerscheinprüfung ab und war seitdem fleißig mit einem der Familienautos unterwegs.

 

Sah sie nicht schmuck aus? Sie war bestimmt fürchterlich stolz auf ihren eigenen Führerschein und den großen Schritt zur emanzipierten Frau (was ja leider später dann nicht wie erhofft verlaufen ist):

 

Aber ein Foto habe ich gerade für euch gefunden. Es zeigt meine Oma am Steuer des (wie ich vermute) Dixi. Eventuell könnte es auch ein alter Horch sein. Die Karosse sieht aus, wie ein Dixi, nur die Kühlerfigur verwirrt mich.

v.l.n.r.: Bruder Werner, Ernst (ihr späterer Ehemann), Waltraut (die kleine Schwester), Apotheker Gustav Lange (Vater), Käthe Lange (geb. Hanel, Mutter), Elfriede (meine Oma), ein Freund oder vielleicht Bruder von Ernst

 

Ein interessantes Detail könnt ihr noch im Führerschein entdecken. Durchgestrichen wurde neben der Erlaubnis zum Führen eines Kraftrades auch der Motorentyp „Elektromotoren“. Es scheint also damals tatsächlich schon Kraftwagen oder Krafträder mit Elektromotoren gegeben zu haben.

 

Trautes Heim – kein Glück allein


Ich habe ein paar Fotos gefunden.

Vor einigen Monaten habe ich euch über die Geschichte meiner Oma und ihrer ausgebombten Wohnung erzählt. Dieser Artikel hat viel Resonanz erzeugt. Ebenso die Geschichte zum Schicksal meines Opas.

Daher bin ich besonders stolz, daß ich diese wenigen Fotos der Wohnung gefunden habe, in der meine Oma zur dreifachen (eigentlich sogar vierfachen) Mutter und einfachen Witwe wurde und die ihr letztendlich über dem Kopf weggebombt wurde.

Meine Oma und mein Opa sitzen frisch verheiratet in der ersten (und einzigen) gemeinsamen Wohnung. Er in zivil, eine Zigarette drehend, sie in ein Buch vertieft.

Weitere Fotos mit dem Esstisch, vier Stühlen, einem Buffet mit der typischen 1930-er-Jahre Uhr und daneben eine Blumen-Etagere.

Unten links die Küche mit Herd, Waschtisch, Küchenwaage, Brotschneidemaschine und einer Küchenuhr, die mir in der Vergangenheit schon mehrfach begegnet ist.

Schließlich unten rechts, der Ort an dem indirekt auch meine Geschichte begann – das Schlafzimmer mit Ehebett, Kommode und Dreifach-Spiegel.

Einfach eingerichtet aber zweckmäßig. Wieviele Zimmer es in der Wohnung insgesamt gab, weiß ich nicht. Da aber zumindest für kurze Zeit drei Kinder und eine Mutter dort gewohnt haben, sollten es mindestens zwei gewesen sein.

Da meine 1937 geborene Tante bei der Wohnungseinrichtung noch nicht berücksichtigt gewesen zu sein scheint, datiere ich die Fotos einfach mal auf 1935/36.

Briefe von der Front


Feldpostbriefe waren im Krieg oftmals der einzige Kontakt zwischen dem Ehemann und Vater an der Front und der daheim gebliebenen Familie. Das System der Feldpost war überraschend kompliziert, da man bedenken muß, daß der Soldat keine genaue Absenderangabe auf den Brief schreiben durfte. Abgefangene Post hätte dem Feind sonst zu leicht Hinweise geben können, welche Truppen sich wo befinden. Dadurch konnte die Ehefrau oder Mutter dem Soldaten die Antwort nur an eine Feldpostnummer senden ohne zu wissen, wo genau der Liebste sich befand. Die Vordrucke für Feldpostbriefe und -Karten sahen so aus Feldpostbrief Feldpostkarte   Ein Paketzettel für den Versand an die Front: Feldpost Paketaufkleber   Ein einseitiger Feldpostbrief Feldpostbrief   Und ein Paketzettel von der Front nach hause sowie noch eine Postkarte Feldpostkarte und Feldpost Paketaufkleber   Mein Opa hat diese beiden Briefe an seine Tochter – meine Tante – geschickt: Feldpostbrief Opa Monika 1939

im Felde am 28.X.39

Meine liebe, kleine Monika!

Nun hast Du Deinen zweiten Geburtstag und der Papi ist nicht da, ja da kann man nichts machen, der böse Engländer hat es eben nicht gewollt. Die Mutti wird Dir, mein kleiner Liebling, einen herzhaften Kuss von Deinem Papi geben und Dir recht herzlich gratulieren! Denk an diesem Tag ein bisschen an Deinen Papi, der hier irgendwo an der Grenze umher ……. bei dem Sauwetter und ständig in Gedanken bei Euch beiden Lieben ist. Also viel Freude an diesem Tag und sei auch weiterhin so brav und lieb. Dein Papi im Westen!

Feldpostbrief Opa Monika 1939   Feldpostbrief Opa Monika 1939

 Für Monika – Erfurt – bei ihrer Mutti

Sylvester 1939/40

Meine liebe kleine Monika! Heute schreibt Dir mal Dein Vati und schickt Dir eine Tafel Schokolade und ein Päckchen Keks, wenn Deine Finger schön vollgeschmiert sind, wirst Du an Deinen Vati denken, der nun inzwischen auch ein großer Soldat ist. Ich schicke Dir noch zwei herzliche Grüße mit, einen für Dich und einen für unsere liebe Mutti. Alles Gute, Dein Vati!

Abs. Dein Vati – Westwall

Feldpostbrief Opa Monika 1939   Wie bereits hier erwähnt, wurde er später an die Ostfront versetzt und ist dort bedauerlicherweise auch geblieben. Vorher war er allerdings noch mindestens zweimal zu Hause und hat dafür gesorgt, daß meine Tante noch einen Bruder und eine Schwester bekam. Letztere – meine Mutter – hat er leider nie kennenlernen dürfen.

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