ein einzelnes Foto


In Zeiten, in denen die meisten angefertigten Fotografien Teil einer nutz-, inhalts- und wertlosen Massenware geworden sind, wollte ich euch anhand eines einzelnen Fotos meiner Oma aus dem Jahr 1915 zeigen, wie sorgfältig damals auf das Äußere, hübsche Kleidung, ordentliches Haar nebst Schleife, und das Ambiente in Form des Lieblingskuscheltieres auf einem Stuhl geachtet wurde. Wie schon früher erwähnt (siehe hier), war die Auslösezeit länger, so daß man sich nicht bewegen durfte, während das Objektiv geöffnet war. Daher auch fast immer so ernste Gesichter.

 

Heute fotografiert man lieber sein Essen bzw. fertigt Schnappschüsse an, also spontane Fotos ohne Arrangement und ohne künstlerischen Wert. Meine Theorie ist, daß man von Verwandten von früher nur wenige Fotos vorweisen kann, weil es so wenige gab, von uns später allerdings auch nicht mehr Fotos zeigen kann, weil sie sich in der Masse an Müllfotos nicht mehr wiederfinden lassen.

Bitte nicht so freundlich! – Ernst schauen auf alten Fotos


Habt ihr euch schon einmal gefragt, wieso auf alten Fotos alle immer so ernst dreinschauen?

 

Die Antwort darauf ist recht simpel. Die Fotos von damals, so wie oben am Beispiel meiner Ur- oder Ururgroßmutter zu sehen, wurden noch nicht auf Filmen aufgenommen, sondern auf Fotoplatten. Die hatte ich euch hier schon einmal vorgestellt. Das waren Glasplatten, die mit einer lichtempfindlichen Auflage versehen waren. Wurde die Fotoplatte in der Kamera dem Licht ausgesetzt, entstand das Negativ. Das Prinzip ist bei allen Filmkameras gleich geblieben. Lediglich die Lichtempfindlichkeit der Filme wurde verbessert. Das Ergebnis: ein kurzes Klick, die Linse wird geöffnet und sofort wieder verschlossen – fertig.

Damals ging das nicht so schnell. Der Kameradeckel wurde entfernt bzw. die Abdeckung der Fotoplatte wurde herausgezogen. Nun hieß es warten – bei neueren Modellen nur 5 Sekunden, ganz früher bis zu einer halben Minute musste man absolut reglos sitzen oder stehen und möglichst nicht mal mit den Augen zwinkern. Kein Wunder, daß man ernst dreinschaut. Wer länger als 10 Sekunden unbewegt lächeln will, sieht ganz schön dämlich aus.

Das Ergebnis solch einer Aktion war eine Fotografie, die dann auch etwas Besonderes darstellte. Es gab nur ein Motiv, das mehrmals entwickelt und den liebsten Freunden und Verwandten zugeschickt wurde. An das lawinenhafte Überschütten der Umwelt mit Selfies war nicht zu denken. Der Fotograf Photograph war ein angesehener Mann, der sein Handwerk verstand. Und das tat er kund. Jedes Foto wurde früher noch auf eine Trägerpappe aufgeklebt. Die wurde auf der Vorderseite beschriftet. Allerdings nicht mit dem Namen der abgebildeten Person. Nein, der Photograph wurde verewigt.

Und die Rückseite der Photos wurde ebenfalls mit Eigenwerbung versehen. Schließlich bekam der Fotografierte ja das Foto und wusste, wer drauf war.

 

 

Ein Bild sagt mehr …


 

Es gab Zeiten, da wurden Fotos noch nicht auf SD-Karten und USB-Sticks gespeichert. Damals musste man sich noch gut überlegen, ob ein Motiv wirklich wert war, dafür eines der nur 12, 24 oder 36 Bilder des Rollfilms zu benutzen.

Aber davor gab es Zeiten, in denen jedes Foto auf eine eigene Glasplatte aufgenommen wurde. Vor der Erfindung des Zelluloids (aus dem die ersten Rollfilme hergestellt wurden) musste eine lichtempfindliche Emulsion entweder auf Metall oder auf Glas aufgebracht werden. Um die Jahrhundertwende hatte sich Glas durchgesetzt. Es war zwar zerbrechlicher als Metall, aber preiswerter in der Herstellung.

Jede Glasplatte für ein einzelnes Foto steckte in einer Metallkartusche. Die sah so aus. (das Glas fehlt hier natürlich, es wurde ja nach dem fotografieren zur Entwicklung entnommen). Damit kein Licht auf das Glas fiel, wurde es durch eine Metallplatte geschützt (links) die vor und nach dem Fotografieren eingeschoben sein musste.Photoplatten Agfa Isochrom Filmpack

 

Es gab verschiedene Filmpacks. Je nach Kameramodell wurden unterschiedliche Kartuschen benötigt. Hier ein anderes Modell. Hülle ab, Platte in die Box-Kamera, auslösen, Platte raus, Schutzhülle drüber, fertig.Photoplatten Agfa Isochrom Filmpack

 

Um mehrere Fotoplatten stoßsicher und sauber unterwegs dabeihaben zu können, gab es praktische Etuis. Hier ist eins.Photoplatten

 

Aber viel hat nicht hineingepaßt.

Photoplatten

 

 

Meine Oma hat seinerzeit als Kind und Jugendliche in unserem Fotogeschäft ausgeholfen. Das war in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Sie hat mir erzählt, wie die Fotoentwicklung damals vonstatten ging: Die entwickelte Glasplatte wurde in einen kleinen Holzrahmen geschoben. Hinter die Photoplatte wurde ein Blatt Photopapier gesteckt. Das wurde für alle zu entwickelnden Fotos wiederholt. Danach stellte sie alle Photoplatten vor dem Laden in die Sonne. Nun wurde das Negativ von der Photoplatte auf das Papier übertragen. Alle fünf bis zehn Minuten musste sie nachsehen, ob das Photopapier schon dunkel genug war. Wenn nicht, wurde weitere fünf Minuten gewartet, bis die gewünschte Belichtung erreicht war. Zum Schluß kam das Photo in ein Entwicklerbad um den Prozess abzuschließen.

Daraus könnt ihr ersehen, wie unempfindlich das Photopapier in den Anfängen der Fotografie war. Eine Dunkelkammer war da nicht notwendig.

Einige Glasplatten habe ich noch. Das Foto der Lieblingspuppe meiner Großtante hat sie mir mal gegeben. Ich habe versucht, die Glasplatte vor einem weißen Hintergrund zu fotografieren um euch das Ergebnis zu zeigen.

Photoplatte Negativ

 

Da die Photoplatte natürlich ein Negativbild enthält, habe ich es für euch invertiert. Da ist sie.

Photoplatte

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