Revue-Programme aus Paris, 1895


Vor gut einem Jahr habe ich euch einen meiner liebsten Programmzettel vorgestellt. Wer sich nicht mehr erinnert, der muß hier klicken.

Heute kommen noch zwei dazu, auf die ich nicht weniger stolz bin, gedruckt von den Firmen François Appel in der Rue du Delta, und Chaix et Cie., beide Paris.

Das erste stammt aus dem Casino de Paris, einem Revue-Theater, das heute zwar noch existiert, jedoch nicht mehr an der alten Adresse 15, Rue Blanche.

 

Gegeben wurde das Stück Rabelais, wahrscheinlich ein Schauspiel über den französischen Schriftsteller François Rabelais. Ich frage mich, was im 4. Akt „Nonnes & Ribaudes“ (Nonnen und Dirnen), einem Ballett-Tanz zur Aufführung kam.

 

Das Casino de Paris scheint nicht so wahnsinnig erfolgreich gewesen zu sein. Das schlußfolgere ich aus der doch sehr beschränkten Nutzung des Werbeplatzes auf der Rückseite. Schuhe des „Hauses der grünen Botten“ und Herr Pfeiffers Pianos. Das war’s.

 

 

Das zweite Programm stammt vom 4. Juli 1895. Es wurde zwar nicht bei F. Appel gedruckt. Allerdings war auch die Druckerei Chaix sehr berühmt – vielleicht sogar noch bekannter als Appel. Die Bibliotheque Nationale de France hat extra für euch hier eine kleine Zusammenstellung vorbereitet.

Mein Programm stammt aus dem „Hippodrome“

 

Das Programm selbst ist begrenzt aufschlußreich. Es wird getanzt und gemacht. Zweimal täglich, 11 Uhr mittags und 6 Uhr abends. Ein Buffet und die Bar sind geöffnet, Preise sind im Hause ersichtlich.

Die halbe Besetzung der Aufführung scheint durch Familie Gontard zu erfolgen. Allein 4 Hauptrollen.

 

Das Interessanteste an diesem Programm ist die Werbung auf der Rückseite.  Die Schneiderei Nicoll, eine Dependance des Londoner Geschäfts wirbt in englischer Sprache für Herren und Damenmode, die auch schon an die Königliche Familie in London geliefert wurde.

 

 

 

 

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Folies Bergere in Paris – Programm von 1890


Einen Monat war euer Museumsdirektor sozial engagiert unterwegs, hat viele Dinge erlebt, die Hirn und Herz angeregt haben und glaubt, Gutes getan und geholfen zu haben, wo es im Moment wichtig ist. Damit ist noch nicht Schluß, aber das erste Chaos ist überwunden und die größte Not ist gelindert.

Als Dankeschön für das lange Warten habe ich euch als erstes Ausstellungsstück nach den „Sommerferien“ eines meiner Lieblinge in der Sammlung ausgewählt. Ein Programm des Varietés Folies Bergère in Paris.

Es ist ein Druckerzeugnis aus der Imprimerie Francois Appel und wurde 1890 hergestellt. Dank aufwändiger Chromolithographie leuchten die Farben auch nach 125 Jahren so, als wäre es gerade frisch aus der Druckerei gekommen.

Im Innenteil steht als Datum „Mardi 16 Decembre“. Dank des Internets ist es nicht schwierig, das dazugehörige Jahr herauszufinden. 1890 war wie durch Zufall auch das erste Jahr der größten Erfolge des Folies Bergère. Wikipedia fasst das sehr bildhaft zusammen:

Unter dem Eindruck der Jahresrevuen, die sich an einigen Theatern großer Beliebtheit erfreuten, inszenierte (der Besitzer) die erste, dem Metier angepasste Revue, die am 30. November 1886 Premiere hatte und die für damalige Begriffe unglaubliche Summe von 10.000 Franc kostete. Die Programme waren angefüllt mit vielen spektakulären Nummern: Kraftmenschen, Löwenbändigern, Groteskenpantomimen, Elefantendressuren, Abnormitätenschauen und Ringkämpfen. Doch auch das vermochte das Publikum nicht dauerhaft und regelmäßig in die Vorstellungen zu locken. Daher organisierte man (ab 1890) für die besten Prostituierten der Stadt Freikarten, die sie zum vierzehntäglichen Wandeln durch die Foyerhallen berechtigten. Zwar waren keine offensiven Angebote erlaubt, doch ein aufforderndes Kopfnicken war gestattet. Paul Derval, lange Zeit Direktor der «Folies Bergère», schrieb dazu in seinen Memoiren: „Dieses geniale System bewährte sich einige Jahre hindurch sehr gut. Jeder Pariser wusste, dass die Damen im Promenoir solche von leichter Tugend waren und dass sie die Crème ihrer Profession darstellten … kurz, das Promenoir der Folies Bergère war als der beste Liebesmarkt der Stadt bekannt.“

Mit ein wenig Phantasie kann man sich vorstellen, wie so mancher Abend einer lustigen Herrengruppe verlaufen sein mag.

Den großen Zuspruch der Pariser Bürger kann man bei diesem Programm am gut gefüllten Anzeigenraum erkennen. Es lohnte sich offensichtlich, auf Programmheften des Folies Bergère, die noch dazu 20 Centimes kosteten, zu werben. Ein weiteres Programm, das nur zwei Tage eher erschien und ein Beispiel für weniger großen Zuspruch der Werber darstellt, hatte ich euch hier schon einmal vorgestellt.

Für was wurde 1890 in einem Variete geworben?

Auf der Titelseite: TSARINE Creme und Reispuder (beides, auch wenn es nach Desserts klingt, dazu da, Frauengesichter anmutig erscheinen zu lassen), erhältlich in der Parfümerie Violet

Im Mittelteil: Das Möbelgeschäft Maison Janiaud junior preist sein großes Sortiment an (gebrauchten?) Möbeln zum Kauf oder Tausch an. (habe ich das richtig übersetzt?); Diamanten, Absinth und alle großen Parfüm Marken

Auf die Rückseite haben es größere Anzeigen geschafft: Apricosenlikör von P. Garnier, die Brasserie Mallet (bis 2 Uhr geöffnet!); La Balneum – ein Badehaus nach türkischer, römischer und russischer Art – 2 Franc ohne, 3 Franc mit Massage (oha) oder das ELIXIR GODINEAU, mit dem man für nur 20 Franc pro Fläschchen Dinge erreichen kann, die mir meine begrenzten Französischkenntnisse  glücklicherweise verschließen.

Meine anderen bereits veröffentlichen Dinge von Monsieur Appel könnt ihr euch anschauen, indem ihr hier klickt.

Über den Preis, den man für ein Programmblatt in dieser Erhaltung zahlen muß, möchte ich an dieser Stelle schweigen.

Willkommen im Menschenzoo – Paris 8. Mai 1887


Vor einem knappen halben Jahr habe ich euch mein kleinstes Sammelgebiet vorgestellt – die Stuhlkarten. Damals habe ich euch eine weiter Karte versprochen – eine großformatige. Die ist eigentlich schon so groß, daß man schon gar nicht mehr von Karte reden kann. Es ist schon ein Blatt.

 

Etwas kleiner als ein A4-Blatt, war diese Chromolithographie in absolut neuwertiger Erhaltung einigermaßen schwierig zu bekommen. Sie stammt aus der Druckerei Henri Sicard, neben Francois Appel, Vallet & Minot und Testu, Massin & Champenois eine der ganz großen Imprimeries von Paris.

Ich hatte euch Henri Sicard bereits in diesem Artikel erstmalig vorgestellt. Es gab noch weitere große Druckereien in Paris, der Hauptstadt der vom Deutschen Alois Senefelder erfundenen Lithographie. Bognard, Thomas Dupuy, Bouillon-Rivoyre, Hutinet, Baster & Vieillemard, Henri Laas, Courbe-Rouzet, Romanet, Dangiville (eine der ältesten), Aubry,  Verger und Bataille – ich glaube, das ist eine vollständige Liste aller namhaften Imprimeure des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die meisten wurden erst in den späten 1870-er oder frühen 1880-er Jahren gegründet, wuchsen mit der Nachfrage nach Werbe-, Kalender- und Verpackungsdrucken schnell und waren zu beginn des 20. Jahrhunderts verschwunden.

Einige wenige überlebten und kauften lukrative Konkurrenten auf. So wurde aus Testu & Massin zuerst Testu, Massin & Champenois und schließlich bleib nur noch Champenois übrig. Den kennt beinahe jeder durch seine Drucke der Werke von Alphonse Mucha.

 

Zurück zu unserem heutigen Exponat: Der Jardin Zoologique d’Acclimatation du Bois de Boulogne wurde 1860 von Napoleon III eröffnet. Es war einer von zwei Pariser Zoos in dem bis 1870/71 viele Tiere aus der ganzen Welt gezeigt wurden. Während der Belagerung von Paris durch die Preußen in den eben genannten Jahren zog man es vor, die Tiere vom Chefkoch Alexandre-Étienne Choron köstlich zubereiten zu lassen und zu verspeisen. Ob dazu die vom Maître kreierte Sauce Choron bereits gereicht wurde, ist mir unbekannt.

Zwischen 1877 und 1912, also zu der Zeit, in der unser heutiges Blatt den Besuchern ein wunderschönes Konzert ankündigte – es war der 8. Mai 1887 – bot der Garten „l’Acclimatation Anthropologique“ wie er inzwischen hieß, eine ganz bezaubernde Attraktion an. Buschmänner, NubierZulu und viele weitere afrikanische Stämme wurden in einem menschlichen Zoo ausgestellt. Der Erfolg war enorm. Seit diese heute eher unwahrscheinliche Ausstellung eröffnet wurde, verdoppelte sich die Anzahl der Besucher auf eine Million pro Jahr.

Welche Musik wurde im Mai 1887 gespielt? Schauen wir auf das Programm: Mayeur (der auch selbst dirigierte), Auber, Jules Massenet, Johann Strauß, Georges Bizet, Sellenick, Gounod, Desormes.

 

Auf der Rückseite finden wir Werbung für Herren- und Knabenmode des Kaufhauses La Grande Maison gegenüber des Louvre.

Überraschenderweise wurden die Anzüge immer teurer, je jünger der Knabe war. Um dem Bengel ganz rechts sein neues Outfit zu finanzieren, waren bereits 50 bis 55 Franc nötig, wohingegen Vater für die Hälfte einen schmucken Anzug bekam. Mit Toben und Schmutzigmachen war es dann allerdings Sense. Allenfalls auf einen Hügel zeigen (wie er uns das vormacht) und einmal hin und wieder zurücklaufen – mehr war nicht drin.

Zirkusprogramm – 14. Dezember 1890 – Paris


Der Zirkus ist in der Stadt!

Im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts gab es so einige Zirkusse, die den Sommer über im Freien spielten und im Winter in große Häuser zogen um dort ihre Vorstellungen zu zeigen. Damals zu den bekanntesten Innen-Zirkussen (ist das überhaupt der Plural von Zirkus?) gehörte der Cirque d’hiver – dem Winter-Zirkus von Louis Dejean.

Damals ebenso beliebt, wenn auch weniger groß und bekannt, war der Nouveau Cirque. Am Namen kann man erkennen, daß er erst verhältnismäßig spät gegründet wurde. Wurde der Cirque d’hiver bereits 1843 eröffnet, ging der Vorhang des Nouveau Cirque erst ca. 30 Jahre später auf.

 

Das heute vorgestellte Programm wurde für die Vorstellung am Sonntag, den 14. Dezember 1890 gedruckt. Auf den beiden äußeren Einklappseiten ist keine Werbung aufgedruckt. Auch sind die Farben des Titelbilds etwas verschoben. Ging es dem Zirkus damals vielleicht schlecht? Man weiß es nicht mehr. Das Titelbild wurde übrigens vom Aquarellmaler und Illustrator Louis Vallet entworfen. Ob das derselbe ist, der auch an der Druckerei Vallet, Minot & Cie. beteiligt war, muß ich noch herausfinden. Falls es derselbe Herr ist, gibt es hier irgendwann einen Link zu einigen der hunderten Sammelbildchen aus seiner Feder.

Mit tollen Attraktionen konnte der Zirkus allerdings aufwarten. Bekannt geworden ist er in der Saison 1890 mit einer Löwendressur, in der drei Löwen einen römischen Streitwagen durch die Manege zogen, Zwei der Löwen auf ihren Pranken einen Hund balancierten und im Maul ein Seil hielten, über das der mutige Hund hin- und hersprang. Der Dompteur dieser Nummer war kein geringerer als Carl Hagenbeck, heute hauptsächlich bekannt durch seinen vor den Toren Hamburgs gegründeten Tierpark. Vorher bestand sein Tagwerk darin, als Tierfänger durch Afrika zu reisen und Zootiere zu beschaffen.

Unsere Zirusschau hatte andere Highlights. Die könnt ihr auf der inneren Mittelseite nachlesen:

 

Auf den inneren Einklappseiten findet ihr Werbeanzeigen für Damenhüte, Kölnisch Wasser, noch ein Hutgeschäft und einen Damenschneider.

Gedruckt wurde das Programm von der Imprimerie Paul Dupont, eine der großen Druckereien und Konkurrenz von Francois Appel. Dieses Programm habe ich als Teil eines Pakets gekauft, in dem sich zwei Programme des favorisierten Monsieur Appel befanden. Das bedeutet, daß ich es eigentlich gar nicht brauche. Aber zum wegwerfen oder tote Heringe darin einzuwickeln, ist es mir dann doch zu schade.

Update: Zack, kaum veröffentlicht, finde ich noch eine Information zum Programm. 1886 wurde der Nouveau Cirque von Joseph Oller gegründet und konnte mit einem Gebäude aufwarten, in dem die Bühne komplett hydraulisch bewegbar und langsam absenkbar und mit Wasser befüllbar war.

Update 2: Die oben beworbene Show „A la Cravache“ war wohl ein Riesenerfolg. Der Clown Foottit brillierte in seiner Nummer als Imitation von Sarah Bernhardt als Cleopatra. Die Schauspielerin besuchte selbst eine der Vorstellungen und fiel durch „herzliches Lachen“ auf. (zu finden im Buch „The Great Parade: Portrait of the Artist as Clown“ von Jean Clair.

Lithographische Druckerei François Appel – Rue du Delta, 12 – Paris


Daß ich seltsame Dinge sammle, dürfte jedem meiner Besucher inzwischen bekannt sein. Fragt mich nicht, wie ich als Berliner auf die Idee gekommen bin, Werke zu sammeln, die von einer speziellen Druckerei in Paris hergestellt wurden. Aber so ist es. Einige meiner Sammelstücke habe ich euch in vergangenen Beiträgen schon vorgestellt.

Heute kommt ein Brief dazu, über den ich mich sehr gefreut habe, als ich ihn endlich in der Hand hielt.

 

Er wurde von Firma Appel am 19. Februar 1869 an Monsieur Joseph Brès in Nizza geschickt. Es ist mir leider nicht gelungen, herauszufinden, wer Joseph Brés war. Bemerkenswert finde ich aber, daß es in Nizza eine rue Joseph Brès gibt. Und die wird nicht nach ihm benannt worden sein, weil er mal einen Brief aus Paris geschickt bekommen hat.

Bedauerlicherweise kann ich den Brief auch nicht lesen, sonst könnte man aus dem Inhalt vielleicht Rückschlüsse ziehen. Kann von euch jemand helfen? Ich habe hier einen Artikel über Stadtentwicklung von Nizza gefunden, den ich aber auch nicht lesen kann. Dort wird Herr Brès mehrfach erwähnt. Vielleicht war er ein Stadtplaner oder damit beschäftigter Politiker.

Das von Firma Appel benutzte Briefpapier gibt übrigens Aufschluss über das Fabrikgelände der Druckerei. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war es weit verbreitet, seine Fabrik auf dem Briefkopf abzudrucken. Rauchende Schornsteine waren dabei ein Zeichen von florierendem Geschäft. François Appel hat sich etwas Besonderes einfallen lassen. Blättert man den Brief um, ist die Lithographische Anstalt auf einer ganzen A4-Seite abgedruckt.

 

Die Adresse von François Appel, Rue du Delta, 12, Paris gibt es übrigens auch heute noch. Der Eingang ist auf der Abbildung links unten zu sehen. Google StreetView hat hier zwar ein Bild, jedoch wurde gerade gebaut, als es aufgenommen wurde. Bei meinem Besuch sah es dort richtig hübsch aus. Leider war das Tor verschlossen, so daß ich außer dem Hinterhaus nicht sehen konnte, ob vom ehemaligen Fabrikgebäude noch etwas übrig ist.

Noch ein paar Informationen zu Herrn Appel. Er wurde am 18.4.1821 in Coburg geboren, war also ursprünglich Deutscher. Seine Familie zog in seiner Jugend nach Frankreich. Gestorben ist er am 9.10.1882 in Paris.

Etiketten


Ich habe Herrn Appel auf unterschiedlichen Druckwerken angetroffen. Wenn man Erzeugnisse seiner Druckerei aus Paris der 1870-er bis 1890-er Jahre sammelt, dann gehören dazu nicht nur Sammelbilder, sondern auch solche Exoten wie Etiketten von Schnapsflaschen.

Das können sowohl abgelöste Etiketten sein:

als auch neue

Wichtig ist der Namenszug –  auf dem ersten Bild gut sichtbar am unteren Rand „Lith. F. Appel Paris“, auf dem zweiten Bild schon etwas schwieriger, ganz winzig auf dem untersten Blatt, unterhalb des roten Bandes.

Monsieur Appel hat vorwiegend Etiketten für Cognac entworfen

aber auch den Absinthe hat er nicht verschmäht.

Und weil – bis auf das erste – alle Etiketten druckfrisch sind und ehrlich gesagt kaum jemand nagelneue, unbenutzte Etiketten über 125 Jahre lang aufhebt, war es schon unerwartet kostspielig, diese hier zu erwerben.

Was es nicht alles gibt.

Weitere Werke von Francois Appel aus der Rue du Delta in Paris findet ihr im Moopenheimer-Museum unter dem Kennwort Appel oder in der Bibliotheque nationale de France.

Schiff ahoi! – von New York nach Le Havre – Januar bis März 1890


Heute habe ich euch eines meiner ganz besonderen Lieblingsstücke rausgesucht. Aus Erfahrung weiß ich, daß Artikel, die mir lieb und (meist sehr) teuer sind, hier im Museum die geringsten Besuchszahlen erzielen. Sollte mir das etwas über meinen ungewöhnlichen Geschmack sagen? Egal, das ist mein Zeug, mir muß es gefallen.

Im Jahr 1890 fuhren die fünf Schwesterschiffe „La Bretagne“,  „La Normandie“, „La Bourgogne“, „La Champagne“ und „La Gascogne“ im Linienverkehr zwischen Le Havre und New York hin und her. Sie alle gehörten zur Compagnie Generale Transatlantique.

Zu den Fahrten gehörten Passagierlisten, die den Herrschaften an Bord anzeigten, mit wem sie denn gemeinsam in See stachen. Der Artikel heute ist eine Sammlung der Passagierlisten für die Überfahrten von New York nach Le Havre in der Zeit zwischen Januar und März 1890.

Ich hatte dieses Büchlein vor einigen Jahren zu einem verhältnismäßig günstigen Preis erstanden, weil der Verkäufer nicht wusste, was er da zum Verkauf anbot. Mein Hauptaugenmerk galt dabei den Chromolithographien meines Hauptsammelgebietes: Druckerzeugnisse der Imprimerie Francois Appel, Paris. Und davon enthält das Büchlein einige, die bisher noch niemand in meinen Sammlerkreisen kennt.

So sehen die  Chromolithographien aus, die aus einer Doppelseite bestehen und auf den Innenseiten die Namenslisten beherbergen. Jede der vier unterschiedlichen Lithographien ist mehrfach enthalten.

wahrscheinlich „La Bretagne“

New York

Auch das Liniennetz der Bahn war verzeichnet:

Hotels

Als nächstes kommen die Passagierlisten und ich habe mir mal die Mühe gemacht (5 Stunden), in den Listen herumzusuchen und die Passagiere im Internet zu ergoogeln. Unter jeder Liste stehen die Details, die ich zu den Herrschaften gefunden habe, wenn verfügbar sogar mit Hintergrundinformationen. Passagiere, deren Titel schon in der Liste stehen, habe ich nicht extra erwähnt. (z.B. Militärs, Botschafter o.ä.)

4. Januar

  • Mr. C. C. E. Fibiger – ein Mitglied der Familie des dänischen Pathologen und Nobelpreisträgers Johannes Andreas Grib Fibiger
  • Miss Theodora de Gillert – eine Primaballerina der Metropolitan Opera New York, die ihr euch hier anschauen könnt.
  • Mr. Louis Keller – ein amerikanischer Verleger, Golf Club-Besitzer und High Society-Mitglied
  • Mr. Henry S(idney) Oppenheimer – geboren am 2. November 1866 in New York City, einem Mitglied der berühmten Oppenheimer-Familie, Neffe von Salomon Oppenheimer und Verwandter von Heinrich Hertz (dem Namensgeber unserer Strom-Frequenz Hz)
  • Jacques Schorestene
  • Ekko Sollmann – einem Erfinder aus Hoboken, Hudson county, State of New Jersey. Er hat so tolle Dinge erfunden, wie eine elektrische Eisenbahn (Bild) und den passenden Zug (Bild). Ein weiteres Patent des gebürtigen Deutschen findet ihr hier.
  • Meyer Louis van Moppes – ein Diamanthändler aus Amsterdam, dessen Namen mir persönlich sehr nahe geht.

11. Januar

  • Edgar P. Allen – der so aussah (Mitte), im Manganhandel tätig war und später irgendwie seine Finger bei der Ausrüstung der US-Army im 2. Weltkrieg im Spiel hatte.
  • Mr Wilber A. Bloodgood – ein Herr mit einem wunderschönen Namen, was ihm allerdings auch nicht viel genützt hat, da er, der Sohn von William A. Bloodgood, am 6. April 1923 verstorben ist.
  • Mr. Thomas Cranage und seine Familie – einen ausführlichen Bericht über ihn gibt es hier. Dort sind auch seine Frau Julia (hier Mrs. Thomas Cranage), sein Sohn Samuel Pitts Cranage und Tochter Mary erwähnt.
  • Mr. John Baptiste Ford Jr – der Begründer der amerikanischen Flachglas-Industrie und Mitglied der Auto-Dynastie aus Detroit – hier sein Haus.

 18. Januar

  • The Most Reverend M. A. Corrigan D. D. Archbishop of New York – ein sehr wichtiges Oberhaupt der New Yorker katholischen Kirche. seht hier
  • Louis Lasher Lorillard und seine Brüder Mr Beekman Lorillard und George – Tabak-Millionäre aus New York nebst Dienern und Mägden.

25. Januar

  • Edward D. Adams – Erbauer des nach ihm benannten Wasserkraftwerkes an den Niagara-Fällen, in dem erstmals der von Nikola Tesla erfundene Wechselstrom erzeugt wurde.
  • Mr Beauveau Borie und Familie – Herr Borie war laut seiner Universitäts-Annalen ein Manufacturer, Bankier und Broker. Seine Frau und Sohn wurden mal gemalt (hier) und er oder sein Sohn war Präsident der Börse.

1. Februar

  • Alban G. Anderson – keine Infos zu seinem Leben, aber zu seinem Tod.
  • Familie Vanderbilt Sloane – Mitglieder der Eisenbahn-Dynastie, z.B. zwei Töchter von William Henry – (der nach heutigem Wert ein Vermögen von 231,6 Milliarden Dollar besaß), Emily (spätere Ehefrau eines der Unterzeichner vom Versailler Vertrag) und L. (Margaret Louisa?) sowie des Sloane-Zweiges, der unter anderem ein nettes Anwesen in Massachussetts gehörte. Malcolm Douglas Sloane, späterer Besitzer des legendären Swope-Mansion war auch mit von der Partie.
  • Mr. E(manuel) Wertheimer – deutsch-österreichischer Philosoph und Aphoristiker ungarischer Herkunft

8. Februar

  • Mr. Hipp (Hyppolyte) Didisheim – Schweizer Uhrmacher der renommierten Marvin-Uhren

15. Februar

22. Februar

  • Mrs. W(illia)m (Waldorf) Astor – die Ehefrau des New Yorker Financiers, die ursprünglich Mary Dahlgren Paul hieß. Zum Zeitpunkt der Überfahrt seiner Frau begann William gemeinsam mit seinem mit der Titanic untergegangenen Cousin John Jacob Astor IV gerade die Planungen für das berühmte erste Waldorf-Astoria Hotel. Kein Wunder, daß die Gute sich nach Europa zurückzog. Dieses Hotel stand übrigens auf dem Grundstück, auf dem 1929 das Empire State Building errichtet wurde.
  • Georges de la Bouglise – französischer Bergbauingenieur und Miterfinder des front-lenkbaren Hochrades. (Michaux-Rad)
  • Mr. M. De Forest Bolmer – amerikanischer Maler (Bilder)
  • Alfred N. Beadleton – Brauereibesitzer, der bedauerlicherweise am 10. August 1917 wegen Darm-Blutungen in den White Mountains gestorben ist.
  • Französische Ingenieure, die vor der Übernahme der Bauarbeiten am Panama-Kanal durch die USA 1899 dort verweilten: In diesem Artikel (englisch) ist Herr Nouailhac-Pioch erwähnt worden. Lest auch meinen Artikel zum Panama-Kanal.
  • Mr. Jacob Dangler – Besitzer einer Firma für Fleischwaren-Portionspackungen. (mehr)
  • Gustav (von) Hochwaechter – Landrat im Kreis Moers von 1870-1871 und Autor der Bücher „Mit den Türken in der Front im Stabe Mahmud Muchtar Paschas. Mein Kriegstagebuch über die Kämpfe bei Kirk Kilisse, Lüle Burgas und Cataldza“ und „Afrika ruft den Jäger – Praktisches aus der Praxis“
  • Mr. John W. Johnston – evtl. der Sohn des gleichnamigen Politikers.
  • Mr. Maurice W. Kozminsky – über den ich nichts gefunden habe, er wird allerdings in den Einträgen seiner späteren Frau Stella erwähnt.
  • Mr. W. A. J. Sparks (später Honorable Sparks – Commissioner of the General Land Office, adjustment of the Atchison, Topeka and Santa Fe land grant in the state of Kansas)
  • Mr. Edward Tuck – amerikanischer Bankier und Philanthrop, der um 1890 von New Hampshire nach Paris umzog und nach dem in Paris sogar eine Parallelstraße der Champs-Elysées benannt ist.
  • Mr. Eugene Winthrop – Bruder von Robert Winthrop, einem Gegenspieler von JP Morgan und den Rothschild-Bankiers.

 1. März

  • C. P. E. Burgwyn (Collinson Pierrepont Edwards), 1852-1915 – schrieb zwei Bühnenstücke: The Huguenot Lovers und The Lost Diamond
  • Mr Burgwyn wurde zusammen mit Admiral Viel, dem Vicomte Paul d’Abzac, Judge Thacher, George Nathaniel Pratt, J. A. Durand-Bailhot, Henry A. Robbins und H. C. Godell in einem Artikel unter der Überschrift „Sailed for Europe“ der New York Times vom 2. März erwähnt. Den Anfang des Artikels gibt es hier.
  • Mr. Charles Renauld – wohl ein französischer Bankier
  • Mr. Harry Rosenhaupt –  1869-1938, späterer Legislator im Staat Washington, dessen Papiere in den Bibliotheken der Universität Washington aufbewahrt werden.

8. März

  • Mrs. E. G. Hubbard – die Ehefrau von Elbert Green Hubbard, einem amerikanischen Schriftsteller und Verleger. Beide kamen am 7. Mai 1915 ums Leben, als ein kaiserlich-deutsches U-Boot die RMS Lusitania vor Irland versenkte.

Hier fehlt übrigens die rechte Hälfte der Liste. Vermutlich stand darauf der Vorbesitzer dieses Büchleins, der sich die Seite als Souvenir rausgetrennt hat.

 15. März

  • J. J. Astor – John Jacob Astor IV, der schon am 22. Februar (oben) erwähnte Cousin von William Waldorf Astor, der mitsamt der Titanic unterging, nachdem ihn einer der Schornsteine erschlagen hatte.
  • Mr. Jacob Dreicer – russisch-stämmischer Exklusiv-Juwelier in Manhattan (Dreicer-Haus)

Da die Schiffe jeweils in der 1. Klasse 390, in der 2. Klasse 65 und in der 3. Klasse 600 Passagiere beförderten, vermute ich, daß hier nur die wichtigsten Passagiere der 1. Klasse Erwähnung gefunden haben.

Zusätzlich habe ich noch zwei Rezeptblättchen die den Passagieren der 1912 in Dienst gestellten France II übergeben wurden.

Alt-Französische Küche – Lammrücken a la Ninon

Rebhühner a la Montespan

Damit endet der bisher am ausführlichsten recherchierte Artikel und ich hoffe, daß sich außer mir noch jemand über dieses schöne Büchlein freut. Da ich weiß, was ich da habe, ist es mir aber auch wurscht, wenn ihr das nicht macht. Schiff ahoi und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

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