Kalender – 1887 – Émile Bayard und Henri Sicard


Kalender sind eine tolle Erfindung. Seit der Mensch Zeit und Ruhe hat, sich die Sterne anzusehen und den Lauf von Mond und Sonne zu verfolgen, gibt es Kalender – in etwa. Anfangs in Form riesiger Steine, die in bestimmten Mustern aufgerichtet wurden oder als schmale Ritzen im Mauerwerk, die das Sonnenlicht auf einen bestimmten Punkt scheinen ließen, wurden sie im Laufe der Jahrtausende immer kleiner, handlicher, praktischer und schöner, nur um schließlich ihr Leben als langweilige Smartphone-App unter den schmierenden Fingern der Menschheit zu fristen.

Ein Teil meiner Sammlung bilden Kalender, diese dann in Form von Taschenkalendern und die wiederum aus der Zeit zwischen 1870 und 1900. Viele habe ich nicht. Diese Sammlung ist auch nur eine Unterkategorie meiner Chromolithographie-Sammelbildchen-Sammlung. Auf einigen dieser Karten wurden halt Kalender aufgedruckt. Das ist auch schon der große Unterschied.

Wenn mir jedoch dann ein Kalender eines meiner favorisierten Drucker in die Hände fällt, kann er auch ruhig etwas größer sein, so wie dieser 129 Jahre alte Vertreter, der so groß ist, daß er gerade so in die größte meiner Schubfächer passt.

Henri Sicard kennt ihr schon aus dem Beitrag über den Kleinen Däumling und den Menschenzoo. Im Laufe der Zeit werden noch weitere Artikel hinzukommen. Sie alle findet ihr dann hier.

Der Rand neben Januar und Februar ist leider etwas ramponiert. Aber ich möchte euch mal mit 129 Jahren sehen.

Interessant ist die Umsetzung des Gemäldes. Wer versteht, wie Chromolithographie funktioniert, weiß wie schwierig es ist, ein Gemälde in dieser Größe bei gleichbleibender Qualität in 7 oder mehr Farben aufzuteilen und diese dann auf die Lithographiesteine zu übertragen. Das Gemälde stammt vom berühmten Illustrator Émile Bayard.

Und wer schon jemals ein Werbeplakat für Les Miserables gesehen hat, der kennt dieses Bild

Abbildung vom Verlag penguinrandomhouse.com

und kann ab jetzt stolz behaupten: „Ich weiß, daß dieses Bild von Émile Bayard ist und Moopenheimer hat von ihm einen uralten Kalender.“

So sieht das Original aus – die Signatur unten rechts ist auf meinem Kalender unten links zu finden.

„Ebcosette“ von Émile Bayard – 1886 engraving for Victor Hugo’s Les Miserables. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ebcosette.jpg#/media/File:Ebcosette.jpg

Mein Kalender war ursprünglich ein Wandkalender, hing bestimmt auch ein Jahr herum – wie ich vermute, in der Nähe einer Tür, die beim Öffnen und Schließen gegen den Januar stieß und ihm das erwähnte Leid zufügte. Er war im Jahr 1886 ein Werbegeschenk des Pariser Kaufhauses Maison de la Belle Jardiniere – hoppla, schon wieder eines meiner Sammelgebiete.

Und jetzt hat bestimmt auch der letzte meiner Leser etwas hinzugelernt und niemand ist am heutigen Tag umsonst aufgestanden.

Werbeanzeigen

Willkommen im Menschenzoo – Paris 8. Mai 1887


Vor einem knappen halben Jahr habe ich euch mein kleinstes Sammelgebiet vorgestellt – die Stuhlkarten. Damals habe ich euch eine weiter Karte versprochen – eine großformatige. Die ist eigentlich schon so groß, daß man schon gar nicht mehr von Karte reden kann. Es ist schon ein Blatt.

 

Etwas kleiner als ein A4-Blatt, war diese Chromolithographie in absolut neuwertiger Erhaltung einigermaßen schwierig zu bekommen. Sie stammt aus der Druckerei Henri Sicard, neben Francois Appel, Vallet & Minot und Testu, Massin & Champenois eine der ganz großen Imprimeries von Paris.

Ich hatte euch Henri Sicard bereits in diesem Artikel erstmalig vorgestellt. Es gab noch weitere große Druckereien in Paris, der Hauptstadt der vom Deutschen Alois Senefelder erfundenen Lithographie. Bognard, Thomas Dupuy, Bouillon-Rivoyre, Hutinet, Baster & Vieillemard, Henri Laas, Courbe-Rouzet, Romanet, Dangiville (eine der ältesten), Aubry,  Verger und Bataille – ich glaube, das ist eine vollständige Liste aller namhaften Imprimeure des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die meisten wurden erst in den späten 1870-er oder frühen 1880-er Jahren gegründet, wuchsen mit der Nachfrage nach Werbe-, Kalender- und Verpackungsdrucken schnell und waren zu beginn des 20. Jahrhunderts verschwunden.

Einige wenige überlebten und kauften lukrative Konkurrenten auf. So wurde aus Testu & Massin zuerst Testu, Massin & Champenois und schließlich bleib nur noch Champenois übrig. Den kennt beinahe jeder durch seine Drucke der Werke von Alphonse Mucha.

 

Zurück zu unserem heutigen Exponat: Der Jardin Zoologique d’Acclimatation du Bois de Boulogne wurde 1860 von Napoleon III eröffnet. Es war einer von zwei Pariser Zoos in dem bis 1870/71 viele Tiere aus der ganzen Welt gezeigt wurden. Während der Belagerung von Paris durch die Preußen in den eben genannten Jahren zog man es vor, die Tiere vom Chefkoch Alexandre-Étienne Choron köstlich zubereiten zu lassen und zu verspeisen. Ob dazu die vom Maître kreierte Sauce Choron bereits gereicht wurde, ist mir unbekannt.

Zwischen 1877 und 1912, also zu der Zeit, in der unser heutiges Blatt den Besuchern ein wunderschönes Konzert ankündigte – es war der 8. Mai 1887 – bot der Garten „l’Acclimatation Anthropologique“ wie er inzwischen hieß, eine ganz bezaubernde Attraktion an. Buschmänner, NubierZulu und viele weitere afrikanische Stämme wurden in einem menschlichen Zoo ausgestellt. Der Erfolg war enorm. Seit diese heute eher unwahrscheinliche Ausstellung eröffnet wurde, verdoppelte sich die Anzahl der Besucher auf eine Million pro Jahr.

Welche Musik wurde im Mai 1887 gespielt? Schauen wir auf das Programm: Mayeur (der auch selbst dirigierte), Auber, Jules Massenet, Johann Strauß, Georges Bizet, Sellenick, Gounod, Desormes.

 

Auf der Rückseite finden wir Werbung für Herren- und Knabenmode des Kaufhauses La Grande Maison gegenüber des Louvre.

Überraschenderweise wurden die Anzüge immer teurer, je jünger der Knabe war. Um dem Bengel ganz rechts sein neues Outfit zu finanzieren, waren bereits 50 bis 55 Franc nötig, wohingegen Vater für die Hälfte einen schmucken Anzug bekam. Mit Toben und Schmutzigmachen war es dann allerdings Sense. Allenfalls auf einen Hügel zeigen (wie er uns das vormacht) und einmal hin und wieder zurücklaufen – mehr war nicht drin.

Der kleine Däumling


Unter all den vielen Sammelkarten, die mir Schubladen und Schränke füllen, gibt es einen Satz, der mir ans Herz gewachsen ist, obwohl er weder zu einem meiner Hauptsammelgebiete gehört, noch von einem meiner favorisierten Drucker hergestellt wurde.

Die Rede ist vom Satz „Le Petit Poucet“. Der kleine Däumling, heißt dieses Kunstmärchen von Charles Perrault (1628-1703). Herr Perrault ist ebenso verantwortlich für weitere Märchen, die 1806 in die Märchensammlung der Gebrüder Grimm einging, so z.B. „Die schlafende Schöne im Walde“ (Dornröschen), „Das Rotkäppchen„, „Meister Kater“ (Der gestiefelte Kater) oder „Aschenputtel oder Der kleine gläserne Schuh„. Der Däumling hat es übrigens nicht in diese Märchensammlung geschafft, weil die Brüder Grimm der Meinung waren, das Thema „Vertreibung durch die Eltern“ mit „Hänsel und Gretel“ ausreichend behandelt zu haben.

Die Chromolithographien unseres heutigen Beitrags stammen aus dem Jahr 1885 und wurden als Reklame für das Bühnenstück „Le Petit Poucet“, einer Féérie von den Herren Eugène Leterrier, Arnold Mortier und Albert Vanloo angefertigt. Das Stück lief wohl im Pariser Théâtre de la Gaîté und hatte am 28.10.1885 Premiere. Angefertigt wurden die Kärtchen von der ebenfalls in Paris ansässigen Imprimierie Henri Sicard, Rue Amelot 28.

Das Kaufhaus A la Ville de Saint-Denis hatte seine Werbung auf der Rückseite aufgedruckt.

Das das Stück etwas bühnenreifer präsentiert wurde, tauchen darin verschiedene Charaktere auf, die uns im Märchen eher am Rande begegnen. Aber der Reihe nach. Der kleine Däumling ist hier auf dem Bild unten rechts zu sehen. Oben links eine der Töchter des Menschenfressers, rechts daneben ein Waldgeist und unten links eine Maus.

Nun kommt der Bösewicht des Märchens, der Ogre Bouf-Bouf (Oger) oder ins Deutsche übersetzt, der Menschenfresser, daneben der erbärmliche Koch des Menschenfressers: Truffentruffe. Unten die Fee Sylvana und ihr Page.

Weiter geht es mit dem Wächter aus dem Palast der Stiefel und daneben der Butler des Menschenfressers. Darunter ganz in Blau der Elfenblauvogel (Irena puella) und daneben Miss Pickle.

Zwei Jäger von der Insel der Jugendlichen und eine Palastwache, unten Bewohner der Insel der Jugendlichen und ein Küchenjunge von Bouf-Bouf.

Ganz zum Schluß kommen noch Pierrot als Küchenjunge und als Gendarm und unten noch einmal der Koch Truffentruffe mit Schürze.

19 Bilder – wahrscheinlich gehören mindestens 20 zum kompletten Satz, vielleicht sogar 24. Der Satz hat die Katalognummer SC1-7 (SC = Sicard, 1 = hochkant, eine Person pro Bild, 7 = Satznummer). Man könnte mal nachsehen.

Wer sich die Bilder in der Vergrößerung anschaut, sieht, daß der Druck nicht sehr sorfältig ausgeführt wurde. Jäger, Maus, Däumling und Sylvana leiden unter Farbverschiebung.

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 101 Followern an

wen interessiert's?

  • 357.849 Klicks (bis jetzt)

Menü

Member of The Internet Defense League

aus dem Archiv

Blick in die Parallelwelt: Moppis Reise-Blog

Wanderung durch das Bjørndal und auf den Vogelfelsen

Heute, am 26.7. ging es zur (Geburtstags-)Feier des Tages auf eine Wanderung ins Gebiet außerhalb der befriedeten Zone. Ab hier darf man nur mit ortskundiger Person und Waffe unterwegs sein. Auf Spitzbergen gibt es 2500 Einwohner und 3500 Eisbären. Unsere beiden Führer Doreen, die ursprünglich aus Stralsund kommt und Rønar, ein Einheimischer, waren uns eine […]

Husky Tour – 25. Juli 2015

Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

%d Bloggern gefällt das: