Trau keinem Fuchs auf grüner Heid


Der heutige Artikel dient einzig der politischen Aufklärung und Bekämpfung rechten Gedankenguts. Von jeglicher Verherrlichung der Volksfeindlichkeit oder Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder Religion distanziere ich mich und bitte jeden, dem dies nicht gefällt, meinen Blog zu verlassen und nie wiederzukehren.

1936 erschien im Stürmer Verlag Nürnberg ein Kinderbuch, aufgelegt von der Kindergärtnerin Elvira Bauer, über die ansonsten nichts herauszufinden ist. Dieses Buch fiel mir erstmalig in der Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg in die Hände, dort noch im Original in Sütterlinschrift.

 

Dieses Buch wurde vom – wie ich unterstelle – ziemlich rechtsfreundlichen kleinen Verlag Der Schelm als wissenschaftlicher Quelltext neu herausgegeben. Lest dazu den Verlagstext (Fettdruck von mir – diese m.E. zynische Formulierung weckt in mir die Vermutung der rechten Sympathie des Verlegers):

„Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid – Ein Bilderbuch für Groß und Klein von Elvira Bauer. Unveränderter Nachdruck (Neusatz in Antiqua) der im Stürmer Verlag, Nürnberg, 1936, erschienenen 1. Auflage. Bibliophile Ausgabe [???]. Der Verlag Der Schelm möchte seinem aufgeklärten Publikum mit diesem antisemitischen Kinderbuch, einem „Prototypen nationalsozialistischer Gestaltungsversuche“ (Aley, Peter: Das Bilderbuch im 3. Reich. 1983, S. 331), vor Augen führen, mit welcher Perfidie die Nationalsozialisten versuchten, bereits bei Kindern volksverhetzend gegen die allgemeine Menschheitsverbrüderung und insbesondere gegen das von Gott auserwählte Volk Israel zu wirken. Die Ablehnung durch zahlreiche etablierte Verlage – selbst durch den parteieigenen Franz-Eher-Verlag – und die Herkunft aus dem Stürmerverlag geben Hinweise darauf, daß es sich nicht um ein repräsentatives Werk handelt, sondern eher um ein „exzeptionelles Produkt“ (Augustinovic/Moll). Das Buch wurde vermutlich nicht in öffentliche Bibliotheken eingestellt und erschien nicht in offiziellen Empfehlungslisten. Es fand auch keine Zustimmung beim Nationalsozialistischen Lehrerbund. In Vorschulen und Kindergärten fand das Buch große Verbreitung und wurde in mindestens sieben Auflagen mit einer Gesamtauflage von etwa 100.000 Exemplaren gedruckt. Da das Buch über Parteiorganisationen kostenlos verbreitet wurde, kann die hohe Auflagenzahl nur bedingt über die Beliebtheit beim Publikum Aufschluß geben. Die Zeitung „Der Stürmer“ hat es in der Ausgabe 48/1936 beworben. Er empfahl das Buch für jeden Weihnachtstisch im Reich. Verfaßt und graphisch gestaltet wurde das vorliegende Buch von der Kindergärtnerin und Kinderbuchillustratorin Theodolinde Elvira Bauer (12. 9. 1915 in Nürnberg; Todesdatum unbekannt). Es erschien 1936 zum ersten Mal.

Ich werde euch einige Seiten unkommentiert hier anfügen. Lest sie euch durch und haltet euch vor Augen, welcher Hass dadurch in Kindern im Vorschul- und Grundschulalter aufgebaut wurde: (auf der ersten Seite wurde das Wort Ihn fälschlich als Hin gelesen.

Der Reim „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid“ stammt übrigens von keinem Geringeren als Martin Luther. In seinem Buch Von den Jüden und ihren Lügen (1543) schreibt er:

Trau keinem Wolf auf wilder Heiden // Auch keinem Juden auf seine Eiden // Glaub keinem Papst auf sein Gewissen // Wirst sonst von allen Drein beschissen.

Der Wikipedia-Eintrag zu Elvira Bauer ist hier zu finden.

Eine Filmempfehlung ist der Oscar-prämierte Kurzfilm Spielzeugland, der in YouTube zu finden ist, z.B. hier.

Advertisements

Fünf Jahre gestohlene Jugend – KZ-Entlassungsschein 1938


Bei der Recherche zu meinem heutigen Artikel bin ich auf interessante Internetseiten gestoßen, die mir gezeigt haben, wie wenig sich manche Zeitgenossen mit einem Thema beschäftigt haben, bevor sie beginnen viel Meinung dazu öffentlich kundzutun. Dazu mehr am Schluß des heutigen Beitrages.


Herr Bernd Viet lebte in den 1930er Jahren in Strausberg, einer beschaulichen Kleinststadt vor den Toren Berlins. Er arbeitete als Drogist und war sehr wahrscheinlich an einem gerechten Leben für alle interessiert. Leider konnte ich bis jetzt nichts zu seiner Person herausfinden, versuche mir aber meinen Reim auf das heutige Ausstellungsstück zu machen.

Ich vermute, Herr Viet war Mitglied der KPD oder einer anderen linksgesonnenen Vereinigung. Nach der Machtergreifung Hitlers und der Gleichschaltung bzw. des Verbots aller Parteien neben der NSDAP wurde die Jagd auf unliebsame Mitbürger eröffnet. Heute ist meist nur die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im Gedächtnis, allerdings handelte es sich bei der zweitgrößten Gruppe Verfolgter um die Kommunisten und Sozialisten. (hier hatte ich darüber schon einmal geschrieben)

Herr Viet wurde zwei Wochen nach seinem 19. Geburtstag, am 4. Dezember 1933 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Der Weg dorthin war zweifellos gepflastert mit Verhören und Misshandlung. Erst nach 5 Jahren und einen Monat nach seinem 24. Geburtstag wurde er aus dem KZ entlassen. Davon zeugt dieser Entlassungsschein.

Kommandantur des Staatl. Konzentrationslagers Sachsenhausen

Oranienburg, den 21. XII 1938

Entlassungsschein 221751

Der Drogist Viet, Bernd geb. am 22. November 1914in Strausberg / Kreis Nieder Barnim war in der Zeit vom 4. Dezember 33 bis 22. XII. 38 in einem Konzentrationslager untergebracht, die Entlassung erfolgte am 23. Dezember 1938. Seine Führung war -befriedigend-

Auflage: Sie haben sich bis auf Widerruf jeden 3. Werktag bei der Ortspolizeibehörde Ihres Wohnortes mit Ihren Arbeitspapieren zu melden.

Die Unterschriften des Lagerkommandanten und des SS-Oberführers kann ich leider nur bedingt entziffern Erstes sieht aus wie Gerlach, zweites wie Julemann. Beide Unterschriften stammen aber definitiv nicht von den KZ-Kommandanten des Jahres 1938 Hans Helwig (lesenswerter Artikel!) oder seinem Nachfolger Hermann Baranowski (der Ausbilder des späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß).


Zum Schluß:

Im Internet gibt es zahllose Foren in denen KZ-Entlassungsscheine wie dieser als Fälschung dargestellt wurden. Dabei wird oft versäumt, zwischen der Verwahrung politisch unliebsamer Menschen und den unter dem Programm der „Endlösung“ der Vernichtung zugedachten Personen zu unterscheiden. Viele der Konzentrationslager und deren Unmengen Unterlager dienten der Beschaffung billigster Arbeitskräfte, deren Nutzen rücksichtslos ausgebeutet werden konnte. Eine Tötung bzw. Vernachlässigung mit Billigung des Todes fand nur statt, wenn kein Nutzen mehr bestand. Im Gegensatz dazu gab es die reinen Vernichtungslager in denen alle Menschen, egal ob arbeitsfähig oder nicht, getötet wurden.

Der heute gezeigte Artikel ist echt und stammt nicht aus einem Vernichtungslager. Das KZ Sachsenhausen war ein Konzentrationslager, das gleichzeitig durch seine Brutalität wie auch durch die große Zahl inhaftierter bekannter Persönlichkeiten (Stalins Sohn Jascha DschugaschwiliRudolf BreitscheidErwin Geschonneck, Kurt Schuschnigg und viele andere) bekannt wurde. Details zum Lager hier.

Seuchenschutzgebiet Warschau


Bevor Jürgen Stroop am 7.Mai 1943 triumphierend verkünden konnte: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“ spielten sich auf 3,1 Quadratkilometern der Warschauer Innenstadt Szenen ab, die man mit den grausamsten Worten nicht ausreichend beschreiben kann. Der „Jüdische Wohnbezirk in Warschau“, allgemein bekannt unter dem eigentlich falschen Namen „Warschauer Ghetto“, von den Nazis im Sommer 1940 als Sammelstelle für die Transporte in das Vernichtungslager Treblinka eingerichtet, wurde verhöhnend Seuchenschutz- und Seuchensperrgebiet genannt.

(c) Yad Vashem

Wer sich die katastrophale Situation vorstellen möchte, der halte sich die Bevölkerungsdichte vor Augen: in Berlin wohnen 3.872 Menschen auf jedem Quadratkilometer, in München sind es 4.531, in Tokio-Stadt 14.723 und im turbulenten Manhattan sage und schreibe 27.475 Personen pro km². Im Warschauer Ghetto betrug die Bevölkerungsdichte 146.580 Menschen pro km².

Wer mehr lernen möchte, der sollte sich die überaus informative Seite der Yad Vashem anschauen.

Mein heutiger Artikel ist ein Brief eines Rechtsanwalts aus Oberglogau in Oberschlesien, polnisch: Głogówek an Herrn Dr. D. Birnbaum in der Straße Nowolipkie No. 21, Seuchenschutzgebiet, Warschau J/W.

 

 

 

 

Das J/W steht für „Jüdischer Wohnbezirk“. Die Straße Nowolipkie wurde eigentlich ohne ‚e‘ geschrieben. Wer hier klickt, kann sich den Plan des Ghettos anschauen. Die Straße befindet sich an der nördlich Seite der (hier dunkelbraun und mit einem A markierten) Firma Schulz und Többens. Nummer 21 befand sich zwischen der gestrichelten, geplanten Straße und dem westlichen Ende der Firma. Wer mehr über Walter Többens erfahren möchte, schaut hier.

Der Text auf dem Stempel des Briefes lautet „Postablagestelle im Jüdischen Wohnbezirk Warschau“.

 

 

 

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, vermute aber, daß es sich beim Empfänger dieses Briefes um Dr. David Birnbaum gehandelt hat. Er war Rechtsanwalt, was den Absender, Dr. Krämer, ebenfalls ein Rechtsanwalt, erklären könnte. David Birnbaum wurde in Treblinka ermordet.

Die Geschichte des Warschauer Ghettos könnt ihr in Kurzform hier nachlesen. Einer der wenigen Überlebenden der Räumung des Warschauer Ghettos im Mai 1943, bei dem nahezu alle Einwohner entweder direkt erschossen, in brennenden Häusern umgebracht oder auf einem Gefangenentransport nach Treblinka geschafft wurden, war Marcel Reich-Ranicki.

Jürgen Stroop und Ewald Sternagel waren damals die Befehlenden der Ghetto-Räumung und des Abtransports seiner Einwohner. Während Stroop gefasst, an Polen ausgeliefert und sieben Jahre nach Kriegsende hingerichtet wurde, konnte Sternagel ein ruhiges Leben in der Bundesrepublik führen. Ein 1965 verhängter Haftbefehl wurde nicht vollstreckt, das Verfahren wurde 1972 erneut aufgenommen, es kam jedoch nie zu einer Verurteilung.

Victor Klemperer-Tagebücher 1933-1945


Etwas außer der Reihe möchte ich auf den Buchstory-Blog von Pia verweisen. Sie ist 16, liest und rezensiert Bücher und in ihr habe ich dankbar eine Rezensorin meiner Tagebücher von Victor Klemperer gefunden.

Und weil sie das wirklich großartig macht, empfehle ich euch, mal selbst einen Blick in ihren Blog zu werfen. Sie arbeitet die 8 Bände mit was-weiß-ich-wievielen-hundert Seiten durch, ist gerade im Jahr 1939 angekommen und ihr könnt hier ihren Artikel lesen. Es lohnt sich!

Triumph des Willens


Seit 1923 hielt die NSDAP jedes Jahr im frühen September einen Reichsparteitag ab. Diese Massenaufläufe dienten der Festigung der Verbundenheit zwischen allen Parteigenossen, der Demonstration von Macht und nicht zuletzt der Selbstbeweihräucherung. Wer sich für Details interessiert, der kann Wikipedia befragen. In Zeiten ohne SMS, WhatsApp und Facebook konnte man den Zurückgebliebenen in der Heimat nur Postkarten senden. Das haben auch mehrere teilnehmende Mitglieder der näheren Umgebung meiner Familie getan. Drei dieser Postkarten möchte ich euch heute vorstellen und erneut darauf hinweisen, daß ich der festen Überzeugung bin, diese Art von Großereignissen sowie die damit verbundene geschlossene Zustimmung zu einer beliebigen vermittelten Meinung, würde auch heute problemlos von der Menge angenommen werden. Kurt Tucholsky hatte es seinerzeit so formuliert: „Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.“

Ich habe die Swastika unkenntlich gemacht und hoffe, damit der Entschärfung der Grafik Genüge getragen zu haben.

  • 2. 9. 1933
  • An Sturmführer Schneider, Erfurt, Sophienstr. No. 1
  • Herzliche Grüße aus Nürnberg sendet Sturmmann Kötter, Scharführer Berkow

Überraschenderweise handelt es sich bei der ersten Karte um eine Feldpostkarte die in der Form allerdings in Deutschland nur bis 1919 und dann wieder ab 1939 existierte. Hier hatte ich schon einmal über Feldpost geschrieben. Dieser Reichsparteitag stand unter dem Motto „Reichsparteitag des Sieges„.   De folgende Karte verdeutlicht den Personenkult um Hitler, flankiert von Julius Streicher und (vermutlich) Willy Liebel. Streicher, der Herausgeber des Stürmer und großer Hetzer gegen jegliche „Untermenschen“ behauptete von sich selbst übigens, er sei „lediglich ein „Naturfreund“ gewesen, der nur die „Fremdlinge“ aus dem Land haben wollte.“ Willy Liebel war Oberbürgermeister von Nürnberg, Vorsitzender des Zweckverbandes Reichsparteitag und Leiter des Zentralamts im Rüstungsministerium. Desweiteren war er maßgeblich für die Organisation und Durchführung der Deportationen jüdischer Mitbürger verantwortlich

  • 2. 9. 1933
  • An Sturmführer Schneider, Erfurt, Sophienstr. No. 1
  • Herzliche Grüße aus einer fröhlichen Runde sendet  Kötter
  • Sind gut angekommen, heute Appell vom Stabschef.
  • Dem M 4/J 6. ein kräftiges He.. Hit…

Die letzte Karte ist von 1934, in diesem Jahr stand der Reichsparteitag unter keinem Motto, bekam aber später neben den Titeln Reichsparteitag der Einheit und Stärke und Reichsparteitag der Macht den bis heute am häufigsten geführten Namen, der auf den dazugehörigen Titel des Leni Riefenstahl-Filmes Triumph des Willens Bezug nimmt, den man sich auch heute noch, z.B. auf YouTube anschauen kann.

  • Nürnberg, 8. 9. 34
  • Lieber …, Schwager u. Schatz! Euch allen sende ich die herzlichsten Grüße. Die Großartigkeit einer … Tagung werdet ihr aus den Schilderungen und den Zeitungen erfahren. He.. Hit…! Euer …

Und wenn ich das alles richtig verstehe, stammt diese Karte von meinem Großonkel. Um sicher zu gehen muß ich meine Dokumente nochmal nach Details sichten.

Gruß aus Waldsee


Heute muss ich meinen Grundsätzen ein kleines bisschen untreu werden, da ich den Artikel, um den es heute geht leider nicht selbst besitze. Es besteht auch kaum eine Chance in den Besitz einer dieser Postkarten zu gelangen. Daher greife ich auf Sekundärliteratur zurück und erzähle euch die Geschichte zu diesem Artikel unter Zuhilfenahme eines Spiegel-Magazins vom 29. April 1964 in dem ich kürzlich ein wenig herum gelesen habe. (DER SPIEGEL war damals noch für 1 DM zu haben)

 

 

Die Grundsätze der Spiegel-Reporter -Redakteure kann in der Hausmitteilung nachlesen, wer mag:

 

Aber der eigentliche Artikel, um den es mir geht, beginnt erst auf Seite 38 dieser mit Werbung – allen voran Zigarettenmarken ohne Ende – überladenen Zeitschrift.

Im Sommer 1944 schickten 30.000 Ungarn jüdischer Abstammung Postkarten an ihre Verwandten und Bekannten. Darauf wurden Herzliche Grüße aus dem kleinen Ort Waldsee in Thüringen übermittelt. Zusätzlich wurden Neuigkeiten mitgeteilt wie „Bin wohlbehalten angekommen, arbeite im Fach.“, „Mir geht es gut. Ich arbeite.“ oder „Uns geht es gut. Kommt nach!“

Alle Karten hatten eine Gemeinsamkeit: Nie umfassten die Grüße mehr als 30 Worte.

Und alle Karten hatten noch etwas gemeinsam: Es gibt keinen Ort namens Waldsee in Thüringen. Denn alle Karten kamen aus dem Konzentrationslager Auschwitz.

Die besonders perfide Idee des SS-Führers Hermann Alois Krumey: Die Ungarn mussten unmittelbar vor ihrer Vergasung Karten schreiben, die den noch in Ungarn verbliebenen Juden Mut machen sollte, sich ebenfalls auf die Reise ins ferne Thüringen zu begeben um dort ein neues Leben zu beginnen. Auch sollte etwaigen Gerüchten über eine Ermordung von Juden entgegengetreten werden.

Trotz aller Bemühungen gelang es einigen Deportierten die Sache auffliegen zu lassen. Sie hatten hebräische Schriftzeichen auf die Karten gezeichnet, die für die SS-Bewacher aussahen wie Schnörkel.

Der Artikel ist hier nachzulesen. Ich hoffe nach knapp 51 Jahren ist das Copyright ausgelaufen und ich habe hier mit dem Verweis auf „DER SPIEGEL“ 18/1964 vom 29. April 1964 der Quellenangabe genüge getan.

 

Ja, so war das im Sommer 1944.

Wenn Du zum Einkauf gehst, vergiß die Karten nicht! – Lebensmittelkarten


In früheren Beiträgen habe ich euch schon einiges über Lebensmittelkarten und Metallsammlungen berichtet. Das waren meist außergewöhnliche Dinge.

Zur Erinnerung: Im Krieg war es üblich, aufgrund von Lebensmittelknappheit den Schwarzmarkthandel zu unterbinden. Dies funktionierte am einfachsten, indem die Lebensmittel oder andere Waren des täglichen Gebrauchs je nach Anzahl der Bedürftigen auf die entsprechenden Orte verteilt wurden. Jeder Bürger hatte sich beim Amt zu melden und bekam Lebensmittelmarken. Damit konnte dann beim örtlichen Händler eine vorgegebene Menge gekauft werden. Da nicht immer alles von allem verfügbar war, konnte es passieren, daß man statt Milch, Quark oder Käse bekam.

Heute kommt nun das unentbehrliche Zeug für den Einkauf in den frühen 1940er Jahren und die Zeit um das Ende des Zweiten Weltkrieges dazu. Nein, es ist kein Einkaufsbeutel, sondern die Lebensmittelkarte.

Wie aber lief das ab?

Zuerst hatte man sich beim Einwohneramt zu melden um eine Kundenkarte zu bekommen. Die sah so aus:

 

Dazu noch den Haushalts-Ausweis vom Ernährungsamt:

 

 

und den Haushalts-Paß für gewerbliche Erzeugnisse:

Familie Schöne, bestehend aus Vater Karl (* 1894), Mutter Maria (* 1899), Tochter Crista (* 1931), Tochter Ursula (* 1934) und Frau Gertrud Kursawe (* 1880), vielleicht die Mutter der Ehefrau.

Beachtet auf der Mittelseite die Liste der gekauften eintragungspflichtigen Waren: eine Kerze und vier Konserven-Gläser kann ich entziffern.

 

Und schon konnte es losgehen. Also, nicht der Einkauf. Nun konnte man für sich und seine Familie die Lebensmittelkarten besorgen.

Familie Schöne hat für mich und euch dankenswerterweise ihre benutzten Lebensmittelkarten ab März 1941 aufgehoben. Je nach Art des Lebensmittels gab es die Karten mit einer unterschiedlich langen Geltungsdauer.

Beginnen wir mit der meistgebrauchtesten Kategorie: der Reichsfettkarte

 

Auf den Rückseiten finden sich gelegentlich Rezepte oder Tipps – hier z.B. das Turmkochen.

 

Ebenso zahlreich wie die Reichsfettkarten waren die Nährmittelkarten (übrigens im Unterschied zu den REICHSfettkarten kamen diese ohne Reich aus).

 

Die wenigsten Menschen wissen heute noch, was unter dem Begriff Nährmittel zu verstehen ist. Wikipedia erklärt: Oberbegriff für Trockenerzeugnisse aus Getreide, Stärke oder Hülsenfrüchten. Als Nährmittel gelten Lebensmittel, die üblicherweise nicht zur Herstellung von Brot und Feinen Backwaren verwendet werden. Heute könnte man wohl einen Teil unter dem Oberbegriff Cerealien finden.

 

Die Abkürzungen „Jgd“ und „K“ stehen übrigens für die Karten der beiden Mädchen.

 

Das waren die wichtigsten Kartenarten. Damit aber nicht genug. Im folgenden bekommt ihr die komplette Ausstattung der vierköpfigen Familie in den letzten Kriegsjahren.

Reichsfleischkarte (Jugend)

 

Reichsmilchkarte:

 

Reichskarte für Marmelade (wahlweise Zucker):

 

Reichseierkarte:

 

Reichszuckerkarte:

auf der roten Karte steht übrigens: Im Rahmen der vorhandenen Bestände können an Stelle von 100g Zucker bezogen werden:

  • 125g Kunsthonig
  • oder 125g Zuckersirup
  • oder 150g Obstsirup
  • oder 200g Mischsirup mit 50% Zuckergehalt
  • oder 400g Mischsirup mit 25% Zuckergehalt.

 

Bezugsausweis für entrahmte Frischmilch:

 

Bezugsausweis für Speisekartoffeln:

 

Verteilerkontrollkarte für Gemüse und Obst (inklusive Marken für Sonderzuteilungen):

 

mit dem Hinweis auf der Rückseite:

Verbraucher! Bedenke,

  • daß die Obst- und Gemüseernte vom Wetter abhängig ist,
  • daß, was heute überreichlich da ist, morgen schon knapp sein kann,
  • daß die Anlieferungen an den Märkten niemals so hoch sind, um alle Verbraucher gleichzeitig zu beliefern,
  • daß kriegsbedingte Maßnahmen (z.B. Konservieren und Trocknen für die Wehrmacht, Marmeladen- und Sauerkrautherstellung) zeitweise die Frischmarktanlieferung verringern,
  • daß einzelne Obstarten im Kriege garnicht in Erscheinung treten (z.B. Pfirsiche).

Darum fordere nicht zur unrechten Zeit die Artikel, die Du Dir gerade wünschst,

sondern verbrauche das, was Dir Dein Kleinverteiler verkaufen kann. – Bei reichlichem Anfall treibe Vorratswirtschaft.

 

Fischkarte (ohne Reich):

 

Reichsbrotkarte (mit dem Hinweis: Abgelagertes Brot ist ergiebiger und bekömmlicher und An Stelle von je 100g Brot können 75g Weizenmehl bezogen werden.):

 

Stärkeerzeugnisse und Quark (die gehören eigentlich nicht zusammen, aber ich habe die Original-Stecknadel so gelassen, wie sie war):

 

Kontrollkarte für den Einkauf von Tabakwaren und die dazugehörigen Raucherkarten für Männer und Frauen. Während Männer übrigens täglichen Anspruch auf Tabak hatten, durften Frauen nur alle zwei Tage Nachschub kaufen:

 

Bezugskarte für Gemüsekonserven und Trockengemüse:

 

Haushaltsausweis für Vollmilch:

 

Lebensmittel Notversorgung, wenn es mal ganz eng wird:

 

Und selbst Saatgut wurde rationiert:

 

 

Stellt euch nun vor, ihr geht an einem beliebigen Tag im Krieg einkaufen. Ihr müsst von jeder Kartenart die gerade gültige dabei haben. Dann geht ihr los und kauft ein, müsst aber zu jedem Artikel kontrollieren, ob es ihn a) gibt, b) ihr die benötigten Marken in ausreichender Menge dabei habt, c) ihr genug Geld habt und d) die Transportfrage geklärt ist. Kamt ihr zu einem Zeitpunkt der Kartoffellieferung gerade am Laden vorbei, konntet ihr zwei Zentner (100kg) kaufen. Wer wusste, wann es das nächste mal Kartoffeln gibt? Also kaufen. Aber wie transportieren? Und nach dem Transport nach hause ging es schnell zum nächsten Geschäft in der Hoffnung auf Milch, Fleisch, Eier, (gute) Butter usw. Nicht zu vergessen: es war Krieg. War man unterwegs und der Fliegeralarm ging los, hieß es, einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Dort konnte man aber keine großen Taschen mitnehmen. Den Einkauf also draußen stehen lassen und hoffen, ihn später wieder vorzufinden, oder lieber nach hause eilen und hoffen, nicht vom Luftschutzwart entdeckt zu werden und dabei das Leben auf’s Spiel setzen?

Seien wir froh, daß wir heute in den Supermarkt gehen und uns den Einkaufswagen vollladen können!

 

Deutsches Historisches Museum

Wichtig zu wissen ist noch: Hatte man das Glück, als Jude einen arischen Ehepartner zu haben, der dem Druck, sich scheiden zu lassen, widerstand und einem somit oftmals das Leben retten konnte, bekam man Lebensmittelkarten die für Juden konzipiert waren. Hier waren nur Bruchteile der Mengen vorgesehen, die den Nichtjuden zugebilligt wurden. Zusätzlich durften Juden nur innerhalb einer oder zweier Stunden einkaufen gehen.

Das war bei Verbot der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und ohne Erlaubnis, ein Fahrrad zu besitzen nicht einfach. Lag dann diese Einkaufsstunde in der Arbeitszeit, konnte man schlicht und einfach nicht einkaufen gehen.

Sehr schön hat diese Situation Victor Klemperer in seinen Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum Ende“ beschrieben. Er verdankt seiner „arischen“ Frau Eva sein Leben, da der Plan der Nazis vorsah, zuerst rein jüdische Familien „umzusiedeln“ und erst danach die „privilegierten Juden“ aus dem Stadtbild zu entfernen. Sehr lesenswert!

 

Nach dem Krieg ging es übrigens mit den Lebensmittelkarten weiter:

Versandhäuser


Zwei interessante, alte Versandhauskataloge habe ich.

Neckermann und Quelle – beide bis vor einigen Jahren große Namen im Versandhandel. Und beide von heute auf morgen verschwunden.

Aber wer kennt schon die Geschichte dieser Häuser?

Mein Quelle-Katalog von ca. 1937 gibt ein deutliches Bild zur Einstellung der Firma ab. Es bleibt die Frage zu stellen, ob man ohne den dezenten Hinweis (siehe Detail-Bild) tatsächlich weniger Erfolg und Umsatz gehabt hätte.

Quelle Katalog 1937 arisch

und hier der vergrößerte Ausschnitt:Quelle Katalog 1937 arisch

Es ist zwar keine Jahreszahl auf dem Katalog zu finden, allerdings sind innen Leserbriefe von 1936 abgedruckt und lt. Wikipedia hatte Quelle 1938 bereits 2 Millionen Stammkunden. Also liegt das Jahr 1937 nahe.

Mehr Infos zu Quelle im Dritten Reich gibt es hier.

Neckermann hat lange Zeit damit geworben, in den 1950er Jahren entstanden und zum großen Versandhaus gewachsen zu sein. Dabei haben sie offenbar ihre eigenen Kataloge nicht aufmerksam genug gelesen. Ich habe da einen aus dem Jahr 1938 anzubieten:

Neckermann Katalog 1939 arisch

Wer die Details nicht so gut erkennen kann, möge sein Augenmerk auf die Ecke oben links richten:Neckermann Katalog 1939 arisch

Die Geschichte dazu ist übrigens sehr interessant. Falls jemand noch den Sänger Billy Joel kennt (Uptown Girl) – das ist einer der Erben.

Ein paar wirklich spannende Links gibt es hier und hier und hier.

Wer sich für mehr Details interessiert, dem sei die (von Neckermann nicht autorisierte) Familiengeschichte empfohlen.Neckermann Buch

Diese Buchreihe umfaßt weiterhin u.a. die Familien Oetker oder die Quandts (BMW).

Ein weiterer Artikel zu „arisierten“ Firmen findet ihr beim Flunder-Spiel.

wen interessiert's?

  • 127,482 Klicks (bis jetzt)

Menü

Member of The Internet Defense League

aus dem Archiv

Blick in die Parallelwelt: Moppis Reise-Blog

Wanderung durch das Bjørndal und auf den Vogelfelsen

Heute, am 26.7. ging es zur (Geburtstags-)Feier des Tages auf eine Wanderung ins Gebiet außerhalb der befriedeten Zone. Ab hier darf man nur mit ortskundiger Person und Waffe unterwegs sein. Auf Spitzbergen gibt es 2500 Einwohner und 3500 Eisbären. Unsere beiden Führer Doreen, die ursprünglich aus Stralsund kommt und Rønar, ein Einheimischer, waren uns eine […]

Husky Tour – 25. Juli 2015

Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

%d Bloggern gefällt das: