Stenographie in Zeiten des Nationalsozialismus


Wieder kommt etwas in der Reihe der Handschriften. Ich muß mich für die Pausen zwischendurch entschuldigen, aber das Transkribieren dauert halt etwas.

Heute habe ich euch ein Übungsheft meiner Großtante rausgesucht. Sie war die Nichte der schon bekannten Tante Toni. Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass ich die Ideologie aus dem Inhalt des Heftes nicht unterstütze. Der Beitrag dient der Aufklärung über die damaligen Gegebenheiten, die Durchdringung aller Bereiche des täglichen Lebens und die leichte Beeinflussbarkeit der breiten Masse. Bedauerlicherweise hat ein großer Teil eben dieser breiten Masse auch heute noch nicht dazugelernt.

 

1921 geboren, ging sie im Jahr 1938 – also mit 17 – auf eine Berufsschule, in der sie unter anderem Stenographie lernte.

In dieses Heft hat sie nicht viel mehr als ein Diktat oder eine Übung geschrieben. Das war vermutlich auch noch zu Beginn ihrer Ausbildung, denn nur vereinzelte Stenographieworte sind im Text enthalten. Gut für mich, denn ich kann kein Stenographie lesen. Sollte von euch jemand weiterhelfen können, bin ich über Kommentare sehr dankbar.

Passend zur Zeit wurde das Diktat über ein sehr unschönes Thema geschrieben: den Antisemitismus.

Alle Worte, die ich nicht entziffern kann, habe ich durch ### ersetzt. Vielleicht helft ihr mir, diese ### durch Text zu ersetzen.

17.7.38

Der Jude in Österreich.

Es befinden sich noch 250.000 Juden in Österreich. ### davon sind auch noch viele Mischlinge. Sie haben mit ihrem Gott Jave einen Bund geschlossen. An sich hat der Jude keine Heimat, deshalb will er sich in fremden Ländern ausbreiten. An dem Fremden ###. Die Habsburger waren Ihnen verfallen. Maria Theresia war die Einzige, die sich mit Juden nicht einließ, sie erlaubte Ihnen nicht, sich in ihrem Land aufzuhalten. Um 1300 befand sich schon eine Synagoge in Wien. Beim Prater ist das Judenviertel. Ein Laden am anderen. Sie reißen allen Handel an sich. Nach 1848 fingen sie an, sich auszubreiten, Jave wird ihnen alles geben, was sie nicht geschaffen hatten. Das Getto ist ein Gebiet, wo sich die Juden aufhalten, ihre Wohnung. In denen führt er sein schlechtes Treiben.

Die Ostjuden. Sie flüchteten nach dem Osten und von da sind sie aber wieder in Deutschland eingewandert. Nicht mal 35 % der Presse war in arischen Händen.

Die verjudete Regierung. Nach der Revolution 1918 kamen die Juden in die Regierung. Die Bundesbahn war in Judenhänden. Auch in Musik und Tanz und Theater war er vorherrschend.

 

Auf der unteren Hälfte dieser Seite seht ihr einige Wortübungen. Ich werde wohl ewiger Steno-Analphbet bleiben, denn mir erschließt sich keinerlei System hinter all den Kringeln und Schnörkeln.

 

Der Rest des Heftes wurde drei Jahre später als Haushaltungsbuch genutzt, aus dem ich euch einige Seiten zeigen möchte.

Monat Juni 1941

Brötchen, Kuchen -,47

Fahrgeld 1,-

Creme -,50

Karten -,69  Kaffee -,40  Rundfunk -,50

Sparbuch 10,-   Zigarren 2,50

5.6.  Eis -,50  Bonbons -,45

usw.

 

Juli 1941

Strümpfe 7,09

DAF-Beitrag 2,40  (DAF=Deutsche Arbeits-Front)

Hausschuhe 6,-

Briefmarken 2,-  Sparbuch 11,-

usw.

 

August 1941

Sparbuch 11,-   Strümpfe etc. 2,54

Blumen -,30  Kuchen -,15

DAF 1,20

Most 1,20  Kuchen -,20  Eis -,40

Sauerkirschen 3,50

10 Pfund Bohnen 2,-

 

OktoberHolzschnitzfigurenleim 7,30

Strümpfe 2,35   Käse -,25

Zigaretten 2,40

23.  1 Schlüpfer 2,45

25.  Leitzmann WHW (Winterhilfswerk)

November / Dezember

Grammophonplatten 1,94

4.  Tinte für Weihnachtskarten  -,70

Emaillegeschirr (Weihnachtsgesch.)  5,-

10. Hautgelee  -,45   Briefmarken  1,20

11. Film  1,-,  Hautcreme  -,40,   Porto -,40,  Karte  -,10

Caramelbier -,80

Geburtsanzeigen und Danksagungen  13,- (für meine Tante, die am 16. Dezember geboren wurde. Von ihr habe ich dieses schöne Heftchen. Danke und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!)

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Mit Gott – Geschäftsbuch eines Goldschmieds – 1905 bis 1931


Vor zehn Wochen habe ich euch versprochen, zum Tagebuch des Goldschmieds Adolph Tresselt auch das zweite seiner Geschäftsbücher nachzureichen. Das passiert heute.

Der Grund, warum ich so lange damit gezögert habe ist der wesentlich größere Umfang, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

 

Damals üblich, heute vermutlich höchstens noch in Bayern möglich, wurde das Buch mit einer schönen Vignette und dem Aufruf „Mit Gott!“ eingeleitet.

 

 

Das Format der Einträge ist recht einfach nachzuvollziehen. Zu Beginn gibt es einige Seiten, die jeweils einem Geschäftspartner gewidmet sind. Den Einträgen zufolge hat unser Herr Tresselt Aufträge anderer Geschäftsleute, wahrscheinlich Juweliere ausgeführt. Ich zeige euch die Einträge für Herrn Christoph Becker, einen Goldwarengroßhändler aus Dresden, Wilsdrufferstraße 9.

 

 

Als sparsamer und gewissenhafter Geschäftsmann nutzte man jedes Stück freie Seite aus – wie z.B. nach Erlöschen der Geschäftspartnerschaft mit Firma Becker und fertigte auf der übrigen halben Seite Kopien von abgesandten Briefen an. Hier zwei Briefe von 1917, also 9 Jahre später.

 

Versicherungen:

 

Detail:

 

Wie weit die Gewissenhaftigkeit ging, sehen wir auf dieser Seite, die ich euch im Anschluß abgeschrieben habe:

Mutter hat an Wäsche erhalten:

14. Juni – 7 weiße Taschentücher, 1 rotes, 1 grünes Taschentuch, 4 Tricothemden, 1 graue Hose, (irgendwelche) Kragen

Raggs Waschanstalt:

23. August 1920: 3 Stück Bettücher, 2 “ Bettbezüge, 3 “ Kopfkissenbezüge, 1 “ Steppdeckenlaken, 1 Oberhem mit Piqué-Einsatz

zurück erhalten am 3. September 1920, Betrag Mk 10,05

 

 

Hier beginnt das eigentliche Kassenbuch:

Im Januar 1921 wurden Ausgaben verzeichnet, wie z.B. am 1. Januar eine Rückzahlung über Mk 50,- an die uns schon bekannte Tante Toni und eine Ausgabe für Pneumatik an ihren Ehemann Rudolf.

Am 4. wurde ein Brod für 4,70 gekauft.

Am 11. (rot unterstrichen) musste ein neuer Glühstrumpf gekauft werden. Was das ist? Seht hier.

Milch, Bückling, Semmeln, Zucker, Brötchen, Nudeln, Fett, 2 Pfund Marmelade, Butter – er hat wirklich alles aufgeschrieben.

 

Februar 1921

Schaut euch mal die Rechnung am linken Rand an. Kann jemand herausfinden, was dort addiert wurde? Es sind fast die Beträge aus den rechten Spalten, aber eben nur fast.

 

März 1922 – Die Preise fingen im Schlepptau der Reparationszahlung nach den verlorenen Ersten Weltkrieg an zu steigen.

 

Springen wir zum November desselben Jahres, sehen wir, wie die ersten vier Wochen der beginnenden Hyperinflation sprichwörtlich zu Buche schlugen. Innerhalb der letzten 12 Monate war der Wert der Mark auf ein Zehntel gefallen. Eine Mark war somit nur noch 10 Pfennige wert.

 

Der Dezember brachte erneut eine Verdopplung der Einnahmen und die Spalte am linken Rand begann eng zu werden. Am 13. und 18. 12. war ein Brod noch für 252 Mark zu haben.

 

 

Januar 1923 – Brod 266 bis 450 Mark, auch hier ging es an’s Eingemachte. Am 9. amerik. Dollar für 8800 Mark eingetauscht, am 26. zwei Krönungstaler auf dem Postamt für 9000 Mark eingewechselt.

 

 

Februar 1923 – Brod 550, ein Brathering 500, Chocolade 2000 und zwölf Pfannkuchen 1200 Mark

 

Mai 1923 – Brod 690 und 760 Mark

 

 

Im Juni 1923 wurden die Nullen in den Preisen nochmals mehr, Brod 2280 bis 2620 Mark

 

 

Juli 1923 – Brod 3720, 2 Semmeln, 2000 Mark

 

Irgendwann war die Inflation überstanden, es gab neues Geld und das Leben ging weiter. Allerdings pegelten sich die Aufträge auf niedrigerem Niveau ein. 1927 reichte eine Seite schon für zwei Monate.

 

 

Zwischen den Seiten findet sich hier und da so manche Notiz.

Da mein Schreiben vom 26. Juni bis jetzt unbeantwortet blieb, erlaube ich mir Ihnen einliegend 1 Tratto (Abschnitt) über mein Guthaben per Ende Februar 07 nach Abzug von 10 % auf brutto Mk 190,30 netto per 31.7.07 zu geben & bitte mir dieselbe mit Ihrem Receipt versehen baldigst retournieren zu wollen.

Hochachtend gez Steinwehr

Weiter hinten habe ich noch eine Geschäftspartner-Seite mit Eintragungen von 1906 gefunden. Ob eine Spazierstock-Fabrik heute noch florieren würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Das neuesten Einträge, die sich seltsamerweise nicht am Ende des Buches befinden, sind vom April 1931. Das hier jedoch als letztes eingetragen wurde, lässt das Löschblatt erahnen.

Weit hinten im Buch weitere Geschäftspartner:

Das Privat-Conto mit Unmengen von Vergleichspreisen. Wer sich dafür interessiert, wird hier fündig. 4. Mai 1921, 1 Brod 50 Pfennige

Weitere Ausgaben – man beachte am 14. Dezember 1916 Außergewöhnliches 1/3 Anteil für 6 Mk. Das dürfte ein Drittel-Los der Weihnachtslotterie gewesen sein. Am 21. und 31. 12. gibt es den Eintrag „Bad 60 Pfg.“. Hier ist Herr Tresselt wohl in eine Badeanstalt gegangen und hat ein Wannenbad genommen.

Zum Schluß dieses Artikels, obwohl das Buch noch viel mehr zu bieten hat, noch ein Beispiel des größten Desasters, daß einem Geschäftsmann widerfahren kann. Ein Fehlbetrag von Mk 25,06 in der Kasse.

 

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