Puppengeschichten – 1888


Ein Geschichtenbuch für die Puppenmutti – welches Mädchen hat sich das nicht gewünscht? Wenigstens einem Mädchen habe ich seinen Wunsch zunichte gemacht, indem ich ihm das heute vorgestellte Buch weggekauft habe.

 

Zwölf Puppengeschichten für kleine Mädchen. Herausgegeben von Emmy Friedberg. Stuttgart 1888.

 

Das Buch ist in weitestgehend guter Erhaltung. Der Pappdeckel hat oben ein paar kleine Läsuren, aber das Innenleben ist sehr gut erhalten. Vielleicht sogar, weil es dem Mädchen, dem das Buch früher gehört hatte, rechtzeitig weggenommen wurde. Mein Dank gilt den strengen Eltern!

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die kleine Charlotte das Buch selbst in Ehren gehalten hat, weil es ein Geschenk ihrer Turnlehrerin war.

Charlotte Zwack erhält dieses Buch für regelmäßigen Turnbesuch, da sie nur 2 Stunden im Jahr versäumt hat. Weihnachten 1912. Frau Minna Pätzold Leiterin der Mädchen Abt.(eilung) des Turnv.(erbands) Gesundbrunnen

P.Pätzold, I.A. des Vorstandes.

 

 

Was gibt es im Inneren zu entdecken? Die Inhalts-Übersicht:

 

Das Buch wird von Puppe Gretchen erzählt und beginnt mit dem  Vorwort der Puppe Gretchen an die kleinen Leserinnen.

Das Buch, das ich euch schreiben will, ihr lieben kleinen Mädchen, ist kein gewöhnliches, wie ihr wohl schon manches in Händen hattet, denn ich bin eben kein gewöhnliches Menschenkind wie ihr, obgleich ich auch Hände und Füße, rote Backen und blaue Augen habe, wenn auch viel kleiner als die euren, weil ich – nur eine Puppe bin.

Was ich in diesem Büchlein niederschrieb, sind meine Erlebnisse, die ich euch, wie ich hoffe, zu Nutz und Frommen mitteilen will. Nun ruft ihr gewiß: „Aber so etwas ist doch gar nicht möglich! Eine Puppe kann ja weder schreiben noch lesen; sie kann ja nicht einmal reden, sie hat ja überhaupt gar keinen Verstand.“ Da irrt ihr euch aber gewaltig, ihr kleinen klugen Dinger! Ach, wenn ihr nur wüßtet, wie wohl es zum Beispiel einer Puppe thut, wenn ihr gut zu ihr seid, sie liebt, wartet und pflegt, und wie das kleine Herzchen weh thut, wenn man garstig mit ihr umgeht, sie vergißt oder gar sie verdirbt. Wenn ihr uns in die Arme nehmt, so scheint es freilich, als ob wir nicht so viel Gefühl hätten, wie ihr Menschenkinder: Allerdings

schreien wir nicht gleich so laut und unartig, wenn man uns stößt und hinwirft. Das kommt aber bloß daher, weil wir Puppen alle sehr artig sind und genau wissen, wie wir uns zu benehmen haben.

Wir haben aber auch eine Sprache, gerade wie ihr, nur ist unser Stimmchen gewöhnlich sehr fein, leiser als das eines Heimchens, so daß die kleinen Mädchen es nicht hören und nur denken, wir können gar nicht sprechen. Was mich persönlich betrifft, so bin ich sogar im Stande, zwei Worte ganz laut zu sprechen, und meine kleine Herrin hat sich oft stundenlang mit mir unterhalten, obgleich ich immer nur „Papa“ und „Mama“ antworten konnte. Denn was ich sonst noch, leise, ganz leise flüsterte, das verstand auch sie nicht, obschon sie sonst ein recht verständiges kleines Ding war, oder es wenigstens durch mich und mein Vorbild geworden ist.

Ja, ja! Durch mich! Wie sich das alles zugetragen, daß sollt ihr nun hören, und ich hoffe, dass ihr alle, die ihr meine Geschichte hört, ein bißchen aus ihr lernen mögt.

 

Mit diesem Vorwort sind nun alle kleinen, lieben Mädchen zurechtgestaucht worden: sie sind unartig, wissen nicht, sich zu benehmen, können nicht zuhören und haben auch sonst keine Ahnung. Jeder Kinderpsychologe würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Die 1. Geschichte – Das unartige Trudchen – erzählt uns von der frühesten Jugend der Puppe. Sie lag mit hunderten anderer Puppen in einem Geschäft, bis sie von „Frau Hillmer, der Mutter meiner späteren kleinen Herrin“ gekauft wurde. Gretchen war die letzte sprechende Puppe in diesem Geschäft. Zu Hause angekommen, wird Gretchen samt der Schachtel, in der sie verkauft wurde in eine Schublade gelegt und bis zum Weihnachtsfest weggeschlossen. Sie erzählt: „Ich muss heute offen bekennen, daß ich dummes kleines Ding damals sehr, sehr böse war; auf wen, konnte ich freilich nicht recht sagen. Doch die wenigen Tage, die ich so ruhig in meinem dunklen Gefängnis liegen bleiben mußte, machten mich viel klüger; ich sagte mir vor allem, daß ich doch wohl etwas zu hochmütig gewesen sei; nun, gestraft war ich genug, denn hier war es wahrlich noch weniger angenehm, als bei der Puppengesellschaft im Laden. Dann aber, wie bald harrte ja meiner die Befreiung! Wahrscheinlich sollte ich eben nur etwas Geduld lernen. Und die kann einem im Leben nie etwas Schaden. Seht, ihr kleinen Mädchen, wenn ihr einmal in eine ähnliche Lage kommt, (Anmerkung: in einer verschlossenen Schublade zu liegen?) merkt es euch hübsch fein! Mit Zorn und Trotz erreicht man nichts; solch kleine Übelstände müssen mit Ruhe und Geduld ertragen werden, das ist der beste Weg, um recht schön über sie hinweg zu kommen.

Die Puppe hört in ihrer Schublade ihre zukünftige Besitzerin, Trudchen Hillmer. Täglich spielt und plaudert sie im Zimmer, ist aber leider „sehr wild und nicht so folgsam, als es die Eltern gewiß so gern von ihr wünschen.“ Sie bespritzte die alte graue Miezekatze der Hauswirtin mit Wasser, malte einem Bettler mit Kreide ein Kreuz auf den Rücken anstatt ihn zu bedauern. Die Mutter spricht zum Vater: „Unser Töchterchen ist ja nicht schadenfroh, sie hat ein so gutes Herz, aber derlei Unart ist ihr ein für alle mal verboten worden, und sie soll nun gehorchen lernen. Sie ist manchmal wie ein wilder Junge; aber gieb acht, mein diesjähriges Weihnachtsgeschenk soll schon ein echtes, rechtes sanftes kleines Mädchen aus ihr machen.“

 

Später erfährt Trudchen von der Mutter, dass in fünf Tagen Weihnachten ist und ihr das Christkind vielleicht das ersehnte Geschenk – eine Puppe – bringen wird. Ein aufmerksames Mädchen wird damals vielleicht gefragt haben, wieso die Mutter eine Puppe Küchengeschäft kauft, wenn doch das Christkind eine bringt. Wer weiß, wie viele Eltern durch dieses Buch in Erklärungsnot geraten sind.

In der nächsten Geschichte – 2. Das Weihnachtsfest – bekommt Trudchen die Puppe geschenkt. Der Vater spricht: „Also eine Puppe hat mein Töchterchen bekommen? Weißt du denn auch, daß du nun selbst eine kleine Mama bist? Nun darfst du nicht mehr so wild umherlaufen oder gar deine Eltern ärgern, sondern du mußt jetzt immer deinem Kindchen das beste Beispiel geben. Denn wenn du kein gutes Hausmütterchen bist, dann fühlt sich dein Püppchen nicht wohl bei dir und läuft gewiß eines Tages auf und davon.“ Den kleinen Bruder Max hatte das Christkind mit seinen Gaben zu einem richtigen Soldaten gemacht.

Ich habe für euch noch die Geschichte – 6. Eine Unglücksvisite – herausgesucht:

 

Eine Woche mochte wohl seit Trudchens Geburtstag vergangen sein, als mich meine kleine Herrin eines Tages mit zu Besuch bei ihrer Freundin Käthchen Lenz mitnahm.

„Ach, es ist gut, daß du endlich kommst, Trudchen,“ rief uns diese schon von weitem entgegen, „Mach nur schnell, dass du hereinkommst. Ich habe heute Früh von Onkel Fritz eine ganz reizende kleine Kaffeemaschine geschenkt bekommen, da wollen wir nun mal selbst Kaffee kochen.“

„Kannst du es denn?“ frug meine Herrin.

„Ach was, können,“ rief Käthchen, „meine Mama glaubte auch, ich würde es nicht können; paßt nur auf, wie gut der Kaffee werden wird. Ich sehe der Dora ja alle Tage zu, wie sie es macht.“

Wir traten ein und begrüßten Käthchens Mama, Frau Lenz, welche zuerst natürlich mich bewundern mußte.

Als sie sich satt gesehen, wandte sie sich an Trudchen: „also mein Käthchen will heute durchaus ohne Hilfe Kaffee kochen. Ich lasse ihr den Willen. Verstehst du es vielleicht, Trudchen?“

 

„Nein,“ sagte diese, „ich habe noch nie Kaffee allein kochen dürfen.“

„Aber Mama,“ rief Käthchen, „ich verstehe es. Ich habe ja so oft zugesehen.“

„Also, ich soll euch gar nicht dabei helfen?“

„Nein, nein, es macht uns viel mehr Spaß, wenn wir es ganz allein für uns machen,“ wehrte das selbstbewußte Töchterchen ab.

„Nun, du sollst deinen Willen haben, Käthchen,“ sagte Frau Lenz, „hier habt ihr alles, was ihr braucht, nun fangt an.“

Käthchens Mama setzte eine Büchse mit Kaffee, eine Kaffeemühle und die bewußte kleine Kaffeemaschine auf den Tisch und beobachtete die Kinder, ohne sich hineinzumischen.

„Dein Gretchen wollen wir einstweilen aufs Sofa setzen, sie mag zusehen,“ sagte Käthchen, „nun komm, Trudchen!“

Mit außerordentlicher Wichtigkeit, als gälte es den größten Kindtaufsschmaus, machte sich die kleine Köchin ans Werk. Es wurden Bohnen in die Kaffeemühle geschüttet und diese nun fein und klar gemahlen. Das sollte recht schnell gehen, und so geschah es, daß das Kästchen mit dem gemahlenen Kaffeepulver plötzlich einen Hops machte und samt seinem Inhalt auf die Erde fiel. „Das ist schon noch zu retten,“ behauptete Käthchen sehr zuversichtlich. Sie kehrte dann das Verschüttete ohne weiteres zusammen und ich sah entsetzt, wie sie es samt dem Staub, der sich darunter gemischt, in die Kaffeemaschine füllte. Trudchen machte zwar Einwendungen, aber die flinke Köchen meinte: „Ach was, der Kaffee sieht ja schwarz aus, da sieht man den Schmutz nicht.“ Sehr eifrig füllte sie in eine Öffnung der kleinen Maschine Wasser ein, zündete das Spirituslämpchen an und stand nun sehr stolz bei ihrem Werk. Nicht lange, so begann es zu wallen und zu brodeln. „Er kocht!“ jubelte die Köchin, ließ der Sache noch ein Weilchen ihren Lauf und löschtd dann das Flämmchen aus, wie sie es in der Küche oft gesehen.

 

„Der Kaffee ist fertig! ‚herein, herein!“ rief sie nun Trudchen und ihren Geschwistern zu. Auf einem kleinen Tisch, der mit frischer Serviette sauber bedeckt war, wurden kleine Täßchen aufgestellt. „Nun paßt auf!“ rief Käthchen stolz. Sie drehte den Hahn auf und hielt das erste Täßchen unter. Da floß auch richtig etwas heraus, aber zum Gelächter der geladenen Gäste war es kein Kaffee, sondern reines klares Brunnenwasser.

„Neumodischer Kaffee, Pumpenheimer Mischung,“ neckten die Jungen.

Käthchen wurde blutrot vor Ärger, aber statt nun ihre Mama ernstlich zu fragen, welches Versehen sie wohl begangen, meinte sie ganz keck: „Das ist weiter gar nichts; ich hatte nur vergessen die Maschine umzukippen.“ Das wurde nun schleunigst besorgt, aber leider kam bei der nächsten Probe gar nichts aus dem Hahn gelaufen. Nun war es mit der Geduld der Kochkünstlerin zu Ende. „Was da,“ rief sie, „ich nehme eben den Deckel der Maschine ab, oben wird schon etwas heraus laufen“; ja, freilich lief da etwas heraus, aber etwas schönes war’s: schwarze, dicke, trübe Suppe, bei deren Anblick die Geladenen erst recht Zeter schrieen. „Da ist ja noch der ganze Satz im Kaffee,“ erklärte Trudchen. „Das schadet nichts, trinkt ihn nur,“ befahl Käthchen, in dem sie allen, auch mir, ein Täßchen voll des schrecklichen Getränkes eingoß. Natürlich wollten die Kinder nicht heran und auch ich, die ich gerne um des lieben Friedens willen das häßliche Zeug wenigstens gekostet hätte, konnte mit meiner angeborenen Steifheit leider die Tasse nicht erfassen.

„Nun, dumme, eigensinnige Puppe, ist dir mein Kaffee vielleicht auch zu schlecht?“ schrie Käthchen, die ihren Ärger doch an jemand auslassen mußte, mich plötzlich an.

„Laß doch mein Kindchen!“ fiel Trudchen beschützend ein.

„Was da, kosten muß sie,“ rief die Freundin, die durch die Neckereien ihre Geschwister immer hitziger wurde. Sie setzt du mir die Tasse richtig an den Mund, Trudchen fuhr ängstlich dazwischen, jede der beiden Mädchen hielt das Täßchen fest und suchte es der anderen zu entreißen. Da – wie es geschehen, weiß ich heute noch nicht – kurz und gut, die Tasse mit dem heißen, braunen, schrecklichen Getränk lag auf einmal auf mir und der Inhalt floß mir übers Gesicht, drang mir durch alle Röckchen durch bis auf die Haut.

Laut jammernd und riß mich Trudchen ans Herz.

Kätchens Mama kam, von all dem Geschrei angelockt, herbei, und Kätchen bekam für ihren Eigenwillen eine lange, tüchtige Strafpredigt. Meinem Mütterchen, die immer lauter schluchzte, sprachen alle Trost ein, aber sie wollte sich gar nicht beruhigen lassen und schwer betrübt zogen wir beide von der schrecklichen Kaffee-Visite nach Haus.

 

Dramatik pur!

Das Buch kommt schließlich zum Happy-End. Der Hampelmann des kleinen Bruders Max heiratet unsere Puppe Gretchen. Die kleine Leserin wird frühzeitig auf ihr zukünftiges Leben an der Seite ihres eigenen Hampelmannes vorbereitet.

 

Zum Schluß

Mit meiner Verheiratung mit dem Hampelmann muß ich nun meine Lebensbeschreibung vorläufig schließen, meine kleinen Leserinnen! Meine Erlebnisse in der Familie meiner so außerordentlich liebenswerten, freundlichen Besitzerin waren ja nur eine Reihe von fast lauter glücklichen Tagen, die mir vergönnt waren. So lange ich bei meinem lieben Männchen und bei Trudchen Hillmer blieb, ist es mir auch weiterhin immer gut gegangen, ich habe nie Ursache gehabt, mich zu beklagen oder traurig zu sein. Aber es sollten auch schwere Tage für mich kommen! Wie es geschah, dass ich zu einem anderen kleinen Mädchen kam und was für böse Dinge da vorgekommen, das werdet ihr vielleicht ein anderes Mal noch von mir erfahren.

Für heute habt Dank, dass ihr meinen Erzählungen so aufmerksam gefolgt seid. Ich darf wohl hoffen, daß ihr so manches gute Wörtchen beherzigen werdet, was ich hie und da eingestreut habe.

Und nun lebt wohl und behaltet mich einstweilen in gutem Andenken, ihr lieben, kleinen Mädchen! Auf Wiedersehen ein andermal!

Eure

Puppe Gretchen.

 

So lief Kindererziehung im Jahre 1888. Das nur zwei Jahre früher erschienene Buch „Puppenköchin Anna“ habe ich euch vor einiger Zeit schon vorgestellt. Damals wurden Mädchen eifrig auf ihre strahlende Zukunft als Hausfrau und Mutter vorbereitet.

 

Das wars für heute mit den Puppengeschichten. Meine Ausgabe ist übrigens noch eine sehr Frühe. Spätere Auflagen von 1900 und 1903 hatten nicht mehr dieses Bild auf dem Buchdeckel, sondern ein kleines Mädchen mit (relativ hässlicher) Puppe.

 

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Puppenköchin Anna – 1886


Heute Abend kommt das Christkindchen zu all den kleinen, herzigen Mädchen, welche gern Lesen, Schreiben und Stricken lernen und ganz folgsam sind.

Erkennt sich eine meiner Leserinnen wieder? Falls ja, Glück gehabt. Ansonsten sehe ich schwarz für sie.

Falls ihr euch fragt, was der Herr Museumswärter zu sich genommen hat, um solchen Unfug zu schreiben, kann ich euch beruhigen: nichts, das ich nicht sonst auch zu mir nehme. Diese Textpassagen stammen aus einem Kochbuch für Kinder aus dem Jahr 1886.

Puppenköchin Anna ist ein „Praktisches Kochbuch“ von Henriette Davidis, der berühmtesten Kochbuch-Herausgeberin Deutschlands seit 1845 bis weit nach ihrem Tod (1876) in die 1900er Jahre.

Wikipedia hat diesem kleinen Büchlein sogar einen eigenen Abschnitt gewidmet, den ihr hier findet.

Als ich anläßlich dieses Artikels mal im ZVAB geschaut habe, was das Buch denn in etwa für einen Marktwert hat, war ich überrascht. Derzeit sind eine Sechste Auflage und fünf Achte Auflagen im Angebot. Ich habe die Siebente dazwischen und in ähnlicher Erhaltung, so daß sich der Preis in diesem Rahmen bewegen dürfte. Wer mag, klickt hier.

Dieses Buch, obwohl ja eigentlich als Kinderbuch aufgelegt, beinhaltet nur ein einziges Bild. Diese Chromolithographie auf der ersten Seite ist dafür aber wirklich schön und in allen 9 Auflagen wurde es wiederverwendet.

Für welches Alter das Buch gedacht ist, kann ich nur vermuten. Damals gab es keinen Aufdruck „Erstes Lesealter“, „Leselöwe“ oder „5-14“ auf dem Buchumschlag. Ich vermute, es richtete sich an Kinder, denen ihre Gouvernante, Oma oder Mutter vorgelesen hat bis zu denen, die bereits selbst lesen und die Rezepte selbständig nachkochen konnten. Und da die alten Mädchen etwas länger Kind waren als unsere heutigen, kann ich mir gut vorstellen, daß das Buch auch noch bei 14-jährigen Teenies Verwendung gefunden hat.

Für den Text der Einleitung oder des Vorworts muß man aber definitiv ein Mädchen sein. Mir als Junge drehen sich beim Lesen schon die Augäpfel nach innen. Aber für diejenigen unter euch, die der Frakturschrift (noch immer) nicht mächtig sind, habe ich es abgeschrieben:

 Vorwort zur sechsten und siebenten Auflage.

 Die Verfasserin dieses Kochbüchleins, die gute Henriette Davidis, welche alle artigen kleinen Mädchen so gern hatte, ist nun schon lange gestorben, wie ihr es gewiß auch schon von eurer lieben Mama gehört habt. Da waren dann nun alle die kleinen Puppenkochbücher verbraucht, aber noch viele kleine Mädchen, die keines besaßen, wünschten sich eins zum Geschenk vom Christkindchen oder zum Geburtstag. Es mußte daher das Kochbüchlein aufs neue zum Druck vorbereitet und manches darin verbessert werden. Auch verschiedene neue Kochrezepte sind hinein gekommen, und damit Ihr, liebe kleine Mädchen, auch lernt, wie die Gerichte zusammen passen und ihr euch beim Kochenspielen nicht etwa den Magen verderbt, so ist eine Speisekarte sowohl für festliche Gelegenheiten, als auch von einfacheren Gerichten zum gewöhnlichen Kochenspielen, und auch noch eine Anordnung für Kinderkaffeegesellschaften dazu gekommen.

Nehmt denn das also verbesserte und vermehrte Kochbüchlein hin, ihr lieben Kleinen, und wenn es euch gefällt und auch dazu beitragen sollte, euren Sinn für häusliche Thätigkeit zu wecken, so würde sich die von Herzen darüber freuen, die nichts so gern hat, als gute und fröhliche Kinder.        Theodore Trainer.

 Vorwort an die kleinen Mädchen, die dies Puppenkochbuch zum Geschenk erhalten haben.

 Für kleine, herzige Mädchen, welche gern Lesen, Schreiben und Stricken lernen und ganz folgsam sind, ist dies Puppenkochbuch bestimmt; und da wollen wir hoffen, daß es viele giebt, denen das liebe Christkindchen oder die Mutter zum Geburtstage es bringen werde.

 Zuerst werden die lieben Mädchen sich denn Mühe geben lesen zu lernen, um ihr Kochbuch gebrauchen zu können, und dann geht’s in den Spielstunden, wenn die Mama es erlaubt, flink ans kochen. O, welche Lust wird das sein!

 Wer aber dieses Kochbuch erhält, muß befolgen, was die Puppenköchin Anna lehrt; hört aufmerksam zu, wie sie es machte. Sie plagte die Mutter niemals, ihr allerlei Näschereien zum Kochen zu geben, nein, sie nahm freundlich und

 dankend hin, was ihr gegeben wurde. Fehlten ihr die bestimmten Teile, welche zu dem Gericht, daß sie zu machen wünschte, gehören, so wählte sie sogleich ein anderes, ohne ein unfreundliches oder gar ein weinerliches Gesicht zu machen. Überhaupt war die kleine Puppenköchin ein so recht zufriedenes kleines Mädchen, auch dann, wenn die Mutter ihr die Bitte abschlug, auf dem Puppenherd zu kochen, und zu ihr sagte: “ Jetzt nicht, liebes Kind, heute mach‘ nun einmal Gerichte für die Puppe ohne Feuer.“ Anna ging dann freundlich hin, holte Blätter und Blumen herbei und machte daraus die schönsten Speisen, wie Ihr es in der zweiten Abteilung dieses Werkchens – die „Blumenküche“ finden werdet.

O, Ihr könnt es euch gar nicht denken, meine kleinen Mädchen, was für eine allerliebste Köchin unsere Anna war! Stets waren Kleider, Gesicht und Hände rein und ebenso rein und ordentlich ihre Kochgeschirre. Sie kochte nicht ohne Küchenschürze und Streifärmel, um das Kleid vor Flecken zu bewahren.

Und so geht es weiter und weiter, bis Frau Davidis schließlich auf Seite 15 mit den Worten schließt:

 Nun wollen wir hoffen, daß ihr, meine lieben Mädchen, oft und gern an unsere Köchin Anna denken und ihr folgen werdet. Und wie würde das Christkindchen, und die Mama, und der Papa Euch lieb haben, und wie würde sich die daran erfreuen welche das Puppenkochbuch nur für artige Mädchen geschrieben hat!       Die Verfasserin.

Das würde heute kein noch so artiges, kleines Mädchen über sich ergehen lassen.

Dann aber geht es los. Erste Abteilung – Speisen, welche auf dem Puppenherd gemacht werden.

Genau, wie die großen Kochbücher von Frau Davidis, unterteilen sich die Rezepte in Kategorien: Suppen (z.B. 1. Fleischsuppe, 5. Griesmehl-Suppe mit Korinthen oder 12. Milchsuppe mit Schaumklößchen),  Gemüse= und Kartoffelspeisen (z.B. 1. Spinat, 2. Melde, 3. Junge Erbsen oder 13. Bandkartoffeln), Salate und einige Eier=Gerichte, Reisspeisen und Nudeln, Fleischspeisen, Saucen, Puddings nebst anderen süßen Speisen usw.

 Die Bandkartoffeln möchte ich euch nicht vorenthalten:

13. Bandkartoffeln

 Nachdem Ihr die Kartoffeln, welche alle hübsch von einer Größe sein müssen, recht klar gewaschen habt, schält von jeder in der Mitte, ganz glatt und fein, ein fingerbreites Streifchen, so daß es aussieht, als hätten die Kartoffeln ein Gürtelchen um. Dann werden Sie nochmals abgespült und in kochendem Wasser gerade so gekocht, wie geschälte Kartoffeln. Sind Sie nun ganz weich geworden, so bittet eine gütige Hand, das Wasser davon abzuschütten. Das Töpfchen wird dann noch einige Minuten wieder aufs Feuer gestellt, damit das Wasser rein abdampft, dann etwas geschüttelt und die Kartoffeln rasch in Euer Schüsselchen gethan und zugedeckt, damit sie recht heiß auf eurer Tafel kommen. Die Bandkartoffeln werden mit etwas Butter gegessen; möchtet Ihr ein Stückchen Hering dazu bekommen können, so paßte dieses, nebst einem Täßchen Kinderthee, ganz besonders dazu.

Zum Suppenfleisch gibt es noch einen Hinweis in Versform:  Ich rate aber, das Fleisch der Miezekatze zu geben, es ist sehr ausgekocht und zähe und für Euch schädlich.

  •  Nicht wahr? Ihr sprecht in eurem Sinn –
  •  Miezekatze, nimm es hin!
  •  Beiß es aber recht entzwei,
  • Daß es dir nicht schädlich sei.

Im hinteren Kapitel der „echten“ Küche – Backwerk und Pfannkuchen finden wir zwei Rezepte für Kuchen von Reis und Äpfeln bzw. Kuchen von Schwarzbrot und Äpfeln, ies durchaus einfach geschrieben sind und ziemlich lecker klingen. Vielleicht suche ich mir ja mal eine Puppenköchin Anna, die mir auf ihrem winzigen Herd diesen Kuchen, den ich auch Auflauf nennen kann, bäckt.

Kompott

Kaffeegesellschaften und der Übergang zur Zweiten Abteilung, der Blumenküche.

Die Blumenküche ist eine Rezeptsammlung zur Zubereitung von Puppen-Mahlzeiten:

 Nun, meine lieben Mädchen, werde ich euch damit bekannt machen, wie unsere Köchin Anna auch ohne Eßwaren schöne Gerichte bereitete; denn nicht immer hat die Mama Lust, den Kindern ihre Küche zu versorgen –  es würde doch auch zu lästig und kostbar werden. So hört denn zuerst, wie Anna den Puppentisch verzierte. Sie legte rings umher grüne Blätter so, daß diese eine schöne Guirlande bildeten, dann legte sie einige große frische Blätter, welche ihre Schüsseln sein sollten, auf verschiedene Stellen des Tisches und richtete dann die Blumenspeisen so wunderschön darauf an, dass nicht nur die Puppen, sondern auch Erwachsene sich daran erfreuten; selbst Puddings und ausgezackte Kuchen fehlten auf dem Puppentische nicht.

Wie wäre es, liebe, kleine Mädchen, wenn ihr euch die Zeit, bis das Christkindchen kommt, damit vertreibt, indem ihr die hier gezeigte „Kalteschale“ aus allerlei Blumenblättchen, einem Stück von einer Rübe oder gelben Möhre und Wasser zubereitet und euch dann mit den Puppen an den Puppentisch setzt „und thut gerade so, als wenn Ihr äßet.“

Wenn ihr das schafft, kommt nachher auch der Weihnachtsmann oder das Christkindchen zu euch.

Mahlzeit!

 

Ein weiteres Kinderbuch aus dieser Zeit findet ihr hier.

Nestlé Vollmilch-Pulver aus dem Care-Paket


Diese Milchpulver-Dose stammt aus einem CARE-Paket von 1948 und ist noch komplett befüllt. Ich möchte mich herzlich bei dem Kind bedanken, das auf seine Milch verzichtet hat, damit ich euch diese Dose heute und hier zeigen kann.

Das Etikett beginnt langsam zu zerfallen. Darum schnell Fotos gemacht und rein in den Blog!

Im Unterschied zu den allerersten CARE-Paketen, die nur amerikanische Waren enthielten, stammt diese Dose von Nestlé aus der Schweiz.

Auf der Rückseite seht ihr neben den Vorzügen und der Gebrauchsanweisung auch das eingestanzte Haltbarkeitsdatum – seit dem 3. Dezember 1949 ist es leider abgelaufen. Aber in der Not …

 

 

Interessant ist die Zubereitung der Säuglingsmilch. Von Mehlabkochung habe ich noch nie vorher etwas gehört. Ob man das heute auch noch machen muß?

 

Vollmilch-Pulver gibt es auch heute noch zu kaufen. Das von Nestlé heißt NIDO. Damals war Nestlé noch eine angenehme Firma. Heute klaut er der Bevölkerung das Trinkwasser und verkauft es ihnen anschließend wieder. Darüber gab es den Film Abgefüllt.

Mehr zu Nestlé in meinem Museum findet ihr hier.

Andere Kindernahrung hier.

 

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