Liederbuch für die Vereine der Staatsbahn-Civil-Supernumerare, 1893


Ich versuche mir ja sonst stets Überschriften für meine Artikel zu finden, die ein bißchen lustig sind. Heute, glaube ich, kann ich mir das sparen.

Der Titel des Liederbuches, das ich euch vorstellen möchte, ist in meinen Augen pure Komik.

Dürfen aus diesem Buch nur Staatsbahn-Mitarbeiter singen? Und da aber auch nicht alle? Nur die Numerare? Doch halt, nicht jeder Numerar. Jeder, der nicht mindestens Supernumerar ist, kuckt schön in sein eigenes Liederbuch. Und von all den Supernumeraren hier im Festsaal, gehen diejenigen bitte in die stille Ecke, die nicht Civil-Supernumerare sind.

Ja, damals wurde noch sortiert!

Daß am Ende jedoch nicht nur ein einsam singender Solist übrig war, kann man an der folgenden Seite sehen. Alle Sängerfreunde oder -brüder haben sich verewigt.

Die Lieder dürften den Studenten unter den Staatsbahn-CIvil-Supernumeraren noch bekannt gewesen sein. Viele aus dem früher schon vorgestellten Kommersbuch sind auch hier enthalten.

Zwei wunderschöne Beispiele habe ich euch rausgesucht. Auf Seite 48 „Der Bierlala“ – ein Lied, das nach einigen Krügen Bier und möglichst laut gegrölt sicher erst so richtig sein volles Potential der Gruppenerheiterung entwickelt. Der zweite Vers „Von all‘ seines Vaters sein Gut.“ könnte bei Freunden der deutschen Sprache Augenschmerzen hervorrufen. Im Kommersbuch lautet diese Zeile übrigens „Von all seines Vaters sein’m Gut.“ Das sieht richtiger aus, singt sich dafür aber noch mieser.

Da loben wir uns Lied N° 47 – „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“. Hier stimmen Versmaß und Patriotismusanteil.

Für alle, die neugierig geworden sind, wie das Lied wohl weitergehen mag:

Und als Bonus für die standhaften Trinker unter euch noch das Lied vom Kater. (Mit der Melodie von „1. Der Papst lebt herrlich in der Welt, es fehlt ihm nie an Ablaßgeld. Er trinkt vom allerbesten Wein,; drum möcht ich auch der Papst wohl sein. 2. Doch nein, er ist ein armer Wicht, ein holdes  Mädchen küsst ihn nicht. Er schläft in seinem Bett allein; ich möchte doch der Papst nicht sein.  3. Der Sultan lebt in Saus und Braus, er wohnt in einem großen Haus voll wunderschöner Mägdelein; drum möcht ich wohl der Sultan sein. 4. Doch nein, er ist ein armer Mann, denn folgt er seinem Alkoran, so trinkt er keinen Tropfen Wein; ich möchte doch nicht Sultan sein. 5.  Geteilt verachte ich beider Glück und kehr in meinen Stand zurück, doch das geh ich mit Freuden ein: bald Papst, bald Sultan möcht ich sein. 6.  Drum, Mädchen, gieb mir einen Kuß, denn jetzt bin ich der Sultanus. Ihr trauten Brüder, schenket ein, damit ich auch der Papst kann sein.“)

Irgendetwas habe ich noch vergessen. Ach ja: Wer waren denn nun die Staatsbahn-Civil-Supernumerare?

Der Duden verrät uns: Supernumerar Worttrennung:  Su|per|nu|me|rar Verwandte Form: Supernumerarius; Beamtenanwärter; über die gewöhnliche [Beamten]zahl Angestellter lateinisch; »Überzähliger«

Aha.

Zwei alte Wörterbücher können schließlich Licht ins Dunkel bringen:

Laut des Grimm’schen Wörterbuches ist ein Supernumerar:

In der öffentlichen Verwaltung Bezeichnung für einen Beamtenanwärter, der gegenüber den etatsmäszigen Planstellen überzählig ist; ‚ein solcher Soldat, ein solcher Angestellter, der über die gewöhnliche Zahl der Beamten bei einer Stelle angesetzt ist

Und aus dem Krünitz:

Supernumerarius, bei einem Kollegium, ein Ueberzähliger, welcher gleichsam als Hülfsarbeiter beschäftiget ist oder fungirt, und erst irgendwo einrangirt werden soll. Er genießt Diäten, so lange er als Hülfsarbeiter beschäftiget ist. Man findet dergleichen Arbeiter hauptsächlich in den Kanzleyen, Registraturen, Kalkulaturen und bei den Kassen. Es sind Individuen, die eine Anwartschaft auf einen Staatsposten haben, denen aber eine wirkliche Anstellung wegen der Vollzahl der etatsmäßigen Staatsdiener noch nicht werden konnte, um sie jedoch zu beschäftigen, werden sie in den genannten Fächern vorläufig mit Diäten angestellt, jedoch auf unbestimmte Zeit, und nach Maaßgabe der Geschäfte, da Viele von ihnen Wartegeld genießen, also einigermaßen wegen ihres Unterhalts gesichert sind.

Und wenn man das so liest, dann ist einem doch gut singen, oder?

Der Herr, zu dem dieses Buch einst gehörte, hat noch mehr hinterlassen. Ich verrate es euch hier, um euch etwas neugierig zu machen. Auf dem Dachboden meiner Tante habe ich vor Jahren eine kleine, alte Holzkiste gefunden. (so fangen spannende Geschichten an!) Als ich den Deckel aufschob, sah es ungefähr so aus. (denkt euch meine zwei Zettel weg und dafür das Liederbuch obenauf)

Rudel Schulz Kiste

Rudolf „Rudel“ Schultz war sein Name, er war Bahnbeamter (vorher Staatsbahn-Civil-Supernumerar!) und die Briefe, die hier wohlsortiert ruhen, sind von seiner Geliebten. Der erste stammt aus der Woche nach ihrem ersten Zusammentreffen, der letzte enthält die Erinnerung, sie doch am kommenden Sonntag nicht bei der Hochzeit allein sitzen zu lassen und um ganz sicher zu gehen, hat sie ihm die Einladungskarte beigelegt, die an alle Gäste geschickt wurde. Und dazwischen kommen so um die 100 Briefe, teils verliebt, teils praktisch und immer hochinteressant und aufschlußreich über das Leben zwischen 1892 und 1895.

Meine beiden Zettel zeigen euch, bis zu welchem Brief ich mit der Transkription (Abschrift) gekommen bin, der Zettel recht daneben zeigt, wie weit ich die Briefe gescannt habe. Schlechte Nachricht: ich habe von links begonnen. Gute Nachricht: mein neuer Laptop hat eine grandiose Sprach-Erkennung, der Winter steht vor der Tür und ich bin wieder Single. (naja, letzteres ist eine mäßig gute, aber dieser Aufgabe zuträgliche Nachricht)

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Wo man singt, da laß‘ Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder – Liederbuch der HJ *


* Sollte sich jemand durch diesen Artikel oder die Beschreibung persönlich, ethnisch oder in sonstiger Weise getroffen fühlen, bitte ich, sich mit mir in Verbindung zu setzen um die Angelegenheit zu klären.

Wer dem in der Überschrift zitierten Lied von Johann Gottfried Seume in den 1930er Jahren Glauben geschenkt hat, wird auf seinem Weg durch die Straßen Deutschlands schnell eines Besseren belehrt worden sein. Egal, welcher politischen Strömung man sich zugehörig fühlte, Kommunisten oder Nationalsozialisten, beide hatten aggressive Lieder und beide haben ausgiebig von Gewalt gegen Andersdenkende Gebrauch gemacht.

Bei der Gelegenheit, lest euch mal den Wikipedia-Artikel zum Begriff Nazi durch. Es kam die Überlegung, ob sie nicht korrekt Nasos hätten heißen müssen, da habe ich mal nachgeschaut: „Nazi“ war ursprünglich eine Koseform des Vornamens Ignaz, der in Bayern und Österreich häufig war. Abwertend gebraucht wurde der Begriff für eine einfältige, törichte Person und für Deutsch-Österreicher und Deutsch-Böhmen. Wie recht sie hatten. Der komplette Artikel ist hier zu finden.

Zurück zum Artikel des Tages. Zwei kleine Heftchen von ca. 1936 und 1937/38 in „undeutscher“ Sütterlin-Schrift, die im Normalschrifterlass Martin Bormanns 1941 zum 1. September desselben Jahres verboten wurde. Aus heutiger Sicht ist es mir ganz recht, daß die Schrift nicht mehr für jeden Deppen lesbar ist.

Wir schreiten über die Straßen – Lieder der Hitlerjugend – Heft 2

Herausgegeben im Auftrag des Gebiets der Hitlerjugend in Württemberg

Heft 3 sieht genauso aus, ist aber rot.

Ich darf euch mal ein paar Strophen aus dem blauen Heftchen wiedergeben. Stellt euch dabei einen Haufen 14 bis 18-jähriger vor, die Jüngeren himmeln die Älteren an, aber alle singen begeistert mit, weil der Text in der ländlichen Theorie so stolz und ein bißchen völkisch klingt. Drei bis sechs Jahre später war wahrscheinlich die Hälfte von ihnen tot, verwundet oder doch zumindest traumatisiert.

  • 1.   Auf, deutsche Schmiede, hämmert
  • stahlhart das deutsche Herz,
  • blutrot der Morgen dämmert,
  • rings starrt die Welt in Erz.
  • Drum, Brüder, reicht die Hand.
  • Gott, Freiheit, Vaterland.
  • Drum, Brüder, reicht die Hand.
  • Gott, Freiheit, Vaterland!
  • 3. Laßt euch die Wege weisen
  • zur Weichsel und zum Rhein.
  • Und eure Faust sei Eisen
  • und euer Herz sei Stein.
  • Die Feinde überrannt:
  • Gott, Freiheit, Vaterland!
  • 4.  Brecht durch nach allen Seiten
  • rings wie ein brausend Meer!
  • Und unsre Ahnen schreiten
  • im Sturme vor uns her!
  • Drum lodre, Weltenbrand:
  • Gott, Freiheit, Vaterland!

oder „Das letzte Aufgebot“:

  • 1.   Wenn einst von allen Bergen die Freiheitsfeuer glühn,
  • Wenn durch die deutschen Gauen die braunen Scharen ziehn,
  • Dann wisse du Novemberstaat, wir sind bereit zur Opfertat,
  • Wir sind der deutschen Freiheit letztes Aufgebot!
  • 2.   Wenn einst durch deutsche Lande der Ruf nach Rache gellt,
  • Durch unsrer Schritte Dröhnen, was morsch, in Trümmer fällt,
  • Dann wisse …

„Der Tod“

  • 1.    Wir traben, wir traben ins rote Turnei
  • wir fliegen an Gräben und Hecken vorbei.
  • Die Sonne verloht, das Käuzlein ruft hell,
  • und der Tod, der Tod ist unser Gesell.
  • 3. Du daheim mir geblieben, du Mägdelein schlank,
  • die Augen, deine lieben, was schaun sie so bang!
  • Die Blümelein rot verwehen im Wald,
  • und der Tod, der Tod küßt den Reitersmann bald.

Ich habe ein wenig herumgegoogelt und festgestellt, daß die meisten dieser Lieder heute – zu Recht – vergessen sind. „Schwarztbraun ist die Haselnuß“ und „Im Frühtau zu Berge“ sind auch enthalten, die kennt man noch.

Das rote Heft wartet durch weitere unschöne Lieder auf.

„Vorwärts! Vorwärts!“, das erste Lied, wird vielen unter diesem Titel nichts sagen, weil sich der Beginn des Refrains dieses von Baldur von Schirach geschriebenen Liedes als Titel eingeprägt hat, wie weitere „Vorzeige-Lieder“ der Nazis: Unsre Fahne flattert uns voran.

Weiter hinten

  • 1.  Wir heben unsre Hände aus tiefster bittrer Not.
  • Herr Gott, den Führer sende, der unsern Kummer wende mit mächtigem Gebot, mit mächtigem Gebot!
  • 2.  Erwecke uns den Helden, den seines Volks erbarm,
  • des Volks, das nachtbeladen, verkauft ist und verraten in unsrer Feinde Arm!
  • 3.   Erwecke uns den Helden, der stark in aller Not,
  • sein Deutschland mächtig rühret, dein Deutschland gläubig führet ins junge Morgenrot!
  • 4.  Wir weihen Wehr und Waffen und Herz und Mund und Hand!
  • Laß nicht zu Schanden werden dein liebstes Volk auf Erden und meiner Mutter Land!
  • Ernst Leibl, 1917

Wenn man die Lieder aus heutiger Sicht betrachtet, haben sie ja alles geschafft, was sie besungen hatten: „eure Faust sei Eisen und euer Herz sei Stein“, „Weltenbrand“, „der Tod ist unser Gesell“ und „wir sind bereit zur Opfertat“.

Also, hört zukünftig genau hin, wenn gesungen wird und habt ruhig den Mut, Missklänge aufzuzeigen und mit einer krächzenden Tröte dazwischen zu tuten!

Gaudeamus igitur – ein Kommersbuch


Jeder hat es schon gehört, einige haben es schon mitgesungen, die wenigsten haben den Text übersetzt. Das Lied von der Kürze des Lebens – Gaudeamus igitur

Kommersbuch

Dieses Kommersbuch aus den Jahren 1900-1910 (91.-95. Auflage) habe ich erst vor einigen Tagen erstanden.

Kommersbuch

Für alle, die sich fragen, was ein Kommers und ein Kommersbuch sind, kommt hier die Erklärung:

  • Als Kommers wird die feierliche Zusammenkunft der Studenten bezeichnet. Dabei wird viel gesungen, getrunken und das eine oder andere offizielle Wort geredet. Der Wikipedia-Artikel umschreibt das ganz gut. Wer sich ein Kommers bildlich vorstellen möchte, der denke an die Hogwarts-Zeremonien in den Harry Potter-Filmen. Die Sitzordnung der Professoren und Schüler ist in etwa dieselbe.
  • Das Kommersbuch ist das Liederbuch der deutschen Studentenschaft.

Die Lieder darin sind in 7 Gruppen unterteilt: Vaterlands- & Heimatlieder; Festgesänge & Gesellschaftslieder; Jugend & Erinnerung; Liebe, Wein & Wandern; Volkslieder; Kneipe; Allerhand Humor und ein Anhang mit den Liedern 804 bis 850.

Kommersbuch

Wer sich über die seltsamen Metallknöpfe an den Buch-Ecken wundert, der soll nicht dumm sterben: Da Studenten nicht nur viel gesungen, sondern auch viel getrunken haben, gab es bei der Kneipe das eine oder andere verschüttete Bier. Damit das über den Tisch fließende Bier nicht das gute Buch ruinierte, wurde es durch 4 bis 5 Biernägel höhergelegt.

Und warum habe ich „bei der Kneipe“ und nicht „in der Kneipe“ geschrieben? Eine Kneipe war (ist) ein studentisches Treffen, das – ähnlich dem Kommers – der Zusammenkunft dient, bei der gesungen und getrunken wird. Im Unterschied zum Kommers läuft die Kneipe allerdings wesentlich weniger formell ab.

Kommersbuch

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