Reisetagebuch – auf Güterzügen durch die Vereinigten Staaten in den 1920’ern


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Vor ungefähr hundert Jahren hat ein mir leider unbekannter Herr eine Reise angetreten, die ihm wahrscheinlich das größte Abenteuer seines Lebens beschert hat. Fritz Hübner wäre heute sicher vergessen, hätte er nicht einerseits seiner Liebsten – Fräulein Betty Neumann – regelmäßig Ansichtskarten geschickt und zum anderen seine Reise in einer Art Tagebuch dokumentiert. So sieht es aus:

 

 

Entgegen anderer Reisetagebücher hat Herr Hübner allerdings nicht mit Tageseinträgen gearbeitet. Vielmehr hat er anscheinend immer, wenn ein wenig Zeit war, die Erlebnisse der vergangenen Tage aufgeschrieben.

 

 

Die Handschrift ist meist sehr gut lesbar. Ab und zu ist ihm wohl ein wenig Regen auf sein Papier getropft und hat die Tinte verwaschen, aber man kann alles noch lesen. Leider war Fritz schriftstellerisch nicht sehr talentiert. Seine Sätze – oder sollte man besser sagen: sein Satz? – werden wieder und wieder durch ein „und dann“ mit dem nächsten verbunden. Zusätzlich hat er seinen Notizen nach dem „Schreib-wie-du-sprichst“-Stil verfasst. Als Berliner also in schönstem Berlinerisch: „ick“ und „jehen“ und „jut“. Klickt auf die Bilder für eine größere Version und lest mal selbst.

 

 

Ungeachtet des Schreibstils ist die Geschichte toll. Er beschließt, die Wohnung der Eltern zu verlassen, und fährt mit der Eisenbahn nach Hamburg, und heuert dort auf einem Dampfer an und verdient sich seine Überfahrt mit dem Schälen der Kartoffeln für die Passagiere, und in New York angekommen, lässt er sich die Heuer auszahlen, zieht durch die Stadt und beschreibt die Eindrücke von New York aus der Sicht eines Europäers im Jahr 1921.

 

Und dann geht die Reise weiter von der Ost- zur Westküste, und er reist als Hobo durch die USA, indem er auf Güterzüge aufspringt, sich vor Bahnarbeitern verstecken und vor anderen Wanderarbeitern in acht nehmen musste, und ich habe euch diese Stelle hier unten auf Seite 215 aufgeschlagen.

Und einige Zeit verbringt er in San Francisco und wandert von dort weiter, bis er schließlich in Alaska ankommt, und (ab hier sollten alle Mädchen wegschauen und nicht weiterlesen) in Alaska verdiente Fritz sich sein Geld mit der Robbenjagd, sicher ein einträglicher, wenn auch nicht netter Job.

 

Und die ganze Zeit über schreibt er an seine liebe Betty Postkarten, und anstatt eines Punktes geht es immer mit einem „und“ weiter.

 

Und irgendwann war er dann wieder zurück in Berlin und die Freundschaft mit Fräulein Betty blieb bestehen, obwohl sie immer Fräulein geblieben ist und später die Wirtin meiner Tante war, die als junge Studentin in ihrer Wohnung ein Zimmer zur Untermiete bewohnte – 50 Jahre nach der Reise vom alten Fritz, aber noch immer an derselben Adresse: Schumannstraße 1b in Berlin Mitte. Und als ich noch ganz klein war, habe ich Fräulein Neumann auch oft besucht und durfte mit ihrer Schildkröte „Bischolle“ spielen. Falls jemand eine Erklärung hat, woher dieser Name stammen könnte, bitte einen Kommentar hinterlassen.

Irgendwann werde ich dieses Tagebuch einmal transkribieren, in ordentliche Sätze fassen und die Postkarten an den richtigen Stellen einordnen.

Es gibt übrigens noch mindestens zwei weitere Tagebücher. Ob die allerdings von derselben oder von einer anderen Reise stammen, habe ich noch nicht nachgeschaut. Vielleicht schaffe ich es bis zum 100. Jahrestag der Reise.

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Schiff ahoi! – von New York nach Le Havre – Januar bis März 1890


Heute habe ich euch eines meiner ganz besonderen Lieblingsstücke rausgesucht. Aus Erfahrung weiß ich, daß Artikel, die mir lieb und (meist sehr) teuer sind, hier im Museum die geringsten Besuchszahlen erzielen. Sollte mir das etwas über meinen ungewöhnlichen Geschmack sagen? Egal, das ist mein Zeug, mir muß es gefallen.

Im Jahr 1890 fuhren die fünf Schwesterschiffe „La Bretagne“,  „La Normandie“, „La Bourgogne“, „La Champagne“ und „La Gascogne“ im Linienverkehr zwischen Le Havre und New York hin und her. Sie alle gehörten zur Compagnie Generale Transatlantique.

Zu den Fahrten gehörten Passagierlisten, die den Herrschaften an Bord anzeigten, mit wem sie denn gemeinsam in See stachen. Der Artikel heute ist eine Sammlung der Passagierlisten für die Überfahrten von New York nach Le Havre in der Zeit zwischen Januar und März 1890.

Ich hatte dieses Büchlein vor einigen Jahren zu einem verhältnismäßig günstigen Preis erstanden, weil der Verkäufer nicht wusste, was er da zum Verkauf anbot. Mein Hauptaugenmerk galt dabei den Chromolithographien meines Hauptsammelgebietes: Druckerzeugnisse der Imprimerie Francois Appel, Paris. Und davon enthält das Büchlein einige, die bisher noch niemand in meinen Sammlerkreisen kennt.

So sehen die  Chromolithographien aus, die aus einer Doppelseite bestehen und auf den Innenseiten die Namenslisten beherbergen. Jede der vier unterschiedlichen Lithographien ist mehrfach enthalten.

wahrscheinlich „La Bretagne“

New York

Auch das Liniennetz der Bahn war verzeichnet:

Hotels

Als nächstes kommen die Passagierlisten und ich habe mir mal die Mühe gemacht (5 Stunden), in den Listen herumzusuchen und die Passagiere im Internet zu ergoogeln. Unter jeder Liste stehen die Details, die ich zu den Herrschaften gefunden habe, wenn verfügbar sogar mit Hintergrundinformationen. Passagiere, deren Titel schon in der Liste stehen, habe ich nicht extra erwähnt. (z.B. Militärs, Botschafter o.ä.)

4. Januar

  • Mr. C. C. E. Fibiger – ein Mitglied der Familie des dänischen Pathologen und Nobelpreisträgers Johannes Andreas Grib Fibiger
  • Miss Theodora de Gillert – eine Primaballerina der Metropolitan Opera New York, die ihr euch hier anschauen könnt.
  • Mr. Louis Keller – ein amerikanischer Verleger, Golf Club-Besitzer und High Society-Mitglied
  • Mr. Henry S(idney) Oppenheimer – geboren am 2. November 1866 in New York City, einem Mitglied der berühmten Oppenheimer-Familie, Neffe von Salomon Oppenheimer und Verwandter von Heinrich Hertz (dem Namensgeber unserer Strom-Frequenz Hz)
  • Jacques Schorestene
  • Ekko Sollmann – einem Erfinder aus Hoboken, Hudson county, State of New Jersey. Er hat so tolle Dinge erfunden, wie eine elektrische Eisenbahn (Bild) und den passenden Zug (Bild). Ein weiteres Patent des gebürtigen Deutschen findet ihr hier.
  • Meyer Louis van Moppes – ein Diamanthändler aus Amsterdam, dessen Namen mir persönlich sehr nahe geht.

11. Januar

  • Edgar P. Allen – der so aussah (Mitte), im Manganhandel tätig war und später irgendwie seine Finger bei der Ausrüstung der US-Army im 2. Weltkrieg im Spiel hatte.
  • Mr Wilber A. Bloodgood – ein Herr mit einem wunderschönen Namen, was ihm allerdings auch nicht viel genützt hat, da er, der Sohn von William A. Bloodgood, am 6. April 1923 verstorben ist.
  • Mr. Thomas Cranage und seine Familie – einen ausführlichen Bericht über ihn gibt es hier. Dort sind auch seine Frau Julia (hier Mrs. Thomas Cranage), sein Sohn Samuel Pitts Cranage und Tochter Mary erwähnt.
  • Mr. John Baptiste Ford Jr – der Begründer der amerikanischen Flachglas-Industrie und Mitglied der Auto-Dynastie aus Detroit – hier sein Haus.

 18. Januar

  • The Most Reverend M. A. Corrigan D. D. Archbishop of New York – ein sehr wichtiges Oberhaupt der New Yorker katholischen Kirche. seht hier
  • Louis Lasher Lorillard und seine Brüder Mr Beekman Lorillard und George – Tabak-Millionäre aus New York nebst Dienern und Mägden.

25. Januar

  • Edward D. Adams – Erbauer des nach ihm benannten Wasserkraftwerkes an den Niagara-Fällen, in dem erstmals der von Nikola Tesla erfundene Wechselstrom erzeugt wurde.
  • Mr Beauveau Borie und Familie – Herr Borie war laut seiner Universitäts-Annalen ein Manufacturer, Bankier und Broker. Seine Frau und Sohn wurden mal gemalt (hier) und er oder sein Sohn war Präsident der Börse.

1. Februar

  • Alban G. Anderson – keine Infos zu seinem Leben, aber zu seinem Tod.
  • Familie Vanderbilt Sloane – Mitglieder der Eisenbahn-Dynastie, z.B. zwei Töchter von William Henry – (der nach heutigem Wert ein Vermögen von 231,6 Milliarden Dollar besaß), Emily (spätere Ehefrau eines der Unterzeichner vom Versailler Vertrag) und L. (Margaret Louisa?) sowie des Sloane-Zweiges, der unter anderem ein nettes Anwesen in Massachussetts gehörte. Malcolm Douglas Sloane, späterer Besitzer des legendären Swope-Mansion war auch mit von der Partie.
  • Mr. E(manuel) Wertheimer – deutsch-österreichischer Philosoph und Aphoristiker ungarischer Herkunft

8. Februar

  • Mr. Hipp (Hyppolyte) Didisheim – Schweizer Uhrmacher der renommierten Marvin-Uhren

15. Februar

22. Februar

  • Mrs. W(illia)m (Waldorf) Astor – die Ehefrau des New Yorker Financiers, die ursprünglich Mary Dahlgren Paul hieß. Zum Zeitpunkt der Überfahrt seiner Frau begann William gemeinsam mit seinem mit der Titanic untergegangenen Cousin John Jacob Astor IV gerade die Planungen für das berühmte erste Waldorf-Astoria Hotel. Kein Wunder, daß die Gute sich nach Europa zurückzog. Dieses Hotel stand übrigens auf dem Grundstück, auf dem 1929 das Empire State Building errichtet wurde.
  • Georges de la Bouglise – französischer Bergbauingenieur und Miterfinder des front-lenkbaren Hochrades. (Michaux-Rad)
  • Mr. M. De Forest Bolmer – amerikanischer Maler (Bilder)
  • Alfred N. Beadleton – Brauereibesitzer, der bedauerlicherweise am 10. August 1917 wegen Darm-Blutungen in den White Mountains gestorben ist.
  • Französische Ingenieure, die vor der Übernahme der Bauarbeiten am Panama-Kanal durch die USA 1899 dort verweilten: In diesem Artikel (englisch) ist Herr Nouailhac-Pioch erwähnt worden. Lest auch meinen Artikel zum Panama-Kanal.
  • Mr. Jacob Dangler – Besitzer einer Firma für Fleischwaren-Portionspackungen. (mehr)
  • Gustav (von) Hochwaechter – Landrat im Kreis Moers von 1870-1871 und Autor der Bücher „Mit den Türken in der Front im Stabe Mahmud Muchtar Paschas. Mein Kriegstagebuch über die Kämpfe bei Kirk Kilisse, Lüle Burgas und Cataldza“ und „Afrika ruft den Jäger – Praktisches aus der Praxis“
  • Mr. John W. Johnston – evtl. der Sohn des gleichnamigen Politikers.
  • Mr. Maurice W. Kozminsky – über den ich nichts gefunden habe, er wird allerdings in den Einträgen seiner späteren Frau Stella erwähnt.
  • Mr. W. A. J. Sparks (später Honorable Sparks – Commissioner of the General Land Office, adjustment of the Atchison, Topeka and Santa Fe land grant in the state of Kansas)
  • Mr. Edward Tuck – amerikanischer Bankier und Philanthrop, der um 1890 von New Hampshire nach Paris umzog und nach dem in Paris sogar eine Parallelstraße der Champs-Elysées benannt ist.
  • Mr. Eugene Winthrop – Bruder von Robert Winthrop, einem Gegenspieler von JP Morgan und den Rothschild-Bankiers.

 1. März

  • C. P. E. Burgwyn (Collinson Pierrepont Edwards), 1852-1915 – schrieb zwei Bühnenstücke: The Huguenot Lovers und The Lost Diamond
  • Mr Burgwyn wurde zusammen mit Admiral Viel, dem Vicomte Paul d’Abzac, Judge Thacher, George Nathaniel Pratt, J. A. Durand-Bailhot, Henry A. Robbins und H. C. Godell in einem Artikel unter der Überschrift „Sailed for Europe“ der New York Times vom 2. März erwähnt. Den Anfang des Artikels gibt es hier.
  • Mr. Charles Renauld – wohl ein französischer Bankier
  • Mr. Harry Rosenhaupt –  1869-1938, späterer Legislator im Staat Washington, dessen Papiere in den Bibliotheken der Universität Washington aufbewahrt werden.

8. März

  • Mrs. E. G. Hubbard – die Ehefrau von Elbert Green Hubbard, einem amerikanischen Schriftsteller und Verleger. Beide kamen am 7. Mai 1915 ums Leben, als ein kaiserlich-deutsches U-Boot die RMS Lusitania vor Irland versenkte.

Hier fehlt übrigens die rechte Hälfte der Liste. Vermutlich stand darauf der Vorbesitzer dieses Büchleins, der sich die Seite als Souvenir rausgetrennt hat.

 15. März

  • J. J. Astor – John Jacob Astor IV, der schon am 22. Februar (oben) erwähnte Cousin von William Waldorf Astor, der mitsamt der Titanic unterging, nachdem ihn einer der Schornsteine erschlagen hatte.
  • Mr. Jacob Dreicer – russisch-stämmischer Exklusiv-Juwelier in Manhattan (Dreicer-Haus)

Da die Schiffe jeweils in der 1. Klasse 390, in der 2. Klasse 65 und in der 3. Klasse 600 Passagiere beförderten, vermute ich, daß hier nur die wichtigsten Passagiere der 1. Klasse Erwähnung gefunden haben.

Zusätzlich habe ich noch zwei Rezeptblättchen die den Passagieren der 1912 in Dienst gestellten France II übergeben wurden.

Alt-Französische Küche – Lammrücken a la Ninon

Rebhühner a la Montespan

Damit endet der bisher am ausführlichsten recherchierte Artikel und ich hoffe, daß sich außer mir noch jemand über dieses schöne Büchlein freut. Da ich weiß, was ich da habe, ist es mir aber auch wurscht, wenn ihr das nicht macht. Schiff ahoi und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel!

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