Sture Verlierer des Ersten Weltkriegs – Köhler’s Deutscher Kalender 1934


Im Jahr 1934 war die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten noch frisch, man glaubte an eine kurze Blütezeit dieser Bewegung und ein ebenso baldiges Verschwinden. Das hat bedauerlicherweise nicht funktioniert.

Heute möchte ich euch einen Jahreskalender vorstellen, der 1934 vom Verlag Wilhelm Köhler in Minden/Westfalen herausgegeben wurde. Dieser Verlag ist bekannter als Herausgeber von Köhler’s Kolonialkalender, der mit dem Untertitel „Ohne Kolonien – Volk in Not, Kolonialbesitz – Arbeit und Brot.“ warb.

Zu den deutschen Kolonien habe ich euch in meinem letzten Artikel hier bereits einiges geschrieben.

Bezeichnend für die in diesem Verlag erschienen Kalender ist die feste Überzeugung, dass der erste Weltkrieg durch die so genannte Dolchstoßlegende verloren wurde. So trauert der Kalender, den ich euch heute vorstellen möchte, von vorne bis hinten der „guten alten Zeit“ und den vielen Gebieten des Deutschen Reiches nach, die uns nicht mehr gehörten.

Das 216 Seiten starke Büchlein beginnt mit Eigenwerbung.

Die hier erwähnte Wandkalender auf Karton, die Beilage, fehlt mir. Aber ich glaube, das ist kein Problem.

Der eigentliche Kalender beinhaltet wichtige Informationen, Sternenkonstellationen, Namenstage, usw. Es gibt eine Spalte für den evangelischen Kalender und eine für den katholischen.

Der Februar folgt.

Dieser Kalender wäre nur ein weiterer Kalender, wären da nicht die benachbarten Seiten. Im folgenden habe ich euch ein Gedicht abfotografiert, das euch einen ersten Eindruck über den Inhalt vermitteln soll.

Der Verfasser, Fritz Kudnig, war ein seinerzeit bekannter Heimatdichter, dessen ostpreußische Gedichte bis in die Fünfzigerjahre mehrmals neu aufgelegt wurden.

Ein paar Seiten weiter wird dem Leser erklärt, wieso Ostpreußen nicht mehr am Deutschen Reich hängt und wer dafür verantwortlich ist.

Bilder aus dem „abgetrennten deutschen Osten“ sollen die gute alte Zeit aufzeigen und uns dazu überreden, sie zurückzusehnen. Hier seht ihr ein Foto aus Deutsch-Eylau, dem heutigen Iława, einer Stadt, die auf eine Gründung des Deutschen Ordens zurückgeht. Ohne die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ wäre dieses Bild durchaus informativ und hübsch anzuschauen. Aus dieser Gegend kam Herr Hindenburg.

Das nächste Bild zeigt uns das Tannenberg-Denkmal. Mehr über die Schlacht bei Allenstein, die auf Wunsch Hindenburgs in Schlacht bei Tannenberg umbenannt wurde, erklärt euch Wikipedia hier.

Die Bildunterschrift „Aus dem abgetrennten deutschen Osten“ zieht sich durch den ganzen Kalender.

Aber es folgen auch wieder wichtigere Informationen für den fleißigen Kalendernutzer. Hier der immerwährende Trächtigkeitskalender der nutzbarsten Haustiere:

Platz, um sich die wichtigsten Nummern zu notieren:

Und eine Liste aller Märkte in Ostpreußen, sowie allen anderen deutschen Provinzen. Diese Liste umfasst allein 32 Seiten.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz:

Ein Überblick über die geringe Besetzung der Arbeitsplätze im Deutschland vor der Machtergreifung Adolf Hitlers und seines „Generalangriffs auf die Arbeitslosigkeit“. Laut dieser Tabelle waren nur ca. einem Drittel der Arbeitsplätze in Deutschland mit Arbeitern besetzt. Inwiefern die Tabelle mit der hohen Arbeitslosenquote der 1920er Jahre zusammenhängt, hat sich mir noch nicht erschlossen.

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine von Hitlers Maßnahmen, um Arbeitslose von den Straßen und – noch wichtiger – aus der Statistik zu bekommen. Nach dem Prinzip „Keine Wohlfahrtsunterstützung ohne Arbeit“ wurde der Bezug von Sozialleistungen an die Arbeit im RAD geknüpft.

Aber auch an die Freunde der Eisenbahn wurde gedacht. Ein Stück der Deutschen Reichsbahn im Wert von 412 Reichsmark gehörte theoretisch jedem Einwohner des Deutschen Reiches:

Natürlich darf auch er nicht fehlen. Damals noch in SA-Uniform schaut er ein wenig ratlos. Undenkbar wäre es ein paar Jahre später gewesen, Hitler erst so weit hinten im Buch durch sein Konterfei zu ehren.

Im Jahr 1934 folgten auf das Foto des GröFaZ noch Astrologische Vorhersagen. Wer mag, kann die Vorhersage bis 1942 ja mal studieren und mit den tatsächlichen Ereignissen vergleichen:

Werbung für Bartschneidewerkzeug mit der Umsonst-Falle und der Hinweis für Frauen, dank der köstlichen Eta-Tragol-Bonbons eine Liebeserklärung nach der anderen zu bekommen. Denn schon nach wenigen Wochen nehmen Sie 10-30 Pfund zu:

Auf der folgenden Seite findet ihr Werbung für Photo Porst. Über den lieben Onkel Porst und seine Gewinne dank Arisierung hatte ich euch bereits im Artikel über das Flunder-Spiel berichtet.

Hier habe ich eine Anzeige für Pantaflavin gefunden. Der Artikel dazu kam schon oder kommt noch. Wenn er da ist, findet ihr ihn hier.

Werbung für „Mein Kampf“, damals noch verhältnismäßig neu und noch neben Waschmaschinen und Gitarren beworben:

Postgebühren 1934:

Und zu guter Letzt billige Bücher im Versand:

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Wildschütz, Freischütz, Königsberg


Als ich euch neulich mein schönes altes Theaterplakat aus Königsberg vorgestellt hatte (siehe hier), habe ich euch versprochen, auch die anderen beiden hervorzuholen. Eins habe ich noch gefunden. Das soll heute unser Artikel des Tages sein.

Auch dieses Plakat ist groß, zusätzlich schief geschnitten, dafür aber noch älter als das oben genannte. Es wurde nämlich anlässlich der Aufführungen des Königsberger Stadttheaters vom 6. & 7. September 1857 herausgegeben.

 

 

Die Höhepunkte dieser Aufführung waren Auftritte von Auguste Pätsch-Uetz (1830 – 1885), einer Opernsängerin aus Karlsruhe und Zürich und Bertha Holm (*8. November 1832 Hamburg, † 14. November 1888 Hamburg) einer Sopranistin, deren Wirkungsorte laut LMU Amsterdam,​ Basel,​ Danzig,​ Düsseldorf,​ Hamburg,​ Köln,​ Königsberg,​ Lübeck,​ Neustrelitz,​ Riga,​ Wien und​ Würzburg waren.

Gegeben wurde Der Wildschütz von Kotzebue mit der Musik von Albert Lortzing, gefolgt von einer Tanzdarbietung, über die ich euch nicht viel schreiben kann, weil der Tanz an sich an mir vollkommen vorbeigeht.

Am 7. September folgte Carl Maria von Webers Freischütz mit Bertha Holm.

Dutzendbillets hatten auch diesmal Giltigkeit und Fräulein Werchlawska, Fräulein Oehlecker und Herr Philippi waren unpäßlich. Zu schade!

 

 

 

 

Stille Wasser sind tief und voller Brod


Was will er uns mit dieser Überschrift sagen?

Brot mit ‚d‘ und was hat es im Wasser zu suchen?

Die Antwort ist ebenso einfach wie amüsant. Es geht heute um eines der neulich angekündigten Theaterprogramm-Plakate. Er diente damals dazu, an Litfaßsäulen für einen Theaterabend des Königsberger Stadttheaters zu werben. Das war am 3. Februar 1858. Kaliningrad hieß Königsberg i. Pr. (in Preußen), war Königliche Haupt- und Residenzstadt und gehörte zum Deutschen Zollverein, jedoch noch nicht zum Deutschen Bund, Norddeutschen Bund oder zum Deutschen Reich. (Der Wikipedia-Artikel zum Deutschen Zollverein ist übrigens sehr lesenswert.)

Aber zurück zum Plakat. Die Hauptankündigung galt der Abschieds=Vorstellung des Herrn Francois Rappo und dem Gastspiel des Fräulein Ottilie Genée. Während man nichts zu Herrn Rappo findet, war Fräulein Genée sehr berühmt. Schaut hier.

Völlig neu „einstudirt“ wird der Vier-Akter „Stille Wasser sind tief“ zur Aufführung gebracht. Darauf, zum ersten Male „Bei Wasser und Brod“, Dramatischer Scherz in 1 Akt mit dem Auftritt von Fräulein Genée.

Zum Beschluß (interessantes Wort, das sich wohl aus dem Ausdruck „den Abend beschließen“ herleitet und im Laufe der Jahre seine Bedeutung verändert hat) gab es „Syrische, indianische Kunst- und Fertigkeitsspiele und athletische Tändeleien„:

Erste Abtheilung

Ein Cyklus der mannigfaltigsten Jongleurien, Equilibres und Balancen, die sich durch ihre Zierlichkeit und zum Theil durch ihre Neuheit auszeichnen werden, unter denen eine besondere Hervorhebung verdienen:

  1. Das Schwertspiel der Huronen
  2. Das seltsame Sichselbstbalanciren oder Equilibres und Magnetismus
  3. Die Kraftübung der Spartaner
  4. Der japanische Sessel oder Die Pyramide der tanzenden Teller
  5. Der Antipode oder Die magische Stange
  6. Der Triumph des Athleten oder Das Männerheben in schwebender Lage

Zweite Abtheilung

Der feurige Ballon oder Der Flug ohne Flügel

Am unteren Rand stehen noch Vorankündigungen für die folgenden Tage. Fräulein Ottilie Genée ist noch eine Weile geblieben und entzückte das Königsberger Publikum mit einem weiteren Stück: Die Kadetten Friedrich des Großen, vaterländisches Gemälde aus dem siebenjährigen Kriege in einem Aufzuge von Meaubert.

Rechts noch die Hinweise: Preise wie gewöhnlich – Dutzendbillets haben heute Giltigkeit – Kassenöffnung halb 6 Uhr – Anfang 6 Uhr – Ende 9 Uhr

Alles in allem klingt das nach einem schönen Abend im Ostpreußischen Land. Da wäre ich gern dabei gewesen.

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