ein einzelnes Foto


In Zeiten, in denen die meisten angefertigten Fotografien Teil einer nutz-, inhalts- und wertlosen Massenware geworden sind, wollte ich euch anhand eines einzelnen Fotos meiner Oma aus dem Jahr 1915 zeigen, wie sorgfältig damals auf das Äußere, hübsche Kleidung, ordentliches Haar nebst Schleife, und das Ambiente in Form des Lieblingskuscheltieres auf einem Stuhl geachtet wurde. Wie schon früher erwähnt (siehe hier), war die Auslösezeit länger, so daß man sich nicht bewegen durfte, während das Objektiv geöffnet war. Daher auch fast immer so ernste Gesichter.

 

Heute fotografiert man lieber sein Essen bzw. fertigt Schnappschüsse an, also spontane Fotos ohne Arrangement und ohne künstlerischen Wert. Meine Theorie ist, daß man von Verwandten von früher nur wenige Fotos vorweisen kann, weil es so wenige gab, von uns später allerdings auch nicht mehr Fotos zeigen kann, weil sie sich in der Masse an Müllfotos nicht mehr wiederfinden lassen.

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Badespaß und Picknickzeit


Wenn die Sonne lacht, wandert man hinaus in die Natur, setzt sich auf eine grüne Wiese am Bach, möglichst in den Schatten eines Baumes und schaut den Kindern beim planschen zu.

So geschehen im Erfurter Umland. Ungefähr im Jahr 1916 oder 1917 nutzten meine Urgroßmutter, ihre Nachbarin, unser Hausmädchen und die drei Kinder Oma, Großonkel und Eva das schöne Wetter um in den Wald zu ziehen. Ich vermute, es handelte sich um den Erfurter Steigerwald.

Die drei Damen saßen im Schatten. Bruder und Schwester bauten einen Damm und planschten.

 

 

 

 

Nachbarstochter Eva H. durfte mit ihrem lustigen Zopf natürlich mitspielen. 

 

 

Die Schleifen meiner Oma sind aber auch nicht zu verachten.

 

Stolz wird das Werk vorgezeigt.

Ich nehme an, daß auch noch ein Vater dabei war. Irgendjemand wird den Fotoapparat bedient haben.

Masken und Photos


Was man heute mit jedem Smartphone durch einige Fingerschmierstriche erreichen kann, war früher mit ziemlichem Aufwand verbunden.

Könnt ihr euch noch an mein Omi-Bild aus dem Artikel „Grüße von der einjährigen Omi – 1911“ erinnern?

Um dieses Foto so schön oval zurechtzuschneiden bedurfte es einer Vignette oder Maske. Die sahen so aus und erfüllten alle Wünsche nach kleinen und großen, runden, ovalen oder eckigen Bildern:

Eine Vielzahl stand zur Verfügung:

Sie wurden z.B. aus Zelluloid hergestellt:

oder aus dieser roten Folie (die vielleicht auch eine Art Zelluloid ist)

Eine weniger haltbare Variante waren Papiermasken aus einem Abreiß-Heftchen

Ein sich mir noch nicht ganz erschlossenes Exemplar gibt es hier. Ich vermute, es diente dazu, auch die schönen Jugendstil-Ornamente auf’s Fotopapier zu bringen. Wie genau das allerdings durch das Pergament-Papier funktioniert haben soll, weiß ich nicht.

zugeklappt

geöffnet

Noch verzwickter und für mich rätselhafter ist diese Kopierrahmenscheibe mit verstellbaren Randmasken

Wie immer bin ich für Tipps und Details dankbar.

Wer sich übrigens schon immer gefragt hat, wie man Fotografien mit nach außen blasser werdenden Rändern angefertigt hat, dem kann ich weiterhelfen. Auch hier wurde eine Maske verwendet, die allerdings etwas kleiner als das gewünschte Foto sein musste. Während der Belichtungszeit des Fotopapiers (also die Zeit, in der das negative Foto vom Film auf das spätere Foto belichtet wurde) bewegte man eine Maske kreisend über das Fotopapier. Das Zentrum des Motivs wurde somit ständig belichtet, während die Ränder länger von der Maske verdeckt wurden, je weiter nach außen, desto weniger Belichtung. Das Ergebnis hier zum Vergleich (das sind übrigens meine Oma und mein Opa):

feste Maske

bewegte Maske

Weltausstellung – Paris – 1878


 

Heute gibt es wieder eine Weltausstellung. Artikel über die Ausstellungen der Jahre 1893 in Chicago und 1900 in Paris hatten wir schon und wer sie verpasst hat, klickt einfach auf die Jahreszahlen.

Heute gehen wir noch ein wenig weiter zurück.

 

 

1878 fand die 7. Weltausstellung – zum dritten Mal in Paris – statt. Hier wurden als besonders grandiose Erfindungen das elektrische Licht und eine Eismaschine vorgestellt. Beides waren aber nicht wirklich Neuheiten. Wer Details mag, klickt hier. Neben der kompletten Neugestaltung des Marsfeldes (Champs du Mars) gab es viele beeindruckende Pavillons zu sehen.

In den Tiefen meiner Sammelkarten-Alben habe ich einige Ansichten gefunden, die ich euch heute zeigen möchte.

Spanien

 

auch Spanien

 

 

Japan

 

nochmal Japan

 

England (leider mit einem Tintenklecks)

 

Mittelamerika

 

Algerien

 

Und als letztes ein Sammelbild des Chinesische Pavillons am Trocadero-Palast. Darüber eine Gesamtansicht des Ausstellungsgeländes und des Hauptgebäudes.

 

 

Die Fotografien stammen aus dem Fotoalbum, dessen Einband ich ganz oben gezeigt habe. Es enthält Ansichten aus Paris.

und zum Schluß noch einmal die Panorama-Ansichten:

 

Ein Ausstellungsstück, das auch heute noch immer zu den weltweit bekanntesten Fotomotiven gehört fand seinerzeit übrigens überhaupt keine Erwähnung. Wahrscheinlich fand man diesen von innen begehbaren Teil einer Statue nicht sonderlich bemerkenswert. Hätten die 16.156.626 Besucher der Weltausstellung damals geahnt, daß 140 Jahre später lange Schlangen und eine begrenzte Eintrittskartenzahl vor einem Besuch stehen, wäre sicher mehr über dieses tolle Werk von Frederic-Auguste Bartholdi unter Mithilfe von Gustave Eiffel berichtet worden.

 

„SOLparkParis“ von Albert Fernique (born c. 1841, died 1898) – Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3a53268 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar. Published in 1883 in Frederic Bartholdi’s Album des Travaux de Construction de la Statue Colossale de la Liberte destinee au Port de New-York (Paris).. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SOLparkParis.jpg#/media/File:SOLparkParis.jpg

 

Deutschland war auf der Weltausstellung übrigens nicht vertreten. Vielleicht lag das am Deutsch-Französischen Krieg, der 1870/71 stattfand. Ich weiß es nicht.

Wie durch Zufall war eines der großen Pariser Kaufhäuser, da Maison de la Belle Jardinière, dessen Sammelkarten ich sammle ein Mitglied der Jury zur Prämierung der Aussteller und Ausstellungsstücke. Das Belle Jardinière nahm außer Konkurrenz (Hors Concours) teil. Ihr könnt das auf der Rückseite der Karte in der Mitte lesen. Die auf der Weltausstellung vergebenen Medaillen sahen in etwa so aus.

Heinrich Zille – Milljöh-Zeichner aus Berlin


Heinrich Zille, der Berliner Zeichner wurde wahrscheinlich durch seine lustigen, aber oftmals trotzdem traurigen und zum Nachdenken anregenden Zeichnungen berühmt. Niemand hat das Leben der Unterschicht in den Arbeitervierteln vom Berlin der Jahrhundertwende so treffend gezeichnet wie er. „Dreiundzwanzig Fennje bekam ’ne Heimarbeiterin, und die Kinder jingen in ’ne Streichholzfabrik und hatten denn von dem Phosphor und Schwefel jar keene Fingernägel mehr. Und da soll man nich mal dazwischenfahren, wenn man erlebt hat, wie sich det Elend von Jeneration zu Jeneration weiterfrißt – wo det Kind schon als Sklave jeboren wird?!“

Heinrich Zille Bilder

Heinrich Zille Bilder

„Ick hab zu ville Bonbon jefressen!“

Aber auch als Photograph hat Zille zur Bewahrung alter Berlin-Ansichten beigetragen, die nur selten oder sogar niemals fotografiert wurden.

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910

Sein meistdiskutiertes Werk sind aber wohl noch immer die 1921 unter Pseudonym herausgegebenen Hurengespräche. Heinrich Zille Hurengespräche

Zille lässt acht Prostituierte Szenen aus ihrem Leben zu hause und mit den Freiern schildern.

Heinrich Zille Hurengespräche

Die Geschichte wird eingeleitet mit dem Text: Berlin O (Ost), Nachts in einem Bouillonkeller. Olga, Pauline, Rosa, Alma, Pinselfrieda, Bollenguste, Lutschliese, Minna.

Heinrich Zille Hurengespräche

Heinrich Zille Hurengespräche

Olga: Pauline, Kutscherklara sagt dein Liebster ist dein Bruder, na weeßte – nu jeh mir eener mit den Finger aus den Mund! Wie biste denn da druff jekomm‘? Pauline: Un wenn schon! Det schad ja nischt, det wird ja wieder abjewischt! Warum soll ick mir mit nen faulen Luden rumbaljen un‘ um die Neese ferzeln lassen! Orje war mir schon als Junge jut, wir fing’n schon kleen an det Pißzeig zusamm zustecken.

Heinrich Zille Hurengespräche

Ach Jott ja, die Lehrer! Die hab’n mir immer anjeklaut, ick war aber ooch schon een strammes Balj mit Ditten un‘ dicke Beene un hatte det ooch schon mit de Banane raus. Der erste der mir vorgekneppt hat war een oller dreckijer Hausierer, der uff uns’en Korridor wohnte. Der hat sich rinjeschlichen un‘ mir uff Mutter’ns Stoßlade überjebogen. Er hat mir jeschunden un‘ volljeklirt, die olle dreckije Hottepese. Ojre hat an de Türe jehaun un‘ jebrüllt, aba nachher hatt’n sich Vater mit de Axt vorjenomm, da jab’s Stob. Vater kam uff een Jahr nach Plötze.

kleine Lesehilfe:

  • anjeklaut, klauen = nicht zu verwechseln mit der heutigen Bedeutung des Wortes „klauen“, das aber genau wie seinerzeit von der Klaue / Kralle stammt. „angeklaut“ bedeutet also so viel wie „angefasst“.
  • Balj – Balg
  • vorgekneppt – vorgeknöpft
  • uns’en – unserem
  • Stoßlade – eigentlich ein Tischlerwerkzeug, ähnlich einem Hobel, hier allerdings eher ein Sofa, auf dem offenbar Mutter von Vater „gestoßen“ wurde.
  • volljeklirt – klieren = schmieren
  • Hottepese – siehe hier Seite 37, ganz oben rechts – eine Mischung aus den Schimpfwörtern Fatzke und Ochse
  • Stob – Staub
  • Plötze
Heinrich Zille Hurengespräche

(Mein Vater) hat sitzen müssen weejen mir und weiß Gott, ich will auf der Stelle erblinden, wenn ich Schuld war. Ich war zwölf Jahr, da hat er mir schon beklaut und habe zugesehn wenn er nacht’s bäuchelte.

Heinrich Zille Hurengespräche

Wie Mutter krank wurde und se hat lange gelegen, brauchte sie ihr Bett alleene und ick mußte beim Vater schlafen, da hat er mir jleich nen verpaßt. Mutter is‘ in Urban jestorb’n, sie hat alles jewußt, aber nischt verraten. Durchs Kind ist’s raus jekomm, wie se mir in die Schariteh entbunden haben, ins‘ Milchfieber hab ick’s ausjequatscht.

Heinrich Zille Hurengespräche

Heinrich Zille Hurengespräche

Lutschliese: Abend’s, in die düstern Budickerkeller und Destill’n, wo ick die Zeitung’n brachte, kroch ick unter die Tische rum und lutschte den oll’n Kerl’s, die bei’s Kartenkloppen hockten, een ab. Die ließen sich jarnischt merken und hab’n janz eisern weiter jespielt, det Jeld hab‘ ick mir aus de Westentaschen jelangt, meine Kunden wußten det schon. Aber nu kommt det dicke Ende, warum ick tagelang so ne scheißende Angst hatte. Ick kam an eene Hosenklappe, die jing so schwer uff, – det kannt ick, – die drei jroßen weißen Perlmutterknöppe hat ick erst Sonntagsnachmittag mit schwarzet Jarn ranjenäht – det war Vater!

So fürchterlich das alles klingt, scheint es aber die damalige Situation gut aufzuzeigen. Die Berliner Mietskasernen boten oft nur ein Zimmer für die ganze Familie – also Vater, Mutter, Kinder und gelegentlich noch die Großmutter. Einhergehend mit dem niedrigen Bildungsstand und der hohen Kinderarbeitsrate entstanden dann Situationen, wie die oben geschilderten. Da dieses Thema sicher eher ungern diskutiert wurde, können wir Zille für dieses aufschlussreiche Zeitdokument dankbar sein.

Er liegt übrigens auf dem Südwestkirchhof der Berliner Stadtsynode in Stahnsdorf, südlich von Berlin begraben. Dort habe ich seinen Grabstein gefunden:

Heinrich Zille 1858 – 1924

Zum Schluß noch ein Bild aus Wikipedia:

„Mutta, jib doch die zwee Blumtöppe raus, Lieschen sitzt so jerne ins Jrüne!“

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