Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

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Vor 100 Jahren war Krieg


Heute wird ein Feldpostbrief, den ich euch vor einiger Zeit vorgestellt habe, 100 Jahre alt.

Da es im Moment einige Mitbürger gibt, die in diesem Land Angst um ihren kleinen Reichtum verspüren und Sätze wie: „Unter’m Kaiser und Adolf hätte es sowas nicht gegeben.“ laut und inbrünstig anstimmen, finde ich, die Zeit, diesen Brief noch einmal zu erwähnen, ist gekommen.

Hier findet ihr den Artikel. Lest euch den Brief durch. So erging es dem kleinen Mann, der von den Medien aufgeputscht wurde, den Erbfeind, den Russen, Engländer oder Franzosen zu bekämpfen. Der Russe, der Engländer, der Franzose – immer brav im Singular bezeichnet, damit waren die Unmengen Männer der unteren Schichten aus aller Herren Länder gemeint, die über nicht ausreichende Bildung verfügten, sich eine objektive Meinung zu bilden, oder Gebildete die schlichtweg fanatisiert waren.

Dazu habe ich im Bundesarchiv dieses Foto Berliner Studenten am Tag der Verkündung der Mobilmachung gefunden:

 

TET und Cakes – Bahlsen und der Leibniz-Keks


Heute ein aktualisierter Artikel von vor zwei Jahren. Wikipedia hat mir einen Strich durch die Rechnung (sic!) gemacht und mir meine ägyptischen Hilfslinks unten gelöscht:

Diesmal gibt es eine schnelle Rechnung, weil ich nicht so viel Zeit zum recherchieren habe und einige Leser meinten, ich schreibe immer zu viel Text. Aber Informationen wollen verpackt werden. So, wie Kekse. Und während das meiste meines Wissens, das ich euch zusammengetragen habe, alt ist, sollten Kekse bis zum Öffnen der Packung möglichst frisch sein.

Jeder, der eine Packung Kekse offen über Nacht oder einen ganzen Tag hat stehen lassen, weiß, daß sie die Luftfeuchtigkeit aufnehmen und dann eine Konsistenz annehmen, die in Berlin treffend als „latschig“ bezeichnet wird.

Hermann Bahlsen, der Erfinder des deutschen Kekses, wollte seine Cakes, wie er sie nach seiner Rückkehr aus England hier benannte, im Unterschied zu anderen Bäckern haltbar verpacken. Das geschah zu Beginn der 1890-er Jahre in Tüten. 1892 entwickelte er ein Rezept mit einem ansehnlichen Teil Butter – die Butter-Cakes. Dem hannoverschen Hofbibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz zu Ehren benannte er ihn Leibniz Butter-Cakes. Der hatte seinerzeit nach einer haltbaren Soldaten-Verpflegung gesucht. Und weil es 1700 noch keine Kekse gab, mussten die Soldaten mit Zwieback vorlieb nehmen.

Irgendwann kurz nach der Jahrhundertwende stellte Bahlsen fest, daß viele Menschen aufgrund mangelnder Englischkenntnisse sein Produkt Kahkes nannte. So wurde das englische Wort allmählich in eine eingedeutschte Form gebracht.

Aus der kurzen Übergangszeit vom Cakes zum Keks stammt meine heute präsentierte Rechnung

Hier findet man im Firmennamen noch die Cakes-Fabrik, der Keks hat aber schon seinen deutschen Namen.

Zur Rechnung selbst: Den Leibniz-Keks kennt jeder. Den Albert-Keks auch, wenn auch heute nicht mehr unter diesem Namen. Er sah ähnlich aus, wie ein Butterkeks, nur war er ca. 5 cm im Durchmesser und rund. Was man hingegen unter Schnittgebäck versteht, das ist mir ein Rätsel. Kuchen?

Zu den Preisen. Ich hoffe, mit 3 Dutzend Leibniz Keks waren 3 Dutzend (36) Packungen gemeint.

Zu guter Letzt und bevor Bahlsen mit seiner neuen Image-Kampagne sein Logo so schön modernisiert und verlangweiligt hat: Das TET-Zeichen mit der ägyptischen Kartusche wird einem aufmerksamen Kekskunden schon früher aufgefallen sein. Die Erklärung, was es damit auf sich hat, war eine der ersten Recherchen, die ich bei Bahlsen angestellt habe und es gab erstaunlich viele Bahlsen-Mitarbeiter, die sich darüber nie Gedanken gemacht haben. Dabei war die Lösung letztlich ganz einfach. Ein Bekannter Bahlsens reiste irgendwann nach Ägypten. Dort lernte er die Hieroglyphe „tet“ für „ewig dauernd“ kennen und wollte das auf die Bahlsen-Kekse übertragen. So kam es zur TET-Verpackung, die wir noch heute als Papier in Wellenform kennen und die unsere leckeren Butterkekse nahezu unzerbrochen zu uns bringt.

Wer sich heute das Bahlsen-Logo ansieht, findet die Schlange aus der Hieroglyphe nur noch stilisiert in der geschwungenen Form des ’n‘ auf rotem Hintergrund.

In Wikipedia habe ich für euch den Namen des Pharao Amenophis III. herausgesucht. Der ließ sich gern auch „Der sein Haus der Ewigkeit vergrößert“ nennen. Und wer jetzt ganz genau hinschaut, der sieht ganz rechts die Hieroglyphe „tet“, die eigentlich „djet“ ausgesprochen wurde. Aber das kann man dem braven Keksfreund aus Hannover nicht übelnehmen. Wenn er in der deutschen Sprache schon ohne jeglichen Akzent auskommen muß, darf ein Hannoveraner sich wenigstens im Ägyptischen mal vertun.




Se-aa-hut=ef-net-djet
S-ˁ3-ḥwt=f-nt-ḏt
Der sein Haus der Ewigkeit vergrößert

Auf einem deutschen U-Boot kurz vor Kriegsende


Am 6. April 1945 war der Krieg schon lange verloren. Jeder wusste es, niemand durfte es laut sagen und ganz heimlich hofften einige noch immer auf die von Dr. Goebbels angekündigte Wunderwaffe.

Die Soldaten hatten einen schweren Stand. Weit entfernt von der Heimat, sinnlose Aufgaben und keine Chance, den ganzen Kram hinzuwerfen und einfach nach hause zu gehen.

Ähnlich erging es wahrscheinlich auch Fritz Horn, Maschinenobergefreiter (Masch. Ob. Gefr.) auf einem U-Boot, dessen Nummer wir leider nicht erfahren.

 

Er schrieb am 6. April, also einen Monat vor der Kapitulation Nazideutschlands an seine Eltern einen Brief, den ich euch heute zeigen möchte:

 

an Bord, den 6.4.45

Liebe Eltern!

Nun will ich auch wieder ein paar Zeilen an Euch schreiben, mir geht es wie immer gut. Ostern haben wir auch gut hinter uns, ein paar tage waren wir im Schlaraffenland (Dänemark)

hat uns ganz gut getan.

Gotenhafen ist für uns nun hinfällig, wir sind jetzt wieder weiter südlich! Dort wo wir voriges Jahr im Sommer waren. Das Wetter ist im Augenblick wie der Krieg, es wird aber bald wieder Sonnenschein sein, einmal muß es ja wieder besser werden und es wird wieder besser. Für heute will ich nun schließen. Post haben wir schon einige Zeit nicht gekriegt, aber auch diese wird bald wieder eintreffen.

Seid alle recht herzlich gegrüßt

Euer Fritze!

Für Feldpost eher unüblich, ist dieser Brief mit einer Ortsangabe versehen. Zwar scheint „wir sind jetzt wieder weiter südlich! Dort wo wir voriges Jahr im Sommer waren.“ auf den ersten Blick ungenau. Allerdings darf man davon ausgehen, daß Fritze den Eltern den Aufenthaltsort seines U-Bootes seinerzeit erzählt hat. Somit wüssten sie auch diesmal, wo das Boot zu suchen wäre. Und wir alle kennen die Gefahr, denn Achung! Feind hört mit

Ob Fritze den Krieg überlebt hat, weiß ich nicht. Vermutlich, denn die großen U-Boot-Verluste fanden eher statt.

Das verlustreichste Schiffsunglück in der Geschichte der Seefahrt


Wer von euch hat bei der Überschrift gedacht: „Hatte er nicht schon einmal einen Artikel über die Titanic veröffentlicht?“ Ja, hatte er: hier.

Allerdings war der Untergang der Titanic zwar ein medienwirksames Ereignis (Zitat: Im Gegensatz zum Schiff kam der Film in Amerika gut an.), allerdings schafft diese Katastrophe es auf der Liste der Schiffsuntergänge mit den meisten Toten nicht mal unter die ersten 30. Die vorderen Plätze nehmen dabei viele im Zweiten Weltkrieg versenkte japanische Truppentransporter ein.

 

Der mit Abstand größte Verlust eines einzelnen Schiffs ereignete sich gar nicht so weit entfernt. Am 30. Januar 1945 wurde vor der Küste Pommerns die Wilhelm Gustloff versenkt. Dabei handelte es sich ursprünglich um ein Ausflugsschiff der NS-Organisation Kraft durch Freude (KdF). Wie man zu einer Fahrt auf diesem Schiff kam, hatte ich hier schon berichtet. Was zu beachten war, lest ihr hier.

Der heutige Artikel ist ein Dokument aus der Zeit, als an Kreuzfahrten nicht mehr zu denken war. Bereits mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde das Ausflugsschiff in ein schwimmendes Lazarett umgebaut. In den Jahren 1939 und 1940 wurden, hauptsächlich während der Besetzung Norwegens, verwundete Soldaten, versorgt und in die Heimat gefahren.

Von November 1940 bis Januar 1945 wohnten die U-Boot-Besatzungen der 2. U-Boot-Lehrdivision an Bord des in Gotenhafen vor Anker liegenden Schiffs.

Ein Teil dieser U-Boot-Besatzung war auch Hans-J. Maetze, Mtr Ob Gfr (Matrose Ober-Gefreiter?) über dessen Schicksal mir nichts bekannt ist. Lediglich diese Weihnachtskarte, adressiert an die kleine Ilsetraute Techow aus Berlin-Köpenick, ist erhalten geblieben.

 

20.12.43

Dir liebe Traute von ganzem Herzen ein recht fröhliches Weihnachtsfest, gleichzeitig alles Gute zum Neuen Jahr und werde vernünftig und mach Deiner Mutti keinen Kummer. Sei recht brav und sei mit den innigsten Grüssen bedacht.

Hans

Mtr.Ob.Gfr. H.J.Maetze 6./-2. U. L. D. Gotenhafen „Gustloff“

Wer sich dafür interessiert, was man auf der „Gustloff“ gelernt hat, der kann hier einen Bericht eines Kameraden von Hans Maetze lesen.

Details zur Versenkung weiß Wikipedia. Eine Doku gibt es hier.

 

Opel-Fahrräder und ein Brillant-Ring


Am 4.4.1928 schrieb Herr Carl Zacher aus Eisenach, dem „Kurbad am Fuße der romantischen Wartburg“ an den Hofjuwelier Arthur Tresselt:

Beachtet bitte, daß die Firma Larenz Generalvertreter für Opel war, allerdings nicht für Autos, sondern für Fahrräder. In den Jahren 1886 bis 1940 war Opel eine der bekanntesten Fahrradmarken Deutschlands. Mehr dazu lest ihr hier.

Bedauerlicherweise hat Herr Zacher seine Meinung einige Tage später geändert und wollte nun doch keinen Brillant-Ring mehr haben.

Darüber war Herr Tresselt einigermaßen unerfreut und schrieb eine Postkarte an Herrn Zacher, deren Inhalt uns nicht bekannt ist. Allerdings deutet einiges darauf hin, daß der Brillant-Ring bereits bestellt war und zur Abholung bereit lag.

Die Antwort von Herrn Zacher fiel dann im Brief vom 2.5. wie folgt aus:

Herrn Arth. Tresselt, Arnstadt.

Durch Ihre Postkarte vom 2.5.wodurch Sie mich auf einer Postkarte öffentlich mahnen, die natürlich meine Wirtin laß & Ihn diese Ton,  muß ich Ihnen definitiv meine

Freundschaft kündigen. Sie müßten doch wissen, daß ich Ihnen nichts schuldig geblieben bin. – Ich wäre am Samstag 5/ter nach A. gekommen und hätte es Ihnen bezahlt.

Bezüglich des Ringes können Sie Ihr Anliegen direkt bei Herrn Larenz vorbringen. Die 6,- gingen am ?? früh ab p.P. per Postanweisung.

Hochachtend Carl Zacher Kfm.

So war das. Wieder ein Freund weniger. Aber auf der gestern vorgestellten Karte aus Dresden ließ er im November desselben Jahres schon wieder Grüße ausrichten. Es scheint sich also alles wieder geklärt zu haben.

Mit Gott – Geschäftsbuch eines Goldschmieds – 1905 bis 1931


Vor zehn Wochen habe ich euch versprochen, zum Tagebuch des Goldschmieds Adolph Tresselt auch das zweite seiner Geschäftsbücher nachzureichen. Das passiert heute.

Der Grund, warum ich so lange damit gezögert habe ist der wesentlich größere Umfang, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

 

Damals üblich, heute vermutlich höchstens noch in Bayern möglich, wurde das Buch mit einer schönen Vignette und dem Aufruf „Mit Gott!“ eingeleitet.

 

 

Das Format der Einträge ist recht einfach nachzuvollziehen. Zu Beginn gibt es einige Seiten, die jeweils einem Geschäftspartner gewidmet sind. Den Einträgen zufolge hat unser Herr Tresselt Aufträge anderer Geschäftsleute, wahrscheinlich Juweliere ausgeführt. Ich zeige euch die Einträge für Herrn Christoph Becker, einen Goldwarengroßhändler aus Dresden, Wilsdrufferstraße 9.

 

 

Als sparsamer und gewissenhafter Geschäftsmann nutzte man jedes Stück freie Seite aus – wie z.B. nach Erlöschen der Geschäftspartnerschaft mit Firma Becker und fertigte auf der übrigen halben Seite Kopien von abgesandten Briefen an. Hier zwei Briefe von 1917, also 9 Jahre später.

 

Versicherungen:

 

Detail:

 

Wie weit die Gewissenhaftigkeit ging, sehen wir auf dieser Seite, die ich euch im Anschluß abgeschrieben habe:

Mutter hat an Wäsche erhalten:

14. Juni – 7 weiße Taschentücher, 1 rotes, 1 grünes Taschentuch, 4 Tricothemden, 1 graue Hose, (irgendwelche) Kragen

Raggs Waschanstalt:

23. August 1920: 3 Stück Bettücher, 2 “ Bettbezüge, 3 “ Kopfkissenbezüge, 1 “ Steppdeckenlaken, 1 Oberhem mit Piqué-Einsatz

zurück erhalten am 3. September 1920, Betrag Mk 10,05

 

 

Hier beginnt das eigentliche Kassenbuch:

Im Januar 1921 wurden Ausgaben verzeichnet, wie z.B. am 1. Januar eine Rückzahlung über Mk 50,- an die uns schon bekannte Tante Toni und eine Ausgabe für Pneumatik an ihren Ehemann Rudolf.

Am 4. wurde ein Brod für 4,70 gekauft.

Am 11. (rot unterstrichen) musste ein neuer Glühstrumpf gekauft werden. Was das ist? Seht hier.

Milch, Bückling, Semmeln, Zucker, Brötchen, Nudeln, Fett, 2 Pfund Marmelade, Butter – er hat wirklich alles aufgeschrieben.

 

Februar 1921

Schaut euch mal die Rechnung am linken Rand an. Kann jemand herausfinden, was dort addiert wurde? Es sind fast die Beträge aus den rechten Spalten, aber eben nur fast.

 

März 1922 – Die Preise fingen im Schlepptau der Reparationszahlung nach den verlorenen Ersten Weltkrieg an zu steigen.

 

Springen wir zum November desselben Jahres, sehen wir, wie die ersten vier Wochen der beginnenden Hyperinflation sprichwörtlich zu Buche schlugen. Innerhalb der letzten 12 Monate war der Wert der Mark auf ein Zehntel gefallen. Eine Mark war somit nur noch 10 Pfennige wert.

 

Der Dezember brachte erneut eine Verdopplung der Einnahmen und die Spalte am linken Rand begann eng zu werden. Am 13. und 18. 12. war ein Brod noch für 252 Mark zu haben.

 

 

Januar 1923 – Brod 266 bis 450 Mark, auch hier ging es an’s Eingemachte. Am 9. amerik. Dollar für 8800 Mark eingetauscht, am 26. zwei Krönungstaler auf dem Postamt für 9000 Mark eingewechselt.

 

 

Februar 1923 – Brod 550, ein Brathering 500, Chocolade 2000 und zwölf Pfannkuchen 1200 Mark

 

Mai 1923 – Brod 690 und 760 Mark

 

 

Im Juni 1923 wurden die Nullen in den Preisen nochmals mehr, Brod 2280 bis 2620 Mark

 

 

Juli 1923 – Brod 3720, 2 Semmeln, 2000 Mark

 

Irgendwann war die Inflation überstanden, es gab neues Geld und das Leben ging weiter. Allerdings pegelten sich die Aufträge auf niedrigerem Niveau ein. 1927 reichte eine Seite schon für zwei Monate.

 

 

Zwischen den Seiten findet sich hier und da so manche Notiz.

Da mein Schreiben vom 26. Juni bis jetzt unbeantwortet blieb, erlaube ich mir Ihnen einliegend 1 Tratto (Abschnitt) über mein Guthaben per Ende Februar 07 nach Abzug von 10 % auf brutto Mk 190,30 netto per 31.7.07 zu geben & bitte mir dieselbe mit Ihrem Receipt versehen baldigst retournieren zu wollen.

Hochachtend gez Steinwehr

Weiter hinten habe ich noch eine Geschäftspartner-Seite mit Eintragungen von 1906 gefunden. Ob eine Spazierstock-Fabrik heute noch florieren würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Das neuesten Einträge, die sich seltsamerweise nicht am Ende des Buches befinden, sind vom April 1931. Das hier jedoch als letztes eingetragen wurde, lässt das Löschblatt erahnen.

Weit hinten im Buch weitere Geschäftspartner:

Das Privat-Conto mit Unmengen von Vergleichspreisen. Wer sich dafür interessiert, wird hier fündig. 4. Mai 1921, 1 Brod 50 Pfennige

Weitere Ausgaben – man beachte am 14. Dezember 1916 Außergewöhnliches 1/3 Anteil für 6 Mk. Das dürfte ein Drittel-Los der Weihnachtslotterie gewesen sein. Am 21. und 31. 12. gibt es den Eintrag „Bad 60 Pfg.“. Hier ist Herr Tresselt wohl in eine Badeanstalt gegangen und hat ein Wannenbad genommen.

Zum Schluß dieses Artikels, obwohl das Buch noch viel mehr zu bieten hat, noch ein Beispiel des größten Desasters, daß einem Geschäftsmann widerfahren kann. Ein Fehlbetrag von Mk 25,06 in der Kasse.

 

Geld sichern zum Kriegsende – Dresdner Bank 1945


Wer gewinnt immer, egal ob Wirtschaftshoch oder -tief, Friedens- oder Kriegszeiten? Die Banken. Sie verleihen Dir bei Sonne einen Schirm, nur um ihn bei einsetzendem Regen zurückzufordern.

Daß man als Bank keine Skrupel haben darf, wenn man erfolgreich sein möchte, hat eine der großen deutschen Banken ganz besonders deutlich gezeigt – die Dresdner Bank. Einigen von uns wird noch der Werbeslogan „Mit dem grünen Band der Sympathie“ in Erinnerung sein. Und sympathisch waren sie. Sie sympathisierten beispielsweise im Dritten Reich mit der SS und wurden dadurch zur SS-Hausbank über die beinahe alle Arisierungen abliefen. Meine bisherigen Artikel zum Thema Arisierung und arisierte Firmen findet ihr hier. Zur Geschichte der Dresdner Bank im Dritten Reich lest hier.

Die 1943 von der Dresdner Bank übernommene Ostbank AG mit Sitz in Posen (Poznan) war in den letzten Kriegsjahren für Geschäfte im Geschäftsgebiet Ost zuständig. Dazu gehörten offenbar nicht nur die deutschen „Ostgebiete“, sondern auch Berlin und Brandenburg. Mit dem Näherrücken der Alliierten und der anstehenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg zog sich die Bank aus den bombardierten Städten zurück und überließ den Niederlassungen in kleineren Städten die Kundenaufgaben.

Der heutige Brief von der OSTBANK Aktiengesellschaft als Tochterunternehmen der Dresdner Bank ist ein schönes Zeugnis, wie sich die Bank im Angesicht einer bevorstehenden Rechtfertigung gegenüber der Kriegssieger bei seinen Kunden abzusichern versuchte. Geschrieben wurde er übrigens nur einen knappen Monat vor der Kapitulation Deutschlands, also zu einer Zeit, als Berlin schon in Schutt und Asche lag. Wildau ist ein kleines Nest südlich von Berlin und wird Wil-dau ausgesprochen.

 

Die Filiale Kalisch meint die Stadt, die heute Kalisz heißt und ca. 100km westlich von Łódź im heutigen Polen liegt. Dieser Landstrich dürfte am 10. April 1945 bereits von den sowjetischen Streitkräften überrannt worden sein, so daß der Brief nicht daher kam, woher er zu kommen schien, sondern vermutlich in Leipzig abgeschickt wurde. Darauf schließe ich, weil Briefpapier der Leipziger Filiale der Dresdner Bank verwendet und nur sehr stümperhaft auf die Ostbank umgeschrieben wurde.

Trotz aller Schwierigkeiten hat es Heinrich Himmlers Lieblingsbank gut durch die Nachkriegszeit geschafft. Zuerst wurde sie in viele kleine Banken zerschlagen, die dann unauffällig wieder fusionierten. Am Ende ging sie über die Allianz an die Commerzbank. Geblieben ist von der Dresdner Bank nicht viel. Eine einzige Filiale gibt es noch – in Dresden. Das hat aber keine nostalgischen Gründe, sondern dient ausschließlich dem Schutz des Markennamens. Das andere Überbleibsel nach der Fusion mit der Commerzbank ist das Logo.

Aus

„Dresdner-Bank-Logo“ von Das Original wurde von Afrank99 in der Wikipedia auf Deutsch hochgeladen

plus

„Commerzbank-Logo“ von unbekannt – nicht angegeben. Lizenziert unter Logo über Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Commerzbank-Logo.svg#/media/File:Commerzbank-Logo.svg

wurde

„Commerzbank (2009)“ von Lucas de Groot; MetaDesign, Berlin / Commerzbank AG – Eigenes Werk (Originaltext: selbst erstellt). Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Commerzbank_(2009).svg#/media/File:Commerzbank_(2009).svg

 

Feldpost – 4. März 1917


Sie haben Post! Familien in der Heimat haben zu Kriegszeiten nichts sehnlicher erwartet, als die Rückkehr ihrer geliebten Ehemänner, Väter und Söhne. Ein kleiner Lichtblick bis zum ersehnten Wiedersehen waren Briefe der Lieben. Vor einiger Zeit habe ich mir bei meinem Buchhändler in der Nebenstraße dieses schöne Buch gekauft: Eine tolle Sammlung des Briefwechsels einer Familie in der Zeit zweier Weltkriege. Weil Feldpostbriefe meistens einen ungeschönten Blick auf das Geschehen abseits der Ereignisse schildern, die später in Geschichtsbüchern stehen, interessieren sie mich natürlich um so mehr. Heute möchte ich euch an der Lektüre eines Briefes teilhaben lassen.   Er wurde von  F. M. Ley geschrieben, der zu dieser Zeit, dem 4. März 1917, in einem Pferde-Lazarett Dienst tat. Adressiert an Joseph Maierhofer – Ökonom in Bergham, Post Aidenbach (?)b. Virlshofen (?) Niedbay (Niederbayern) – (ein Aldersbach bei Vilshofen habe ich gefunden. Ob das gemeint war?)   Herr Ley schreibt in einem sehr ländlichen Deutsch. Lest selbst:

Lordethin (?) in Rum., den 4. März 1917

Lieber Bruder!

Ich habe deinen Brief gestern erhalten besten Dank davier. Habe zum grosen bedauern gelesen, das der alte Obermeier von Parschaling Gestorben ist. Das der Felermeier Franz und der Pökl Alois von Lokenbach gefalen sind, had mir die Schwester Line schon Geschrieben. Wie viele Menschen Leben wird dieser Krieg noch kosten, bis da einmal ein Ende komd. Das glaubt niemand was das vier ein Schwindel ist, die Hern Ofiesiere Fressen und Saufen was ihr Herz verlangt, der Arme Teufel kan Hunger leiden und den

Kopf hinhalten. Da mag ich mich nicht länger aufhalten darüber sonst müsste ich mich zu Tode Ärgern. Der Konflingt mit Amerrika wird nicht viel ausmachen, den der had zuvor …. Frankreich und England imer Munition geliefert, und jezt mit dem Upots-Krieg (U-Boots-Krieg!) tud er sich auch nicht mer leicht auf den Wasser. Vieleicht bringd doch das heurige Jahr den schon lang ersenden Frieden. Wie ist bei euch die Wirterung? bei uns

hier in Rumä. had sich der März schon gud angefangen den da schneid es die ersten drei Tage unaufhörlich, wir haben jetzt noch einen 3 Fuß hohen Schnee und ist auch noch sehr kald. Wein u. Schnaps gibt es hier sehr viel. Bier haben wir hier in Rumä. noch gar keines gesehen von trinken gar keine Rede. Mir gehd es sonst imer noch gud auch bin ich Gesund was ich auch von euch hofe. Ich schliese mein schreiben u. Grüßt dich u. Hausmutter Bruder Franz. Gruß an die Mari u. Hauspersonal.

Adrs. F.M.Ley Pferd.Lazt N.27 Deutsch. Feldpost 792.

Das war das Lebenszeichen. Ob der gute Bruder Franz aus dem Krieg zurückgekehrt ist, weiß ich nicht. Daß er im Deutschunterricht keine große Leuchte war, bleibt zu vermuten. Interessant für mich ist, daß er in seinem Brief aus Rumänien unzensiert schreiben durfte, wie die Stimmung in der Truppe war und offen über die Offiziere schimpft. Das war meines Wissens nicht erlaubt und die betreffenden Stellen wurden entweder ausgeschnitten, übermalt oder der Brief komplett zurückgehalten. Im Jahr 1917, dem vierten Kriegsjahr war vielleicht aber die Moral in der Truppe schon so weit heruntergezogen worden, daß selbst die Zensur keine Lust mehr hatte.

Weitere Artikel zum Thema Feldpost gibt es hier.

Isidor Braunstein, Varna, Rumänien


Neulich habe ich einen Brief gekauft, ohne viel darüber zu wissen. Ich wollte einmal sehen, ob man aus dem Nichts Informationen zu Personen finden kann, über die man vorher überhaupt nichts weiß.

 

 

 

Erst heute, während ich den Artikel für das Museum schreibe, versuche ich mehr über den Absender und Empfänger herauszufinden.

Hier das Ergebnis:

Varna ist eine Stadt an der bulgarischen Küste des Schwarzen Meeres.

Über Herrn Isidor I. Braunstein findet man leider nichts heraus. Daß er ein Unternehmer war, legt der Geschäftsbrief nahe.

Ich habe keinen Briefmarkenkatalog von Bulgarien und kann darum keine Datierung vornehmen. Die Marken hatten ursprünglich einen Wert von 50 Stotinki und wurden mit 3 Lewa überdruckt. Er könnte somit in der Zeit der beginnenden Inflation abgeschickt worden sein.

Wohin ging der Brief?

Der Empfänger war Herr W. Gollin, Aktien Gesellschaft (Mechanische Weberei), Gera (Reuss), Allemagne.

Zu dieser Firma konnte ich hier folgende Informationen finden: Presshefen-Fabrik Osterland AG: Gründung 1906 in Pforten, dann nach Gera verlegt. Bis 1913: Presshefenfabrik Osterland AG, bis 1920: Brennerei Osterland AG, bis 1922 AG Osterland Galvanisch-Elektromechanische Werkstätten, dann W. Gollin AG Mechanische Weberei. 1926 wurde das Konkursverfahren eröffnet.

Tadaa, schon wissen wir, daß der Brief zwischen 1922 und 1926 geschickt wurde. Vorher hieß die Firma anders, hinterher gab es sie nicht mehr.

Presshefe ist übrigens die noch heute erhältliche, konzentrierte Hefe zum Backen. Einen anderen Artikel mit dem unerwarteten Thema Hefe gab es hier.

Herr Braunstein war Jude, wie man aus seinem Vor- und Nachnamen unschwer erkennen kann. Ich habe keine Vermerke über einen Einwanderer in die USA gefunden, die zeitlich passen könnten. 14 Isidor Braunsteins gab es bei den US-Volkszählungen, davon 4 Einheimische und 10 Zugereiste aus Russland, Rumänien und Ungarn. Vielleicht musste er auch gar nicht aus seiner Heimat fliehen. Wie ich im Spiegel 22/1969 gefunden habe, „In Bulgarien scheiterten deutsche Befehle zur Judenverfolgung am geschlossenen Widerstand der bulgarischen Bevölkerung, die im Mai 1943 in Sofia gegen den Abtransport der Juden auf den Straßen und vor dem Königspalast demonstrierte. In einem Gestapo-Geheimbericht hieß es: „Mit Armeniern, Griechen und Zigeunern groß geworden, findet der Bulgare an dem Juden keine Nachteile, die besondere Maßnahmen gegen ihn rechtfertigen.““.

In den KZ-Deportationslisten finde ich eine Adelaide Mechanick, geborene Braunstein. Sie wurde in Rumänien geboren, lebte in Drancy, Frankreich, von wo sie am 25.3.1943 nach Sobibor in Polen deportiert wurde. Dort starb sie nur 5 Tage später. Die Todesart dürfte sich dadurch von selbst ergeben.

 

Das ist alles, was zu dem Artikel des Tages erzählt werden kann. Habt ihr mehr Informationen, dann schreibt mir einen Kommentar.

 

 

 

 

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