Erste Hilfe in Fabrikbetrieben – Das Samariterbüchlein, 1915


Wurden in den 1930er Jahren noch zahlreiche Personen beim Überqueren der Fahrbahn von Autos überfahren, so lernte die nächste Generation bereits, auf diese Gefahren zu achten. Noch eine Generation eher passierte Ähnliches beim Betreten von Eisenbahnschienen, ohne auf herannahende Züge zu achten. Heute haben wir Angst, dass uns eine Drohne auf den Kopf fallen könnte.

Der Mensch muss erst lernen, mit Neuerungen umzugehen.

Das Entstehen großer Fabriken zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachte nicht nur viele Arbeitsplätze, sondern damit verbunden auch zahlreiche Unglücksfälle durch Unachtsamkeit Leichtsinnigkeit oder aufgrund damals noch nicht geltender Sicherheitsvorkehrungen. Abgerissene Finger waren damals keine Seltenheit, weil die Arbeiter sich nicht der Gefahr bewusst waren, die ein laufender Treibriemen verursachen konnte. Bis dahin hatte man sich versehentlich eingeklemmt und konnte den Schraubstock oder Ähnliches leicht wieder öffnen und den Finger herausziehen.

Das heute vorgestellte Samariterbüchlein soll euch die Anfänge der Ersten Hilfe in Betrieben, Berufsgenossenschaften, Jugendvereinen, Samariter– und Rote-Kreuz-Vereinen sowie Sanitätskolonnen aufzeigen.

Meine Ausgabe ist eine etwas spätere. Wie ihr seht habe ich hier die 70. Auflage vorliegen. Leider wurden diese Heftchen nie datiert, allerdings dürfte diese Auflage zwischen den Jahren 1915 und 1920 erschienen sein. Als Vergleich habe ich den schon vor einem halben Jahr vorgestellten „Samariter“ von 1914 genommen.

Über das Samariterbüchlein urteilen Vereine wie der Deutsche Kolonnenführer, das Rote Kreuz, die Deutsche militärärztliche Zeitschrift oder ein Ministerialrat. Lest selbst auf der linken Seite ihre Meinungen.

Nun wollen wir uns den eigentlichen Inhalt anschauen.

Die zehn Gebote des Samariters.

1. Gebot. Handle so, wie du selbst behandelt zu werden wünschest: was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem anderen zu!

2. “ Sei unverdrossen gleich bei der Hand! Sekunden sind kostbar und können jemand das Leben retten. Zweimal gibt, wer schnell gibt.

3. “ Bewahre in allem Fassung und Ruhe, das beruhigt den Verunglückten und stärkt seine Hoffnung.

4. “ Bei allen deinen Handlungen sei behutsam! Verliere wenig Worte! Reden ist Silber, Schweigen Gold.

5. “ Verhindere, daß mit dem Verunglückten Unzweckmäßiges geschieht. Zerstreue müßige Zuschauer.

6. “ Ordnungssinn und Reinlichkeit sei dem Samariter oberstes Gesetz.

7. “ Vertraue auf dich selbst, so wirst du gute Samariterdienste leisten.

8. “ Sei gewissenhaft in allem, was du tust, schaffe stets nur ganze, nie halbe Arbeit; denn nur Erstere gewährt dem Verunglückten das Gefühl der Sicherheit und stärkt sein Vertrauen.

9. “ Den Anordnungen des Arztes sei gefügig, alles Auffallende notiere und melde dem Arzt, wolle es nicht besser wissen als dieser.

10. “ Spiele niemals den Arzt, sondern sei nur dessen Stellvertreter in der Not so lange, bis er zur Stelle ist.

So sieht’s aus. Damals wie heute gute Ratschläge.

Nicht weniger nützlich ist der dargestellte Blutkreislauf auf der gegenüberliegenden Seite.

Auf der nächsten Seite stehen uns zwei Varianten der künstlichen Beatmung zur Verfügung. Ich bin mir nicht sicher wie die Methode nach Howard funktionieren soll, Werde es aber auf Seite 18 und 19 im Text nachschlagen. Ohnmächtige Personen hießen damals Scheintote.

Erneut werden uns mehrfarbige Illustrationen aufgezeigt. In diesem Fall wurde uns in fröhlichem Rot die Blutung der jeweiligen Körperteile aufgemalt.

Es folgt der dazugehörige Text:

Schaut euch auf dem folgenden Bild einmal den Aufbau dieses Büchleins an. Die Seiten werden nach innen hin immer kleiner. Der dadurch überstehenden Rand der Folgeseite beziehungsweise der vorherigen Seite dient als Register. Schlägt man das Buch in der Mitte auf, kann man am oberen Rand nach der vorliegenden Verletzung beziehungsweise der benötigten Behandlungsmethode suchen. Anschließend tippt man mit dem Finger auf das Schlagwort und die dazugehörige Seite klappt auf.

Es folgen einige nützliche Hinweise zu Vergiftungen, die wir alle schon häufig angetroffen haben: Gruben-, Kanal- und Kloakengifte

Mein Vorbesitzer hat auf der folgenden Seite den Schlaganfall markiert. Wahrscheinlich war dieser Unglücksfall auch damals schon eine der am weitesten verbreiteten Gründe für Sanitätereinsätze.

Verbandarten – hier überraschenderweise auch einmal mit weiblichen Patienten.

Einige Transportmöglichkeiten – nicht so zahlreich, wie im Buch „Der Samariter„, aber immerhin.

Ihr seht, wir nähern uns dem Ende dieses hübschen kleinen Ratgebers. Die Rückseite ziert eine Werbung für „Kosmoplast“, dem idealen Wund-Schnellverband der Firma Hartmann. Bestimmt habt ihr von dieser Firma mindestens ein Produkt in eurem Haushalt. Neben Pflastern wird von der Hartmann Gruppe nämlich auch der Kneipp Badezusatz hergestellt. Wikipedia weiß alles.

Werbeanzeigen

Milchlieferanten nehmen Margarine – die Dürre im Sommer 1959


Die Alten unter uns erinnern sich vielleicht noch – der Sommer 1959 hielt Mitteleuropa fest im Griff.

Das Bundesarchiv hält für uns eine UFA-Wochenschau vom 14. Juli 1959 bereit. Ab 0:00:05:05 wird über den heißen Sommer berichtet und wir sehen, wie sich die Westberliner über die Hitze retteten.

Ein großes Problem hatten damals im Westen wie im Osten Deutschlands die Bauern mit der anhaltenden Dürre und der Wasserknappheit. Dazu habe ich neulich einen Merkzettel gefunden, der seinerzeit den Bauern in der DDR in die Hand gegeben wurde. Wir alle wissen, dass zu Zeiten von Lebensmittelknappheiten immer die Bauern diejenigen waren, die am Ort der Produktion der benötigten Waren und damit an der Quelle saßen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Hamsterfahrten ins Umland gemacht, um beim Bauern direkt Lebensmittel (zu unglaublichen Preisen) zu erwerben. Wikipedia weiß Details.

Um dem vorzubeugen, gab es den folgenden Aufruf:

Ob die Bauern diesem Aufruf nachkamen und ob ausreichend Milch gegen Margarine eingetauscht wurde, ist fraglich. Sicher wird sich niemand dieses lohnende Geschäft entgehen lassen haben. Es gab noch immer genug eintauschbare Wertgegenstände bei der Stadtbevölkerung, über die sich ein Bauer sehr gefreut haben dürfte.

Erste Hilfe bei Unglücksfällen – Der Samariter – 1914 – Der Leitfaden


Ihr wart mit dem Abbildungsband neulich nicht zufrieden? Dann sollt ihr hier auch noch den Textband bekommen.

Teil 1 – Leitfaden

Er beginnt, womit der Bildband endete: Werbung für Bardella und den Pulmotor.

 

Noch mehr Werbung. Nun für zwei Bücher: „Erste Hilfe bei Unfällen bis zur Ankunft des Arztes“ und „Grundlagen der Krankenernährung“

 

Eine kleine Einleitung und das Inhaltsverzeichnis

 

Das Büchlein ist in fünf Doppelstunden gegliedert.

 

Es folgen die Beschreibungen, die zu den Tafeln passen, die ich euch neulich gezeigt habe:

(ihr erinnert euch)

 

Über die Blutstillung

 

Was tun bei Brandwunden und Augenverletzungen?

 

Praktische Handgriffe beim Ausziehen der Kleider und die Grifftechniken für Tragegriffe

 

Blutvergiftung

Schnellverbände (Tafeln 12, 13, 14, 15, 17, 18)

 

Über den Transport

 

  1. Doppelstunde: Ohnmacht und mehr

 

Bewußtlosigkeit, Nasenbluten, Blutsturz, Hitzschlag

 

Wie erkennt man Scheintote?

 

Unfälle im elektrischen Betrieb

 

Tragbahren

 

Und schließlich die 5. Doppelstunde – es geht los mit den Kommandos zum Tragen eines Verletzten. Ist das nur bei uns Deutschen so militärisch, oder muss man es so machen, damit der Verletzte beim Anheben nicht herunter rollt?

„Zum Wegtragen – Angetreten!“, „Faßt an!“, „Fertig! – Hebt – aauuf!“, „Trage – Marsch!“

Die Verladung und Befestigung der Trage im Eisenbahnzug

 

Am Ende gibt es noch eine Anleitung zur Bedienung des Pulmotors.

 

Über Körperübungen für Kinder und Frauen

 

Und zum Schluß der Hinweis für „jeden, der sich über die politischen Einrichtungen und die Grundlagen unseres staatlichen und wirtschaftlichen Lebens genau unterrichten will, empfehlen wir die Anschaffung der bekannten Bürgerkunde Deutsche Staats- und Rechtskunde von Glock“ oder aber Turnbücher von Maul

 

Eine Zugabe für alle, die sich schon immer gern eine Fahrradbahre anschaffen wollten:

 

Ein anderes Samariterbüchlein aus dieser Zeit findet ihr hier.

Sowjetisches Flugblatt – September 1941


Heute habe ich etwas für euch, das nicht einfach zu finden ist. Ein sowjetisches Flugblatt, abgeworfen 1941 über den deutschen Wehrmachtstruppen, nachdem sie ihren zu dieser Zeit noch anhaltenden Vormarsch auf Moskau fortsetzten.

Zu dieser Zeit gab es zahlreiche Flugblätter der Sowjetunion. Viele können in den Museen angeschaut werden, einige im Internet. Meins habe ich unter anderem im Bestand der Staatsbibliothek  (Signatur: Einbl. 1939/45, 8725. K 175) gefunden.

Ein Gefängnis in Form eines Hakenkreuzes, hier „Konzlager“ genannt und Himmler als der „Bluthund“ Hitlers. Die Erwähnung von „acht Jahren der blutigen Hitlerherrschaft“ würde auf 1940 schließen lassen. Allerdings wurde die Sowjetunion erst 1941 angegriffen, so dass ich von einem Rechenfehler des Designers ausgehe. Er hat wahrscheinlich 1933 + 8 gerechnet, ohne zu beachten, dass 1933 ja bereits das erste Jahr unter Hitler war. Dieses Flugblatt erschien im September 1941 in einer Auflage von einer halben Million.

Die Opferzahlen auf der Vorderseite sind noch relativ niedrig.

 

Um die Soldaten zu ermuntern, das Flugblatt länger zu behalten oder gar nach dem Lesen an Kameraden weiterzugeben, wurde auf der Rückseite ein Zählreim a la „Zehn kleine Negerlein“ abgedruckt. (klickt auf das Foto für eine größere Version)

Der Besitz und die Verbreitung innerhalb der Truppe dürfte seinerzeit mit nicht unerheblichen Repressalien verbunden gewesen sein. Solch ein Flugblatt also mit sich herumzutragen, war kein leichtes Vergehen.

 

Wie in fast jedem Flugblatt befindet sich auch auf diesem am unteren Rand ein „Passierschein“ in deutscher und russischer Sprache, der es dem Soldaten schmackhaft machen sollte, sicher auf die Seite der Roten Armee überlaufen zu können. Ob es tatsächlich sicher war, mit diesem Flugblatt zu wedeln und keine Kugel in die Brust zu bekommen (in den Rücken eher), kann ich nicht sagen.

Ein schönes Zeitdokument, wie ich finde. Die Nummerierung der Vorderseite (265) und der Rückseite (309) lässt mich vermuten, dass die Druckvorlagen in unterschiedlicher Gruppierung ausgegeben wurden.

Ein Flugblatt der Deutschen Wehrmacht gibt es hier.

 

 

Erste Hilfe bei Unglücksfällen – Der Samariter – 1914 – Der Bildteil


Neulich habe ich euch versprochen, zum Deutschen Hautpflaster auch das Büchlein über die Erste Hilfe vorzustellen. Ich habe es nicht gefunden, allerdings ist mir ein anderes auf dem Trödelmarkt begegnet, und ich habe es mitgenommen.

Der Samariter, und hier das zweite Büchlein mit den Abbildungen. Arthur Schulz, der Vorbesitzer dieses Büchleins schien es nicht mehr zu benötigen.

Ganz vorn eine schöne Werbeanzeige einer Firma für Verbandstoffe.

Und schon folgen die Abbildungen zu Endzipfeln und Tragetüchern

Tipps zu Blutstillung durch Fingerdruck, Stöckchen und Tücher

Brüche und Verrenkungen (der Unterkiefer gefällt mir sehr gut). Beachtet bitte auf der rechten Seite die Erfindung des Autors: Dr. Blumes keimfreier Finger-Schnellverband!

Wie entfernt man Rock und Stiefel bei Brüchen? Mit dem Rock ist hier allerdings nicht der Damenrock gemeint, sondern der frühere Dienstrock des Herrn. Heute werden die Klamotten einfach aufgeschnitten, damals war ein Kleidungsstück noch wertvoller. Da wurde erst geschont und dann geschient.

Die folgende Seite gefällt mir gut. Wer möchte sich denn mal als Testperson zur Verfügung stellen?

Hier einige gängige Unglücksfälle. Es ist immer gut, sich mit den Situationen vorher vertraut zu machen, um später sofort einsatzbereit zu sein.

Lagerungen des Verunglückten und Bindentouren. (unten rechts: das habe ich auch mal gelernt)

Wie transportiert man den Kranken? Tolle Ideen. Die Fahrradtragbahre ist eine prima Sache.

Rauf und runter geht die Reise

Zum Einladen – angetreten! Und schon hängt der Patient am Gepäcknetz im Wagen der III. Klasse.

Der elektrische Strom war 1914 schon ein Thema. Wie gut, wenn man damals einen praktischen Spazierstock aus Holz dabei hatte.

Zum Schluß stelle ich euch den „Pulmotor“ vor – ein Gerät zur künstlichen Beatmung. Es sieht sehr simpel aus, ist aber in gewisser Weise der Vorläufer unserer heutigen Geräte und die Grundlage der Weiterentwicklung. Auf der rechten Seite Werbung für die Bardella. Was vielleicht nach einer Margarinesorte klingt, ist aber eine sterile Mullbinde nach Dr. von Bardeleben (aha, daher Bardella).

Mir gefällt das Büchlein nicht zuletzt wegen der altmodischen Herren. Wer sich mit Erster Hilfe auskennt, wird vielleicht bemerken, dass sich im Laufe der Zeit einige Empfehlungen gewandelt haben. Ich bin bedauerlicherweise nicht so firm in der Ersten Hilfe, glaube aber, bei der Lagerung und Beatmung könnten einige Hinweise überholt sein.

Den 1. Band mit dem Textteil zu allen Tafeln findet ihr übrigens hier.

Ein anderes Samariterbüchlein aus dieser Zeit findet ihr hier.

Schreibt doch einen Kommentar unter diesen Beitrag! Und lernt Erste Hilfe!

Jugendzeitschriften um 1900


Manchmal finde ich Bücher, deren Wert zu gering ist, um die schlechte Erhaltung mit einer Reparatur zu rechtfertigen. Weiterhin ist auch der Inhalt oft eher uninteressant. So geschehen diesmal, als ich das Buch Thüringer Erzählungen der Arnstädter Schriftstellerin Friederieke Henriette Christiane Eugenie John, einigen bekannt unter ihrem Psedonym Marlitt, das laut Wikipedia für Meine Arnstädter Litteratur steht, fand.

Das Buch wurde in die Bastelkiste getan und dient zur Herstellung von Weihnachssternen, Buchhüllen, Bilderrahmen und ähnlichem Kreativzeug. Lediglich eine Seite habe ich herausgetrennt und möchte sie euch heute vorstellen.

Jeder kennt wahrscheinlich die BRAVO, eine Zeitschrift für unsere heutige Jugend. Wie ich hier schon aufzeigte, gab es die BRAVO allerdings auch schon in den 1950er Jahren. Viel früher, nämlich bereits 1887 gab es zwei Jugendzeitschriften, für die im oben genannten Buch geworben wurde:

Der Gute Kamerad (Wikipedia kennt ihn) – eine Illustrierte Knabenzeitung und als Gegenstück die ebenfalls in Wikipedia vorgestellte Illustrierte Mädchenzeitung Das Kränzchen. Nur wenige von euch werden den Begriff des (Kaffee)kränzchens  noch von der Mutter oder Oma kennen.

Hier nun zu eurer Erbauung die beiden Texte, mit denen um Leser aus den Knaben- und Mädchenreihen geworben wurde – selbstverständlich getrennt.

Für die Knaben:

„Der gute Kamerad“ ist in zahllosen Familien ein unentbehrlicher Ratgeber und treuer Freund geworden. Der Inhalt kann kaum vielseitiger gedacht werden. Erzählungen, spannende Jagdabenteuer, Reisebeschreibungen und fesselnde Plaudereien wechseln ab mit Aufsätzen über Geschichte, Länder-, Völker- und Himmelskunde und mit zahlreichen anderen naturwissenschaftlichen und technischen Beiträgen. Auch das Gebiet der Spiele, Beschäftigungen, Experimente, Rätsel usw. ist sehr reichhaltig.

 

Für die Mädchen:

Mit Freuden begrüßen wir das Erscheinen des neuen Jahrgangs, den wir nach Gediegenheit und Reichhaltigkeit seines Inhaltes zu den vornehmsten Erzeugnissen der Mädchenliteratur zu zählen berechtigt sind. Kaum irgendwo ist wie hier dem Charakter der deutschen Mädchenpsyche in so verständnisinniger Weise Rechnung getragen, nirgends der zarte Boden knospender Jugend so sorgsam gehegt und bewacht. Kaum ein Gebiet, dass zur Veredelung unserer Töchter beitragen könnte, ist außer acht gelassen, und der Zweck einer erbauenden Erholung ist stets gewahrt.

Die nicht ganz so spannende Rückseite wirbt für das von Professor Dr R. Koßmann und Privatdozent Dr. Jul. Weiß herausgegebene Buch Die Gesundheit. ihre Erhaltung, ihre Störungen, ihre Wiederherstellung. Wie wir erfahren, entstand es unter Mitwirkung von 52 ersten ärztlichen Autoritäten (Professoren und Privatdozenten der Universitäten des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns, der Schweiz usw.).

Zu beziehen war das Buch über entweder 40 Einzellieferungen zum Preis von jeweils 60 Pfennig, oder aber bereits gebunden in zwei stattliche Bände für 32 Mark – ein für damalige Zeiten recht stattlicher Preis.

Prospekt für Gesundheit, Wohlergehen und langes Leben


Heute soll es mit einem Prospekt weitergehen.

Dieses schöne Druckwerk fand ich kürzlich zwischen anderen Schriftstücken. Am dunklen Rand auf der Titelseite erkennt ihr, daß es viele Jahre auf dem Dachboden mit einem Buch schräg darauf lag.

 

Auf den ersten Blick dachte ich, es sei ein Kirchenprogramm oder ähnliches christliches Zeug und wollte es schon beiseite packen. Aber wie immer hat die Neugier gesiegt und ich habe reingeschaut:

 

Eine für jedermann sehr wichtige Abhandlung. Das musste natürlich gelesen werden: „Dieses kleine Büchlein wird voraussichtlich Hunderttausenden in unter die Augen kommen, für die der Inhalt von ganz besonderem Interesse sein wird. So wird denn des freundlichen Lesers erste Frage zweifellos dahin gehen, welches der Gegenstand ist, zu dem wir im Folgenden seine Aufmerksamkeit zu lenken wünschen, und der mehr oder weniger schwierigste Teil unserer Aufgabe ist, die Einleitung so abzufassen, daß der Leser die folgenden Seiten nicht nur gleichgiltig durchblättert, sondern aufmerksam studiert.“

Okay, schauen wir doch einmal, was uns der Leserbrief neben dem Bild der kleinen Anna Wingchen zu sagen hat: „Brunsfeld bei Köln, Aachenerstraße 378, den 28. März 1901“ (1901 – wie wir hier schon lernen konnten, gab es in Deutschland schon mehrere Rechtschreibreformen, eine davon 1901. In dieser wurde aus dem Thee der Tee, studirt wurde zu studiert und gleichgiltig hätte meines Wissens auch schon gleichgültig sein sollen.)

Weiter im Brief: „Meine Herren! Meine Tochter Anna, die jetzt 7 Jahre alt ist, litt seit langer Zeit an Lungenröhrenkatarrh und Keuchhusten, sie aß nicht mehr und wurde zusehends von Tag zu Tag schwächer und weniger. Da versuchte ich es mit Scott’s Emulsion und schon nach dem Verbrauch der ersten Flasche konnten wir eine überraschende Besserung bemerken. Nachdem wir nun den Gebrauch eine verhältnismäßig kurze Zeit fortgesetzt hatten, sahen wir deutlich, wie unser Kind sich zusehends besserte und jetzt ißt sie wieder mit Appetit und der Husten und Auswurf haben sich vollständig verloren. Wir können es daher nicht unterlassen, Jedermann Scott’s Emulsion zu empfehlen und Ihnen hiermit unseren besten Dank auszusprechen. Achtungsvoll (gez.) Christian Wingchen“

Okay, Scott’s Emulsion soll es sein. Was verbirgt sich dahinter? Blättern wir um:

 

Auf der linken Seite wird uns die gesundheitliche Wirkung von Leberthran erläutert. Der Autor – von dem wir vermuten dürfen, daß er mit dem Verkauf von Scott’s Emulsion einen Teil seines Lebens zu finanzieren gedachte – versäumt nicht, uns über die beiden Uebelstände des Leberthrans aufzuklären. 1) der widerliche Geschmack, 2) die schwere Verdaulichkeit. Was kann man nur dagegen tun?

Während nun das Problem, diese Schwierigkeiten zu überwinden, allerseits eifrig studiert wurde, brachte ein deutscher Gelehrter die Theorie heraus, dass alle Fette und Oele, die in den Magen kommen, in eine Emulsion umgewandelt werden, ehe sie das Blut aufnehmen kann und dies bringt uns direkt zu dem Hauptteil unserer Abhandlung.

Rechte Seite: Was ist eine Emulsion? Lest euch selbst die Erklärung durch, um zu erfahren, wie eine Emulsion hergestellt wird und woraus sie besteht.

Da es ganz gegen unsere Natur wäre, einem Säugling Butter zu geben, gibt man ihm Milch und erspart ihm die Anstrengung, die Nahrung erst im Magen in eine Emulsion zu verwandeln.

Kuck an!

 

Davon kann die zweijährige Johanna Philipp aus der Bayrischestraße 7 in Leipzig seit dem 25. April 1901 ein Lied singen. (inzwischen hat sie – trotz Scott’s Emulsion – damit aber sicher aufgehört)

Auf dieser Seite erfahren wir nun, daß Scott’s Emulsion das berühmteste Heilmittel ist, daß je in den Handel gekommen ist. Scott’s Emulsion wurde vor mehr als 30 Jahren zuerst hergestellt und hat seitdem den Verbrauch von Leberthran in geradezu unglaublicher Weise gehoben. Scott’s Emulation enthält nicht nur den besten Norweg. Medizinal-Leberthran in einer besonderen Form, sondern die Wirksamkeit desselben ist vergrößert durch die Beifügung von Kalk- und Natron-Hypophosphiten und Glycerin.

 

Bäbchen Baum (hat außer mir noch irgendjemand den Verdacht, daß es sich hier um ausgedachte Leserbriefe handelt?) lässt durch seinen Vater Peter mitteilen: „Köln-Ehrenfeld, Marienstraße 37, den 17. Mai 1901.

Meine Herren! Meine kleine Tochter Bäbchen, die jetzt 15 Monate alt ist, litt vom sechsten Monate an an englischer Krankheit. Das Kind hatte seinen Appetit verloren, und wurde von Tag zu Tag hinfälliger und schwächer, so daß ich mir ernstliche Sorgen um sie machte. Nachdem ich schon verschiedene Mittel erfolglos angewendet, hörte ich von Scott’s Emulsion und schon bei der ersten Flasche bemerkte ich, daß sich der Zustand des Kindes besserte. Ich war in der Tat ganz erstaunt über den raschen Erfolg und setzte die Kur fort und mein Kind hat jetzt seinen Appetit wieder, und ist munter wie alle anderen Kinder. Die Knochen werden kräftiger, und es macht Versuche zu laufen. Die Krankheit meines Kindes ist nun gänzlich gehoben und dies verdanke ich einzig und allein ihrer ausgezeichneten Scott’s Emulsion. Die Kur mit Scott’s Emulsion werde ich ebenfalls mit meinem drei Monate alten Knaben vornehmen. Mit alle Hochachtung zeichnet (gez.) Peter Baum.“

 

Bei Schwindsucht, Skrofulose, Erkältung, Husten, Bronchitis – Scott’s Emulsion heilt alles!

 

Auch Erwachsene sollten ab und zu eine Flasche davon einnehmen.

 

Daß das Präparat hilft, steht außer Zweifel.

Wie sonst könnte sich ein Produkt ohne nennenswerte Veränderungen der Inhaltsstoffe über 150 Jahre am Markt behaupten? Also, Freunde, Weihnachten steht vor der Tür. Geht hinaus, kauft euren Lieben das einzig wahre Geschenk: Scott’s Emulsion. Ihr glaubt mir nicht, daß es das heute noch gibt? Schaut hier und kauft dort!

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