Jugendzeitschriften um 1900


Manchmal finde ich Bücher, deren Wert zu gering ist, um die schlechte Erhaltung mit einer Reparatur zu rechtfertigen. Weiterhin ist auch der Inhalt oft eher uninteressant. So geschehen diesmal, als ich das Buch Thüringer Erzählungen der Arnstädter Schriftstellerin Friederieke Henriette Christiane Eugenie John, einigen bekannt unter ihrem Psedonym Marlitt, das laut Wikipedia für Meine Arnstädter Litteratur steht, fand.

Das Buch wurde in die Bastelkiste getan und dient zur Herstellung von Weihnachssternen, Buchhüllen, Bilderrahmen und ähnlichem Kreativzeug. Lediglich eine Seite habe ich herausgetrennt und möchte sie euch heute vorstellen.

Jeder kennt wahrscheinlich die BRAVO, eine Zeitschrift für unsere heutige Jugend. Wie ich hier schon aufzeigte, gab es die BRAVO allerdings auch schon in den 1950er Jahren. Viel früher, nämlich bereits 1887 gab es zwei Jugendzeitschriften, für die im oben genannten Buch geworben wurde:

Der Gute Kamerad (Wikipedia kennt ihn) – eine Illustrierte Knabenzeitung und als Gegenstück die ebenfalls in Wikipedia vorgestellte Illustrierte Mädchenzeitung Das Kränzchen. Nur wenige von euch werden den Begriff des (Kaffee)kränzchens  noch von der Mutter oder Oma kennen.

Hier nun zu eurer Erbauung die beiden Texte, mit denen um Leser aus den Knaben- und Mädchenreihen geworben wurde – selbstverständlich getrennt.

Für die Knaben:

„Der gute Kamerad“ ist in zahllosen Familien ein unentbehrlicher Ratgeber und treuer Freund geworden. Der Inhalt kann kaum vielseitiger gedacht werden. Erzählungen, spannende Jagdabenteuer, Reisebeschreibungen und fesselnde Plaudereien wechseln ab mit Aufsätzen über Geschichte, Länder-, Völker- und Himmelskunde und mit zahlreichen anderen naturwissenschaftlichen und technischen Beiträgen. Auch das Gebiet der Spiele, Beschäftigungen, Experimente, Rätsel usw. ist sehr reichhaltig.

 

Für die Mädchen:

Mit Freuden begrüßen wir das Erscheinen des neuen Jahrgangs, den wir nach Gediegenheit und Reichhaltigkeit seines Inhaltes zu den vornehmsten Erzeugnissen der Mädchenliteratur zu zählen berechtigt sind. Kaum irgendwo ist wie hier dem Charakter der deutschen Mädchenpsyche in so verständnisinniger Weise Rechnung getragen, nirgends der zarte Boden knospender Jugend so sorgsam gehegt und bewacht. Kaum ein Gebiet, dass zur Veredelung unserer Töchter beitragen könnte, ist außer acht gelassen, und der Zweck einer erbauenden Erholung ist stets gewahrt.

Die nicht ganz so spannende Rückseite wirbt für das von Professor Dr R. Koßmann und Privatdozent Dr. Jul. Weiß herausgegebene Buch Die Gesundheit. ihre Erhaltung, ihre Störungen, ihre Wiederherstellung. Wie wir erfahren, entstand es unter Mitwirkung von 52 ersten ärztlichen Autoritäten (Professoren und Privatdozenten der Universitäten des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns, der Schweiz usw.).

Zu beziehen war das Buch über entweder 40 Einzellieferungen zum Preis von jeweils 60 Pfennig, oder aber bereits gebunden in zwei stattliche Bände für 32 Mark – ein für damalige Zeiten recht stattlicher Preis.

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Prospekt für Gesundheit, Wohlergehen und langes Leben


Heute soll es mit einem Prospekt weitergehen.

Dieses schöne Druckwerk fand ich kürzlich zwischen anderen Schriftstücken. Am dunklen Rand auf der Titelseite erkennt ihr, daß es viele Jahre auf dem Dachboden mit einem Buch schräg darauf lag.

 

Auf den ersten Blick dachte ich, es sei ein Kirchenprogramm oder ähnliches christliches Zeug und wollte es schon beiseite packen. Aber wie immer hat die Neugier gesiegt und ich habe reingeschaut:

 

Eine für jedermann sehr wichtige Abhandlung. Das musste natürlich gelesen werden: „Dieses kleine Büchlein wird voraussichtlich Hunderttausenden in unter die Augen kommen, für die der Inhalt von ganz besonderem Interesse sein wird. So wird denn des freundlichen Lesers erste Frage zweifellos dahin gehen, welches der Gegenstand ist, zu dem wir im Folgenden seine Aufmerksamkeit zu lenken wünschen, und der mehr oder weniger schwierigste Teil unserer Aufgabe ist, die Einleitung so abzufassen, daß der Leser die folgenden Seiten nicht nur gleichgiltig durchblättert, sondern aufmerksam studiert.“

Okay, schauen wir doch einmal, was uns der Leserbrief neben dem Bild der kleinen Anna Wingchen zu sagen hat: „Brunsfeld bei Köln, Aachenerstraße 378, den 28. März 1901“ (1901 – wie wir hier schon lernen konnten, gab es in Deutschland schon mehrere Rechtschreibreformen, eine davon 1901. In dieser wurde aus dem Thee der Tee, studirt wurde zu studiert und gleichgiltig hätte meines Wissens auch schon gleichgültig sein sollen.)

Weiter im Brief: „Meine Herren! Meine Tochter Anna, die jetzt 7 Jahre alt ist, litt seit langer Zeit an Lungenröhrenkatarrh und Keuchhusten, sie aß nicht mehr und wurde zusehends von Tag zu Tag schwächer und weniger. Da versuchte ich es mit Scott’s Emulsion und schon nach dem Verbrauch der ersten Flasche konnten wir eine überraschende Besserung bemerken. Nachdem wir nun den Gebrauch eine verhältnismäßig kurze Zeit fortgesetzt hatten, sahen wir deutlich, wie unser Kind sich zusehends besserte und jetzt ißt sie wieder mit Appetit und der Husten und Auswurf haben sich vollständig verloren. Wir können es daher nicht unterlassen, Jedermann Scott’s Emulsion zu empfehlen und Ihnen hiermit unseren besten Dank auszusprechen. Achtungsvoll (gez.) Christian Wingchen“

Okay, Scott’s Emulsion soll es sein. Was verbirgt sich dahinter? Blättern wir um:

 

Auf der linken Seite wird uns die gesundheitliche Wirkung von Leberthran erläutert. Der Autor – von dem wir vermuten dürfen, daß er mit dem Verkauf von Scott’s Emulsion einen Teil seines Lebens zu finanzieren gedachte – versäumt nicht, uns über die beiden Uebelstände des Leberthrans aufzuklären. 1) der widerliche Geschmack, 2) die schwere Verdaulichkeit. Was kann man nur dagegen tun?

Während nun das Problem, diese Schwierigkeiten zu überwinden, allerseits eifrig studiert wurde, brachte ein deutscher Gelehrter die Theorie heraus, dass alle Fette und Oele, die in den Magen kommen, in eine Emulsion umgewandelt werden, ehe sie das Blut aufnehmen kann und dies bringt uns direkt zu dem Hauptteil unserer Abhandlung.

Rechte Seite: Was ist eine Emulsion? Lest euch selbst die Erklärung durch, um zu erfahren, wie eine Emulsion hergestellt wird und woraus sie besteht.

Da es ganz gegen unsere Natur wäre, einem Säugling Butter zu geben, gibt man ihm Milch und erspart ihm die Anstrengung, die Nahrung erst im Magen in eine Emulsion zu verwandeln.

Kuck an!

 

Davon kann die zweijährige Johanna Philipp aus der Bayrischestraße 7 in Leipzig seit dem 25. April 1901 ein Lied singen. (inzwischen hat sie – trotz Scott’s Emulsion – damit aber sicher aufgehört)

Auf dieser Seite erfahren wir nun, daß Scott’s Emulsion das berühmteste Heilmittel ist, daß je in den Handel gekommen ist. Scott’s Emulsion wurde vor mehr als 30 Jahren zuerst hergestellt und hat seitdem den Verbrauch von Leberthran in geradezu unglaublicher Weise gehoben. Scott’s Emulation enthält nicht nur den besten Norweg. Medizinal-Leberthran in einer besonderen Form, sondern die Wirksamkeit desselben ist vergrößert durch die Beifügung von Kalk- und Natron-Hypophosphiten und Glycerin.

 

Bäbchen Baum (hat außer mir noch irgendjemand den Verdacht, daß es sich hier um ausgedachte Leserbriefe handelt?) lässt durch seinen Vater Peter mitteilen: „Köln-Ehrenfeld, Marienstraße 37, den 17. Mai 1901.

Meine Herren! Meine kleine Tochter Bäbchen, die jetzt 15 Monate alt ist, litt vom sechsten Monate an an englischer Krankheit. Das Kind hatte seinen Appetit verloren, und wurde von Tag zu Tag hinfälliger und schwächer, so daß ich mir ernstliche Sorgen um sie machte. Nachdem ich schon verschiedene Mittel erfolglos angewendet, hörte ich von Scott’s Emulsion und schon bei der ersten Flasche bemerkte ich, daß sich der Zustand des Kindes besserte. Ich war in der Tat ganz erstaunt über den raschen Erfolg und setzte die Kur fort und mein Kind hat jetzt seinen Appetit wieder, und ist munter wie alle anderen Kinder. Die Knochen werden kräftiger, und es macht Versuche zu laufen. Die Krankheit meines Kindes ist nun gänzlich gehoben und dies verdanke ich einzig und allein ihrer ausgezeichneten Scott’s Emulsion. Die Kur mit Scott’s Emulsion werde ich ebenfalls mit meinem drei Monate alten Knaben vornehmen. Mit alle Hochachtung zeichnet (gez.) Peter Baum.“

 

Bei Schwindsucht, Skrofulose, Erkältung, Husten, Bronchitis – Scott’s Emulsion heilt alles!

 

Auch Erwachsene sollten ab und zu eine Flasche davon einnehmen.

 

Daß das Präparat hilft, steht außer Zweifel.

Wie sonst könnte sich ein Produkt ohne nennenswerte Veränderungen der Inhaltsstoffe über 150 Jahre am Markt behaupten? Also, Freunde, Weihnachten steht vor der Tür. Geht hinaus, kauft euren Lieben das einzig wahre Geschenk: Scott’s Emulsion. Ihr glaubt mir nicht, daß es das heute noch gibt? Schaut hier und kauft dort!

Farben aus Quedlinburg


Bald ist wieder Ostern und es wird gefärbt, was das Zeug hält.

Vor drei Jahren habe ich euch einiges über den Ostereierfarben-Hersteller Brauns aus Quedlinburg erzählt. Wer sich nicht mehr erinnert, muß hier klicken.

Heute habe ich in einer alten Kiste auf dem Dachboden noch zwei Produkte der Firma Brauns entdeckt. Diesmal geht es allerdings nicht um Ostereierfarben, sondern um Beize,

 

in unserem Fall Lichtblau 020 aus dem Jahr 1955.

 

Besonders gut gefällt mir das kleine Faltblatt,

 

 

das auch nach so vielen Jahren noch immer frische Farben hat.

Wer es noch nicht gefunden hat: unser Lichtblau 020 ist auf der mittleren Seite, linke Spalte, Mitte. Eine wirklich schöne Farbe.

 

Zusätzlich kann man auf der Rückseite einiges über die Herstellung guter Beizen lernen und wir erfahren, daß bei Verwendung der Refor-Beize ein Räuchern nicht mehr nötig ist. Bisher wusste ich nur, daß Fische gebeizt und geräuchert werden. Aber hier wird es in einem kleinen Video vorgeführt.

 

 

Komm doch mit auf den Underberg


Der Underberg war in meiner Kindheit der fröhlich beworbene Kräuterlikör, der unter dem Vorwand, ein gutes Essen vertilgt zu haben, zum Abschluß der Völlerei nachgeschüttet wurde.

Winzige Flaschen, viel Glas, wenig Inhalt, scheußlicher Geschmack.

Heute habe ich euch ein Underberg-Prospekt von 1936 herausgesucht.

Der „Hahn im Korb“ in schönster Sütterlin-Schrift.

Es beginnt mit einem scheußlichen Gedicht.

gefolgt von Streichholzrätseln

noch mehr Rätsel

schnippeln und basteln

Rätsel (zugegeben, beim Bücherwurm lag ich falsch)

ein Zaubertrick

und zum Schluß noch ein paar Rätsel und ein Kalender von 1936

Ist euch aufgefallen, daß im ganzen Heftchen keine NS-Floskeln stehen? Das war zu dieser Zeit schon eine Seltenheit geworden. Überall wurde man zu Zeiten des Nationalsozialismus mit braunen Parolen konfrontiert. Die Lösung ist einfach: Dieses Prospekt stammt aus dem Jahr der Olympischen Spiele in Berlin. Man gab sich weltoffen und tolerant. Und die Welt fiel darauf herein.

Details zu Underberg kennt Wikipedia.

ein Parteiprogramm von 1920


Ich habe lange überlegt, ob man das heutige Schriftstück vorzeigen soll und darf oder nicht. Ich habe mich dazu entschlossen, es euch zu zeigen, da es sich hierbei nicht um Glorifizierung oder Werbung für den Inhalt handelt, sondern vielmehr um den Versuch, aufzuzeigen, daß Ideen und Forderungen, die auf den ersten Blick „gar nicht so schlecht“ klingen, bei genauer Betrachtung und Vergleichen sehr wohl schlechte Ergebnisse mit sich bringen.

Da gerade jetzt in Deutschland wieder eine Partei die Ängste und heimlichen Wünsche großer Teile der Bevölkerung mit einfachen Worten adressiert, sie damit enormen Zulauf verzeichnen können und viele Mitbürger ein schlechtes Bauchgefühl in Anbetracht der bevorstehenden Wahlen haben, möchte ich alle Besucher meines Museums auffordern: Lest euch das Parteiprogramm durch, sucht Parallelen zu modernen Wiederholungen und haltet euch das Ergebnis der Erfüllung der Forderungen vor Augen! Es ist gerade einmal 70 Jahre her und ich möchte Ovid zitieren: „Wehre den Anfängen!“ (auch wenn das ursprüngliche „Principiis obsta.“ die unglückliche Liebe als Thema hatte)

Wer auf das Bild klickt, kann es sich in höherer Auflösung durchlesen. Die 25 Punkte solltet ihr euch mit einer gesunden Distanz durchlesen. Ich hoffe, keiner meiner Leser wird durch dieses Flugblatt zum Anhänger einer rechtsgesinnten Partei.

Einige Dinge für euch kurz erklärt:

München, den 24. Februar 1920 – an diesem Tag wurde mit der Umbenennung der Deutschen Arbeiterpartei (DAP) in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.

Als Verfasser wird laut Wikipedia der DAP-Gründer Anton Drexler vermutet. Adolf Hitler soll nur redaktionelle Mitarbeit geleistet haben.

Unter Anmerkung findet ihr einen Zusatz vom 13. April 1928 (auf den ich das Papier datiere). Die Erklärung dazu lest ihr am besten auch bei Wikipedia durch.

Über konstruktive Kommentare zu diesem Artikel freue ich mich. Sofern jemand Probleme mit der Veröffentlichung hat, möge er sich mit mir in Verbindung setzen.

Nachkriegskrankheiten – heute Typhus


Hellgelbe Durchfälle, Abstoßen von weißen Belägen und Fieberwahnzustände – das sind nur einige der Kennzeichen einer Typhuserkrankung.

Typhus tritt gern in unsauberer Umgebung auf und wird, wenn man dem heutigen Ausstellungsstück glauben darf, durch Fliegen und Ratten übertragen.

Dieses Merkblatt habe ich zwischen meinen Alt-Papieren gefunden und möchte es euch nicht vorenthalten. Es stammt aus dem Oktober 1945, also zu einer Zeit, als große Teile Deutschlands zerstört daniederlagen und durch mangelhafte Trinkwasserver- und Abwasserentsorgung katastrophale hygienische Zustände herrschten. Lest selbst, wie gefährlich Typhus sein kann:

 

 

Etiketten aus dem Katalog


Was wäre eine Flasche ohne das Etikett? Großes Rätselraten über den Inhalt und die Frage: „trinke ich es oder lasse ich es lieber stehen?“ Ein Etikett kann dabei von entscheidender Wichtigkeit sein, wie meine Oma mal feststellen durfte, als sie an einem lauen Sommerabend einen Schluck aus einer Weinflasche nahm, nur um dann endlich zu wissen, wo sie den restlichen Teppichreiniger hingetan hatte.

Daß die Herren Goetz und Müller meine Oma kannten, ist zu bezweifeln. Daß sie aber Etiketten hergestellt haben, steht außer Frage. Und weil sie nicht die einzigen waren, die 1938 Flaschenetiketten hergestellt haben, mussten sie von Fabrik zu Fabrik tingeln und ihre Druckerzeugnisse anpreisen.

Heute stelle ich euch einen Katalog dieser Firma vor.

 

Im Offset-, Stein- und Buchdruck vom Fach und von Heinrich Schwiegelshohn aus Limbach in Sachsen vertreten ging es auf die Reise. Dazu hatte Heinrich Schwiegelshohn seinen Erlaubnis-Ausweis dabei, einen seiner Kollegen kennt ihr schon aus diesem Artikel.

 

Um Missverständnisse zu vermeiden:

 

Überraschenderweise hat sich an einigen Weinsorten bis heute nichts geändert.

 

Passende Halsschleifen

 

Ein Zusatz von Trinkwasser oder kohlensaurem Tafelwasser erhöht den Genuß. oder mit anderem Eindruck

 

Auch ausländische Weine und Spirituosen wollten etikettiert werden.

 

Diese Etiketten könnte man auch heute noch finden.

 

die harten Sachen

hier mit der Unterteilung für ganze, halbe und Miniaturflaschen. Auch damals wurde der kleine Schluck geschätzt.

 

Was mag Batavia-Arac gewesen sein?

 

Nordhäuser und Danziger Goldwasser

 

 

Kümmel

 

Bärenfang – habe ich sogar noch zu hause

 

Ist das nicht eine riesige Auswahl? Und ich habe euch nur einige der Seiten dieses doch recht dicken Kataloges gezeigt. Viele Etiketten gibt es in zahlreichen Variationen.

 

 

Urlaubsreisen 1939 – Brot und Spiele


Eine der Maximen des Deutschen Reiches war es, das Volk bei Laune zu halten. Nicht allein sollte sich der Deutsche großartig fühlen, weil er Deutscher war, er sollte auch Gründe haben, auf das Deutsche Reich stolz zu sein. Da die staatlich verordnete Propaganda auf Dauer öde und einschläfernd war, mussten andere Wege gefunden werden, dem Reichsbürger die Großartigkeit der großdeutschen Reichsführung zu vermitteln.

Urlaub von der harten Arbeit war hier eine willkommene Abwechslung für den Volksgenossen. Das Programm „Kraft durch Freude hatte ich euch schon mehrfach vorgestellt. Alle Artikel zu diesem Thema findet ihr hier.

Heute gibt es einen Urlaubskatalog der Deutschen Arbeitsfront (DAF) für Sachsen aus dem Jahr 1939.

 

Ganz zu Beginn die unvermeidliche Hitler-Rede, die wirklich nirgends gefehlt hat.

Bei den Römern hieß das in anderen Worten ausgedrückt Panem et circensis – Brot und Spiele.

Eine Vorrede des Gaubmanns Hellmut Peitsch steht dem Katalog voran. (Sein Wikipedia-Artikel ist übrigens nicht uninteressant.) Er erläutert die Gründe des verspäteten Erscheinens dieses Heftes, geht auf die Probleme der notwendigen Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn zur Verbringung der Urlauber an ihren Zielort und zurück sowie die durch Eroberungen gewachsene Fläche des zu befahrenden Großdeutschen Reichs.

Hinweis: Reist nicht nur in die Ferne, sondern seht euch auch unser schönes Sachsenland an! Und reist auch im Mai und September!

Unsere Ostmark – nicht zu verwechseln mit der Währung der DDR – umfasste grob die Gebiete von Österreich und Tirol. (siehe hier)

 

Gefolgt vom schönen Sudetenland, dem Grenzgebiet zwischen Österreich, Deutschland und der damaligen Tschechoslowakei.

 

Die im Katalog hier und dort eingefügten Hinweise für den Reisenden sind wert, gelesen zu werden. Am Ende der Artikel finden sich übrigens die Fahrten-Nummern. Mehr dazu später.

 

 

Die Heimat Sachsen als Ausflugsziel – nicht langweilig, dafür günstig:

 

Schlesien – rechts von Sachsen, bis zur damaligen russischen Grenze asu dem nach dem Zweiten Weltkrieg  große Menschenmassen als Flüchtlinge nach Deutschland geströmt kamen. (siehe hier)

 

 

Die Nord- und Ostsee – hier hat sich bis heute nur wenig verändert. Die Einheimischen tanzen vergnügt am Strand, Kutschfahrten durch’s Watt und strandkorbgepflasterte Strände.

 

aber lest selbst

 

Weiter führt unsere Reise nach Ostpreußen mit seiner Hauptstadt Königsberg (heute Kaliningrad) und in die Lüneburger Heide.

 

Wirklich wichtige Hinweise für alle Urlauber – bedenkt: damals gab es keine Computer, an denen in Echtzeit die Verfügbarkeit überprüft und gebucht werden konnte. Hier galt es, rechtzeitig eine Anmeldung abzugeben und abzuwarten.

 

die KdF-Reisegepäckversicherung

 

Und schließlich die Fahrten im hinteren Teil des Kataloges:

Beachtet auch die blauen Abkürzungen FW – Ferienwanderung, RW – Radwanderung, FWL – Ferienwanderlager, FA – Faltbootwanderung

 

Hinweise zum ordentlichen Bezahlen:

 

Ganz neu – neuzeitliche Reise-Omnibusfahrten

 

Teilnahmebedingungen

 

Und schließlich das weiter vorn angekündigte Preisrätsel

Aber, freut euch nicht zu früh – mitmachen ist sinnlos: der Einsendeschluß war der 31. Mai 1939 und mit den Kdf-Reisegutscheinen im Wert von RM 30,- könnt ihr eh nichts mehr anfangen.

 

Ach ja, es gab noch die ganz exklusiven, kostspieligen Auslandsfahrten mit dem Kreuzfahrtschiff

Das hier beschrieben KdF-Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ kennt ihr ja schon von diesem Artikel.

Kurzfahrten:

 

 

Wanderfahrten:

 

sehr schön die damals übliche Bezeichnung „nach dem“ bei Reiseangaben:

 

Schmucke und bequem eingerichtete Dampfer für Betriebsgefolgschaftsfahrten

 

Die Fahrten in diesem Katalog reichen übrigens bis zum 25. September, Rückfahrt 2.Oktober. Ob all diese Fahrten tatsächlich durchgeführt wurden, wo ja am 1. September mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, kann ich nicht sagen. Sicher ist hingegen, daß dieser KdF-Urlaubskatalog der letzte seiner Art gewesen sein dürfte, da mit dem Kriegsbeginn die Urlaubsreisen in anderer Form stattfanden, wenn auch auf vorerst noch wachsendem Reichsgebiet.

 

Zehn kleine Negerlein


Jeder von uns kennt das alte Lied „Zehn kleine Negerlein“ aus der Kindheit. Ich kann mich erinnern, es früher oft gehört und auch selbst gesungen zu haben, jedesmal unbändig belustigt, was den kleinen Herren passierte und immer wieder gespannt, was sich auf die Zahlen neun bis eins reimt. Rassistisch habe ich mich dabei nie gefühlt – man hatte ja niemanden speziellen im Sinn. Heute sieht das anders aus. Verzweifelt wird versucht, eine politisch korrekte Version zu dichten. Bis dato ohne Erfolg.

Rückblickend ist die fröhliche Dezimierung dieser Menschen anderen Aussehens zu Zeiten des Dritten Reiches geschichtlich mit einem G’schmäckle behaftet.

Makaberes Beispiel dafür ist der heutige Artikel, den ich kürzlich auf dem Flohmarkt gefunden habe. Eine Broschüre der Allianz- und Stuttgarter Lebensversicherung.

Zehn kleine Negerlein

 

Im Geleitwort wird erläutert, wo das Lied seinen Ursprung hat – in England unter dem Titel „Ten little Nigger Boys“, daß es auch in den USA unter diesem oder dem Titel „Ten little Indians“ bekannt ist und daß die für das nordisch gesinnte Deutschland faszinierendste Version aus dem Land der Edda, Island stammt. Wikipedia erklärt einen anderen Ursprung.

Für dieses kleine Büchlein wurde die angeblich originale, in jedem Fall aber, wie ich finde, blutigste Variante gewählt. Mit dem Tod des ersten Negerleins ging es da noch verhältnismäßig unspektakulär zu. Ein in ländlichen Gebieten durchaus häufiger Unfall.

 

Interessant der Hinweis auf der nächsten Seite: „Was ist das Lied von den zehn kleinen Negerlein anderes als – in der Sprache der modernen Statistik gesprochen – eine „Absterbeordnung“, freilich eine solche von besonderem Reiz?“ Aha. Man erklärt uns die weitere Arbeit der Lebensversicherung bei der Berechnung der „Absterbeordnung“.  Nebenbei stirbt das zweite Negerlein auf der gegenüberliegenden Seite auf der Jagd und verreimt seinen Tod damit – zumindest in einigen Regionen Deutschlands – auf die Acht.

 

Das Gesetz der Lebensdauer, oder die Frage: „Wie lange lebt es sich so in unserer Umgebung?“. Ein guter Anhaltspunkt ist die Zahl der Geschlechterfolgen, die ein Lebewesen während seines Lebens sieht. Beim Menschen wird von einer Lebensdauer von 70-80 Jahren ausgegangen und damit von drei Geschlechterfolgen, die er erlebt: sich selbst, seine Kinder, seine Enkel. Die Urenkel sind eher die Ausnahme.

Sehr spannend sind die Tabellen, die auf dieser Seite die Lebenserwartung einiger Tiere und Pflanzen auflisten. Als Stadtkind war ich überrascht, daß ein Haushuhn bis zu 20, ein Pferd 45, eine Hausgans 70 und ein Karpfen 150 Jahre alt werden kann.

Auf der farbigen Seite wird derweil der dritte kleine Neger als Obstdieb erhängt.

 

Der Lebensbaum des deutschen Volkes. Man sieht diese Bäume auch heute noch. Die Form bleibt weitestgehend gleich, lediglich der Knick der 18- bis 23-Jährigen im Jahr 1938 dürfte heute verschwunden sein. Der Text erklärt uns, daß bei großen Krisen die Geburtenrate zurückgeht. Der Knick der 20-Jährigen ist das Ergebnis des Ersten Weltkrieges, die darunterliegenden Jahrgänge, die üblicherweise aufgrund größerer Anzahl nach außen wachsen müssten, sind ein Spiegel der schlechten Nachkriegszeit, der Wirtschaftskrise und Inflationszeit im reparationsgeplagten Deutschland.

Da fällt ein weggehextes Negerlein nicht sonderlich ins Gewicht.

 

Eine kurze statistische Erklärung, wie lang der durchschnittliche Deutsche in die Lebensversicherung einzahlt, folgt.

Derweil stirbt das fünfte Negerlein in den Sümpfen. Wie wir dank kluger Fernsehsendungen wie Galileo  und Co. wissen, kann man im Sumpf nicht in die Tiefe gezogen werden, sondern stirbt aller Wahrscheinlichkeit durch Unterkühlung.

 

Die nächste Seite stellt uns einige Pioniere der Statistik im Bezug auf Lebenserwartung vor: Caspar Neumann, Edmond Halley und Gottfried Wilhelm Leibnitz – alle durchweg auf anderen Gebieten große Namen.

Das nächste Negerlein starb eines durchaus verbreiteten Todes – zu viel Bier, da waren’s nur noch vier.

 

Weiter geht es mit der modernen Variante der Sterbetafel, oder kurz gesagt: Wieviele Menschen bleiben Jahr für Jahr von einer Anfangsanzahl übrig.

25% der überlebenden Negerlein, also einer, sterben eines unserer modernen Tode: zu viel Süßkram.

 

Hier erklären uns die Mitarbeiter der Allianz und Stuttgarter Versicherung, wie anhand der Sterbetafeln Beiträge für Lebensversicherungen berechnet werden.

Die drei kleinen Negerlein prügeln sich in der Zwischenzeit und einer von ihnen bleibt auf der Strecke.

 

Die nächste Seite finde ich besonders spannend. Woran die Menschen sterben.

15,8% an Kreislaufversagen, 11,8% an Diphterie, Tuberkulose und Grippe. Das ist eine recht hohe Zahl und sollte in heutiger Zeit zu einer der niedrigsten Gruppen gehören. Knapp auf Platz drei mit 11,7% steht der Krebs, gleichauf mit Krankheiten der Atmungsorgane gefolgt von weiteren Krankheitsbildern, von denen heute noch immer viele ganz oben auf der Liste stehen. Die Sortierung der Todesursachen kann ich nicht nachvollziehen. Bemerkenswert: nur 7,2% der Männer, die 1936 starben, taten dies aus Altersschwäche. Das Statistische Bundesamt hat hier eine aktuelle Tabelle.

Das brachte auch die letzten beiden Negerlein zum weinen – einer hat es übertrieben.

 

Bevor das letzte Negerlein sein Leben beim Sturz von der Kutsch aushaucht und damit nicht wie sonst üblich eine Frau sucht und neue Kinder produziert, schauen wir uns auf der linken Seite eine – eher scherzhafte – Formel zur Berechnung unserer Lebenserwartung an. Ich komme auf 73. Na, mal sehen.

 

Zum Schluß kommt die Beitragstabelle der Allianz und Stuttgarter. Die Höhe der Jahresbeiträge pro 1000 Reichsmark Auszahlungssumme im Todesfall.

 

Gedruckt wurde die Broschüre, wie viele andere Artikel in diesem Museum, von Giesecke & Devrient. Sehr gefreut habe ich mich über den guten Zustand des Büchleins. Bei allen bisherigen Exemplaren, die mir in die Finger gekommen sind, fehlten entweder ein oder mehrere Köpfe der kleinen ausgestanzten Negerlein, oder der Preis harmonierte nicht mit meinen Vorstellungen.

Knufinkes Knoblauchbeeren


Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden. Diesen klugen Satz soll angeblich Jonathan Swift gesagt haben.

Es gibt nur recht wenige Wege, das Älterwerden zu vermeiden. Unter ihnen ist allerhöchstens eine Verlangsamung des Alterungsprozesses erstrebenswert.

Die Firma Paul Knufinke, Chemische-Pharmazeutische Präparate aus Wuppertal-Barmen hat sich ab 1924 dem Kampf gegen das zu schnelle Altern verschrieben. Ich habe dazu eine kleine Webseite gefunden, auf der ein Sammlerkollege ein Prospekt der Firma Knufinke zu ihren Knoblauchbeeren der Marke „immer jünger“ bewirbt. seht hier.

Knoblauchbeeren, später Knoblauchpillen, gibt es noch heute. Sie scheinen durch die Inhaltsstoffe des Knoblauchs zu helfen ohne den unangenehmen Geruch mitzubringen. Das ist erfreulich.

Zurück zu Knufinke. Ein sehr langes Werbeplakat habe ich auf dem Dachboden gefunden. Es wurde offenbar nie benutzt. Dies zu tun, wird in meinen Augen durch das höchst ungeschickte Layout nicht befürwortet. Offenbar hatte der Designer damals noch nichts von Kerning gehört. Aber er hat es wenigstens versucht. Die Erwähnung des Produktnamens oder der Herstellerfirma kann in meinen Augen auch enorm zum Umsatz beitragen. Auch das wurde vergessen.

 

Zur Datierung: Da die Marke „Immer jünger“ 1924 auf den Markt kam und die verwendete Schreibschrift bis in die frühen 1930-er Jahre sehr beliebt war, schätze ich das Plakat auf diese Zeitspanne.

 

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