Fünf Jahre gestohlene Jugend – KZ-Entlassungsschein 1938


Bei der Recherche zu meinem heutigen Artikel bin ich auf interessante Internetseiten gestoßen, die mir gezeigt haben, wie wenig sich manche Zeitgenossen mit einem Thema beschäftigt haben, bevor sie beginnen viel Meinung dazu öffentlich kundzutun. Dazu mehr am Schluß des heutigen Beitrages.


Herr Bernd Viet lebte in den 1930er Jahren in Strausberg, einer beschaulichen Kleinststadt vor den Toren Berlins. Er arbeitete als Drogist und war sehr wahrscheinlich an einem gerechten Leben für alle interessiert. Leider konnte ich bis jetzt nichts zu seiner Person herausfinden, versuche mir aber meinen Reim auf das heutige Ausstellungsstück zu machen.

Ich vermute, Herr Viet war Mitglied der KPD oder einer anderen linksgesonnenen Vereinigung. Nach der Machtergreifung Hitlers und der Gleichschaltung bzw. des Verbots aller Parteien neben der NSDAP wurde die Jagd auf unliebsame Mitbürger eröffnet. Heute ist meist nur die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im Gedächtnis, allerdings handelte es sich bei der zweitgrößten Gruppe Verfolgter um die Kommunisten und Sozialisten. (hier hatte ich darüber schon einmal geschrieben)

Herr Viet wurde zwei Wochen nach seinem 19. Geburtstag, am 4. Dezember 1933 verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Der Weg dorthin war zweifellos gepflastert mit Verhören und Misshandlung. Erst nach 5 Jahren und einen Monat nach seinem 24. Geburtstag wurde er aus dem KZ entlassen. Davon zeugt dieser Entlassungsschein.

Kommandantur des Staatl. Konzentrationslagers Sachsenhausen

Oranienburg, den 21. XII 1938

Entlassungsschein 221751

Der Drogist Viet, Bernd geb. am 22. November 1914in Strausberg / Kreis Nieder Barnim war in der Zeit vom 4. Dezember 33 bis 22. XII. 38 in einem Konzentrationslager untergebracht, die Entlassung erfolgte am 23. Dezember 1938. Seine Führung war -befriedigend-

Auflage: Sie haben sich bis auf Widerruf jeden 3. Werktag bei der Ortspolizeibehörde Ihres Wohnortes mit Ihren Arbeitspapieren zu melden.

Die Unterschriften des Lagerkommandanten und des SS-Oberführers kann ich leider nur bedingt entziffern Erstes sieht aus wie Gerlach, zweites wie Julemann. Beide Unterschriften stammen aber definitiv nicht von den KZ-Kommandanten des Jahres 1938 Hans Helwig (lesenswerter Artikel!) oder seinem Nachfolger Hermann Baranowski (der Ausbilder des späteren Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß).


Zum Schluß:

Im Internet gibt es zahllose Foren in denen KZ-Entlassungsscheine wie dieser als Fälschung dargestellt wurden. Dabei wird oft versäumt, zwischen der Verwahrung politisch unliebsamer Menschen und den unter dem Programm der „Endlösung“ der Vernichtung zugedachten Personen zu unterscheiden. Viele der Konzentrationslager und deren Unmengen Unterlager dienten der Beschaffung billigster Arbeitskräfte, deren Nutzen rücksichtslos ausgebeutet werden konnte. Eine Tötung bzw. Vernachlässigung mit Billigung des Todes fand nur statt, wenn kein Nutzen mehr bestand. Im Gegensatz dazu gab es die reinen Vernichtungslager in denen alle Menschen, egal ob arbeitsfähig oder nicht, getötet wurden.

Der heute gezeigte Artikel ist echt und stammt nicht aus einem Vernichtungslager. Das KZ Sachsenhausen war ein Konzentrationslager, das gleichzeitig durch seine Brutalität wie auch durch die große Zahl inhaftierter bekannter Persönlichkeiten (Stalins Sohn Jascha DschugaschwiliRudolf BreitscheidErwin Geschonneck, Kurt Schuschnigg und viele andere) bekannt wurde. Details zum Lager hier.

Advertisements

Die bundesdeutsche Gefangenenmarke


Am 9. Mai 1953 gab die Deutsche Post der Bundesrepublik Deutschland eine Briefmarke heraus, die später im Michel-Briefmarkenkatalog unter Katalognummer 165 geführt werden sollte. Bekannt geworden ist sie unter dem Namen Kriegsgefangenenmarke und war die meistverkaufte Sondermarke Deutschlands.

Im Jahr 1953, also acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, waren noch immer zahlreiche ehemalige Wehrmachtsoldaten in Kriegsgefangenschaft. Während in der Gefangenschaft der Westalliierten nahezu alle Deutschen bis zum Jahr 1948 zurückgekehrt waren wobei jeder Hundertste Soldat in Gefangenschaft starb, hielt die Sowjetunion bis ins Jahr 1956 deutsche Soldaten gefangen um sie für den Wiederaufbau, zur Förderung von Rohstoffen oder für sonstige Arbeiten heranzuziehen.

Ein paar Zahlen zur Illustration: Deutschland führte im Laufe des Zweiten Weltkrieges 5.700.000 russische Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft, von denen 3.300.000 Soldaten starben. Wer verdenkt dann den Russen, daß sie umgekehrt von den 3.150.000 in russische Gefangenschaft geratenen Wehrmachtssoldaten (70% aller deutschen Soldaten waren mindestens einmal an der Ostfront) die 2.055.750 Überlebenden (mit 1.094.250 starb jeder Dritte) als Kriegsgefangene für den entstandenen Schaden aufkommen ließen. Quelle

Um die noch immer auf ihre Heimkehr hoffenden Deutschen und ihre Verwandten in der Heimat im Bewusstsein des deutschen Volkes zu verankern, gab die Bundespost eine Briefmarke heraus, die in der DDR, also der sowjethörigen Ostzone alles andere als gern gesehen war.

Während im Spätherbst des Jahres 1953 westdeutschlandweit Ausstellungen zum Thema stattfanden,

 

wurden Briefe und Postkarten, die dieses Thema behandelten – selbst, wenn nur die Briefmarke drauf klebte – unkenntlich gemacht.

links: die Marke im Original; Mitte: eine Marke auf einer in die „Ost-Zone“ geschickten Postkarte; rechts: Marke mit der Berliner Freiheitsglocke (die nicht zum Thema gehört, aber im Album daneben einsortiert ist.

 

Schaut man sich die Marke gegen das Licht an, sieht man die Prägung des Gefangenenkopfes.

 

 

Die Zeitschrift für Briefmarkensammler in der DDR brachte zu dieser Marke übrigens einen Artikel, den ich ebenso wie den oben gezeigten Stempel auf der meinfigaro.de-Seite des Mitteldeutschen Rundfunks gefunden habe:

Quelle: meinfigaro.de des MDR

 

 

Der komplette Beitrag dazu kann übrigens hier gefunden werden.

Deutsche Soldaten aus den ostpreußischen Gebieten wurden übrigens direkt als Sowjetbürger behandelt und standen nie für eine Rückkehr nach Deutschland Ost oder West zur Debatte. Bis 1950 waren von den verbliebenen Deutschen 380.000 (sowjetische Angabe) und 1.300.000 (westdeutsche Anzahl) als verschollen geführt. Quelle

Die letzten Gefangenen kehrten am 16. Januar 1956 nach Deutschland zurück. Ein Wikipedia-Artikel zu den „Heimkehrern“ gibt es hier. Weitere hochinteressante Artikel hier und hier.

 

 

Mit der S- u. U-Bahn durch Berlin – ein Netzplan


Ein kleiner Fund auf dem großen Trödelmarkt.

Dieser Plan des Liniennetzes für Gesamtberlin lässt sich nicht so ganz genau datieren.

 

 

Einige Hinweise sind:

  • Der Werbetext auf der Mittelseite (Bild oben) lautet: „für jedermann ein Begriff – HO Stalinallee – Die Spezialverkaufsstellen höchster Verkaufskultur“ Die heutige Karl-Marx-Allee und frühere Große Frankfurter Straße hieß nur von 1949 bis Spätherbst 1961 Stalinallee.
  • Die Bahnen fuhren noch von Ost nach West und der S-Bahn-Ring war noch vollständig. Die Mauer gab es also noch nicht.
  • Die Staatlichen Museen waren über die S-Bahn-Station Marx-Engels-Platz zu erreichen. Der ehemalige S-Bahnhof Börse erhielt diesen Namen am 1. Mai 1951.
  • Die Strecken sind durchgängig. Kriegsschäden scheinen beseitigt worden zu sein.

 

Ich gehe daher davon aus, daß der Plan aus den Jahren 1955-1960 stammt.

wen interessiert's?

  • 122,900 Klicks (bis jetzt)

Menü

Member of The Internet Defense League

aus dem Archiv

Blick in die Parallelwelt: Moppis Reise-Blog

Wanderung durch das Bjørndal und auf den Vogelfelsen

Heute, am 26.7. ging es zur (Geburtstags-)Feier des Tages auf eine Wanderung ins Gebiet außerhalb der befriedeten Zone. Ab hier darf man nur mit ortskundiger Person und Waffe unterwegs sein. Auf Spitzbergen gibt es 2500 Einwohner und 3500 Eisbären. Unsere beiden Führer Doreen, die ursprünglich aus Stralsund kommt und Rønar, ein Einheimischer, waren uns eine […]

Husky Tour – 25. Juli 2015

Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

%d Bloggern gefällt das: