Willkommen im Menschenzoo – Paris 8. Mai 1887


Vor einem knappen halben Jahr habe ich euch mein kleinstes Sammelgebiet vorgestellt – die Stuhlkarten. Damals habe ich euch eine weiter Karte versprochen – eine großformatige. Die ist eigentlich schon so groß, daß man schon gar nicht mehr von Karte reden kann. Es ist schon ein Blatt.

 

Etwas kleiner als ein A4-Blatt, war diese Chromolithographie in absolut neuwertiger Erhaltung einigermaßen schwierig zu bekommen. Sie stammt aus der Druckerei Henri Sicard, neben Francois Appel, Vallet & Minot und Testu, Massin & Champenois eine der ganz großen Imprimeries von Paris.

Ich hatte euch Henri Sicard bereits in diesem Artikel erstmalig vorgestellt. Es gab noch weitere große Druckereien in Paris, der Hauptstadt der vom Deutschen Alois Senefelder erfundenen Lithographie. Bognard, Thomas Dupuy, Bouillon-Rivoyre, Hutinet, Baster & Vieillemard, Henri Laas, Courbe-Rouzet, Romanet, Dangiville (eine der ältesten), Aubry,  Verger und Bataille – ich glaube, das ist eine vollständige Liste aller namhaften Imprimeure des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die meisten wurden erst in den späten 1870-er oder frühen 1880-er Jahren gegründet, wuchsen mit der Nachfrage nach Werbe-, Kalender- und Verpackungsdrucken schnell und waren zu beginn des 20. Jahrhunderts verschwunden.

Einige wenige überlebten und kauften lukrative Konkurrenten auf. So wurde aus Testu & Massin zuerst Testu, Massin & Champenois und schließlich bleib nur noch Champenois übrig. Den kennt beinahe jeder durch seine Drucke der Werke von Alphonse Mucha.

 

Zurück zu unserem heutigen Exponat: Der Jardin Zoologique d’Acclimatation du Bois de Boulogne wurde 1860 von Napoleon III eröffnet. Es war einer von zwei Pariser Zoos in dem bis 1870/71 viele Tiere aus der ganzen Welt gezeigt wurden. Während der Belagerung von Paris durch die Preußen in den eben genannten Jahren zog man es vor, die Tiere vom Chefkoch Alexandre-Étienne Choron köstlich zubereiten zu lassen und zu verspeisen. Ob dazu die vom Maître kreierte Sauce Choron bereits gereicht wurde, ist mir unbekannt.

Zwischen 1877 und 1912, also zu der Zeit, in der unser heutiges Blatt den Besuchern ein wunderschönes Konzert ankündigte – es war der 8. Mai 1887 – bot der Garten „l’Acclimatation Anthropologique“ wie er inzwischen hieß, eine ganz bezaubernde Attraktion an. Buschmänner, NubierZulu und viele weitere afrikanische Stämme wurden in einem menschlichen Zoo ausgestellt. Der Erfolg war enorm. Seit diese heute eher unwahrscheinliche Ausstellung eröffnet wurde, verdoppelte sich die Anzahl der Besucher auf eine Million pro Jahr.

Welche Musik wurde im Mai 1887 gespielt? Schauen wir auf das Programm: Mayeur (der auch selbst dirigierte), Auber, Jules Massenet, Johann Strauß, Georges Bizet, Sellenick, Gounod, Desormes.

 

Auf der Rückseite finden wir Werbung für Herren- und Knabenmode des Kaufhauses La Grande Maison gegenüber des Louvre.

Überraschenderweise wurden die Anzüge immer teurer, je jünger der Knabe war. Um dem Bengel ganz rechts sein neues Outfit zu finanzieren, waren bereits 50 bis 55 Franc nötig, wohingegen Vater für die Hälfte einen schmucken Anzug bekam. Mit Toben und Schmutzigmachen war es dann allerdings Sense. Allenfalls auf einen Hügel zeigen (wie er uns das vormacht) und einmal hin und wieder zurücklaufen – mehr war nicht drin.

Werbeanzeigen

Stuhlkarten – Ticket du chaise


Was ist denn das? Der Herr Museumsdirektor möchte euch heute, nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub, etwas vorstellen, von dem bestimmt noch niemand gehört hat. Gleichzeitig lernt ihr meine kleinste Sammlung kennen.

Stellt euch vor, ihr seid im Paris des Jahres 1880 und geht gemeinsam mit eurer Familie in eines der großen Kaufhäuser, die damals die Art und Weise, wie man einkaufte grundlegend veränderten. Anders als bisher musste man nicht mehr von Geschäft zu Geschäft eilen um Stoffe hier, Dekorationen da und Kleidung oder Spielzeug dort zu kaufen. Alles war unter einem Dach erhältlich. Das war praktisch.

Allerdings nahm es Zeit in Anspruch. Wollte da der Besitzer des Kaufhauses Gefahr laufen, daß die erschöpfte Kundin nach hause fuhr? Nein. Was also tun?

Eine Idee war geboren: In einem Wintergarten in oder auf dem Platz vor dem Kaufhaus wurden Bänke und Sofas aufgestellt. Kunden konnten sich ausruhen und anschließend erfrischt weitershoppen.

Aber ebenso schnell wie die Bänke da waren, kamen auch Menschen, die zwar keine Kunden waren, aber die Sitzplätze belegten. Was tun?

Platzkarten – oder besser, Stuhlkarten wurden gedruckt und verkauft.

Von vorn sehen sie aus, wie tausende andere Chromolithographien aus meiner Sammlung. Aber entscheidend ist die Rückseite:

Konzessionäre kontrollierten die Sitzenden. Konnte man keine Karte vorzeigen, wurde man gebeten eine zu kaufen oder den Platz frei zu machen. Hatte man eine Karte, wurde diese entwertet und man durfte sitzen bleiben, bis der Kontrolleur das nächste Mal vorbei kam.

Die ganz frühen Versionen dieser Karten wurden noch gelocht, vergleichbar wie früher die Fahrkarten in der Bahn.

Und das macht die Sache interessant, denn wer hebt schon eine Karte mit einem Loch auf? Kaum jemand! Das Ergebnis ist, daß man für diese gelochten Karten heute mitunter um die 100 Euro pro Stück bezahlt. Manchmal sogar noch mehr, wenn man sie denn überhaupt findet.

Wie immer gibt die Rückseite Aufschluß über den Ort des Verkaufs.

Die Kaufhäuser Au Printemps, A La Place Clichy, de Ricqles und A La Grande Maison sind einige Beispiele. Es wurden aber auch Stuhlkarten für Gärten und Parks verkauft. Ein schönes und altes Beispiel ist die Karte, deren Vorder- und Rückseite ihr auf den ersten beiden Fotos, jeweils oben rechts, sehen könnt. Die Exposition Internationale de Sciences Appliquées a L’Industrie aus dem Jahr 1879 hat ebenfalls ihre Sitzplätze gewinnbringend vermietet. Ihr könnt diese Ausstellung mit einer Weltausstellung der Industrie vergleichen.

Die Preise waren weitgehend gleich. Man zahlte 5 bis 10 Centimes. Gelegentlich wurde auf den Plätzen, in Gärten oder Parks noch Musik dargeboten. Dann betrug der Preis 20 Centimes.

Es gab ganz wenige dieser Tickets, auf denen das komplette Musikprogramm einer Vorstellung aufgedruckt war und die dann im A4-Format daherkamen. Ratet, wer eins hat! Genau. Aber das kommt später.

Gib deine E-Mail-Adresse ein, um diesem Blog zu folgen und per E-Mail Benachrichtigungen über neue Beiträge zu erhalten.

Schließe dich 100 Followern an

wen interessiert's?

  • 350.934 Klicks (bis jetzt)

Menü

Member of The Internet Defense League

aus dem Archiv

Blick in die Parallelwelt: Moppis Reise-Blog

Wanderung durch das Bjørndal und auf den Vogelfelsen

Heute, am 26.7. ging es zur (Geburtstags-)Feier des Tages auf eine Wanderung ins Gebiet außerhalb der befriedeten Zone. Ab hier darf man nur mit ortskundiger Person und Waffe unterwegs sein. Auf Spitzbergen gibt es 2500 Einwohner und 3500 Eisbären. Unsere beiden Führer Doreen, die ursprünglich aus Stralsund kommt und Rønar, ein Einheimischer, waren uns eine […]

Husky Tour – 25. Juli 2015

Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

%d Bloggern gefällt das: