Trauriges Tagebuch meiner Oma


Heute stelle ich euch in der Reihe der kleinen Handschriften-Reihe (die ganze Serie gibt es hier) ein kleines Tagebuch vor, das meine Oma als Jugendliche begonnen hat und nach dem Tod ihres Ehemanns als Erinnerungsbuch weiter geführt hat. Es ist nicht wirklich ein Tagebuch, da es keine fortlaufenden Eintragungen enthält. Vielmehr handelt es sich um ein Buch voller Andenken. Einige davon werde ich euch hier und heute zeigen.

 

Schlägt man das Büchlein auf, stößt man auf einige Bilder, die meiner Oma wohl besonders viel bedeutet haben.

Unter dem wohl von ihm geschriebenen und wahrscheinlich an eine Karte, einem Blumenstrauß oder einem Geschenk befestigten Kärtchen „aus Liebe“ seht ihr meinen Opa als schmucken Mann, darunter als junger Drogist neben seinen Mitlehrlingen oder Angestellten, oben rechts als Soldat im Einsatz an der Ostfront und unten links die beiden Gräber von ihm – gefallen im Alter von 35 Jahren – und seinem besten Freund und bei der Wehrmacht Chef Fritz Stille. Während mein Opa „nur“ Unteroffizier war, schaffte es Freund Fritz bis zum Leutnant.

 

Zwischen den nächsten Seiten hat meine Oma ihr Hochzeitsfoto und ein paar getrocknete Rosenblätter aufbewahrt. Nach ihrem Tod haben wir ein Foto ihres Sarges dazugelegt.

 

Weiter geht es mit einem Foto der beiden Freunde. Ernst und Fritz, der nicht so klein war, wie es scheint, sondern der hier in einem Loch steht.

 

Ein Gedicht aus der Zeit gegen Ende oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Oma hatte 1941 noch ihr viertes Kind (das dritte überlebende – siehe meinen Mutterkreuz-Artikel) – meine Mutter – bekommen. Sie und ihr Vater sollten sich nie kennenlernen. Die Geschichte dazu gab es schon im Artikel über die Ausbombung. Meine Oma lebte 1942 mit ihren Kindern (5, 2 und 1) nach dem Fliegerschaden zuerst beim Bruder in Arnstadt, dann bei den Eltern in Erfurt. Viel Arbeit, viel Not, kein Mann zur Unterstützung.

 

Wir springen ca. 15 Jahre zurück. Zum Ende der Schulzeit – wahrscheinlich am letzten Schultag – gaben sich alle Freundinnen gegenseitig einen guten Spruch mit auf den Weg.

Meine Oma war 16 und ihre Freundinnen haben ihr diese Zettel zukommen lassen. Ich weiß nicht genau, wie man sich das vorstellen kann, denke mir aber, dass jeder dieser Zettel aus zwei Hälften bestand und in einem Block oder Büchlein zusammengebunden war. Alle Blätter hatten eine Herzform, man notierte auf der oberen Hälfte, wem man wann einen Zettel gegeben hatte, schrieb einen Spruch, riß den unteren Teil ab und gab ihn der Freundin.

Hier die Ratschläge der besten Freundinnen, die ebenfalls um die 16 gewesen sein werden. Früher nannte man es das Backfischalter.

Wir wollen uns den grauen Tag vergolden, ja vergolden. Storm (aus dem Oktoberlied) Denke gern an unsere freudige Jugend! Deine Annemarie Kilian. Erfurt, d. 2.4 27

Einen Mund, der nicht küßt, ein Herz, das nicht geliebt, weiß nicht was für selige Stunden es gibt. Zum Andenken, Cäte (?) Jacobsohn, März 1927

Die Liebe und der Suff, die reiben den Menschen uff. Zum Andenken an Ruth Karlstadt, Erfurt, d. 2.4.27

Wenn der Mond macht seine Runde, ist zum Küssen die beste Stunde. Befolge das! Hilde Kahlert, 2.4.1927

Gibt dir das Schicksal einen Puff so weine keine Träne. Lach dir ’nen Ast und setz dich druf und baumle mit de Beene! Zur Beherzigung! Mops Rottig, den 2.4.27

Liebe und Wein vertragen sich fein, denn Liebe ist ein Blümchen und will begossen sein. Merk‘ dir’s! Deine Margot (?), Erfurt, d. 2.IV.27

 

 

Ein Kuß ist das Zusammenbauzen zweier kleiner Menschenschnauzen! Zur frdl. Erinnerung an unsere schon lustige Schulzeit! Hildegard Krubzig d. II.IV.27

Lieb macht Wasser heiß, doch Wasser niemals Lieb zu kühlen weiß. (Shakespeare) Zur Erinnerung Erna Lautzsch, Erfurt, den 2.4.27

Bescheidenheit ist eine Zier, drum liebe einen und nicht vier! Zur Beherzigung! Hilde Wittsack. Erfurt, den 2.4.1927 (Anmerkung: 53 Jahre später sind die beiden zufällig in Nachbarhäuser umgezogen, haben sich nach zehn oder zwanzig Jahren wiedergetroffen und waren bis zum Tod meiner Oma gute Freundinnen)

Willst du ins Ausland dich verlieben und macht die fremde sprach dir Qual, küssen kannst du hüben so wie drüben, denn der Kuß ist international! Zur Erinnerung an Irmgard Harrigfeld. Erfurt, den 2.4.1927

So nimm denn meine Hände und führe mich, in eine stille Ecke und küsse mich! Zur Erinnerung! Lotte Beer. April 1927.

Erst kommt der Frühling und dann die Liebe. Und dann und dann kommt „Er“. Da lernt man küssen, ja richtig küssen, und hält verliebt sein Schnäuzchen her. Zur Erinnerung an Traudl Roth.

 

Lass deine Liebe nicht ermatten, auch nicht bei 30° im Schatten! Zur Beherzigung! Grete Lösch. Erfurt, d. 2.4.27

Liebe Friedel Du sollst leben und dein Liebster auch daneben, doch vor einem warn‘ ich dich, küsse nicht so fürchterlich! Befolge meine Warnung! Deine Gertrud Pischinski (?) den 2. April 1927.

Schweigen ist Silber, reden ist für Dich Gold. Lotte Arnold. Im Frühling 1927

Eener alleene is nich scheene. Eeene alleene is och nich scheene! Aber eener und eene – und dann alleene – das is scheene! Zur Erinnerung an Elisabeth Saß.

 

Wieder zurück ins Jahr 1941.

Das Foto zeigt meine Großeltern, auf dem Schoß des Opas meine Tante (Jahrgang 37) und mein Onkel (Jg. 40). Da der Bengel ca. ein Jahr alt zu sein scheint und meine Mutter 1941 folgte, dürfte meine Oma hier schon ordentlich schwanger gewesen sein.

Um das Foto habe ich drei Zeitungsausschnitte gelegt, die im Tagebuch auch an dieser Stelle liegen. Oben links eine Ermahnung, die Todesanzeigen in der Tagespresse – 1942 kamen sie schon reichlich – mehr zu würdigen. Daneben die Todesanzeige für den eigenen Mann und unten der Frontbericht, der beschrieb, wo Opa war und dann auch blieb.

 

Noch ein weiterer Bericht.

 

Ein Gedicht zum Heldengedenktag aus der Thüringer Gauzeitung vom 21. März 1943. So ungern man heute über Dinge wie einen Gedenktag zur Ehrung der Helden der Deutschen Wehrmacht reden möchte, hat er seinerzeit meiner Oma viel bedeutet und sie hat bestimmt noch einmal mehr an ihren toten Mann gedacht.

 

Nochmal ein Blütenblatt und zwei getrocknete Edelweiß. Früher fand man die auf Wanderungen noch häufiger.

 

Noch drei Fotos und zwei Notizen:

  • oben links: die beiden Freunde Ernst und Fritz Stille, 1941. Rußland.
  • oben rechts: Mein „Weltenbummler“. bekommen am 28.8.28
  • rechts unten: ein Minifoto meiner beiden Großeltern
  • zwei Notizzettel mit Verabredungen zu (heimlichen?) Treffen:
    • Treffen wir uns um 8 Uhr Ecke Schlößerstraße u. Anger bei Lamm. frdl. bis dahin hoffentlich mit besserer Laune
    • treffen wir uns heute abend   ja? nein?

 

Zwei Fotos, die den Liebsten bei der Arbeit in unserer Drogerie zeigen. Einmal allein, einmal beide gemeinsam.

 

Und zum Schluss noch zwei Fotos in schmucker Pose und bei einem Ausflug mit dem Bruder des Liebsten.

 

Damit endet dieser Artikel, der mich einerseits traurig gestimmt hat, andererseits lebt ein Mensch in den Gedanken an ihn weiter. Das tun meine Oma und mein Opa hier. Mehr zu ihnen findet ihr im Artikel „Briefe von der Front„.

 

 

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Reisetagebuch – auf Güterzügen durch die Vereinigten Staaten in den 1920’ern


Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.

Vor ungefähr hundert Jahren hat ein mir leider unbekannter Herr eine Reise angetreten, die ihm wahrscheinlich das größte Abenteuer seines Lebens beschert hat. Fritz Hübner wäre heute sicher vergessen, hätte er nicht einerseits seiner Liebsten – Fräulein Betty Neumann – regelmäßig Ansichtskarten geschickt und zum anderen seine Reise in einer Art Tagebuch dokumentiert. So sieht es aus:

 

 

Entgegen anderer Reisetagebücher hat Herr Hübner allerdings nicht mit Tageseinträgen gearbeitet. Vielmehr hat er anscheinend immer, wenn ein wenig Zeit war, die Erlebnisse der vergangenen Tage aufgeschrieben.

 

 

Die Handschrift ist meist sehr gut lesbar. Ab und zu ist ihm wohl ein wenig Regen auf sein Papier getropft und hat die Tinte verwaschen, aber man kann alles noch lesen. Leider war Fritz schriftstellerisch nicht sehr talentiert. Seine Sätze – oder sollte man besser sagen: sein Satz? – werden wieder und wieder durch ein „und dann“ mit dem nächsten verbunden. Zusätzlich hat er seinen Notizen nach dem „Schreib-wie-du-sprichst“-Stil verfasst. Als Berliner also in schönstem Berlinerisch: „ick“ und „jehen“ und „jut“. Klickt auf die Bilder für eine größere Version und lest mal selbst.

 

 

Ungeachtet des Schreibstils ist die Geschichte toll. Er beschließt, die Wohnung der Eltern zu verlassen, und fährt mit der Eisenbahn nach Hamburg, und heuert dort auf einem Dampfer an und verdient sich seine Überfahrt mit dem Schälen der Kartoffeln für die Passagiere, und in New York angekommen, lässt er sich die Heuer auszahlen, zieht durch die Stadt und beschreibt die Eindrücke von New York aus der Sicht eines Europäers im Jahr 1921.

 

Und dann geht die Reise weiter von der Ost- zur Westküste, und er reist als Hobo durch die USA, indem er auf Güterzüge aufspringt, sich vor Bahnarbeitern verstecken und vor anderen Wanderarbeitern in acht nehmen musste, und ich habe euch diese Stelle hier unten auf Seite 215 aufgeschlagen.

Und einige Zeit verbringt er in San Francisco und wandert von dort weiter, bis er schließlich in Alaska ankommt, und (ab hier sollten alle Mädchen wegschauen und nicht weiterlesen) in Alaska verdiente Fritz sich sein Geld mit der Robbenjagd, sicher ein einträglicher, wenn auch nicht netter Job.

 

Und die ganze Zeit über schreibt er an seine liebe Betty Postkarten, und anstatt eines Punktes geht es immer mit einem „und“ weiter.

 

Und irgendwann war er dann wieder zurück in Berlin und die Freundschaft mit Fräulein Betty blieb bestehen, obwohl sie immer Fräulein geblieben ist und später die Wirtin meiner Tante war, die als junge Studentin in ihrer Wohnung ein Zimmer zur Untermiete bewohnte – 50 Jahre nach der Reise vom alten Fritz, aber noch immer an derselben Adresse: Schumannstraße 1b in Berlin Mitte. Und als ich noch ganz klein war, habe ich Fräulein Neumann auch oft besucht und durfte mit ihrer Schildkröte „Bischolle“ spielen. Falls jemand eine Erklärung hat, woher dieser Name stammen könnte, bitte einen Kommentar hinterlassen.

Irgendwann werde ich dieses Tagebuch einmal transkribieren, in ordentliche Sätze fassen und die Postkarten an den richtigen Stellen einordnen.

Es gibt übrigens noch mindestens zwei weitere Tagebücher. Ob die allerdings von derselben oder von einer anderen Reise stammen, habe ich noch nicht nachgeschaut. Vielleicht schaffe ich es bis zum 100. Jahrestag der Reise.

Mit Gott – Geschäftsbuch eines Goldschmieds – 1905 bis 1931


Vor zehn Wochen habe ich euch versprochen, zum Tagebuch des Goldschmieds Adolph Tresselt auch das zweite seiner Geschäftsbücher nachzureichen. Das passiert heute.

Der Grund, warum ich so lange damit gezögert habe ist der wesentlich größere Umfang, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

 

Damals üblich, heute vermutlich höchstens noch in Bayern möglich, wurde das Buch mit einer schönen Vignette und dem Aufruf „Mit Gott!“ eingeleitet.

 

 

Das Format der Einträge ist recht einfach nachzuvollziehen. Zu Beginn gibt es einige Seiten, die jeweils einem Geschäftspartner gewidmet sind. Den Einträgen zufolge hat unser Herr Tresselt Aufträge anderer Geschäftsleute, wahrscheinlich Juweliere ausgeführt. Ich zeige euch die Einträge für Herrn Christoph Becker, einen Goldwarengroßhändler aus Dresden, Wilsdrufferstraße 9.

 

 

Als sparsamer und gewissenhafter Geschäftsmann nutzte man jedes Stück freie Seite aus – wie z.B. nach Erlöschen der Geschäftspartnerschaft mit Firma Becker und fertigte auf der übrigen halben Seite Kopien von abgesandten Briefen an. Hier zwei Briefe von 1917, also 9 Jahre später.

 

Versicherungen:

 

Detail:

 

Wie weit die Gewissenhaftigkeit ging, sehen wir auf dieser Seite, die ich euch im Anschluß abgeschrieben habe:

Mutter hat an Wäsche erhalten:

14. Juni – 7 weiße Taschentücher, 1 rotes, 1 grünes Taschentuch, 4 Tricothemden, 1 graue Hose, (irgendwelche) Kragen

Raggs Waschanstalt:

23. August 1920: 3 Stück Bettücher, 2 “ Bettbezüge, 3 “ Kopfkissenbezüge, 1 “ Steppdeckenlaken, 1 Oberhem mit Piqué-Einsatz

zurück erhalten am 3. September 1920, Betrag Mk 10,05

 

 

Hier beginnt das eigentliche Kassenbuch:

Im Januar 1921 wurden Ausgaben verzeichnet, wie z.B. am 1. Januar eine Rückzahlung über Mk 50,- an die uns schon bekannte Tante Toni und eine Ausgabe für Pneumatik an ihren Ehemann Rudolf.

Am 4. wurde ein Brod für 4,70 gekauft.

Am 11. (rot unterstrichen) musste ein neuer Glühstrumpf gekauft werden. Was das ist? Seht hier.

Milch, Bückling, Semmeln, Zucker, Brötchen, Nudeln, Fett, 2 Pfund Marmelade, Butter – er hat wirklich alles aufgeschrieben.

 

Februar 1921

Schaut euch mal die Rechnung am linken Rand an. Kann jemand herausfinden, was dort addiert wurde? Es sind fast die Beträge aus den rechten Spalten, aber eben nur fast.

 

März 1922 – Die Preise fingen im Schlepptau der Reparationszahlung nach den verlorenen Ersten Weltkrieg an zu steigen.

 

Springen wir zum November desselben Jahres, sehen wir, wie die ersten vier Wochen der beginnenden Hyperinflation sprichwörtlich zu Buche schlugen. Innerhalb der letzten 12 Monate war der Wert der Mark auf ein Zehntel gefallen. Eine Mark war somit nur noch 10 Pfennige wert.

 

Der Dezember brachte erneut eine Verdopplung der Einnahmen und die Spalte am linken Rand begann eng zu werden. Am 13. und 18. 12. war ein Brod noch für 252 Mark zu haben.

 

 

Januar 1923 – Brod 266 bis 450 Mark, auch hier ging es an’s Eingemachte. Am 9. amerik. Dollar für 8800 Mark eingetauscht, am 26. zwei Krönungstaler auf dem Postamt für 9000 Mark eingewechselt.

 

 

Februar 1923 – Brod 550, ein Brathering 500, Chocolade 2000 und zwölf Pfannkuchen 1200 Mark

 

Mai 1923 – Brod 690 und 760 Mark

 

 

Im Juni 1923 wurden die Nullen in den Preisen nochmals mehr, Brod 2280 bis 2620 Mark

 

 

Juli 1923 – Brod 3720, 2 Semmeln, 2000 Mark

 

Irgendwann war die Inflation überstanden, es gab neues Geld und das Leben ging weiter. Allerdings pegelten sich die Aufträge auf niedrigerem Niveau ein. 1927 reichte eine Seite schon für zwei Monate.

 

 

Zwischen den Seiten findet sich hier und da so manche Notiz.

Da mein Schreiben vom 26. Juni bis jetzt unbeantwortet blieb, erlaube ich mir Ihnen einliegend 1 Tratto (Abschnitt) über mein Guthaben per Ende Februar 07 nach Abzug von 10 % auf brutto Mk 190,30 netto per 31.7.07 zu geben & bitte mir dieselbe mit Ihrem Receipt versehen baldigst retournieren zu wollen.

Hochachtend gez Steinwehr

Weiter hinten habe ich noch eine Geschäftspartner-Seite mit Eintragungen von 1906 gefunden. Ob eine Spazierstock-Fabrik heute noch florieren würde? Ich wage es zu bezweifeln.

Das neuesten Einträge, die sich seltsamerweise nicht am Ende des Buches befinden, sind vom April 1931. Das hier jedoch als letztes eingetragen wurde, lässt das Löschblatt erahnen.

Weit hinten im Buch weitere Geschäftspartner:

Das Privat-Conto mit Unmengen von Vergleichspreisen. Wer sich dafür interessiert, wird hier fündig. 4. Mai 1921, 1 Brod 50 Pfennige

Weitere Ausgaben – man beachte am 14. Dezember 1916 Außergewöhnliches 1/3 Anteil für 6 Mk. Das dürfte ein Drittel-Los der Weihnachtslotterie gewesen sein. Am 21. und 31. 12. gibt es den Eintrag „Bad 60 Pfg.“. Hier ist Herr Tresselt wohl in eine Badeanstalt gegangen und hat ein Wannenbad genommen.

Zum Schluß dieses Artikels, obwohl das Buch noch viel mehr zu bieten hat, noch ein Beispiel des größten Desasters, daß einem Geschäftsmann widerfahren kann. Ein Fehlbetrag von Mk 25,06 in der Kasse.

 

Tagebuch eines Goldschmieds – 1901 bis 1921


Es gab im weiteren Verwandtenkreis einen Goldschmied über den ich euch früher schon und später noch  Berichte geschrieben habe und schreiben werde. Neulich habe ich auf dem Dachboden seines Hauses ein seit knapp 100 Jahren nicht mehr gesichtetes Tagebuch gefunden. Unter einem Tagebuch eines Geschäftsmannes verstand man seinerzeit übrigens nicht die Aufzeichnungen seines bewegten Lebens. Vielmehr war es ein Verzeichnis aller Aufträge, Tag für Tag notiert und nach Erledigung durchgestrichen. Heute funktioniert das mit dem Computer. Wie sah aber so etwas kurz nach der Jahrhundertwende aus? Auf dem Innendeckel seht ihr ein paar Probestempel des Hof-Lieferanten. Er hat sicher auch an den Hof geliefert, dessen Speiseplan ich euch neulich gezeigt habe. Zwischen den Seiten flogen jede Menge Karten, Notizzettel usw. herum. Die werden später veröffentlicht. Nun aber zu den Tagebucheintragungen. Die sehen so aus: Vom 7. Januar 1901 stammt der erste Eintrag – 1 Chemisett(e)knopf für Herrn M. Winkler – netto Mk 3,75 unmittelbar gefolgt von Frau Wagner jun., die am 17. Januar ein Christ. Kinderbesteck (Christlich? Christallen?) und einen Serviettenring für Mk 17 bestellt und bekommen hat. Alles wurde ordentlich abgestrichen. Wie beliebt Chemisettes – also diese kleinen Hemd-Vorderseiten, die man sich vorn ins Jackett stopfte – waren, erkennt man an der Häufigkeit der Einträge. Herr Huber und Herr Winkler haben auch je einen bestellt, beide verziert mit einem Opal. Ein halbes Dutzend Messer und Gabeln kosteten 28 Mark.   Auf der nächsten Seite hat sich Herr Tresselt schon mehr Mühe gegeben. Seht euch mal seine Skizzen oben links an. Frau Richard Wagner hat einen Auftrag über 13 Chemisetteknöpfe erteilt. 585er Silber, mit Opalen besetzt. Rechts neben dem Namen steht oft „Z. Wahl“. Das bedeutet sehr wahrscheinlich, daß diese Stücke zur Auswahl vorgelegt und zur Anprobe mitgenommen wurden. Die roten Zahlen in der linken Spalte kann ich nicht deuten, vermute aber, daß es etwas mit dem verwendeten Metall – Legierung oder Gewicht – zu tun hat. 15/449, 17/36, 12/279 usw. Frl. Hartmann hat mehrere wertvolle Dinge bestellt: ein Etui mit Fischbesteck (40 MK), dasselbe mit 12 Eislöffeln (38,-), 2 Vasen (á Mk 21,-), 1 Weinkanne, 1 Schaale, 1 Flaschenuntersatz.     Ab und zu werden auch wichtige Notizen eingetragen, die man später daran wieder erkennt, daß sie nicht durchgestrichen sind. Herrn Oberamtmann Liebmann, Domaine Czarnowanz bei Oppeln, Oberschlesien. (hier seht ihr wieder ein Beispiel der Buchstabenverdoppelung durch einen Überstrich, denn eigentlich steht da Oberamtman Liebman mit einem Strich über dem n von Man)   Hier habe ich euch noch eine Seite mit einer besonders schönen Skizze rausgesucht:

Und was wurde gezeichnet? Ich versuche es euch zu transkribieren:

Herr Schlehnhardt Dornheim, d. 27. October, Silberne Hochzeit

Uhr gestohlen

Dieb 26-30 Jahre alt, mittelgroß, Schnurrbart, bekleidet mit grünem, abgetragenen Jakett u. desgl. Hose; grün abgetragener Huth, unter dem Jakett eine blaue, quergestreifte Blouse.

Außen, hintere Deckelseite der Uhr die Wappen eingravirt, welches die Rückseite ziemlich ausfüllt, Wert 170 Mk.

Gelegentlich liegt eine Rechnung zwischen den Seiten.

Sie erhalten zur gefl.(issentlichen) Wahl: 5 goldene Halsketten

Adolph Tresselt, Juwelier – Lager von Juwelen, Gold-, Silber- und Alfenide-Waaren.

Alfenide ist laut Wikipedia eine Kupfer-Nickel-Zink-und/oder-Silber-Legierung und dasselbe wie Alpaka, was ich jetzt für ein Huftier gehalten hätte, aber man lernt ja nie aus.

Je weiter nach hinten man im Buch blättert desto enger und sauberer werden die Einträge. Offenbar florierte das Geschäft, wenn man z.B. die Bestellung von Herrn Arthur Fuß aus Berlin C. Seydelstrasse 23 betrachtet:

Gegen Ende, 1918, werden die Eintragungen bunter, der Rotstift wird angesetzt. Und ein Brief lag auch bei. Ein ehemaliger Feldpostbrief, hier geschickt von Paul Bamberg, Uhrmacher, Stadtilm.

Er schreibt:

Stadtilm, d 25. Sepbr 18

Lieber Vetter! Ich kam in Besitz der mir übersandten Reparaturen und hatte mich sehr darüber gefreut, daß selbige baldigst erledigt wurden, da schon kurz nach Empfang die Sachen abgeholt wurden. Gleichzeitig lege dir 3 M bei. Hoffe doch, daß es nicht verloren geht, sonst mache mir sofort Mitteilung. Das silb. Medaillon hatte so einigermaßen schlussfähig gemacht, auch hatte in die Ringe die Buchstaben selbst eingraviert. Habe die ganze Zeit nun länger arbeiten müssen im Geschäft gibt es immer zu tun; der Verkauf war auch sonst ganz gut. Fast jeden Abend wurde es spät. Wenn wieder Reparaturen vorkommen, werde dann an dich schicken.

 Im übrigen sei du, sowie deine Frau herzlichst gegrüßt auch von meiner Frau. Dein Vetter Paul Bamberg.

Im Jahr 1919 gab es eine Änderung im Geschäft. Die Tochter, Toni Tresselt, half im Laden aus und führte Buch. Die Schrift wurde winzig und sehr ordentlich.

Zusätzlich wurden Einzahlungsquittungen eingeklebt. Das waren die Quittungs-Abschnitte, die man bei der Einzahlung von Schecks bekam.

Von Seite 331 bis 333 gibt es im Tagebuch eine Liste gestohlener Schmuckstücke. Wahrscheinlich wurden die Beschreibungen zwischen Juwelieren untereinander ausgetauscht. Somit konnte ein Dieb oder Hehler dingfest gemacht werden, sobald er versuchte, die Beute zu Geld zu machen.

Die letzten Seiten enthalten Adressen. Ob es sich dabei um Kunden oder Händler handelt, können wir nicht mehr herausfinden.

Wir könnten bei Senor Theodor Fliegner, Villa Thereza (Santa Cruz), Estrado Rio grande do Sul Brazil nachfragen.

Oder auch bei Mrs. Auguste Reiner, 200 E, 71. Strasse, Ecke 3rd Avenue, New York City

Ich finde dieses Buch wahnsinnig interessant. Man kann uralte Modeartikel finden, Bestecke und Zierrath, den es heute nicht mehr so oft gibt und man sieht die damaligen Preise.

Hinten im Buch liegt noch ein Jahresabschluß-Kontoauszug der Privatbank zu Gotha, Filiale Arnstadt.

vorn

hinten

inklusive Vordruck

und Zins-Eträgen

Es gibt noch ein zweites Buch dieser Art. Das habe ich mir noch nicht genau angesehen. Es ist etwas größer und umfangreicher als dieses. Mehr dazu gibt es inzwischen hier.

Victor Klemperer-Tagebücher 1933-1945


Etwas außer der Reihe möchte ich auf den Buchstory-Blog von Pia verweisen. Sie ist 16, liest und rezensiert Bücher und in ihr habe ich dankbar eine Rezensorin meiner Tagebücher von Victor Klemperer gefunden.

Und weil sie das wirklich großartig macht, empfehle ich euch, mal selbst einen Blick in ihren Blog zu werfen. Sie arbeitet die 8 Bände mit was-weiß-ich-wievielen-hundert Seiten durch, ist gerade im Jahr 1939 angekommen und ihr könnt hier ihren Artikel lesen. Es lohnt sich!

Kriegstagebuch aus dem 1. Weltkrieg


Heute gibt es anläßlich des 100. Jahrestages des Beginns des 1. Weltkrieges wieder etwas aus dieser Zeit.

Eine mir nicht bekannte Dame, Gustel Rosenkranz, hat die Ereignisse beginnend am 1. August 1914 bis zum 30. Januar 1915 akribisch notiert. Warum es danach nicht mehr weiterging, kann ich nicht sagen. 25 Jahre später hätte ich eine Vermutung gehabt, aber 1915 waren die jüdischen Mitbürger (worauf ich aus dem Namen schließe) noch geachtete Mitglieder der Bevölkerung und aktive Kriegsteilnehmer.

Kriegstagebuch

Kriegstagebuch

Gustel unterteilt die Seiten in vier Abschnitte:

Westlicher Kriegsschauplatz – Östlicher Kriegsschauplatz – Ereignisse zur See – Kolonien und Allgemeines

Die Sütterlin-Handschrift ist recht schwierig zu entziffern. Ein Beispiel für den

6. August:

  • Westl.: Mülhausen von Franz. besetzt. Wie letzten Krieg bei Metz.
  • Östl.: Russ. Kavalleriedivision bei Schwiddern (Ostpreußen)
  • See: „Goeben“ und „Breslau“ durchbrechen d. ???? Kette in Strasse von Messina, „Königin Luise“ legt Minen in den Themsemund und sinkt, ebenfalls „Amphion“ (dazu Wikipedia)

Kriegstagebuch 1. Aug 1914

8.September:

  • Westen: südöstl. von Paris ist auf der Linie Auteuil – …. eine Schlacht entbrannt. Die Deutschen besetzen Gent und …;
  • Osten: Deutsche Truppen besetzen Rudan (?); See: der englische Kreuzer „Pathfinder“ stößt in der Nordsee auf eine Mine und sinkt

Kriegstagebuch 8. Sep 1914

1. Oktober:

  • Westen: Franz. Vorstöße nördl. von Amiens und in d. mittler. Vogesen zurückgewiesen. 2 Forts von Antwerpen zerstört. Reims von Franz. geräumt;
  • Kolonien: Deutsche Regierung erläßt Zahlungsverbot gegen Engl. Angriff der Japaner auf Kiautschau (Tsingtau)

Kriegstagebuch 10. Sep 1914

29. September: Tsingtau eingeschlossen

Kriegstagebuch 27. Sep 1914

22.Oktober:

  • Westen: Fortdauer d. erbitterten Kämpfe am Yserkanal unter Mitwirkung von 12 engl. Kriegsschiffen. Bei Lille, … und Ypern weicht d. Feind zurück. Franz. bei Thiencourt verlustr. geschlagen.
  • Osten: Verfolgung des Feindes auf Ozowiecz zu. Vordringen unsrer u. der oesterr. Truppen bis Warschau;
  • See: „Emden“ versenkt 5 brit. Dampfer, einen Bagger und kapert ein brit. Schiff. Engl. beschlagnahmen deutsch. Lazarettschiff;
  • Allgemeines: Preuß. Landtag bewilligt Kredit von 12 Milliard. M. 33000 Engl. u. Belgier in Holland gefangen. Russ. Landsturm aufgeboten. Unruhen in Portugal. Portugiesen verlassen Berlin. Turkey weist engl. Vorstellung über Anwesenh. deutscher Matros. ab.

Kriegstagebuch 21. Oct 1914

16. November:

  • Westen: Langsames Fortschreiten der Kämpfe am rechten Flügel. Im Argonnenwald werden starke franz. Stützpunkte erstürmt.
  • Osten: Russen südl. von Stallupönen geworfen. Bei Aldau russ. Truppen abgewehrt. Bei Lipno russ. starke Kräfte auf ?? zurückgeworfen.
  • See: Die scandinav. Mächte protestieren in Engl. gegen d. Sperrung d. Nordsee u. Ostsee durch Minen. Lord Roberts gestorben.

Kriegstagebuch 16. Nov 1914

1. Dezember:

  • Osten: In Nordpolen, südlich der Weichsel neue Erfolge. 26 Maschinengewehre u. 9500 Gefallene. Deutsche Kräfte, die östl. von Lodz gegen d. rechte russ. Flanke u. d. Rücken standen, werden von Russen umzingelt, schlagen sich in 3-tägigem Kampfe durch d. feindl. Ring (12000 Gef. 25 Geschütze);
  • See: Franz. Grundbesitz unter staatl. Verwaltung gestellt;
  • Allgemein: Metallhöchstpreise festgesetzt. Kundgebung des Reichstags. Der bulgarische Ministerpräsident ist in Berlin. Der Kaiser besucht die Truppen bei Gumbinnen und Darkelnuen. Vertrauliche Beratungen der Komissionen des Reichstags. Auffindung neuer geheimer Handbücher betreffs Belgiens Neutralität. Der Jahrgang 1915 in Frankr. dem Heere einverleibt.

Kriegstagebuch 1. Dez 1914

 

17. Dezember:

  • Westen: Erfolglose Angriffe bei Nienport, Zillebeke u. La Bassée. Östlich Reims franz. Erzwerk erstört. D. Verbündeten haben in d. letzten 3 Tagen 24000 Mann verloren.
  • Osten: Die Russ. Offensive gegen Schlesien u. Polen zusammengebrochen. Rückzug d. Russen auf der ganzen Linie.
  • Zur See: Deutsche Kriegsschiffe beschießen Scarborough u. Hartlepool u. Whitby. Funkenstation vernichtet. Großer Schaden angerichtet. 2 Torpedozerstörer zum Sinken gebracht.
  • Allgemein: Franzosen in Pforzheim interniert. Fürst Bülow in Rom.

Kriegstagebuch 17. Dez 1914

31. Dezember:

  • Westen: Feindliche Artillerie zerstört einen Teil von Westende-Bad ohne militärischen Schaden. Vernichtung einer franz. Kompanie in d. von uns gesprengten Alger.
  • Osten: In den Kämpfen bei Lodz-Lowidz 56000 Gefallene. Geschütze u. Maschinengewehre. Fortdauer der Kämpfe an und östlich der Brura (?). Fortschritte unserer Offesive an d. Rawka.
  • Kolonien: Nach engl. Meldungen behaupten wir unsere Stellungen in Kamerun.

Kriegstagebuch 30. Dez 1914

1. Januar 1915:

  • Westen: Ein deutsches Luftgeschwader wirft erfolgreich Bomben über Dünkirchen, Anaskerk(?) und Fournès.
  • Allgemein: Feldmarschall v.d.Golz nach dem kaukasischen Kriegsschauplatz abgereist

Kriegstagebuch 1. Jan 1915

29. Januar:

  • Westen: Die engl. Etappenanlagen von unseren Fliegern bombardiert. Feindl. Angriffe in d. Dünen Nienports und südl. des Kanals von La Bassée abgewiesen.
  • Osten: Russ. Angriff nordöstl. Gumbinnen scheitert verlustreich für d. Feind. Östl. Lowiczdringen wir in die feindl. Hauptstellungen ein.
  • Zur See: Deutsche Unterseeboote versenken auf der Höhe von Kap d’Antibes den engl. Dampfer „Takumara“. U21 hat in der irischen See die engl. Dampfer „Ben Cachau“(?) und 2 andere vernichtet.
  • Allgemeines: Freilassung der Civilgefangenen von Tsingtau gegen Ehrenwort

Kriegstagebuch 29. Jan 1915

Mit ein wenig mehr Zeit kann man so ziemlich alle Ereignisse geschichtlich abgleichen. Das ist aber eine recht aufwändige Aufgabe.

Gustel Rosenkranz hat ihre Nachrichten vermutlich aus Zeitungen zusammengetragen. Mehr ist mir nicht bekannt. Das Buch habe ich auf einem Trödelmarkt in einem Konvolut erstanden.

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Heute stand eine Husky-Tour auf dem Plan. Zuerst einmal machen wir uns mit den Hunden bekannt. Hillfrid, die leider nicht mitlaufen durfte. Ike, neben dem man sich wie Rotkäppchen fühlt. Keino, mit 15 Jahren der älteste Hund im Hof, der aber noch immer ein guter Zughund ist, was ihm sein Dasein sichert, da es hier […]

Svalbard – Spitzbergen – Longyearbyen

Die ersten Fotos vom Urlaub oberhalb des Polarkreises. Die Temperaturen liegen kurz oberhalb des Gefrierpunktes. Manchmal nieselt es ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist es sehr angenehm.

Pashupatinath – Verbrennung der Toten

Ungefähr eine Stunde braucht der Spaziergänger, um vom Stadtzentrum Kathmandus nach Pashupatinath zu gelangen. Hat man erstmal die richtige Straße gefunden, geht es irgendwie immer geradeaus. Vorbei an durchaus lustigen Schildern an einem Haus, von dem ich leider vergessen habe, wofür es dort steht,   einem hübschen, kleinen Wasserbecken. Manche Ecken sind nicht ganz so schön und […]

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