Damals wie heute – Meldebescheinigung, 1916


Manchen Staaten ist es egal, wo ihre Bürger sind, andere wollen es ganz genau wissen. In den USA beispielsweise kann jeder Mensch leben wo immer er möchte. Ein Wohnsitz muss nirgends angegeben werden. Das ist der Grund, wieso euch die Polizei bei einer Geschwindigkeitsübertretung auch sofort anhält und abkassiert. Es könnte nämlich sein, dass eine hinterlegte Adresse überhaupt nicht mehr aktuell ist.

Anders ist es in Deutschland. Der deutsche Staat wollte schon immer gern wissen, wo sich seine Einwohner gerade befinden. Daher wurde am 15. Februar 1857 ein Melderegister angelegt.

Jeder Bürger hat sich bei seinem zuständigen Meldeamt anzumelden, seinen Wohnort sowie alle mit ihm/ihr zusammen wohnenden Familienmitglieder anzugeben. Bei einem Umzug muss eine Abmeldung erfolgen. Vorteile eines solchen Melderegisters sind die einfache Zustellung von Wahlunterlagen, aber auch die Planung bei der Zuteilung von Lebensmitteln in Notsituationen. Dazu hatte ich euch hier schon einen langen Artikel zu Lebensmittelmarken geschrieben.

Heute habe ich euch ein Abmelde-Formular von 1916 herausgesucht.

Arthur Tresselt kennt ihr schon aus einem früheren Beitrag. Er wird 9 Jahre später ein Armutszeugnis beantragen. Zu diesem Artikel gelangt ihr hier.

Abmeldung

In dem Hause Nr. 19 Straße Holzmarkt sind am 1. November d. Js. folgende Personen ausgezogen:

Ruf- und Familienname der Abzumeldenden (Bei Ehefrauen, Witwen und separierten Frauen auch der frühere Familienname) – Ist das nicht schön? Darf ich Ihnen meine separierte Frau vorstellen?

Stand oder Gewerbe – hier konnte man offenbar entweder seinen Beruf oder seinen Adelsstand eintragen.

Weiter hinten musste der zukünftige Wohnort angegeben werden: Baumannstraße 12 I, bei Frau Törpe. Entweder war Frau Törpe die Zukünftige, oder es ging ihm tatsächlich so schlecht, dass er mit 44 Jahren zur Untermiete umziehen musste.

In der Anmerkung wird aufgefordert, alle Formulare innerhalb von 3 Tagen im Meldebureau (ja, so hieß das Büro noch vor der Eindeutschung) abzugeben.

Ihr seht: 1857, 1916, 2019 – es hat sich nichts geändert. Vielleicht ist so ein Melderegister ja auch ganz gut.

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Ich komme im Laufe des Herbstes


Jeder freut sich, wenn Besuch kommt. Schön ist es, wenn sich der Besuch vorher ankündigt, damit man noch schnell die Wohnung aufräumen und optisch saubermachen kann. Blöd ist es, wenn die Ankündigung nicht so ganz präzise ist.

Die uns bereits schon aus früheren Artikeln bekannte Firma H. Zwernemann aus Hanau hat irgendwann in den frühen 1920er Jahren diese Postkarte an den uns bereits bekannten Adolf Tresselt geschickt. Sie bieten neben der Brillantbijouterie in einfacher und reicher Ausführung ja auch ein reichhaltiges Lager in Ketten u. Bijouterien in Gold, Doublé, Silber, Tula und Alpacca. Zigarren-Etuis, Taschen, Börsen in Silber und Alpacca sind ebenfalls am Lager.

Und was wollten Sie?

Aha, den Besuch eines Vertreters ankündigen. Und wann kommt er? Im Laufe des Herbstes und Herr Zwernemann hofft, „daß Sie meinem Vertreter einen hübschen Auftrag reservieren werden“.

Diese äußerst ungenaue Besuchsankündigung ist nur vorläufig und „Mein Vertreter wird Ihnen eine nochmalige Besuchsanzeige kurz vor seinem Eintreffen zukommen lassen.“ Damit erscheint mir diese Postkarte relativ unnütz.

Wie dem auch sei, die Zwernemann-Fabrik scheint erfolgreich gewesen zu sein. Details dazu hatte ich euch in dem ersten Artikel herausgesucht. Klickt hier und schaut euch die Villa Zwernemann und die Preise für seine Stücke mal an.

Eine Datierung ist aufgrund der abgeweichten Briefmarke leider nicht möglich. Um die Akkuratesse der Postkarte beizubehalten, würde ich auf 1905-1922 tippen. Jünger kann sie nicht sein, da die Verwendung als Rechenzettel mit Preisen arbeitet, die aus den Anfängen der Inflation 1922 stammen.

Ein sehr eigenartiger Geschäftsbrief von 1908 und eine Haushaltskasse von 1913


Da habe ich aber einen seltsamen Geschäftsbrief zwischen den Seiten eines uralten Kassenbuches meines Urgroßonkels gefunden. Den kann ich euch nicht vorenthalten. Er ist voller Rätsel und ich musste ihn erst dreimal lesen um ihn ein halbes mal zu verstehen. Vielleicht hat von meinen treuen Lesern jemand eine Idee und lässt uns in einem Kommentar klug werden.

Die Württembergische Metallwarenfabrik – abgekürzt übrigens WMF und damit auch dem letzten Leser bekannt – schrieb diesen Brief am 15. Oktober 1908 an den uns schon bekannten Adolf Tresselt.

Die WMF erlaubt sich 10 Mark und 45 Pfennige am 15. November per Postauftrag auf mich zu entnehmen und bittet um geneigten Schutz ihrer Abgabe. Das bedeutet, wenn ich es richtig interpretiere, dass sie die Zustimmung zu einer Art Einzugsermächtigung von mir erbitten.

Sie möchten diese Abgabe acht Tage an sich halten, falls ich direkte Anschaffung vorziehen sollte. Haben die Herrschaften mir eine Sendung auf Probe geschickt, 10 Mark und ein bisschen als Sicherheit von meinem Konto abgebucht und ich habe die Möglichkeit, das Produkt innerhalb einer Woche zurückzusenden, oder zu behalten?

Besonders gut gelungen ist nach meiner Meinung die Grußformel: „Uns bei fernerem Bedarf Ihrem Wohlwollen bestens empfehlend, zeichnen hochachtungsvoll Herr Heim und Herr Breitschwerdt.“ Das möchte ich mal einer Lieferung von Amazon beigelegt finden.

Sparsam, wie Herr Tresselt war, hat er die Rückseite des Briefes fünf Jahre später als Kassenbuch verwendet.

Vom 17. Juli bis Mitte September 1913 wurde jede einzelne Ausgabe und Einnahme akribisch notiert. Vor jeder Ausgabe steht „ab“, vor jeder Einnahme „Zu“ und man kann sich prima die damaligen Preise anschauen:

  • Feuerstein: M 1,30
  • Postkarte: M 0,05
  • Mutter: Butter, Brod: M 0,60
  • Semeln: M 0,05 (hier wieder mit dem Verdopplungsstrich über dem m)
  • Bouillonwürfel: M 0,25
  • Bier: M 0,27
  • Bier, Brief, Rasieren: M 0,49
  • Mitte Juli zur Bank gebracht: M 130,- (zack, war die Haushaltskasse bis auf M 6,82 leer)
  • Zucker u. Eier: M 0,64
  • Herrenhemd: M 0,70 (das kann doch nicht der Preis sein …)
  • Cigarren: M 0,70
  • Toiletten-Schilder: M 4,- (Anfang August)
  • Butter: M 0,32
  • Cacao & Zucker: M 1,44 (2. Spalte, unten)

usw. usf. Dazwischen immer wieder Namen von Personen, die entweder Geld bekommen oder gebracht haben. Ein stetes Geben und Nehmen.

Und alles hat ganz ohne elektrische Hilfsmittel funktioniert.

Stenographie in Zeiten des Nationalsozialismus


Wieder kommt etwas in der Reihe der Handschriften. Ich muß mich für die Pausen zwischendurch entschuldigen, aber das Transkribieren dauert halt etwas.

Heute habe ich euch ein Übungsheft meiner Großtante rausgesucht. Sie war die Nichte der schon bekannten Tante Toni. Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass ich die Ideologie aus dem Inhalt des Heftes nicht unterstütze. Der Beitrag dient der Aufklärung über die damaligen Gegebenheiten, die Durchdringung aller Bereiche des täglichen Lebens und die leichte Beeinflussbarkeit der breiten Masse. Bedauerlicherweise hat ein großer Teil eben dieser breiten Masse auch heute noch nicht dazugelernt.

 

1921 geboren, ging sie im Jahr 1938 – also mit 17 – auf eine Berufsschule, in der sie unter anderem Stenographie lernte.

In dieses Heft hat sie nicht viel mehr als ein Diktat oder eine Übung geschrieben. Das war vermutlich auch noch zu Beginn ihrer Ausbildung, denn nur vereinzelte Stenographieworte sind im Text enthalten. Gut für mich, denn ich kann kein Stenographie lesen. Sollte von euch jemand weiterhelfen können, bin ich über Kommentare sehr dankbar.

Passend zur Zeit wurde das Diktat über ein sehr unschönes Thema geschrieben: den Antisemitismus.

Alle Worte, die ich nicht entziffern kann, habe ich durch ### ersetzt. Vielleicht helft ihr mir, diese ### durch Text zu ersetzen.

17.7.38

Der Jude in Österreich.

Es befinden sich noch 250.000 Juden in Österreich. ### davon sind auch noch viele Mischlinge. Sie haben mit ihrem Gott Jave einen Bund geschlossen. An sich hat der Jude keine Heimat, deshalb will er sich in fremden Ländern ausbreiten. An dem Fremden ###. Die Habsburger waren Ihnen verfallen. Maria Theresia war die Einzige, die sich mit Juden nicht einließ, sie erlaubte Ihnen nicht, sich in ihrem Land aufzuhalten. Um 1300 befand sich schon eine Synagoge in Wien. Beim Prater ist das Judenviertel. Ein Laden am anderen. Sie reißen allen Handel an sich. Nach 1848 fingen sie an, sich auszubreiten, Jave wird ihnen alles geben, was sie nicht geschaffen hatten. Das Getto ist ein Gebiet, wo sich die Juden aufhalten, ihre Wohnung. In denen führt er sein schlechtes Treiben.

Die Ostjuden. Sie flüchteten nach dem Osten und von da sind sie aber wieder in Deutschland eingewandert. Nicht mal 35 % der Presse war in arischen Händen.

Die verjudete Regierung. Nach der Revolution 1918 kamen die Juden in die Regierung. Die Bundesbahn war in Judenhänden. Auch in Musik und Tanz und Theater war er vorherrschend.

 

Auf der unteren Hälfte dieser Seite seht ihr einige Wortübungen. Ich werde wohl ewiger Steno-Analphbet bleiben, denn mir erschließt sich keinerlei System hinter all den Kringeln und Schnörkeln.

 

Der Rest des Heftes wurde drei Jahre später als Haushaltungsbuch genutzt, aus dem ich euch einige Seiten zeigen möchte.

Monat Juni 1941

Brötchen, Kuchen -,47

Fahrgeld 1,-

Creme -,50

Karten -,69  Kaffee -,40  Rundfunk -,50

Sparbuch 10,-   Zigarren 2,50

5.6.  Eis -,50  Bonbons -,45

usw.

 

Juli 1941

Strümpfe 7,09

DAF-Beitrag 2,40  (DAF=Deutsche Arbeits-Front)

Hausschuhe 6,-

Briefmarken 2,-  Sparbuch 11,-

usw.

 

August 1941

Sparbuch 11,-   Strümpfe etc. 2,54

Blumen -,30  Kuchen -,15

DAF 1,20

Most 1,20  Kuchen -,20  Eis -,40

Sauerkirschen 3,50

10 Pfund Bohnen 2,-

 

OktoberHolzschnitzfigurenleim 7,30

Strümpfe 2,35   Käse -,25

Zigaretten 2,40

23.  1 Schlüpfer 2,45

25.  Leitzmann WHW (Winterhilfswerk)

November / Dezember

Grammophonplatten 1,94

4.  Tinte für Weihnachtskarten  -,70

Emaillegeschirr (Weihnachtsgesch.)  5,-

10. Hautgelee  -,45   Briefmarken  1,20

11. Film  1,-,  Hautcreme  -,40,   Porto -,40,  Karte  -,10

Caramelbier -,80

Geburtsanzeigen und Danksagungen  13,- (für meine Tante, die am 16. Dezember geboren wurde. Von ihr habe ich dieses schöne Heftchen. Danke und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!)

Wandertagebuch – Juli/August 1921


In der kleinen Reihe handgeschriebener Bücher stelle ich euch heute ein Reisetagebuch vor, das die – meinen treuen Besuchern bereits bekannte – Tante Toni während ihrer Wanderung durch Tirol führte.

Den Buchdeckel ziert ein geprägtes Bild. Ich interpretiere es als das Wappen von Tirol: Adler und Eichenlaub. Der Adler hält noch ein kleines Wappen mit Eichblatt und Eichel. Auf dem Wappen sitzt ein Soldatenhut.


 

Wanderung von Kufstein bis Innsbruck vom 21. Juli bis 4. August 1921

Wenn Einer eine Reise tut, dann soll er was erzählen, so wünscht’s die Alpine Vereinigung und es ist auch moralische Pflicht der Glücklichen, die sich Gottes schöne Welt ansehen konnten, Andere ebenfalls an dem Genuß der Schönheiten, an denen sie selbst sich begeistert haben, teilhaben zu lassen.

Ob man freilich etwas erzählen kann, das erzählenswert ist und das Interesse der Zuhörer wach erfüllt, das ist eine andere Sache. Wenn man aber den Ausspruch beherzigt: Laß nur auf dich was rechten Eindruck machen, so wirst du schon den rechten Ausdruck finden, dann wird die Sache schon gehen. Geht man nicht mit ganz abgestumpften Sinnesorganen seines Weges, dann nimmt man ja bei jedem Schritt neue Eindrücke in sich auf, die nicht so schnell wieder verblassen

 

und daheim mit Hilfe des Erinnerungsvermögens sowie der mitgebrachten Ansichtskarten noch einmal recht lebendig werden und mit diesen beiden Hilfsmitteln ich nun versuchen, einen Bericht von unserer diesjährigen Sommerreise, die von Anfang bis zum Ende von dem herrlichsten Hochsommerwetter begünstigt war und über alles Erwarten wunschgemäß verlief, zu geben.

Wenig angenehme Erfahrungen, die auf unseren Reisen in die oberbayerischen Alpen 1918 und 1920 den freudigen Genuß am Wandern stark beeinträchtigt hatten, ließen uns diesmal vorsichtiger sein. Zunächst versuchten wir es mit der Benutzung des Nachtschnellzuges Berlin-München von Jena aus, da wir diesen in Saalfeld stets überfüllt angetroffen und niemals das Glück hatten, einen Sitzplatz zu erwischen und richtig, wir brauchten nicht lange zu suchen sondern fanden bald ein Abteil mit noch 2 Sitzplätzen und im übrigen sehr angenehmen Reisegenossen – in diesem

Falle Schlafkameradinnen, denn jeder versuchte es wenigstens mit der Möglichkeit zu schlafen. In Augsburg stiegen die meisten der Damen um und wir entfalteten nun eine lebhafte Tätigkeit, da diese mit den üblichen unzähligen Handgepäckstücken durch die engen, verrsperrten Gänge nicht zum Ausgang gelangen konnten, indem wir den Damen über ein Dutzend Handkoffer und Taschen, Hutschachteln, Plaidhüllen u.s.w. zum Fenster hinaus bugsirten, hübsch in der Reihenfolge wie sie ausgestiegen waren.

Der Apparat funktionierte tadellos, wie von den Empfängerinnen dankerfüllten Herzens anerkannt wurde. In München trafen wir 9.30 mit ein 1/2stündiger Verspätung ein, diesmal bei herrlichsten Sonnenschein, was wir hier selten erlebt hatten.

Unser erster Gang war nach dem oesterreichischen Consulat, um unsere Pässe visiren zu lassen. Das war eine recht umständliche zeitraubende Sache. Ein Andrang

wie in den schlimmsten Tagen der Hungerjahre bei der Kohlrüben- oder Kartoffelausgabe, nur der Gesichtsausdruck der sich Drängenden war ein anderer.

Die Reisebeschreibung fährt nun mit dem Besuch des Consulats fort. Die Pässe werden abgegeben, und bis 1 Uhr musste gewartet werden, ehe sie wieder ausgehändigt wurden. Tante Toni und ihre Reisegefährtin verbrachten die Zeit bei einem deftigen Mittagessen im Restaurant August(in)er.

Mit den Pässen zurück zum Bahnhof und ab nach Kufstein. Tante Toni schreibt über die herrliche Aussicht vom Zug aus auf den Pendling, einen Berg, der bis vor kurzem noch unbezwinglich war, den nun aber das Kufsteiner Haus krönt. (hier ist die Webseite dazu: pendlinghaus.at)

Bei einbrechender Dunkelheit kamen wir in Kufstein an, passirten ohne Zwischenfall die Zollrevision, mit gutem Gewissen konnten wir die Frage des Beamten beantworten, ob wir mehr als 3000 DM Gold bei uns führten; in Bezug auf Cigarren war das Gewissen nicht ganz so rein, in meiner Jacke eingeschnallt steckte ein Kistchen des kostbaren Krautes in etwas mehr als erlaubter Menge; Ich schmuggelte sie aber glücklich über die Grenze; die Beamten verlangten von uns Touristen keine hochnotpeinliche Untersuchung.

Interessant ist, wie unvorbereitet man damals an einem Urlaubsort erscheinen und um Unterkunft ersuchen konnte:

Nach einigen vergeblichen Fragen nach Nachtquartier bot uns der Hausdiener von den „Drei Königen“ solches an und wir bekamen ein nettes Zimmer. Als uns dann im Gastzimmer die erste Speisekarte vor Augen kam wurden diese groß und immer größer angesichts der Preise für die verschiedenen Speisen und Getränke und wir sagten uns in banger Ahnung, daß der beim Geldwechsel in München uns überschüttende und unversieglich erscheinende Kronensegen bei diesen Preisen bald erschöpft sein würde: 1 Glas Bier 11 Kr., 1 Suppe 15 Kr., 1 Goulasch 80 Kr., 1 Port. Kartoffeln 15 Kr., 1/4l Wein 45 Kr. Wir mußten uns erst an diese hochklingenden Preise gewöhnen und sie in deutsche Mark übersetzen um dahinter zu kommen, daß sie so gar niedrig waren.

nebenbei: Der Umrechnungskurs betrug im Juli 1921  100 Kronen = 12 Mark, die Portion Goulasch kostete also M 9,60, das Viertel Wein M 5,40. Nur unwesentlich später, also ab Oktober 1921 setzte die Inflation ein. (Link) Der Wert der Mark verlor im Vergleich Goldmark-Papiermark vom Januar 1921 (Wert:1GM=30PM), über Oktober 1921 (100), Januar 1922 (200), Oktober 1922 (1000), Januar 1923 (10.000) usw. Tante Toni hatte also das Glück, ihr Geld bei dieser Reise noch gut ausgeben zu können.

Zwei Tage hielten wir uns in Kufstein auf; am 1 Tag, Donnerstag d. 21. Juli unternahmen wir die erste kleine Übungstour nach dem Brentenjoch 1262m. (Link hier) wir machten im Alpengasthof Vorderdux Kaffeerast und gingen dann weiter über Hinterdux bis zur Höhe des Brentenjoch, wo wir die ersten Alpenrosen pflückten und uns mitten in den süß duftenden Wiesenblumen liegend einige Stunden von der Höhensonne bestrahlen ließen, was wir hier vollständig kostenlos haben konnten.

Zurück ins Tal, gut zu Abend gegessen und den Ausflug für morgen geplant – Besteigung des Pendling. Tante Toni beschreibt ihre Wanderungen, ihre Eindrücke, die Aussicht, das Panorama und nicht zuletzt die Unterkünfte auf ihrer Reise. Mal starten Sie aus ihrer Unterkunft zu Tagestouren auf umliegenden Berge und kehren abends wieder zurück. Ein andermal wandern sie mitsamt ihrem Gepäck auf einen Berg und übernachten in einer Hütte. Lest hier:

Wir vergaßen alle Mühsal, als wir das Haus erreicht hatten und erst mal eine kurze Umschau hielten, ehe wir uns die sehr nötige Stärkung und Ruhe gönnten. Unsere erste Frage galt der Unterkunft, denn Sonnabend und Sonntag herrscht Hochbetrieb im Stripsenjoch-Haus, da wallfahrten die Kletterer und solche die es werden wollen aus der näheren und weiteren Umgebung nach dieser Höhe, um von da aus Klettertouren nach dem Totenkirchl (Link hier) zu unternehmen. Für uns ein sehr interessanter Fall, wenn so auch die Schuld trug, daß wir uns mit einem sehr primitiven Matratzenlager begnügen mußten. Nachdem wir uns dieses gesichert hatten, nahmen wir den Nachmittagskaffee in der Glasveranda rein, von der aus man einen herrlichen Ausblick nach dem Totenkirchl, Priestertuhl und hinab zur Griesener Alm genießt.

Eine junge Dame hörten wir erzählen, dass ihre Schwester mit einer zweiten Dame unter Führung eines Herren ihre erste Kletterpartie machten, sie gaben sich Zeichen hinüber und herüber, mit einem Male wurde die Befürchtung laut, daß die drei sich verstiegen haben müßten. Dasselbe Schicksal hatten auch 2 Herren, die wir von einem ganz nahe beim Totenkirchl ragenden Felsgipfel beobachtet hatten, andere junge Leute denen die richtigen Wege bekannt waren, riefen Ihnen zu, wie Sie aus dem so genannten „rosigen Kamin“, von dem aus sie keinen Abstieg finden konnten, in den Führerkamin gelangen konnten. Wir folgten dann ihrem Rückzug ganz gut mit Hilfe des Fernglases und sahen sie unversehrt nach längerer Zeit zurückkommen.

Drei aber fanden an dem Abend den Rückweg nicht mehr; ein einsames Lichtlein hoch oben in einer Felsspalte kündete, daß sie dort Nachtquartier wohl in nicht gerade beneidenswerter Lage bezogen hatten.

Noch spät am Abend, als wir schon längst unser Lager aufgesucht hatten, hörten wir das Jodeln der Wirtin und die antwortenden Stimmen vom Totenkirchl, was mich mit Gruseln erfüllte und mir mein sehr wenig einladendes Matratzenlager als eine herrliche Einrichtung erscheinen ließ.

 

Das Reisetagebuch umfasst 39 Seiten mit Berichten, wie diesen. Am besten gefallen mir die Hintergrundinformationen. Preise, die zeigen, was seinerzeit wofür bezahlt werden musste und Gepflogenheiten bei Urlaubsreisen. Wer kann sich heute noch vorstellen, mit dem Zug an sein Urlaubsziel zu reisen, ohne sich vorher Gedanken über die Unterkunft gemacht zu haben? Oder welche Dame wird heute mit einem Herrn eine Felswand besteigen, ohne ausreichend ortskundige Führer dabei zu haben, um nicht in einer Felsspalte übernachten zu müssen. Heute würde wahrscheinlich der Rettungshubschrauber zum Einsatz kommen.

Die so mühsam erkämpfte Höhe wollten wir nicht nach kurzer Zeit schon verlassen und benutzten die Rast zu einer Stärkung. Unser Wandergenosse spendirte mir Chocolade zur Belohnung für die beim Aufstieg bewiesene Tapferkeit. In ebensolchen Geröll wie bergauf ging’s auf der anderen Seite wieder bergab aber weniger steil bis zur Epp-Lisl-Alm, wo wir mit prachtvoller Buttermilch gelabt wurden. Dann ging’s immer noch weiter zu Tal am wild rauschenden Gebirgsbach entlang, bis das Tal sich weitet und das freundliche Scharnitz uns Wanderer aufnahm. Beim Neuwirt fanden wir gute und preiswerte Unterkunft, vorzügliches Abendbrot. Schweinebraten 90 Kr., Rindfleisch 50 Kr., Salat 10 Kr., dazu 1/2 Special 70 Kr., alles ausgezeichnet und zu empfehlen. Da leider die schönen Urlaubstage zu Ende gingen, konnten wir diesen sehr gemütlichen Aufenthaltsort nicht länger genießen und fuhren schon am nächsten Morgen, Donnerstag d. 4. Aug. über Garmisch und München ohne weiteren Aufenthalt der Heimat zu, beglückt und zufrieden und reich an schönen Erinnerungen, an denen wir in späteren Jahren, wenn die Kräfte zum Wandern nicht mehr reichen, zehren wollen. Vorläufig aber hoffen wir noch: Auf Wiedersehen du herrliche Bergwelt!

 

Weiter gewandert wurde zumindest in diesem Tagebuch nicht mehr. Ab der nächsten Seite wurde es stattdessen als Haus-Konto Buch für die Jahre 1944-1948 benutzt. In den letzten Kriegsjahren und in den Folgejahren wurden im Haus ausgebombte Familien einquartiert.

Mieteinnahmen links, Rattenbekämpfung und Müllabfuhr rechts.

  1. April – der Russe bekommt für 5 Stunden Gartenarbeit 2 Reichsmark.

 

 

  1. & 2. Dezember – Licht und Heizung im Luftschutzraum (jeder -,70) u. Müllabfuhr (jeder 1,30)

  2. Februar 1945 – Kellerlicht und Heizung für Laufer und Sending (2,50)

 

Und über das Kriegsende hinweg geht es weiter, als wäre nichts geschehen:

Goldschmied-Werbung


Auch früher bekam man Werbung zugeschickt. Nicht anders erging es unserem bereits bekannten Hof-Juwelier und Goldschmied Adolf Tresselt. (ihr kennt ihn und seinen Sohn Arthur von hier) Er erhielt Anfang November 1903 diesen Brief aus Hanau:

 

Herr Zwernemann, seines Zeichens ebenfalls in der Schmuckherstellung tätig, befleißigte sich, die Ergebnisse seiner Kunst zum Kauf feilzubieten.

 

Die beiden beigelegten Musterblätter zeigen uns nicht nur schöne Beispiele der angebotenen Schmuckstücke, sondern lassen auch aus dem Logo mit dem Davidstern schließen, daß Herr Zwernemann Jude war. Und siehe, ein wenig im Internet gesucht und schon findet man interessante Informationen zu Herrn Zwernemann, der offenbar ein berühmter deutscher Schmuckhersteller war. Seht hier, hier (Villa Zwernemann), hier oder eine alte Sotheby’s Auktion hier. In der Deutschen Goldschmiede-Zeitung aus dem VII. Jahrgang 1904 habe ich gefunden, daß eine Stiftung „des Herrn Bijouteriefabrikanten Heinrich Zwernemann daselbst am 1. Juli 1903 errichtet“ wurde. Ebenso war er der einzige deutsche Schmuckfabrikant, der auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis vertreten war.

 

Ach ja, das Anschreiben lag auch noch bei:

Verband der weiblichen Handels- und Büroangestellten


Gewerkschaftliche Organisation der Angestellten und Arbeiter ist wichtig, um die Rechte der Arbeiter in Betrieben, Fabriken und Büros durchzusetzen. In Deutschland gibt es seit 1329 gewerkschaftsähnliche Zusammenschlüsse und seit 1848 organisierte Gewerkschaften. Einen Aufschwung erfuhren Gewerkschaften nach der Gründung der Weimarer Republik ab 1919 und erstarkten bis zur Machtübernahme und Gleichschaltung durch die Nazis. Das war am 2. Mai 1933. An diesem Tag gingen alle Gewerkschaften in der Deutschen Arbeitsfront auf.

Ein frühes Mitglied des 1919 gegründeten Verbandes der weiblichen Handels- und Büroangestellten war die um mehrere Ecken irgendwie verwandte Emmy Heinemann. Sie war sogar bereits im Jahr 1911 Mitglied eines gewerkschaftlichen Verbandes. Dessen Namen konnte ich jedoch nicht herausfinden.

Dafür hat sie uns einige ihrer Mitgliedskarten hinterlassen.

 

Ab 1925 RM 2,00, ab Mai 1926 RM 3,00 und schließlich ab Juni 1928 satte RM 3,50 Monatsbeitrag. Die sind dann allerdings bis Ende 1932 konstant geblieben.

 

Auf der Rückseite der Mitgliedskarte wurden (mehr oder weniger) freiwillig entrichtete Beiträge für die Wohlfahrt geklebt.

 

Weiter geht es im Querformat ab 1933.

 

Berlin-Wilmersdorf, Trautenaustraße 11 b/ Sendig

Ab 1933 konnte neben dem Gewerkschaftsbeitrag auch eine Renten-Versicherung abgeschlossen werden. Emmy hatte offenbar keine. Sie blieb bei ihren RM 3,50 pro Monat.

 

Doch, zack, kaum war die oben erwähnte Gleichschaltung unter der NS-Führung vollzogen, stieg der Monatsbeitrag. Auf RM 4,00 und gleich ein Quartal später noch einmal um 20 Pfennige.

 

1935 war man bereits bei RM 4,40 – allerdings griff zu dieser Zeit wahrscheinlich schon das Programm zur Steigerung der Einkommen. Ich glaube, ich hatte das im Beitrag über das Eiserne Sparen schon einmal erwähnt.

 

Bei Lesen der Regeln für alle Verbandsmitglieder wird nun auch deutlich, wieso Emmys Beitrag stetig stieg: Der Mitgliedsbeitrag ist jeweils monatlich im voraus zahlbar, und richtet sich nach der Höhe des Einkommens.

In der Urlaubszeit werden Gemeinschaftsreisen veranstaltet, auch Wochenendfahrten und Wanderungen finden statt.

Das Sommerfrischenverzeichnis des Verbandes weist gute Pensionen nach.

 

Noch mehr Regelungen:

 

Eigenwerbung auf der Rückseite des Mitgliedsbüchleins zeigt Erholungsheime aus dem Urlaubsangebot des Jahres 1932.

 

Die Wichtigkeit der Arbeitnehmererholung wurde früh erkannt und preiswerte Angebote für Familienurlaube auch in der nationalsozialistischen Zeit sowie später in der DDR geschaffen.

 

Als ebenso ordnungsliebende, wie den Ämtern mißtrauende Person, hat Emmy Heinemann übrigens alle Einzahlungsquittungen aufbewahrt um im Bedarfsfall die geleistete Einzahlung auf das Postscheckkonto (links) bzw. an der Verbandskasse (rechts) nachweisen zu können.

 

Die Gute ist übrigens ganz schön alt geworden. Ich glaube, sie ist erst zu Beginn der 1980-er Jahre gestorben. Bei Jahrgang 1890 kam da schon einiges an Lebensalter zusammen. Ob sich ihre Einzahlungen ausgezahlt haben, weiß ich nicht. Die kurze Zeit, die ich sie kannte, hat sie in sehr einfachen Verhältnissen gewohnt.

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