Geschäftspost aus Ungarn – Paprika und Einwickelpapier


Wenn ich als Kind die Postkarten meines Uropas durchgeblättert habe, fand ich das ungarische Wort LEVELEZÖ-LAP für Postkarte sehr lustig. Ob ich oder einer meiner Vorgänger die Briefmarken abgelöst haben, weiß ich nicht mehr. Falls ich es war, müssten sie noch in irgendeinem Album stecken. Dann kann ich sie ja wieder draufkleben.

Heute möchte ich euch vier Postkarten vorstellen, die mein Uropa im Jahr 1909 erhalten hat. Ein Jahr also, bevor er zum erstenmal Vater wurde – dem Ereignis, das er und seine Gemahlin für die Nachwelt hier so schön aufgezeichnet haben.

Die ersten beiden Karten kamen von der Paprikamühle von János Kotányi aus Budapest, wurden allerdings von Wien aus gesendet. Wie damals noch üblich, reichte es seinerzeit den Namen und die Stadt, gegebenfalls den Zusatz „Drogerie“ als Anschrift anzugeben. Der Wohnort wurde nachträglich, wahrscheinlich auf der Erfurter Post hinzugefügt. Schon damals war unsere Familie offensichtlich stadtbekannt.

 

 

Der Grund der Karten war eine Besuchs-Ankündigung. Ich erlaube mir Ihnen höfl(ichst) mitzuteilen, daß mein Herr Vámos sich in den nächsten Tagen das Vergnügen machen wird, Sie zu besuchen und bitte ich Sie ihm Ihre gesch(ätzten) Ordres reservieren zu wollen.

 

Ob der Vertreter Erfolg hatte, kann ich nicht sagen. Mir sind keine Unterlagen bekannt aus denen die Bezugsquelle des Paprikapulvers unserer Drogerie hervorgeht.

 

Genaueres hingegen kann man auf den beiden anderen Karten ersehen. Die Firma von Andreas Saxlehner in Budapest hat meinem Uropa zwei Postkarten aus der schönen Donau-Metropole gesendet um ihm mitzuteilen, daß seine Aufträge eingegangen sind. Das war im Juli 1909. Diese beiden Levelezö-Laps der Königlich Ungarischen Post (Magyar Királyi Posta) bekam man zum Preis von 5 Filler, dem ungarischen Wort für Heller, der übrigens nach der Stadt Hall am Kocher (heute heißt es Schwäbisch Hall) benannt war und den Wert eines halben Pfennigs besaß.

 

 

Und was hat mein Uropa in Ungarn gekauft, bekam es aber letztlich aus der Filiale in Berlin-Südende geliefert?

15 Notizblöcke, 100 Broschuren (also Schreibhefte), keine Reklameflaschen (schade) und keine Blechplakate (noch viel schader) aber insgesamt 4 Packet Wickelpapier – 2400 Blatt. Das Geschäft schien entweder zu florieren oder man packte die wenigen Verkäufe unverhältnismäßig dick ein. Ich vermute ersteres.

 

 

Die Filialen in Wien, Szeged oder in beiden Fällen: Berlin der beiden heute vorgestellten Budapester Postkarten-Absender zeigen, wie groß das damalige Vertriebsgebiet war. Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, wahrscheinlich selbst Südskandinavien, Holland und Belgien, die Gebiete des heutigen Süd- und Westpolen und die westliche Tschechoslowakei waren vor dem ersten Weltkrieg florierende Länder, die regen Handelsverkehr betrieben. Dieses Gefüge ist dann bedauerlicherweise durch zwei Kriege und einen Sowjetbund etwas verschlissen worden. Heute basteln wir an unserer EU und auch wenn speziell die reichen Länder (wir) nicht müde werden zu jammern, was wir doch alles für Länder aufnehmen, glaube ich, in absehbarer Zukunft wird die EU sich zu einem ähnlichen Konstrukt wie die USA vereinigen. Vielleicht mit etwas mehr Kultur und eigenen Sprachen, aber wirtschaftlich machtvoll.

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Gruß aus Waldsee


Heute muss ich meinen Grundsätzen ein kleines bisschen untreu werden, da ich den Artikel, um den es heute geht leider nicht selbst besitze. Es besteht auch kaum eine Chance in den Besitz einer dieser Postkarten zu gelangen. Daher greife ich auf Sekundärliteratur zurück und erzähle euch die Geschichte zu diesem Artikel unter Zuhilfenahme eines Spiegel-Magazins vom 29. April 1964 in dem ich kürzlich ein wenig herum gelesen habe. (DER SPIEGEL war damals noch für 1 DM zu haben)

 

 

Die Grundsätze der Spiegel-Reporter -Redakteure kann in der Hausmitteilung nachlesen, wer mag:

 

Aber der eigentliche Artikel, um den es mir geht, beginnt erst auf Seite 38 dieser mit Werbung – allen voran Zigarettenmarken ohne Ende – überladenen Zeitschrift.

Im Sommer 1944 schickten 30.000 Ungarn jüdischer Abstammung Postkarten an ihre Verwandten und Bekannten. Darauf wurden Herzliche Grüße aus dem kleinen Ort Waldsee in Thüringen übermittelt. Zusätzlich wurden Neuigkeiten mitgeteilt wie „Bin wohlbehalten angekommen, arbeite im Fach.“, „Mir geht es gut. Ich arbeite.“ oder „Uns geht es gut. Kommt nach!“

Alle Karten hatten eine Gemeinsamkeit: Nie umfassten die Grüße mehr als 30 Worte.

Und alle Karten hatten noch etwas gemeinsam: Es gibt keinen Ort namens Waldsee in Thüringen. Denn alle Karten kamen aus dem Konzentrationslager Auschwitz.

Die besonders perfide Idee des SS-Führers Hermann Alois Krumey: Die Ungarn mussten unmittelbar vor ihrer Vergasung Karten schreiben, die den noch in Ungarn verbliebenen Juden Mut machen sollte, sich ebenfalls auf die Reise ins ferne Thüringen zu begeben um dort ein neues Leben zu beginnen. Auch sollte etwaigen Gerüchten über eine Ermordung von Juden entgegengetreten werden.

Trotz aller Bemühungen gelang es einigen Deportierten die Sache auffliegen zu lassen. Sie hatten hebräische Schriftzeichen auf die Karten gezeichnet, die für die SS-Bewacher aussahen wie Schnörkel.

Der Artikel ist hier nachzulesen. Ich hoffe nach knapp 51 Jahren ist das Copyright ausgelaufen und ich habe hier mit dem Verweis auf „DER SPIEGEL“ 18/1964 vom 29. April 1964 der Quellenangabe genüge getan.

 

Ja, so war das im Sommer 1944.

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