Farben aus Quedlinburg


Bald ist wieder Ostern und es wird gefärbt, was das Zeug hält.

Vor drei Jahren habe ich euch einiges über den Ostereierfarben-Hersteller Brauns aus Quedlinburg erzählt. Wer sich nicht mehr erinnert, muß hier klicken.

Heute habe ich in einer alten Kiste auf dem Dachboden noch zwei Produkte der Firma Brauns entdeckt. Diesmal geht es allerdings nicht um Ostereierfarben, sondern um Beize,

 

in unserem Fall Lichtblau 020 aus dem Jahr 1955.

 

Besonders gut gefällt mir das kleine Faltblatt,

 

 

das auch nach so vielen Jahren noch immer frische Farben hat.

Wer es noch nicht gefunden hat: unser Lichtblau 020 ist auf der mittleren Seite, linke Spalte, Mitte. Eine wirklich schöne Farbe.

 

Zusätzlich kann man auf der Rückseite einiges über die Herstellung guter Beizen lernen und wir erfahren, daß bei Verwendung der Refor-Beize ein Räuchern nicht mehr nötig ist. Bisher wusste ich nur, daß Fische gebeizt und geräuchert werden. Aber hier wird es in einem kleinen Video vorgeführt.

 

 

Kleine DDR-Erinnerungen – Gänsehaut-Klebeband und Gaststätten-Malstifte


Heute gibt es noch zwei Kleinigkeiten, für die ein eigener Tages-Eintrag übertrieben wäre.

Das erste Ausstellungsstück war ein Allzweckhilfsmittel: Rändelband

Aufgrund seines Aussehens wurde es liebevoll Gänsehaut-Klebeband genannt. Ich habe festgestellt, daß die wenigsten Benutzer wussten, wie es tatsächlich funktioniert. Einfach abgerissen und aufgeklebt, war es ein leicht wieder abzulösendes Klebeband um beispielsweise Zeichnungen auf Reißbrettern zu befestigen. Sollte die Befestigung dauerhaft sein, wurden die Pickel mit dem Fingernagel angedrückt. Dadurch kam zusätzlicher Kleber an das Papier und hielt viel besser. Sowohl mit als auch ohne anzudrücken ließ sich das Klebeband rückstandlos entfernen. Eine tolle Erfindung. Gab es sowas im Westen auch?

 

Das zweite Highlight des Tages habe ich vor Kurzem ganz hinten in einer alten Schublade gefunden:

 

Eine Minipackung Buntstifte, in deren Besitz man entweder in einer Gaststätte kam, während man auf’s Essen wartete, oder als Preis beim Topfschlagen am Kindergeburtstag.

 

Und wer sich bis hier nicht daran erinnert, dem wird spätestens die Rückseite der Packung bekannt vorkommen:

 

Ich wette, jeder DDR-Geborene erinnert sich an beide schönen Stücke.

TET und Cakes – Bahlsen und der Leibniz-Keks


Heute ein aktualisierter Artikel von vor zwei Jahren. Wikipedia hat mir einen Strich durch die Rechnung (sic!) gemacht und mir meine ägyptischen Hilfslinks unten gelöscht:

Diesmal gibt es eine schnelle Rechnung, weil ich nicht so viel Zeit zum recherchieren habe und einige Leser meinten, ich schreibe immer zu viel Text. Aber Informationen wollen verpackt werden. So, wie Kekse. Und während das meiste meines Wissens, das ich euch zusammengetragen habe, alt ist, sollten Kekse bis zum Öffnen der Packung möglichst frisch sein.

Jeder, der eine Packung Kekse offen über Nacht oder einen ganzen Tag hat stehen lassen, weiß, daß sie die Luftfeuchtigkeit aufnehmen und dann eine Konsistenz annehmen, die in Berlin treffend als „latschig“ bezeichnet wird.

Hermann Bahlsen, der Erfinder des deutschen Kekses, wollte seine Cakes, wie er sie nach seiner Rückkehr aus England hier benannte, im Unterschied zu anderen Bäckern haltbar verpacken. Das geschah zu Beginn der 1890-er Jahre in Tüten. 1892 entwickelte er ein Rezept mit einem ansehnlichen Teil Butter – die Butter-Cakes. Dem hannoverschen Hofbibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz zu Ehren benannte er ihn Leibniz Butter-Cakes. Der hatte seinerzeit nach einer haltbaren Soldaten-Verpflegung gesucht. Und weil es 1700 noch keine Kekse gab, mussten die Soldaten mit Zwieback vorlieb nehmen.

Irgendwann kurz nach der Jahrhundertwende stellte Bahlsen fest, daß viele Menschen aufgrund mangelnder Englischkenntnisse sein Produkt Kahkes nannte. So wurde das englische Wort allmählich in eine eingedeutschte Form gebracht.

Aus der kurzen Übergangszeit vom Cakes zum Keks stammt meine heute präsentierte Rechnung

Hier findet man im Firmennamen noch die Cakes-Fabrik, der Keks hat aber schon seinen deutschen Namen.

Zur Rechnung selbst: Den Leibniz-Keks kennt jeder. Den Albert-Keks auch, wenn auch heute nicht mehr unter diesem Namen. Er sah ähnlich aus, wie ein Butterkeks, nur war er ca. 5 cm im Durchmesser und rund. Was man hingegen unter Schnittgebäck versteht, das ist mir ein Rätsel. Kuchen?

Zu den Preisen. Ich hoffe, mit 3 Dutzend Leibniz Keks waren 3 Dutzend (36) Packungen gemeint.

Zu guter Letzt und bevor Bahlsen mit seiner neuen Image-Kampagne sein Logo so schön modernisiert und verlangweiligt hat: Das TET-Zeichen mit der ägyptischen Kartusche wird einem aufmerksamen Kekskunden schon früher aufgefallen sein. Die Erklärung, was es damit auf sich hat, war eine der ersten Recherchen, die ich bei Bahlsen angestellt habe und es gab erstaunlich viele Bahlsen-Mitarbeiter, die sich darüber nie Gedanken gemacht haben. Dabei war die Lösung letztlich ganz einfach. Ein Bekannter Bahlsens reiste irgendwann nach Ägypten. Dort lernte er die Hieroglyphe „tet“ für „ewig dauernd“ kennen und wollte das auf die Bahlsen-Kekse übertragen. So kam es zur TET-Verpackung, die wir noch heute als Papier in Wellenform kennen und die unsere leckeren Butterkekse nahezu unzerbrochen zu uns bringt.

Wer sich heute das Bahlsen-Logo ansieht, findet die Schlange aus der Hieroglyphe nur noch stilisiert in der geschwungenen Form des ’n‘ auf rotem Hintergrund.

In Wikipedia habe ich für euch den Namen des Pharao Amenophis III. herausgesucht. Der ließ sich gern auch „Der sein Haus der Ewigkeit vergrößert“ nennen. Und wer jetzt ganz genau hinschaut, der sieht ganz rechts die Hieroglyphe „tet“, die eigentlich „djet“ ausgesprochen wurde. Aber das kann man dem braven Keksfreund aus Hannover nicht übelnehmen. Wenn er in der deutschen Sprache schon ohne jeglichen Akzent auskommen muß, darf ein Hannoveraner sich wenigstens im Ägyptischen mal vertun.




Se-aa-hut=ef-net-djet
S-ˁ3-ḥwt=f-nt-ḏt
Der sein Haus der Ewigkeit vergrößert

Warenlieferung für den Kaufladen


In meinem Artikel zum Kaufladen habe ich euch meine kleine Sammlung gezeigt. Neulich habe ich auf dem Trödelmarkt meines Vertrauens neue alte Sachen gefunden.

Seht hier:

DDR-Wasch- und Reinigungsmittel. Das bekannteste, weil als einziges noch heute erhältlich, ist Spee. Was Persil in der BRD, war Spee in der DDR.

Swyt kenne ich nicht. Das könnte daran liegen, daß ich zu den Zeiten, da es seine besten Zeiten hatte, zu klein zum Wäsche waschen war. Es sit offensichtlich ein Schonwaschmittel für niedrige Temperaturen.

Dank iMi habe ich endlich einen gedruckten Beweis dafür, daß das bei uns gern genutzte Wort, den „Aufwasch“ zu machen, nicht erfunden oder ein Versprecher war. Hier steht es: „Aufwasch– Spül- und Reinigungsmittel“. IMI hat eine aufregende Geschichte, die ihr hier nachlesen solltet. Besonders gefällt mir der Satz: „1932 wurden die Denkmäler von Goethe und Schiller in Weimar mit IMI gereinigt.“

 

 

Weiter geht es bei der Warenlieferung mit Lebensmitteln:

Schaarschmidt-Kekse, die offenbar irgendwann zu Reichenbacher Keksen wurden und die legendäre längliche Würfelzucker-Packung.

 

Babynahrung und anderes:

Oben die Kindernahrung – rechts die einprägsame Marke Ki-Na. Ob Hafer-, Reismehl und Mekorna (MEhrKORnNAhrung) in verschiedenen Altersstufen verfüttert wurden, oder ob es einfach unterschiedliche Geschmacksrichtungen waren, weiß ich nicht.

Unten haben wir im Angebot Torten- und Kloßmehl, Nudeln und combo, das Kaba des Ostens.

 

Und zum Schluß in minimalistisch designter Verpackung – die Grundzutaten für ein einfallsloses Essen:

Kaufladen-Erbsen, Kaufladen-Mehl, Kaufladen-Reis, Kaufladen-Salz und Kaufladen-Zucker. Die hat bestimmt der Vater eines farbenblinden Kindes entworfen, um ihm das Leben schöner zu machen und allen anderen Kindern zu zeigen, wie langweilig ein farbreduziertes Leben sein kann. Oder man wollte sparen und hat vom Vierfarb- auf Zweifarbdruck umgestellt.

Etiketten aus dem Katalog


Was wäre eine Flasche ohne das Etikett? Großes Rätselraten über den Inhalt und die Frage: „trinke ich es oder lasse ich es lieber stehen?“ Ein Etikett kann dabei von entscheidender Wichtigkeit sein, wie meine Oma mal feststellen durfte, als sie an einem lauen Sommerabend einen Schluck aus einer Weinflasche nahm, nur um dann endlich zu wissen, wo sie den restlichen Teppichreiniger hingetan hatte.

Daß die Herren Goetz und Müller meine Oma kannten, ist zu bezweifeln. Daß sie aber Etiketten hergestellt haben, steht außer Frage. Und weil sie nicht die einzigen waren, die 1938 Flaschenetiketten hergestellt haben, mussten sie von Fabrik zu Fabrik tingeln und ihre Druckerzeugnisse anpreisen.

Heute stelle ich euch einen Katalog dieser Firma vor.

 

Im Offset-, Stein- und Buchdruck vom Fach und von Heinrich Schwiegelshohn aus Limbach in Sachsen vertreten ging es auf die Reise. Dazu hatte Heinrich Schwiegelshohn seinen Erlaubnis-Ausweis dabei, einen seiner Kollegen kennt ihr schon aus diesem Artikel.

 

Um Missverständnisse zu vermeiden:

 

Überraschenderweise hat sich an einigen Weinsorten bis heute nichts geändert.

 

Passende Halsschleifen

 

Ein Zusatz von Trinkwasser oder kohlensaurem Tafelwasser erhöht den Genuß. oder mit anderem Eindruck

 

Auch ausländische Weine und Spirituosen wollten etikettiert werden.

 

Diese Etiketten könnte man auch heute noch finden.

 

die harten Sachen

hier mit der Unterteilung für ganze, halbe und Miniaturflaschen. Auch damals wurde der kleine Schluck geschätzt.

 

Was mag Batavia-Arac gewesen sein?

 

Nordhäuser und Danziger Goldwasser

 

 

Kümmel

 

Bärenfang – habe ich sogar noch zu hause

 

Ist das nicht eine riesige Auswahl? Und ich habe euch nur einige der Seiten dieses doch recht dicken Kataloges gezeigt. Viele Etiketten gibt es in zahlreichen Variationen.

 

 

Gesunde Haare – glanzvolles Leben


Haare können an den richtigen Stellen überaus hübsch anzusehen sein. Leider spielt die Natur nicht immer mit und die Haare fallen aus oder wachsen an Stellen, wo sie nicht hingehören.

Damit die Haare auf dem Kopf der Dame von Welt wenigstens das Auge des Mannes (und der Konkurrentinnen) erfreuen, hat mein Uropa, der Apotheker Gustav Lange seinerzeit ein Tannikum zur Pflege der Haare erfunden.

Der Begriff Tannikum ist heute scheinbar nur noch in der russischen Sprache gebräuchlich und bezeichnet eine Lösung oder Tinktur. Google hält sich ansonsten sehr bedeckt. Tonikum hingegen wird von Herrn Duden als Gesichts- oder Haarwasser geführt. Das lässt mich vermuten, daß Tannikum ein älteres Wort ist, das in der deutschen Sprache im Laufe der Zeit dem Tonikum weichen musste.

Wozu war nun Apotheke Lange’s Haar-Tannikum gut? Lesen wir selbst:

Reinigt die Kopfhaut und erhöht ihre Tätigkeit, wirkt stärkend auf den Haarwuchs und ist das beste Mittel gegen das Ausfallen der Haare. Mit einem Teelöffel voll davon wäscht man des Abends die Kopfhaut.

Geht Ihr Haar aus? Leiden Sie an Kopfschuppen? Wenn ja – machen Sie einen Versuch mit Apotheker Lange’s erfolgreichem Haarpflegemittel. Preis pro Flasche 1,75 Mark

Da es von diesen Etiketten relativ viele gibt, wurde das Tannikum offenbar in einer größeren Menge zusammengerührt.

Wie der Zufall es will, habe ich im geheimnisvollen Buch mit den Zusammensetzungen der entwickelten Tinkturen, Wässerchen, Salben und Pulver

auch das Rezept des Haar-Tannikums gefunden.

Leider kann ich die Schrift meines Uropas eher schlecht lesen. Es reicht nur für:

  • 1000 Teile Spiritus
  • 4000 Teile Aqua
  • Darin auflösen
  • 8 Teile Chinin …..
  • 40 Teile irgendwas Carboniges
  • füge hinzu
  • 140 Teile Tinct …..
  • 200 Teile Glycerin
  • 20 oder 90 Teile geheimnisvolles Sonstwas
  • noch etwas in der Verdünnung 1:20 und davon 40 Teile
  • Eau de Cologne
  •  zum Schluß etwas, das hoffentlich nicht Morphium ist, aber ähnlich aussieht.

Fertig ist eine wahrscheinlich einigermaßen gut riechende Flüssigkeit, dank der die Haare wie verrückt gewachsen sind und geglänzt haben, daß es nur so seine Art hatte.

Der Begriff Tonikum führt meine Gedanken zum Tonic, einem kohlensäurehaltigen (karbonisierten) Getränk mit Chinin als Hauptwirkstoff. Ich werde im Selbstversuch testen, ob bei übermäßigem Genuss von Tonic Water Haare auf meiner Zunge wachsen.

Zu guter Letzt: das bekannteste Tonic-Water hierzulande stammt wahrscheinlich aus dem Hause Schweppes. Dazu hatte ich euch ja hier schon einmal interessante Dinge verraten.

Mehr Artikel über Haare gibt es hier.

 

Präcisions-Gärungs-Saccharometer


Heute stelle ich euch ein Hilfsmittel vor, das bereits 1885 von Max Einhorn erfunden wurde. Über einhundert Jahre früher – 1776 – entdeckte der Liverpooler Arzt Matthew Dobson eine Methode, im Blut und Urin von Diabetikern den Zuckerspiegel festzustellen. Ihm gelang weiterhin, Zucker aus den Flüssigkeiten zu gewinnen, diesen als diagnostische Methode zu vergären und nachzuweisen, daß Zucker aus dem Blut in den Urin gelangt. Schließlich wies er nach, daß auch gesunde Menschen Zucker im Blut haben.

Max Einhorn konstruierte ein sogenanntes Gärungs-Saccharometer um den Zuckergehalt des Urins zu bestimmen. Dieses Meßgerät wurde in der Folgezeit weiterentwickelt und verbessert, allerdings ist es das Original, das bis heute Verwendung findet.

Ich stelle euch eine verbesserte Version nach Dr. Th. Lohnstein vor.

 

„Jeder Apparat wird unter persönlicher Kontrolle des Erfinders und des Apothekers Noffke hergestellt.“

Das Innere der Schachtel sieht noch genauso aus, wie damals: Pergaminpapier-Wolle als Polster, eine Beschreibung und alle Einzelteile. Zusätzlich ist noch ein Albuminimeter enthalten. Es befindet sich in dem Holzröhrchen.

 

Der Aufbau ist nicht schwierig. Am Gärungsröhrchen sieht man, daß es wohl häufig benutzt wurde.

 

Die Vorbesitzer waren zwar Apotheker und Drogist, stellten allerdings auch Wein her. Daher vermute ich, daß das Gerät eher zum Testen des Zuckergehalts im Wein verwendet wurde. Oder eben für Urin. Hoffentlich nur für eins von beiden.

Hier die Beschreibung für das Albuminimeter. Ich habe es oben mal auf der rechten Seite für euch aufgestellt.

 

So sieht es im Detail aus:

 

Die R- und U-Markierungen

 

Der untere Teil der Skala

 

Ich datiere das Saccharometer auf die 1910-er/1920-er Jahre. In den 1930-ern gab es eine Ausführung mit Metallskala.

Andere Hilfsmittel zur Bestimmung der Güte von Wein und anderen Flüssigkeiten hatte ich euch im Artikel über die Aräometer schon einmal vorgestellt.

Do not Trust anyone – Tabakkartelle in Deutschland


Um die Jahrhundertwende konnte in Deutschland eine Wende auf dem Tabakmarkt beobachtet werden. Rauchte bis dahin der gestandene Mann auf Straßen und Plätzen oder daheim seine dicke Zigarre, was bei Frauen hingegen als unschicklich galt, tauchten plötzlich fliegende Händler auf, die ihre in Heimarbeit gefertigten Zigaretten feilboten.

Und plötzlich sprangen auch die Damen auf den qualmenden Zug auf. Zigaretten ließen sich schneller und leichter rauchen, als Zigarren. Die Tabakmischung war bekömmlicher und oft mit verschiedensten Aromen angereichert. Zwei um 1900 aufkommende Eigenarten des jungen Menschen fanden zueinander: der Sport und das Rauchen. Heute eher undenkbar, wurde damals eine fröhliche Partie Lawn-Tennis mit einer Zigarette danach beendet. Der Mann (und die Frau) von Welt zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit einer leichten Zigarette.

Noch 1924 schrieb der österreichische Gynäkologe Robert Hofstätter in seinem Buch „Die rauchende Frau“: Die Ursache des weiblichen Rauchens ist „gedankenlose Nachäfferei (…). Die glückliche und zufriedene Frau raucht nie, oder wenigstens nie stark (…). Er schreibt weiter, daß die rauchende Frau „mit ihrer Geschlechterrolle unzufrieden“ sei. Während er im Rauchverhalten des Mannes „den Charakter des Automatischen“ sehe, glaubte er im weiblichen Posieren beim Rauchen eine „Art Zwangshandlung“ zu erkennen, „die eine körperliche und geistige Beschäftigung vortäuscht, um nur ja keine ‚freie Zeit‘ zu haben (…) Diese Frauen füllen ihren Tag aus Mangel an wirklicher Arbeit mit tausend ‚unbedingt notwendigen‘ Nichtigkeiten und in den Pausen zwischen Nichts und Nichts ‚muß‘ sie rauchen.  (Quelle)

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg gab es allein in Deutschland ca. 8000 verschiedene Zigarettensorten. Die oben erwähnten, in Heimarbeit gefertigten und einzeln erhältlichen namenlosen Zigaretten wurden mehr und mehr von industriell hergestellten Erzeugnissen verdrängt. Der Markt war hart umkämpft und von einigen, wenigen großen Marken beherrscht. Am berühmtesten waren hier Garbáty, Josetti und Manoli (alle drei aus Berlin), Jasmatzi und Yenidze (beide aus Dresden) und Batschari aus Baden-Baden. Hinter diesen Namen verbargen sich Zigarettensorten mit teilweise orientalisch klingenden Namen (Orient, NIL-Zigaretten, Salem Aleikum, Kadi, Murad) oder sie spiegelten den Glanz der schönen, neuen Welt wider (Dandy, Gibson Girl, Queen Mary, Duke of Edinbourgh, JUNO, Ernte 23).

 

Um die Kunden für sich zu gewinnen, war einiger Aufwand vonnöten. Eine schnöde Papierschachtel, mit der die Tabakproduzenten den heutigen Raucher zufriedenstellen, konnte damals nichts erreichen. Blechdosen waren das Mindeste. Oft hatten die Zigaretten selbst noch Goldränder am Mundstück (hier Gold-M.) oder Filter mit Aromen.

Garbáty war eine große Firma mit Sitz in Berlin-Pankow und stellte neben dem „Herzog von Edinburg“ (wie die Marke für den Kunden hieß, der des Englischen nicht mächtig war) auch die „Königin von Saba“ (später nur noch Saba), ALVA, Effekt und Passion her. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen aus Pankow die russischen Papirossi und später solche DDR-Berühmtheiten wie KARO, Cabinet und CLUB.

 

Zurück zu der Zeit nach 1900. Der starke Konkurrenzkampf forderte die Anschaffung immer besserer Maschinen zum Schneiden des Tabaks und Drehen der Zigaretten. Um schnell an das benötigte Kapital zu gelangen, wurden Geldgeber gesucht und in anglo-amerikanischen Banken und Firmen gefunden. Das Resultat war, daß Firmen, die ausländisches Geld erhielten, die sprudelnden Gewinne zu einem großen Teil ins Ausland abführen mussten. Sie waren Teil eines Trusts und somit von der Führung im Ausland abhängig. Mehr und mehr der kleinen, nationalen Marken wurden verdrängt und als Reaktion darauf bildeten sich Interessenverbände, die die Trustfreiheit forderten.

Der beginnende Erste Weltkrieg öffnete einen neuen Markt für Zigarettenhersteller. Millionen deutscher Soldaten mussten im Felde bei Laune gehalten werden. Das ging hervorragend mit einer guten Zigarette. Da das deutsche Kaiserhaus bei der Vergabe der überaus lukrativen Aufträge darauf achtete, nur trustfreie Firmen zu berücksichtigen, galt es, schnell Flagge zu zeigen. Über Nacht wurden aus englisch klingenden Marken deutsche Zigaretten.

Zuerst schnell mit Papieraufklebern überklebt, wurde das neue Design dem alten angepasst. Aus Manoli Dandy (Bilder aus der Objektdatenbank des DHM)

wurde Dalli  

Aus Gibson Girl 

wurde Wimpel 

 

Ich habe euch den Duke of Edinbourgh herausgesucht, weil ich beide Dosen besitze. Ähnlich wie beim Manoli Wimpel wurde auch hier sprichwörtlich „Flagge gezeigt“, denn aus dem

wurde nichts geringeres, als

 

Der Aufkleber ist übrigens Teil des Aufdrucks auf die Blechdose. Später gab es noch diese Ausgabe:

 (DHM)

 

Im Inneren wird die Trustfreiheit noch einmal ausdrücklich betont.

vorher: 

 

jetzt:

Wer auf das Foto klickt, erkennt das Siegel der Antitrust-Wehr – einem Zusammenschluss trustfrei produzierender Betriebe.

 

Garbáty – Berlin-Pankow

 

 

Verpackungswahn


Wir kaufen heute kaum noch etwas, das nicht mit viel Aufwand und Material verpackt wurde. Ein klitzekleines Etwas ist mit Folie umwickelt, in ein großes Stück transparenten Plastiks eingepasst, das wiederum in einem Pappkarton mit vielfarbigem Aufdruck geschoben wurde. Mitunter erscheint einem die Verpackung mit viel mehr Liebe hergestellt worden zu sein, als das eigentliche Produkt.

Und sobald die Kartonage einen Riss hat oder der Deckel nicht mehr komplett verschlossen ist, kaufen wir das Produkt nicht.

Durch unseren Wahn, alles formschön präsentiert zu bekommen, übersehen wir zum einen den enormen Berg Verpackungsmüll, den jeder von uns Tag für Tag aufschichtet. Auf der anderen Seite beweisen wir, daß wir nicht so sehr auf das Produkt achten, das wir kaufen möchten, sondern den Strategien der Werbung verfallen sind: ein großer Karton vermittelt den Eindruck, mehr zu bekommen als ein kleiner; grüne Farbe suggeriert Gesundheit, hellblau Beschwingtheit, dicke Schrift gibt uns Sicherheit, geschwungene wiederum vermittelt mehr Beweglichkeit, die wir alle gern hätten. Also kaufen wir die aufgeblasene Tüte fettiger Kartoffelchips, weil sie grün bedruckt ist, eine feinlinige Aufschrift hat und eine schlanke, anmutige Frau zeigt, die in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie einen Kartoffelchip im Magen belassen hat. Und fett werden wir seltsamerweise trotzdem.

Bis noch vor 80 Jahren ging man in den Laden um etwas zu kaufen, nannte das Produkt, der Verkäufer stellte den Kunden vor die Wahl zwischen zwei oder drei Marken und das war’s. Ab der 1930-er Jahre wurde die Produktion Schritt für Schritt auf den Endverbraucher zugeschnitten und die Vor-Ort-Abfüllung verschwand mehr und mehr.

 

Mein Urgroßvater hatte in seiner Drogerie eine große Holzkiste. Mit Wachspapier ausgeschlagen enthielt sie Seifenpulver. Nicht so, wie wir es heute kennen, feinkörniges Pulver, sondern vergleichbar mit dem Aussehen von Pizzakäse. Die reinliche Hausfrau fragte nach einem oder mehreren Pfund dieses Schnitzel-Seifenpulvers (das natürlich nicht aus oder für Schnitzel hergestellt war; Schnitzel = Schnipsel) und mein Uropa schaufelte das Pulver aus der großen Kiste in die Tüten. Ein kleines bißchen mehr in die Tüte gegeben, als das aufgedruckte Pfund, hatte am Ende den Effekt, daß die Kundin sicher wahr, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Und somit kam sie wieder.

Das funktionierte übrigens nicht nur bei Seifenpulver. Auch andere Produkte wurden aus großen Behältern in kleine Tüten, Dosen oder Kannen geschaufelt und geschüttet.

Da gab es universelle Tüten, die ihren Inhalt handschriftlich auf der Vorderseite eingetragen bekamen oder das selbst zusammengemischte Ameisen-Pulver der GErmaniadrogerie LAnge.

 

Die Rückseite der Tüten konnte prima für Werbung oder Hinweise verwendet werden.

 

Zwei Teetüten aus zwei Generationen, links aus den 1970er Jahren, rechts eine Tüte aus der Zeit um 1920:

 

Der Preis-Aufdruck rechts „Preis ____ Mk.“ lässt mich die Tüte auf die frühe Zeit der einsetzenden Inflation datieren. Vor Ende des Ersten Weltkrieges kostete eine kleine Tüte Kräutertee nicht viel mehr als eine Mark. Älter als von 1901 kann die Tüte übrigens auch nicht sein. Wir erinnern uns an frühere Artikel – da hieß der Tee noch Thee.

 

Ich habe zwar nicht die passende Teedose zur Tüte, möchte euch aber trotzdem eine meiner Teedosen zeigen, aus denen der Tee in kleine und große Tüten und Döschen umgefüllt wurde.Böhringer Ceylon-Tee Dose klein

 

Zur Firma Ch. & A. Böhringer kommt später noch ein separater Artikel, darin darf dann auch meine andere Teedose mitspielen.

Hier die Tüte für den kleinen Tee-Kauf.

 

Wer sich mal über die Aufschrift an alten Geschäften oder Werbeanzeigen gewundert hat: „en gros & en detail“ bedeutete im Handel, daß man in diesem Laden sowohl kleine Mengen als auch große Stückzahlen bekam. Das ursprüngliche Gros stand für ein Dutzend mal ein Dutzend, also 12 x 12 = 144 Stück. Wer also statt einem kleinen Tütchen Tee oder Seifenpulver eine ganze Kiste wollte, bekam sie hier. Der Preis war dann natürlich günstiger, allerdings wurde ein Aufschlag für die Verpackung berechnet. Ein bis fünf Mark war für eine Blechdose oder Holzkiste zu zahlen.

 

en gros

 

en detail

 

 

Opel-Zwieback


Heute gibt es schon wieder einen Beitrag zu einem Produkt, das mich anfangs in die Irre geleitet hat. Diese schöne Gewichts- und Ernährungstabelle ist ein Werbegeschenk der Leipziger Zwiebackfabrik H. O. Opel.

Entgegen meiner ersten Vermutung, ist Herr H.O. (wahrscheinlich Hans- oder Heinrich-Otto) nicht mit den Rüsselsheimer Autobauern verwandt. Die Fabrik zur Herstellung von Zwieback, der manchmal Kinderkalk-Zwieback, oder Kindermehl-Zwieback betitelt wurde, bestand seit 1878 in Leipzig. Neben Zwieback wurden weiterhin das besagte Kindermehl (das hoffentlich nur für und nicht aus Kindern gewonnen wurde) und Kekse hergestellt. Ob es die Kekse bereits 1878 gab und ob sie damals ebenso wie die hier beschriebenen Bahlsen-Kekse auch noch Cakes hießen, konnte ich nicht herausfinden.

Wozu Opel-Zwieback verwendet werden konnte, sehen wir, wenn wir die Gewichtstabelle auseinander falten. Ein Klick auf’s Bild lohnt sich.

Opel’s Kalk-Kindermehl für den ersten Schleimzusatz zur Flasche und Opel Zwieback als erste breiige Beikost. Das klingt aber lecker!

Auf der rechten Seite gibt es Hinweise zum „regelmäßigen Wägen und Vermerken des Gewichtes“ und den Hinweis „Frage die Fürsorge oder den Arzt nach der Nahrungszusammensetzung“.

Wusstet ihr, daß ein Kind im ersten Lebensvierteljahr wöchentlich 180-200g zunehmen sollte, später 150g und gegen Ende des ersten Lebensjahres 100g wöchentlich? Nach einem halben Jahr sollte es das Doppelte des Geburtsgewichtes und zum 1. Geburtstag das Dreifache wiegen.

Damit man den Überblick nicht verliert, befindet sich auf der Innenseite die eigentliche Tabelle:

Was man da nicht alles eintragen konnte. Rechts gibt es die Ideallinie für das gedeihende Kind und 52 Spalten – eine für jede Woche.

Eingetragen wurde hier nichts. Die Beispielzeile gibt als Datum 1935 an. Das erleichtert die Datierung ungemein.

Dieses äußerst nützliche Prospekt für die junge Mutter ist das letzte verbliebene Exemplar, das in unserer Drogerie seinerzeit den Kundinnen überreicht wurde.

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