ein einzelnes Foto


In Zeiten, in denen die meisten angefertigten Fotografien Teil einer nutz-, inhalts- und wertlosen Massenware geworden sind, wollte ich euch anhand eines einzelnen Fotos meiner Oma aus dem Jahr 1915 zeigen, wie sorgfältig damals auf das Äußere, hübsche Kleidung, ordentliches Haar nebst Schleife, und das Ambiente in Form des Lieblingskuscheltieres auf einem Stuhl geachtet wurde. Wie schon früher erwähnt (siehe hier), war die Auslösezeit länger, so daß man sich nicht bewegen durfte, während das Objektiv geöffnet war. Daher auch fast immer so ernste Gesichter.

 

Heute fotografiert man lieber sein Essen bzw. fertigt Schnappschüsse an, also spontane Fotos ohne Arrangement und ohne künstlerischen Wert. Meine Theorie ist, daß man von Verwandten von früher nur wenige Fotos vorweisen kann, weil es so wenige gab, von uns später allerdings auch nicht mehr Fotos zeigen kann, weil sie sich in der Masse an Müllfotos nicht mehr wiederfinden lassen.

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Verpackungswahn


Wir kaufen heute kaum noch etwas, das nicht mit viel Aufwand und Material verpackt wurde. Ein klitzekleines Etwas ist mit Folie umwickelt, in ein großes Stück transparenten Plastiks eingepasst, das wiederum in einem Pappkarton mit vielfarbigem Aufdruck geschoben wurde. Mitunter erscheint einem die Verpackung mit viel mehr Liebe hergestellt worden zu sein, als das eigentliche Produkt.

Und sobald die Kartonage einen Riss hat oder der Deckel nicht mehr komplett verschlossen ist, kaufen wir das Produkt nicht.

Durch unseren Wahn, alles formschön präsentiert zu bekommen, übersehen wir zum einen den enormen Berg Verpackungsmüll, den jeder von uns Tag für Tag aufschichtet. Auf der anderen Seite beweisen wir, daß wir nicht so sehr auf das Produkt achten, das wir kaufen möchten, sondern den Strategien der Werbung verfallen sind: ein großer Karton vermittelt den Eindruck, mehr zu bekommen als ein kleiner; grüne Farbe suggeriert Gesundheit, hellblau Beschwingtheit, dicke Schrift gibt uns Sicherheit, geschwungene wiederum vermittelt mehr Beweglichkeit, die wir alle gern hätten. Also kaufen wir die aufgeblasene Tüte fettiger Kartoffelchips, weil sie grün bedruckt ist, eine feinlinige Aufschrift hat und eine schlanke, anmutige Frau zeigt, die in ihrem Leben wahrscheinlich noch nie einen Kartoffelchip im Magen belassen hat. Und fett werden wir seltsamerweise trotzdem.

Bis noch vor 80 Jahren ging man in den Laden um etwas zu kaufen, nannte das Produkt, der Verkäufer stellte den Kunden vor die Wahl zwischen zwei oder drei Marken und das war’s. Ab der 1930-er Jahre wurde die Produktion Schritt für Schritt auf den Endverbraucher zugeschnitten und die Vor-Ort-Abfüllung verschwand mehr und mehr.

 

Mein Urgroßvater hatte in seiner Drogerie eine große Holzkiste. Mit Wachspapier ausgeschlagen enthielt sie Seifenpulver. Nicht so, wie wir es heute kennen, feinkörniges Pulver, sondern vergleichbar mit dem Aussehen von Pizzakäse. Die reinliche Hausfrau fragte nach einem oder mehreren Pfund dieses Schnitzel-Seifenpulvers (das natürlich nicht aus oder für Schnitzel hergestellt war; Schnitzel = Schnipsel) und mein Uropa schaufelte das Pulver aus der großen Kiste in die Tüten. Ein kleines bißchen mehr in die Tüte gegeben, als das aufgedruckte Pfund, hatte am Ende den Effekt, daß die Kundin sicher wahr, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Und somit kam sie wieder.

Das funktionierte übrigens nicht nur bei Seifenpulver. Auch andere Produkte wurden aus großen Behältern in kleine Tüten, Dosen oder Kannen geschaufelt und geschüttet.

Da gab es universelle Tüten, die ihren Inhalt handschriftlich auf der Vorderseite eingetragen bekamen oder das selbst zusammengemischte Ameisen-Pulver der GErmaniadrogerie LAnge.

 

Die Rückseite der Tüten konnte prima für Werbung oder Hinweise verwendet werden.

 

Zwei Teetüten aus zwei Generationen, links aus den 1970er Jahren, rechts eine Tüte aus der Zeit um 1920:

 

Der Preis-Aufdruck rechts „Preis ____ Mk.“ lässt mich die Tüte auf die frühe Zeit der einsetzenden Inflation datieren. Vor Ende des Ersten Weltkrieges kostete eine kleine Tüte Kräutertee nicht viel mehr als eine Mark. Älter als von 1901 kann die Tüte übrigens auch nicht sein. Wir erinnern uns an frühere Artikel – da hieß der Tee noch Thee.

 

Ich habe zwar nicht die passende Teedose zur Tüte, möchte euch aber trotzdem eine meiner Teedosen zeigen, aus denen der Tee in kleine und große Tüten und Döschen umgefüllt wurde.Böhringer Ceylon-Tee Dose klein

 

Zur Firma Ch. & A. Böhringer kommt später noch ein separater Artikel, darin darf dann auch meine andere Teedose mitspielen.

Hier die Tüte für den kleinen Tee-Kauf.

 

Wer sich mal über die Aufschrift an alten Geschäften oder Werbeanzeigen gewundert hat: „en gros & en detail“ bedeutete im Handel, daß man in diesem Laden sowohl kleine Mengen als auch große Stückzahlen bekam. Das ursprüngliche Gros stand für ein Dutzend mal ein Dutzend, also 12 x 12 = 144 Stück. Wer also statt einem kleinen Tütchen Tee oder Seifenpulver eine ganze Kiste wollte, bekam sie hier. Der Preis war dann natürlich günstiger, allerdings wurde ein Aufschlag für die Verpackung berechnet. Ein bis fünf Mark war für eine Blechdose oder Holzkiste zu zahlen.

 

en gros

 

en detail

 

 

Geschäftspost aus Ungarn – Paprika und Einwickelpapier


Wenn ich als Kind die Postkarten meines Uropas durchgeblättert habe, fand ich das ungarische Wort LEVELEZÖ-LAP für Postkarte sehr lustig. Ob ich oder einer meiner Vorgänger die Briefmarken abgelöst haben, weiß ich nicht mehr. Falls ich es war, müssten sie noch in irgendeinem Album stecken. Dann kann ich sie ja wieder draufkleben.

Heute möchte ich euch vier Postkarten vorstellen, die mein Uropa im Jahr 1909 erhalten hat. Ein Jahr also, bevor er zum erstenmal Vater wurde – dem Ereignis, das er und seine Gemahlin für die Nachwelt hier so schön aufgezeichnet haben.

Die ersten beiden Karten kamen von der Paprikamühle von János Kotányi aus Budapest, wurden allerdings von Wien aus gesendet. Wie damals noch üblich, reichte es seinerzeit den Namen und die Stadt, gegebenfalls den Zusatz „Drogerie“ als Anschrift anzugeben. Der Wohnort wurde nachträglich, wahrscheinlich auf der Erfurter Post hinzugefügt. Schon damals war unsere Familie offensichtlich stadtbekannt.

 

 

Der Grund der Karten war eine Besuchs-Ankündigung. Ich erlaube mir Ihnen höfl(ichst) mitzuteilen, daß mein Herr Vámos sich in den nächsten Tagen das Vergnügen machen wird, Sie zu besuchen und bitte ich Sie ihm Ihre gesch(ätzten) Ordres reservieren zu wollen.

 

Ob der Vertreter Erfolg hatte, kann ich nicht sagen. Mir sind keine Unterlagen bekannt aus denen die Bezugsquelle des Paprikapulvers unserer Drogerie hervorgeht.

 

Genaueres hingegen kann man auf den beiden anderen Karten ersehen. Die Firma von Andreas Saxlehner in Budapest hat meinem Uropa zwei Postkarten aus der schönen Donau-Metropole gesendet um ihm mitzuteilen, daß seine Aufträge eingegangen sind. Das war im Juli 1909. Diese beiden Levelezö-Laps der Königlich Ungarischen Post (Magyar Királyi Posta) bekam man zum Preis von 5 Filler, dem ungarischen Wort für Heller, der übrigens nach der Stadt Hall am Kocher (heute heißt es Schwäbisch Hall) benannt war und den Wert eines halben Pfennigs besaß.

 

 

Und was hat mein Uropa in Ungarn gekauft, bekam es aber letztlich aus der Filiale in Berlin-Südende geliefert?

15 Notizblöcke, 100 Broschuren (also Schreibhefte), keine Reklameflaschen (schade) und keine Blechplakate (noch viel schader) aber insgesamt 4 Packet Wickelpapier – 2400 Blatt. Das Geschäft schien entweder zu florieren oder man packte die wenigen Verkäufe unverhältnismäßig dick ein. Ich vermute ersteres.

 

 

Die Filialen in Wien, Szeged oder in beiden Fällen: Berlin der beiden heute vorgestellten Budapester Postkarten-Absender zeigen, wie groß das damalige Vertriebsgebiet war. Das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, wahrscheinlich selbst Südskandinavien, Holland und Belgien, die Gebiete des heutigen Süd- und Westpolen und die westliche Tschechoslowakei waren vor dem ersten Weltkrieg florierende Länder, die regen Handelsverkehr betrieben. Dieses Gefüge ist dann bedauerlicherweise durch zwei Kriege und einen Sowjetbund etwas verschlissen worden. Heute basteln wir an unserer EU und auch wenn speziell die reichen Länder (wir) nicht müde werden zu jammern, was wir doch alles für Länder aufnehmen, glaube ich, in absehbarer Zukunft wird die EU sich zu einem ähnlichen Konstrukt wie die USA vereinigen. Vielleicht mit etwas mehr Kultur und eigenen Sprachen, aber wirtschaftlich machtvoll.

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