Do not Trust anyone – Tabakkartelle in Deutschland


Um die Jahrhundertwende konnte in Deutschland eine Wende auf dem Tabakmarkt beobachtet werden. Rauchte bis dahin der gestandene Mann auf Straßen und Plätzen oder daheim seine dicke Zigarre, was bei Frauen hingegen als unschicklich galt, tauchten plötzlich fliegende Händler auf, die ihre in Heimarbeit gefertigten Zigaretten feilboten.

Und plötzlich sprangen auch die Damen auf den qualmenden Zug auf. Zigaretten ließen sich schneller und leichter rauchen, als Zigarren. Die Tabakmischung war bekömmlicher und oft mit verschiedensten Aromen angereichert. Zwei um 1900 aufkommende Eigenarten des jungen Menschen fanden zueinander: der Sport und das Rauchen. Heute eher undenkbar, wurde damals eine fröhliche Partie Lawn-Tennis mit einer Zigarette danach beendet. Der Mann (und die Frau) von Welt zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit einer leichten Zigarette.

Noch 1924 schrieb der österreichische Gynäkologe Robert Hofstätter in seinem Buch „Die rauchende Frau“: Die Ursache des weiblichen Rauchens ist „gedankenlose Nachäfferei (…). Die glückliche und zufriedene Frau raucht nie, oder wenigstens nie stark (…). Er schreibt weiter, daß die rauchende Frau „mit ihrer Geschlechterrolle unzufrieden“ sei. Während er im Rauchverhalten des Mannes „den Charakter des Automatischen“ sehe, glaubte er im weiblichen Posieren beim Rauchen eine „Art Zwangshandlung“ zu erkennen, „die eine körperliche und geistige Beschäftigung vortäuscht, um nur ja keine ‚freie Zeit‘ zu haben (…) Diese Frauen füllen ihren Tag aus Mangel an wirklicher Arbeit mit tausend ‚unbedingt notwendigen‘ Nichtigkeiten und in den Pausen zwischen Nichts und Nichts ‚muß‘ sie rauchen.  (Quelle)

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg gab es allein in Deutschland ca. 8000 verschiedene Zigarettensorten. Die oben erwähnten, in Heimarbeit gefertigten und einzeln erhältlichen namenlosen Zigaretten wurden mehr und mehr von industriell hergestellten Erzeugnissen verdrängt. Der Markt war hart umkämpft und von einigen, wenigen großen Marken beherrscht. Am berühmtesten waren hier Garbáty, Josetti und Manoli (alle drei aus Berlin), Jasmatzi und Yenidze (beide aus Dresden) und Batschari aus Baden-Baden. Hinter diesen Namen verbargen sich Zigarettensorten mit teilweise orientalisch klingenden Namen (Orient, NIL-Zigaretten, Salem Aleikum, Kadi, Murad) oder sie spiegelten den Glanz der schönen, neuen Welt wider (Dandy, Gibson Girl, Queen Mary, Duke of Edinbourgh, JUNO, Ernte 23).

 

Um die Kunden für sich zu gewinnen, war einiger Aufwand vonnöten. Eine schnöde Papierschachtel, mit der die Tabakproduzenten den heutigen Raucher zufriedenstellen, konnte damals nichts erreichen. Blechdosen waren das Mindeste. Oft hatten die Zigaretten selbst noch Goldränder am Mundstück (hier Gold-M.) oder Filter mit Aromen.

Garbáty war eine große Firma mit Sitz in Berlin-Pankow und stellte neben dem „Herzog von Edinburg“ (wie die Marke für den Kunden hieß, der des Englischen nicht mächtig war) auch die „Königin von Saba“ (später nur noch Saba), ALVA, Effekt und Passion her. Nach dem zweiten Weltkrieg kamen aus Pankow die russischen Papirossi und später solche DDR-Berühmtheiten wie KARO, Cabinet und CLUB.

 

Zurück zu der Zeit nach 1900. Der starke Konkurrenzkampf forderte die Anschaffung immer besserer Maschinen zum Schneiden des Tabaks und Drehen der Zigaretten. Um schnell an das benötigte Kapital zu gelangen, wurden Geldgeber gesucht und in anglo-amerikanischen Banken und Firmen gefunden. Das Resultat war, daß Firmen, die ausländisches Geld erhielten, die sprudelnden Gewinne zu einem großen Teil ins Ausland abführen mussten. Sie waren Teil eines Trusts und somit von der Führung im Ausland abhängig. Mehr und mehr der kleinen, nationalen Marken wurden verdrängt und als Reaktion darauf bildeten sich Interessenverbände, die die Trustfreiheit forderten.

Der beginnende Erste Weltkrieg öffnete einen neuen Markt für Zigarettenhersteller. Millionen deutscher Soldaten mussten im Felde bei Laune gehalten werden. Das ging hervorragend mit einer guten Zigarette. Da das deutsche Kaiserhaus bei der Vergabe der überaus lukrativen Aufträge darauf achtete, nur trustfreie Firmen zu berücksichtigen, galt es, schnell Flagge zu zeigen. Über Nacht wurden aus englisch klingenden Marken deutsche Zigaretten.

Zuerst schnell mit Papieraufklebern überklebt, wurde das neue Design dem alten angepasst. Aus Manoli Dandy (Bilder aus der Objektdatenbank des DHM)

wurde Dalli  

Aus Gibson Girl 

wurde Wimpel 

 

Ich habe euch den Duke of Edinbourgh herausgesucht, weil ich beide Dosen besitze. Ähnlich wie beim Manoli Wimpel wurde auch hier sprichwörtlich „Flagge gezeigt“, denn aus dem

wurde nichts geringeres, als

 

Der Aufkleber ist übrigens Teil des Aufdrucks auf die Blechdose. Später gab es noch diese Ausgabe:

 (DHM)

 

Im Inneren wird die Trustfreiheit noch einmal ausdrücklich betont.

vorher: 

 

jetzt:

Wer auf das Foto klickt, erkennt das Siegel der Antitrust-Wehr – einem Zusammenschluss trustfrei produzierender Betriebe.

 

Garbáty – Berlin-Pankow

 

 

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Werbung vor 50 Jahren – DER SPIEGEL, April 1964


Vor ein paar Wochen habe ich euch einen Artikel aus dem SPIEGEL vom 29. April 1964 über eine besonders perfide Idee der Nazis vorgestellt.

Beim Durchblättern dieser Zeitschrift ist mir aufgefallen, wie viel Tabakwerbung es damals in den Zeitschriften noch gab. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber zu Beginn irgendeines Jahres wurde die Tabakwerbung im Fernsehen verboten und später auch in Printmedien stark eingeschränkt.

Um euch einen kleinen Überblick über den Inhalt der durchschnittlichen Zeitschrift der mittleren 1960-er Jahre zu verschaffen, habe ich euch den Spiegel zerpflückt und nur die Werbung rausgesucht.

 

Für mich als Werbe-Futzi ist gedruckte Werbung eine tolle Sache. Womit man vor einem halben Jahrhundert die Menschen begeistern konnte, kann man heute niemanden mehr hinter’m Ofen hervorlocken.

Die Welt wählt WINSTON weil sie so gut schmeckt. 10 Pfennig pro Zigarette

 

Kennt jemand noch dieses Ding? Ich glaube in den 70-er Jahren stand das unter jedem Telefon:

Hansa-Phonette – das Telefon-Register

 

Rechnen mit Komfort

 

V-8 Saft gibt es heute noch – allerdings nur im englischsprachigen Ausland

V-8

Lebensversicherungen:

Eine denkbar unmoderne Werbung hat 3M, der Hersteller von PostIt-Notes und Scotch Brite abgeliefert.

Das Neueste auf dem Tonträgermarkt. Was haben wir damals nicht alles auf Tonbänder aufgenommen? Man konnte damit prima aus dem Radio mitschneiden, langsam vor- und zurückdrehen um auch die kleinste hundertstel Sekunde Zwischengequatsche herauszuschneiden. Und ganz ehrlich: Wer hätte gedacht, daß die ganze Band-Aufnehmerei so schnell komplett verschwunden sein wird?

Und wieder eine Tabakmarke, die es heute nicht mehr gibt, die es damals den Heeren aber offensichtlich zu einem angenehmen Dreier verhalf.

 

Könnt ihr euch noch an Sprengel-Schokolade erinnern? Ich glaube, die habe ich als Kind von allen Sorten am meisten gemocht. Heute wird sie in Billigproduktion von Stollwerck’s Billig-Ableger Chocolat Alprose für Aldi Nord hergestellt.

 

Das Neueste aus der Autowelt

 

Tabakwerbung mit Kindern – heute eher undenkbar.

 

Schon sind wir die Schuppen los. Dank einer Zigarette? Oder, weil sie nicht mehr herabrieseln können, wenn ich mir ein Handtuch um den Kopf binde? Ein klarer Fall von verfehlter Werbung.

Da hat sich Schwarzkopf nicht mit Ruhm bekleckert

 

Noch mehr Schwarzkopf: fit Frisiercreme. Dieselben Fotos könnte man in umgekehrter Reihenfolge auch heute noch für Haargel benutzen.

 

Was sagt uns die Marke über die Monarchin?

 

Und schon wieder Zigaretten:

Bremen aus der Martin Brinkmann AG – später zu Rothmans, dann zu BAT gehörend

 

Und noch eine

Gibt es die noch? Von früher kenne ich sie noch.

 

Er weiß, warum er Pfeife raucht.

Er weiß, warum er Lincoln raucht.

Wissen wir es auch?

 

Und auf der Rückseite der Zeitschrift schließlich, wer hätte das gedacht, Zigarettenwerbung:

Möchte der Name Waldorf-Astoria heute noch mit Zigaretten in Verbindung gebracht werden? Auch hier 20 Zigaretten – DM 2,-

 

Kann sich noch jemand erinnern, wie die Tabakindustrie geklagt hat, daß es aufgrund des Werbeverbots bergab mit ihnen gehen wird? Man sollte jedoch nicht vergessen, daß der größte Verdiener am Tabakkonsum noch immer der Staat ist. Nach der Mineralölsteuer (die nun dem modernen Neusprech angepasst, Energiesteuer genannt wird) ist sie die einträglichste Steuer Deutschlands. Von einer 5 Euro teuren Schachtel Zigaretten gehen 3,75 Euro an den Staat, also 75%. Über andere kuriose Steuern, über die der Staat den Bürgern ihr Geld aus der Tasche zieht, habe ich euch hier schon berichtet.

Und Wikipedia hat noch eine kluge Information: 1906 wurde eine Milliarde Zigaretten in Deutschland versteuert, 2006, also 100 Jahre später waren es zehnmal so viele. Ich finde die Zahl überraschend niedrig im Vergleich zu damals, wenn ich davon ausgehe, daß seinerzeit der Anteil an Zigaretten relativ klein war. Es wurde Pfeife und Zigarre geraucht oder Tabak geschnupft. Zigaretten waren die Ausnahme bei Damen und Dandys. Heute sind Pfeifenraucher, Zigarrenliebhaber und Tabakschnupfer doch eher die Zaungäste in der Welt des kalten Rauches.

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